Wer ist gegen das Festival in Akko?


marshdondurma.com
Marsh Dondurma,new Israeli brass band, beim Festival in Akko, Quelle:marshdondurma.com

Von Uri Shani

Wer ist gegen das Festival in Akko?

Ein Freund sagte mir vorgestern: Diese Idioten, wenn sie sich wirklich umbringen wollen, warum warten sie nicht ein Monat, machen die alljährlichen Einnahmen vom Festival, und bringen sich dann um?
Das Akko-Fringe-Theaterfestival wurde 1980 gegründet, als noch keiner merkte, dass Sharon schon den Libanonkrieg von 1982 vorbereitet. Es schien eine verrückte Idee: Da kommen die liberalen, linken Theaterleute, zumeist aus Tel-Aviv, ans Ende der Welt, suchen sich ausgerechnet eine jüdisch-arabisch gemischte Stadt aus, und machen dieses Festival in der arabischen Altstadt??

Ja, was die Initianten visionierten (und der Traum wurde Wirklichkeit im Laufe der letzten 28 Jahre), war einerseits eine kulturelle und ökonomische Unterstützung dieser Peripherie, andererseits auch eine Ausnützung der Festhallen aus Zeiten der Kreuzritter, und in diesem Sinn (wortwörtlich) die Geschichte von Akko ausgraben.
Inzwischen ist das Festival zum wichtigsten Kulturereignis des Jahres und zur Haupteinnahme der Einwohner von Akko geworden, vor allem für die arabischen, aber auch für diejenigen, die außerhalb der Altstadtmauern, in den neuen Vierteln, wohnen, deren Muttersprache zum Teil auch russisch oder amharisch ist.
Warum sollten sich diese also den Kopf gegenseitig einschlagen und das Festival, ihre Haupteinnahme, verhindern? Wer ist gegen das Festival? Wer ist an seiner Verhinderung interessiert?
Auf die Schultern von Taufiq Dschamal hat schon heute das ganze Land die Schuld für den Ausbruch der dritten Intifada geschüttet. Taufiq ist mit seinem Auto am Jom Kippur gefahren, und seither brennt Akko.
Ein Jugendfreund von Taufiq (Larry Leibowitsch, der schon längst nicht mehr in Kiryat Wolfsohn lebt, erinnert sich an ihn. Er ist mit ihm in diesem Viertel von Akko aufgewachsen, aber inzwischen haben die meisten Juden, wie er, das Viertel verlassen. Seine Mutter lebt noch dort, und Taufiq hilft ihr manchmal im Haus.

Vor ein paar Jahren stand die örtliche Synagoge schon so leer, dass sie zu einer Moschee umfunktionieren wollte, da ja fast alle Bewohner des Viertels Mosleme sind. Aber dann kamen die Nationalreligiösen und haben die Synagoge zu einer Jeschiwa gemacht und mit ihnen ein paar Dutzend Jeschiwa-Studenten. In Wikipedia lässt sich lesen, dass das ausdrückliche Ziel der Jeschiwa die Judaisierung von Akko sei. Der Rabbiner der Jerschiwa sagte in den letzten Tagen: “Akko, das ist eine nationale Prüfung, Akko heute das ist Eretz Israel in 10 Jahren. Wir sind die Front, auf die der Staat sein muss.“ (der religiöse Piratensender “Arutz 7”)
Und auf der website der Jeschiwa lesen wir, dass Kiryat Wolfsohn ein jüdisches Villenviertel war, und jetzt ist es heruntergekommen zu einem arabischen Slam.“

Die Araber sagen: “Die Beziehungen mit den “originalen” Juden von Akko sind ausgezeichnet. Das Problem begann, als die Siedler kamen.“

(http://www.haaretz.co.il/hasite/pages/ShArtPE.jhtml?itemNo=777154&contrassID=2&subContrassID=4&sbSubContrassID=0
“Die Siedler”, so nennen die Araber, und nicht nur sie, diese Fremdlinge, die sich auch wirklich wie Siedler in den besetzten Gebieten benehmen, mit Waffen schwenken und provozieren.
Zu ersten Zusammenstössen kam es vor zwei Jahren. Schon hat die Knesset darüber gesprochen, dass diese Jeschiwot ein Problem darstellen.
Also wer ist gegen das Festival? Wer ist an seiner Verhinderung interessiert?
Viele sehen die Bilder am Fernsehen und denken an Oktober 2000. Aber im Oktober 2000 fand kein jüdisches Pogrom an den arabischen Nachbarn statt. Diesmal geschieht etwas anderes.
Schon vor Jahren habe ich davor gewarnt, dass die endgültige Säuberung des Heiligen Landes von seinen ursprünglichen EinwohnerInnen (kurz: die Endlösung) vielleicht gar nicht mehr aufzuhalten ist (http://www.geocities.com/abumidian2/deportation.htm). Damals schrieb ich vor allem über die sogenannten „Besetzten Gebiete“, aber die Zionisten haben schon lange begriffen, dass das ganze Land araberrein sein muss, damit sie Ruhe haben.

Ich möchte nur nochmals davor warnen, was ich schon damals zitiert habe: Jehuda Bauer, einer unserer wichtigsten Schoah-Experten, sagt ganz richtig:“So eine Lösung ist nicht möglich ohne Massenmord.”
Da sollte sich niemand irgendwelche Illusionen machen.
Zumindest haben diese Unruhen (hoffen wir, es ist nicht der Ausbruch der Dritten Intifada, sondern wirklich nur Unruhen) es geschafft, das Akko-Fringe-Theaterfestival abzublasen oder wenigstens zu verschieben. Und wer hat dabei was verdient?
Einer der wichtigsten Theatermenschen, der zusammen mit andern dieses so immens wichtige Fest damals initiiert hat, Prof. Shimon Levy, der auch in Deutschland ein bisschen bekannt ist, ist auch einer der wichtigsten Forscher in Israel der komplizierten und gespannten Beziehungen des Judentums zum Medium Theater. Schon seit mehr als 2000 Jahre ist das Theater dem Judentum ein Dorn im Auge. Auf „Awoda sara“ (die Anbetung von fremden Göttern) steht im Judentum die Todesstrafe. Noch nicht lange ist es her, dass das religiöse Oberhaupt der Schass-Partei (Owadia Jossef) uns Theaterschaffende alle auf den elektrischen Schul geschickt hat.

Hier nur eine ganz kleine Bibliographie zum Thema:

    Krauss, S. :  Talmudische Archäologie, Hildesheim, 1966. vol.3, pp. 117-121 (notes 290-319)
    Morgenstern, Matthias : Die „Midrash-Drama-Connection“ am Beispiel von Richard Beer-Hofmanns „Jakobs Traum“, in: Frankfurter Judaistische Beiträge 31 (2004), S. 105-122.

So haben die religiösen „Siedler“ in Akko also in einem Schlag an zwei Fronten einen Sieg erreicht: gegen die Araber und gegen das Theater. Nicht nur die Hunderten von Theaterschaffenden, die monatelang mit peinlich niedrigem Salär dieses Festival vorbereitet haben, und nicht nur die Tausenden, die während des Festivals dabei beschäftigt sein sollten, wir haben alle dabei verloren.