Vom Zyklus des Seins


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Bas Kast, Quelle:IDW

Bas Kast – Der Tagesspiegel

Etwa 70 Prozent des Körpers besteht aus Wasser. Ihres Körpers, meines Körpers. Ungefähr der gleiche Anteil der Erde wird von Wasser bedeckt. Das Wasser der Erde befindet sich in einem nie endenden Kreislauf, es löst sich nicht auf, es verwandelt sich nur: Das Meer verdampft, steigt auf in den Himmel, sammelt sich, wird schwer, fällt, sammelt sich, und fängt an zu fließen, fließt zurück zu seinem Ursprung, zum Meer, fließt und verdampft wieder. Das Meer in mir, das Meer in dir.

Wir alle bestehen aus Wasser, das kommt und geht und sich nie ins Nichts auflöst. Das Wasser, das Sie heute trinken – oder essen: der Großteil unseres Essens besteht ebenfalls aus Wasser – dringt in Ihren Magen, in Ihr Blut, in Ihre Zellen, steigt hinauf bis in Ihr Gehirn.

Die Wassermoleküle sind überall, werden zu Ihnen. Wir bestehen fast nur aus Wasser und aus Nichts (der größte Teil eines Atoms besteht aus leerem Raum). Ein Wassermolekül, das Sie jetzt trinken, bleibt im Schnitt etwa zwei Wochen Teil von Ihnen, dann verabschiedet es sich, verlässt Ihren Körper, wird Bestandteil von etwas anderem. Wenn es warm ist, wird dieser Kreislauf des Lebens beschleunigt: Leben im Vorspulmodus. Nicht nur das Wasser Ihres Körpers, sondern so gut wie alle Moleküle, die Sie sind, werden im Laufe Ihres Lebens ausgetauscht. Nichts bleibt für immer Sie. 98 Prozent der Atome Ihres Körpers werden Jahr für Jahr für Jahr ersetzt. Von Geburt bis zum Tod werden Sie Dutzende Male materiell verwandelt. Sie werden immer wieder erneuert und dabei alt. Richard Feynman, Physiker, Nobelpreisträger, Genie, sagte einst: „Die Kartoffeln von letzter Woche! Sie können sich jetzt daran erinnern, was in Ihrem Kopf vor einem Jahr vor sich ging.“ Man ist, was man gegessen und getrunken hat. Alles wird ersetzt, der Körper wird geboren und stirbt.

Der Dichter Edward Young schrieb: „Unsere Geburt ist nichts anderes als der Beginn unseres Todes.“ Mit 20, noch nicht vollständig ausgereift, fängt das Gehirn langsam an zu schrumpfen. Ab 30 bekommen viele Probleme damit, ihr Körpergewicht zu halten, ich bin 35. Mozart starb mit 35, Marilyn Monroe mit 36, Vincent van Gogh mit 37. Mit 38 sagte der britische Dirigent Colin Davis: „Dieser große, antreibende Motor, der dich anstachelt bis zur Verzweiflung, wird langsam müde, wie von Motten zerfressen.“ Martin Luther King wurde ermordet, als er 39 war, und lebt bis heute. Im „Spiegel“ steht: „Glaubt man den Ergebnissen einer Umfrage, lauert das wahre Glück jenseits der 40.“ Im „Focus“ steht: „Zu Beginn und Richtung Ende ihres Lebens sind die Menschen glücklicher. Mit 50 geht’s bergauf.“ Michael Jackson ist dieses Jahr 50 geworden.

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