Primaten und Philosophen


Wie die Evolution die Moral hervorbrachte (Gebundene Ausgabe) von Frans de Waal (Autor), Stephen Macedo (Herausgeber), Josiah Ober (Herausgeber), Hartmut Schickert (Übersetzer), Karl Fritz (Übersetzer)
Wie die Evolution die Moral hervorbrachte (Gebundene Ausgabe) von Frans de Waal (Autor), Stephen Macedo (Herausgeber), Josiah Ober (Herausgeber), Hartmut Schickert (Übersetzer), Karl Fritz (Übersetzer)

Erst kommt die Moral, dann erst Happa-Happa

falter.at – Oliver Hochadel

Menschenaffen machen Politik, indem sie gezielt Bündnisse schmieden. Bonobos handeln mit Sex und schlichten damit auch Konflikte. Frans de Waal hat all dies nicht alleine herausgefunden, aber es war der niederländische Primatologe, der diese Erkenntnisse in erfolgreichen populärwissenschaftlichen Büchern einem großen Publikum bekannt machte. De Waal, der schon seit 1981 in den USA forscht, hat wesentlich zur Einsicht beigetragen, wie ähnlich uns unsere nächsten Verwandten im Tierreich tatsächlich sind. In seinem neuen Buch werden die Erkenntnisse der Verhaltensforschung nur angerissen. Er wird grundsätzlich, es geht ihm darum zu zeigen, „Wie die Evolution die Moral hervorbrachte“, so der Untertitel.
Um dies zu zeigen, nimmt sich de Waal zunächst die entgegengesetzte Theorie vor, wonach die Moral aus der menschlichen Kultur entstanden sei. Er bezeichnet diese Vorstellung als „Fassadentheorie“: Der Mensch habe quasi von Natur aus einen durch und durch bösen und egoistischen Kern, um dem sich im Laufe der Zivilisation eine dünne Schicht Moral gelegt hat. „Gut“ verhalten wir uns nie aus innerem Antrieb, sondern immer nur aus taktischen Gründen: um Ansehen zu erwerben, uns anzupassen und nicht in Konflikte zu geraten.
Moral dient demnach lediglich dem eigenen Fortkommen, ist eben bloß Fassade, der Mensch bleibt dem Menschen Wolf. Diese Theorie hat für de Waal freilich einen entscheidenden Fehler: Sie ist entwicklungsgeschichtlich nicht haltbar, eine reine Kopfgeburt westlichen Denkens von Hobbes bis Richard Dawkins („Das egoistische Gen“).

Die „Lautsprecher Darwins“ hätten die Evolutionstheorie nicht konsequent zu Ende gedacht, das heißt, diese nicht von der Entstehung der Arten auf die Moral übertragen. Gerade der Blick auf unsere haarigen Vettern aber zeige: Moral ist keineswegs eine dünne Tünche, mit der wir unser im Grunde rein egoistisches Verhalten bedecken. Empathie, Reziprozität (Hilfst du mir, helf ich dir) und Altruismus (helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten) sind aufgrund unserer evolutionären Entwicklung tief in uns verwurzelt. Wenn Affen Affen oder Menschen Menschen leiden sehen, dies haben Versuche gezeigt, ist das für beide ein enormer Stressfaktor. Schimpansen verzichten lieber auf Essen, wenn sie wissen, dass es einem Artgenossen Schmerz bereiten würde.
De Waals Argument: „Moral“ war ein Evolutionsvorteil. Mitfühlen und einander Helfen fördern den Gruppenzusammenhalt und werden so zum Selektionsvorteil. Klar, neben der Kooperation prägt immer auch Konkurrenz das Verhalten. Die Fassadentheorie dient de Waal als Kontrastfolie für das eigene Szenario – und als Feindbild, auf das er eindreschen kann. Denn dass es bei aller Hinterlist und Grausamkeit in der Geschichte auch unzählige Beispiele für Güte, Selbstlosigkeit, Fairness, Loyalität und weitere Spielarten nichtegoistischen Verhaltens gibt, ist offensichtlich. Oft mag die Motivation gemischt sein, aber moralisches Verhalten ausschließlich mit Berechnung, heimlichem Egoismus und bloßem Konformismus zu erklären, läuft schlicht aller Erfahrung zuwider.
Genau dies betonen die vier Kommentatoren, die de Waal im zweiten Teil des Buches antworten. Die Philosophen Philip Kitcher, Christine Korsgaard, Peter Singer und der Publizist Robert Wright sehen sich selbst denn auch keineswegs als reine „Fassadentheoretiker“.

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