Pilgerreise zum Anfang des Lebens


Eine Zeitreise auf Darwins Spuren (Gebundene Ausgabe) von Richard Dawkins (Autor), Sebastian Vogel (Übersetzer)
Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren (Gebundene Ausgabe) von Richard Dawkins (Autor), Sebastian Vogel (Übersetzer)

Richard Dawkins‘ „Geschichten vom Ursprung des Lebens“ ist das zur Zeit lesens- und bedenkenswerte Buch über die Evolution überhaupt.
Von Cord Riechelmann -SZ

Vielleicht, es könnte ja sein, sind Wolken und Regen Anpassungen, „mit denen Mikroorganismen für ihre eigene Verbreitung sorgen“.

Richard Dawkins hat, als er diese Vermutung in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch „Geschichten vom Ursprung des Lebens“ äußert, bereits eine lange Reise hinter sich.

Er hat die große Katastrophe der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren inspiziert, sich Gedanken über jene Abbildungen gemacht, die die Entwicklung des Menschen von einem gebückt gehenden haarigen Wesen bis zum heutigen Menschen im Anzug zeigen, hat die Geschichte der Heuschrecken erzählt und die Geschichte des Lebens zu einer Geschichte der Vererbung umgedeutet.

Auf mehr als 900 Seiten ist Dawkins der Evolution der Lebewesen nachgefahren und hat dabei all das vermieden, wofür er sonst berüchtigt ist. Er hat weder, wie in seinen Büchern über den „Gotteswahn“ und das „egoistische Gen“, die Religion in Bausch und Bogen verdammt, noch die Geschichte auf einen Molekülmotor eingedampft, der die Lebewesen zu Vehikeln der Gene macht, versehen mit der einzigen Anweisung, ihre eigenen Gene möglichst zahlreich in die Welt zu schleudern.

„Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“

Auf den ersten Blick scheint Dawkins in manchen Passagen des Buches sogar das Gegenteil seines Wissenschaftsatheismus für möglich zu halten. So zitiert er zustimmend in einer seiner schönsten Geschichten, der Geschichte des Flusspferdes, den Prediger Salomo: „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: ‚Sieh, das ist neu‘? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“

Geschichte soll sich also wiederholen und nichts anderes tun, als einen alten Schöpfungsplan immer wieder abzuspulen? Hatte nicht gerade Charles Darwin jeden Plan aus der Entwicklungsgeschichte des Lebendigen genommen und die andauernde Veränderung der Lebewesen postuliert? Und ist nicht Richard Dawkins der entschiedenste und radikalste Darwinist unserer Tage?

Ja doch, so ist es, und genau darin liegt das Problem und die Größe von Dawkins‘ Opus magnum, als das man dieses Werk bezeichnen muss. Natürlich ist Dawkins, der an anderer Stelle auch noch den Propheten Hesekiel zu Wort kommen lässt und die Texte des Alten Testaments wegen ihrer „herrlichen sparsamen Sprache“ lobt, keinen Millimeter von seinem Atheismus abgerückt.

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