Enzyklopädie der Toten


Die Namen von über drei Milliarden Menschen sind hier im Stollen des Granite Mountain gesichert.
Die Namen von über drei Milliarden Menschen sind hier im Stollen des Granite Mountain gesichert.

Die Mormonen sind seit ihrer Gründung 1830 in den USA umstritten – ihre Ahnenforschung bunkern sie in einem Berg

derStandard.at-Wissenschaft

Little Cottonwood Canyon, 40 Kilometer südöstlich von Salt Lake City: Die Berge hier sind ein beliebtes Ausflugsziel für Skifahrer und Wanderer. Doch kaum jemand weiß, dass sich im Granite Mountain eine einzigartige Lagerungsstätte zur Ahnenforschung befindet. Verschlossen durch eine 14 Tonnen schwere Stahltür lagern in einem Bergstollen die Namen von über drei Milliarden Menschen. Gesichert auf 2,5 Millionen Mikrofilmrollen, geschützt vor saurem Regen, radioaktiver Strahlung und Atombombenangriffen. Diese weltweit größte Namenssammlung hilft Wissenschaftern und Hobbygenealogen bei ihren Forschungen: „Wenn wir eine starke Familie haben, haben wir eine starke Nation“, sagt Tab Thompson vom Familiensuchzentrum in Salt Lake City, „und wenn wir eine starke Nation haben, dann haben wir eine starke Welt mit mehr Frieden.“

Ein gelblich gestrichener, über 200 Meter langer, erdbebensicherer Tunnel führt in den Granitberg. Tausende Archivkästen stehen hier, bei 16 Grad Celsius und 30 Prozent Luftfeuchtigkeit, geschützt in sechs unterirdischen Gewölberäumen.

Fast alle europäischen Länder sind im Rahmen der Haager Konvention für Kulturgutschutz dabei, Archivbestände auf Sicherungsfilm für die Nachwelt zu übertragen. Doch bis auf Deutschland und die Schweiz gibt es niemanden, der über eine unterirdische Lagerungsstätte verfügt – mit Ausnahme der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. So nennt sich die Religionsgemeinschaft der Mormonen offiziell.

Die gelagerten Mikrofilme enthalten Daten von Verstorbenen, die vor 1930 gelebt haben. Drei Milliarden Namen aller Nationalitäten hat man zusammengetragen. Eine Enzyklopädie der Toten. Von Kindern, Frauen und Männern jeden Alters und jeder Religionszugehörigkeit. Doch viele US-Amerikaner sind beunruhigt, dass die Kirche Einfluss auf die Politik nimmt. So ist die Zahl der Mormonen-Mitarbeiter beim Geheimdienst CIA laut der unabhängigen Salt Lake Tribune unverhältnismäßig hoch – nicht zuletzt, weil die Mormonen durch die Missionarstätigkeit im Ausland viele Fremdsprachen beherrschen. Wichtige Posten im Außen- und im Finanzministerium sind von Mormonen besetzt.

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