Gott ist eine Variable


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Er ist einer der weltweit führenden Apologeten, der "Verteidiger des Glaubens": John Lennox, Professor für Mathematik an der britischen Oxford-Universität. (Foto: pro)

John Lennox und die guten Gründe für den Glauben

Er ist einer der weltweit führenden Apologeten, der „Verteidiger des Glaubens“: John Lennox, Professor für Mathematik an der britischen Oxford-Universität. Am Dienstag vergangener Woche debattierte Lennox bereits zum dritten Mal öffentlich mit dem Religionskritiker Richard Dawkins, der es mit seinem Buch „Der Gotteswahn“ zu Weltruhm gebracht hat. Am Wochenende war Lennox auf einer Tagung in Marburg – und gab Einblicke in seine „Verteidigungsstrategie“. medienmagazin „pro“

Es war bereits die dritte öffentliche Debatte der beiden britischen Professoren. Beide lehren an der renommierten Universität in Oxford, beide sind bekannte Wissenschaftler und erfolgreiche Buchautoren. Doch eine entscheidende Überzeugung unterscheidet die beiden maßgeblich: Richard Dawkins ist Atheist und Religionshasser, John Lennox ist Christ und Glaubensverteidiger.

Am Dienstag vergangener Woche fand diese dritte Debatte statt, im Naturwissenschaftlichen Museum der Universität Oxford, in dem schon 1860 die berühmte „Oxford-Debatte“ über Darwins Evolutionstheorie stattgefunden hatte. Eigentlich sollte damals Charles Darwin (1809-1882) selbst gegen den anglikanischen Bischof von Oxford, Samuel Wilberforce (1805-1873), antreten. Doch Darwin ließ sich durch Thomas Henry Huxley vertreten, einen der damals führenden Biologen und Vertrautem Darwins. Die Diskussion zwischen beiden ging in die Geschichte ein.

Am gleichen Ort in Oxford standen sich nun Dawkins und Lennox gegenüber. Beide debattierten über die Frage, ob die Wissenschaft Gott begraben habe – es ist die Frage, die Lennox seit Jahrzehnten beschäftigt hat und auf die er eine klare Antwort hat: Nein. Freilich ganz im Gegensatz zu Dawkins, dem Biologieprofessor. Er lässt den Gedanken, ob Gott existiert, in seinem rein auf die Naturwissenschaften ausgerichtetem Weltbild erst gar nicht zu.

Erste Debatte im „Bible Belt“

Zum ersten Mal trafen Lennox und Dawkins im Oktober 2007 in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama aufeinander, im Herzen des so genannten „Bible Belt“ der Vereinigten Staaten, in dem sich die Menschen traditionell zum christlichen Glauben halten. Veranstalter war die Fixed Point Foundation, eine erst 2004 gegründete christliche Organisation, die ihren Sitz in Alabama hat (www.dawkinslennoxdebate.com). Es ging schon damals um grundlegende Fragen, die von den beiden Oxford-Gelehrten kontrovers debattiert wurden: Ist es unbedingt notwendig, an ein höheres Wesen zu glauben, um moralisch handeln zu können? Welche Weltanschauung hat in der Geschichte die schlimmsten Spuren hinterlassen, das Christentum oder der Atheismus? Und welche der beiden Anschauungen wird von der Wissenschaft am besten gestützt?  Wenige Monate später debattierten Lennox und Dawkins erstmals in Oxford, über „Wunder“.

Auf der Tagung des Instituts für Glaube und Wissenschaft, die an diesem Wochenende in Marburg stattfand, erläuterte Lennox Hintergründe und Grundlagen seiner Gegenargumente. Grundsätzlich gilt: „Was Gläubige und Atheisten trennt, ist die gegensätzliche Weltanschauung“, sagt Lennox,  „nicht die Naturwissenschaft.“

Es gebe zahlreiche Wissenschaftler, die gleichzeitig Christen sind. „Denken Sie nur an den weltweit führenden Genetiker Francis S. Collins, den Leiter des Humangenomprojekts. Er ist eine Kapazität auf seinem wissenschaftlichen Gebiet und überzeugter Christ.“

Atheisten jedoch verfolgten das Ziel, die Öffentlichkeit davon zu überzeigen, dass die Wissenschaft Gott längst begraben habe, so Lennox. Eines der größten Missverständnisse der neuen Atheisten sei das nicht vorhandene  Angebot von Alternativen zu deren „Gott ist tot“-Ideologie. „Gott und Wissenschaft werden als Gegensätze dargestellt und Gott gleichzeitig als Objekt der Wissenschaft gesehen.“

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20 Comments

  1. @Myron: Jep, da stimme ich Dir zu.
    Auffallend ist hierbei auch, dass Lennox die „Lösung“ schon gleich mit der Frage mitliefert. Anstatt nach dem „Ursprung“ zu fragen, wirkt direkt nach einem „Autor“ gefragt, einem aktiv handelnden Wesen. Wenn ich mich recht erinnere, wird eine solche Manipulation schon bei den ganzen Hypnoseshows genutzt, wenn hypnotisierte Menschen sich plötzlich an ein früheres Leben „erinnern“.

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  2. “Es sei eine Selbstverständlichkeit für den Menschen, nach dem ‚Autor‘ der Welt zu fragen.”

    Die Frage mag selbstverständlich sein, doch die Antwort, dass es einen göttlichen „Weltautor“ gebe, ist alles andere als selbstverständlich.

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  3. Vorsicht: Sehr viel Text

    Der Artikel ist eindeutig ein kleines Loblied auf Lennox‘ Arbeit, kein Zweifel 😉 . Aber einige Fragen, die mir als Leser am Ende des Artikels in den Kopf schiessen, werden „leidergottes“ nicht beantwortet.

    Lennox mag für die Gläubigen zwar ein „Negativ-Dawkins“ sein, den sie als Gegenpol zu den „neuen Atheisten“ herhalten können, aber er widerlegt IMO keine atheistische Argumente für den Verzicht an das übernatürliche. Selbst mit dem Ford-Motor – den ich parallel zur Uhr am Strand sehe – existiert kein „Beweis“ für Gottes Taten. Nur ein Beweis für die Fantasie des Menschen. Die Annahme, dass die Natur oder unsere „Schönheit der Natur“ einen Erschaffer in Form eines Überwesens hat(te), ist sehr tief in unsere Spezies verankert. Dieses „Gefühl“, es müsse ein „Erschaffer“ irgendwo geben, kann zwar Inspiration und Motivator für eine Erforschung sein, aber sie ist sicherlich kein definierendes Element der Frage. Ich kann nicht sagen: „Es gibt da ein Erschaffer… weil ich das Gefühl habe, dass da was sein müsste„.

    Lennox diskuttiert zwar gut und gerne mit Religionskritiker, aber er geht wohl kaum als Sieger der Debatte hervor. Die Spielwiese der Wissenschaft ist nicht unendlich interpretierbar, auch sie hat gewisse Grenzen – und die kennt Lennox auch. Deshalb kann er sich nicht ausschließlich darauf verlassen, findet aber immer wieder Nischen, die sich auch mit dem Glauben vereinbaren können. So logisch ist er eben, der Unglaube an Gott.

    „Atheisten jedoch verfolgten das Ziel, die Öffentlichkeit davon zu überzeigen, dass die Wissenschaft Gott längst begraben habe, so Lennox“

    Gott ist nicht tot. Dafür müssten Atheisten erstmal akzeptieren, dass Gott gelebt hat. Und bekanntlicherweise lässt sich dies genauso „beweisen“ wie der Glaube, dass die heilige rosa Kuh die Erde vor 20.000 Jahren durch einen gigantischen Hustenreiz erschaffen hat oder dass eine Gießkanne in der Umlaufbahn um unseren Planeten fliegt, die so winzig ist, dass wir sie wohl nie sehen oder messen können. Die Atheisten verfolgen IMO das Ziel die Welt so sehen zu können, wie sie wirklich ist: ganz natürlich und nicht durch Zauberkraft erschaffen oder gelenkt.
    Hierbei kollidiert man mit den Leuten zusammen, die partou fest davon ausgehen, dass da was sein muss. Glaube allerdings ist Überzeugung ohne Beweise. Man kann „Glauben“, aber man sollte schon einen gewissen Abstand zur Fantasterei wahren. Ich gehe ja auch nicht zum Zahnarzt und schnautze ihn an, sein Bohrer sei vom Teufel besessen, weil er so höhe Töne macht. Die Wissenschaft begründet die Tonerzeugung und sagt klipp und klar, dass die Schallwellen keinerlei Kontakt zu überirdische Wesen besitzen. Als überzeugter Bohrerist ist es meine Aufgabe, dies zu ignorieren und weiterhin auf die teuflischen Schallwellen zu pochen. Mein „Teufelsbild“ ist eben darauf ausgelegt, gewisse Töne mit gewissen Gefühlen zu kombinieren. IMO spielen insbesondere Religionen sehr gerne mit diesem Instrument 😉 .

    „Eines der größten Missverständnisse der neuen Atheisten sei das nicht vorhandene Angebot von Alternativen zu deren „Gott ist tot“-Ideologie.“

    Und die wären ? Der Islam ? Der Buddhismus ? Oder irgendwelche „kuschelatheistische“ Anschauungen, in dem Gott vielleicht als Zeitarbeits-Kreationist die Kugel zum rollen brachte und sich dann als unsichtbare Weltformel zurück zog ? Selbst das meditative „Omm“-Zitieren kann als „Alternative“ herhalten, auch wenn christliche Werte dort mit einem Mikroskop zu suchern sind. Sie machen den Menschen glücklich und zufrieden, doch ist dies das Ziel der Religion ? Oder vielleicht doch das Versprechen an das „Überirdische“, mit dem man die Massen kanalisieren und lenken kann ?

    „Genauso wenig, wie ich einen Menschen ausschließlich biologisch kennenlernen kann, indem ich den Menschen medizinisch seziere, so wenig kann ich die Frage nach Gottes Existenz ausschließlich auf wissenschaftlicher Ebene stellen“

    Wenn ich mir ein Buch ansehe, dann kann ich mir den Aufbau davon überlegen und sie technisch begründen. Ich kann mir aber auch Gedanken über den Inhalt machen, den dieses Gerät transportiert: was will mir das Wort sagen, welches da in Form von aneinander gehängten Buchstaben präsentiert wird ? Woher stammt der Gedanke zum Wort ? Wer hat es „Erschaffen“, der Autor ?
    Das Buch, als auch der Ford-Motor sind künstliche Produkte. Wir haben gelernt, dass sie gewisse, vom Menschen erdachte, Produktionsstraßen durchwandern. Beim Menschen sehe ich dies auf die gleiche Weise. Es existiert eine wissenschaftliche Sicht auf den Menschen. Man kann ihn sezieren und analysieren, man entwickelt dadurch ein „biologisches Abbild“ des Menschen. Und dann haben wir die phsychologische Sicht. Man kann den Menschen „kennen lernen“ und verstehen, wie er gelebt hat. Auch dies ist aber begründbar und unterliegt keinerlei überirdischer Zauberkraft. Und dann kann man sich das Universum ansehen. Man kann sehen, wie die Planeten „erschaffen“ wurden und wie die Galaxie ist. Aber zeigt sich wenigstens hier das Wirken eines Überwesens ? Oder projizieren wir nur gewisse Wunschbilder dort in die Höhe und hoffen, dass irgendwo in diesem unentdeckten Nichts was sein könnte, was heute leider nicht mehr auf unserer Erde passt ? Wohin verschwindet dann der Robinson Crusoe Gott, wenn man die Ebene der Biologie, die der Psychologie und die der Astronomie eines Tages mal ausreichend erforscht hat ? Atheisten suchen nicht nach unentdeckten Länder. Sie lassen suchen und widerlegen es schlußendlich wieder 😉 .

    „Doch die grundlegenden Fragen der Menschen: Woher komme ich? Was macht mein Leben aus? Wohin gehe ich? – die kann der Szientismus der Atheisten nicht beantworten. Ihnen fehlen die Erklärungen für die Sinnfragen des Lebens. Ihr einziges Argument ist, derlei Fragen in den Bereich der Spekulation abzuschieben.“

    Und ? Ist doch kein Fehler…
    Woher komme ich? Wie der User Ida so schön schrieb… aus dem Schoß der Mutter. Und nicht nur der Mensch, sonder die meisten Tiere dieses Planeten ebenfalls.
    Was macht mein Leben aus? Das Leben und das Wirken in der Gemeinschaft, meiner Meinung nach. Hat jemand einen besseren Vorschlag ? Sie werden gerne angenommen.
    Wohin gehe ich? Dorthin, wo alle Chemie verschwindet… in den Kreislauf der Natur. Recycling at it’s best 😉 .

    Alles andere ist tatsächlich Spekulation. Die verschiedensten Religionen und Kulturen haben sich hierbei die tollsten Geschichten ausgedacht… und alle haben ihren besonderen Absolutheitsanspruch. Der „Glaube“ ist so extrem vielseitig interpretierbar, das es schon wehtut. Wird der Mensch solange wiedergeboren, bis es irgendwann als Perfektion ins Nirvana aufsteigt ? Wird er vielleicht „nur“ bis zum jüngstem Gericht im Sarg verrotten, bis er von Gott hochgerufen wird ? Verschmilzt der Geist des Menschen nach dem Ableben vielleicht mit der Natur und den Tieren ? Wandelt er möglicherweise bis in aller Ewigkeit als nicht-stoffliche Existenz auf Erden ? Wird er als eine besondere Art der Energie, möglicherweise eine Bio-Energie, weiterleben ? Wird ihn ein unsichtbares UFO auf einen fremden Planeten bringen ?

    Alle Glaubensführer haben hier ihr Rezept offen auf den Tisch gelegt. Der Gläubige muss nur zugreiffen und den Geschmack genießen. Er darf sich aber nicht wundern, wenn der Chefkoch im Vergleich zu anderen Köchen irrational handelt oder wenn sein Rezept zwar einer bestimmten Gourmet-Gruppe mundet, aber der anderen nur Magenschmerzen bereitet. Atheisten sind eitler, sie kochen lieber nach eigenem Rezept, mit auserwählten Zutaten aus dem hemischen Garten, und verlassen sich nicht auf Tütensuppen und wilder Chemie anderer 😉 .

    „Es sei eine Selbstverständlichkeit für den Menschen, nach dem „Autor“ der Welt zu fragen.“

    Die (atheistische) Wissenschaft gibt hierzu doch eine passable und nachvollziehbare Antwort. Und das tolle… sie ist eine Frau: Mutter Natur und ihre evolutionäre Kraft. Man muss nur die Zeichen erkennen können und ganz fest daran „glauben“ 😉 !

    „Da deren Ansicht nach Glaube per Definition keine Beweise vorbringen könne, ließen Atheisten wie Dawkins keinerlei Argumente für den Glauben zu.“

    „Glaube“ ist für mich ein schwammiger Wischiwaschi-Begriff in diesem Falle. Für die fundamentalistische Glaubenstruppe besteht „wahrer Glaube“ auf die wörtliche Überlieferung der „Schrift Gottes/Allahs/. Für sie werden nur die Leute in das Reich ihres Gottes kommen, die sich strikt daran halten. Dann haben wir die konservativen Christen, die sich im Namen Jesus breit machen. Auch sie verfolgen kirchliche Regeln und christliche Funktionen, sind aber nicht so fundamentalistisch angekettet und erlauben auch eine (nach päpstlicher Sicht) „andere“ Sichtweise auf das Buch der Bücher. Doch auch sie befolgen Regeln und auch sie „bestimmen“, wer in das „Reich Gottes“ kommt und wer nicht. Natürlich ist die Vorstellung des Reiches stark geprägt von der „herrschenden“ Figur in der Geschichte. Und zum schluß haben wir die (nach Herrn Müller angelehnten Begriff) „Kuschelgläubige“, die einerseits zwar Frieden, Freude und Nächstenliebe dick auf ihre Flaggen schreiben, sich aber hier und da von vielen strenggläubigen Ansichten distanzieren. Sie handeln zwar „im Namen Jesu“ oder sehen die Welt durch das göttliche Brillengestell, aber von einer sprichwörtlichen Befolgung des (alten/neuen) Testamentes oder mit den Regelsätzen der Kirchen wollen sie nichts zu tun haben. Ihr Paradies ist so vielfältig wie es nur sein kann und zeigt sich gerne hipp und modern. Das ganze auch in allen anderen Glaubensgemeinschaften, denn nicht alle Muslime wollen ein Kopftuch tragen, wärend andere das Kopftuch zwingend vorschreiben. Und natürlich sind da noch die vielen anderen Methoden, sich mit „erhobenes Glück“ zu schmücken. Sekten, Kulte und esoterische Lebensphilosophien vermitteln da alle ihr eigenes Rezept zur Glückseligkeit.

    Ich fasse all dies mal ganz pauschal unter „Glaube“ zusammen. Und nun ? Wo ist Gott ? In der Meditation ? In der Weltformel ? Im Jesus am Kreuze ? In den Haaren der Muslima ? In esoterische Praktiken ? In der Natur ? In jedem von uns ?
    Gemäß dieser bunten Vielfalt müsste Gott und sein Reich praktisch überall sein und vor allem… wirken. Interessanterweise bekämpfen sich viele Gläubige genau aus diesem Grunde… sie akzeptieren nicht, dass „ihr“ Gott sich woanders zeigen könnte und betiteln sowas als Blasphemie, Gotteslästerung. Und wo zeicht sich der Gott jetzt ? In den Waffen ? Im Kampfgeschrei ? Im Fundamentalismus ? Ich sehe „Glaube“ hierbei nicht als feste Größe mehr, sondern nur noch als leeres Gefäß, in der man jegliche dieser Handlungen einfüllen kann. In den meisten Fällen legitimisiert man sogar menschenunwürdige Handlungen damit. Der „Glaube“ ist IMO wie Knete… man bringt ihn in jegliche gewünschte Form, je nach Lust und Laune.

    Als Atheist verlange ich schlicht und einfach nur nach einem haltbaren Beweis für das ganze Brimborium. Ich will den Erbauer des Motors sehen. Und zwar persönlich ! Mit Gedankenspielchen gebe ich mich hier nicht gerne ab, denn dann hätte jeder Möchtegernbetrüger eine Chance, sein Glück an mir zu versuchen. Tja, aber bis heute sehe ich davon nichts. Welche Argumente will man denn nun darlegen, die ein dawkinscher Atheist nicht akzeptieren kann/will ? Welche der obigen Möglichkeiten soll nun den Weg in’s Reich Gottes ebnen ? Der Atheismus stellt sich nicht diese Frage und balanciert dann „gutes Gewissens“ auf dem Drahtseil des Glaubens, sondern sie ignoriert sie einfach und hält sich an das messbare Treppengeländer fest. Nicht mehr und nicht weniger. Die vier „radikalen neuen Atheisten“, Dawkins, Hitchens, Dennett oder Harris, gehen hier einen Schritt weiter und wollen das Drahtseil ganz kappen. Nun, im Altertum konnte man Ketzer schlicht und einfach köpfen. Heute versucht man Ungläubige in Diskussionen in die Defensive zu drängen. Diese vier apokalyptischen Reiter zeigen den Geistlichen die Stirn, und dies anscheinend ziemlich erfolgreich 😛 .

    „Nach Ansicht von John Lennox haben diese vier weltweit bekanntesten Religionskritiker nur ein gemeinsames Ziel: Alle Religionen zu beseitigen.“

    Man kann wohl davon ausgehen, dass die Religion sich wohl nie beseitigen lässt. Das Grundbedürfnis des Menschen, sich Trost, Schutz und Geborgenheit herbeizuwünschen, lässt sich zwar mit vielerlei Mitteln bewältigen, doch eine große Menschenmenge wird sich weiterhin freiwillig den Religionen zuwenden wollen. Ich plädieren jedoch eher für Aufklärung. Man sollte gandenlos alles zeigen, was unter dem Deckmantel des „Glaubens“ vollzogen wird. Wer Mitglied der RKK ist soll selbst erleben, mit welchen Mitmenschen man da verkehrt. Priester, die sich an Kinder „vergreifen“ sind natürlich die Speerspitze. Aber auch tröpfelnde Kleinigkeiten wie die Kündigung einer Mutter aufgrund des „Unglaubens“ oder die Tarife der christlichen Arbeitsgemeinschaft hohlen den Stein immer mehr aus. Der Islam mag sich zwar gerne als offener und friedlicher Glaube darstellen, aber auch dort sind sehr fundamentalistische Gruppierungen mit all seinen archaischen Aktionen präsent. Das Judentum verfolgt genauso gewisse archaische Richtlinien und selbst die fernöstliche Lehren sind nicht vor Frauenfeindlichkeit, abergläubisches und irrationalem Geisterwerk und sehr blutigen Gewaltaktionen gefeilt.
    Wir hier können darüber reden. In anderen Ländern wird man dagegen geköpft oder von der scheinbar religiös-hypnotisierten Gesellschaft gemieden, wie der Teufel das Weihwasser.

    Das dabei eine Menge (aufgeklärte) Menschen sich immer mehr von den Religionen distanzieren und sich entweder dem „Glauben“ abwenden oder zumindest eine Form des „Kuschelglaubens“ anstreben, dürfte nun wirklich niemanden mehr verwundern. In diesem Sinne sind die „vier Reiter“ wohl erfolgreicher als Lennox es vermutet. Sie „vernichten“ zwar keine Religion an sich, bringen aber Menschen zum bewussten nachdenken. Ich sehe dies als ein wichtiger Schritt für die Aufklärung und der freien Meinung.

    P.S.: Ich danke Herrn Müller für den „Kuschel“-Begriff. Ist mir ans Herz gewachsen 😉 ! Entschuldigung, dass mein Kommentar länger geworden ist als der gesammte Artikel.

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  4. @El Schwalmo

    „Ein Argument im Sinn von ‘passt besser zum Atheismus’ ist daher vollkommen kontraproduktiv.“

    Da hast Du mich missverstanden. Es geht um eine Bewertung der Sparsamkeit beider — gleichermaßen empirisch nicht belegbaren — Anschauungen. Die spekulative Annahme der Einzigartigkeit des Universums ist, wenn sie über dessen Erklärungsbedürftigkeit eine weit anspruchsvollere Behauptung (die Schöpfungshypothese) nach sich zieht, keineswegs sparsamer als die ebenso spekulative Annahme eines Mulitiversums.

    Natürlich plädiere auch ich dafür, auf Erklärungen zu verzichten, so lange diese in keinster weise kritisierbar, geschweige denn empirisch prüfbar oder belegbar sind.

    Zugegeben fällt mir das leichter als den Fine-Tuning-Fans, weil ich eben als Multiversen-Gläubiger gar keinen Erklärungsbedarf sehe 😉

    Beim Ford-Argument geht es nur um die Plausibilität eines sich selbst verbergenden Designers. Es gibt zwar durchaus Autoren, die ihre Werke anonym veröffentlichen, aber erstens stellen sie nur eine kleine Minderheit, und zweitens dürfte es ihnen schwer fallen, alle auf ihre Urheberschaft deutenden Spuren zu tilgen. Ein Designer, der plangemäß erst 13,7 Milliarden Jahre nach Grundsteinlegung mit der ersten Kritik rechnen kann, hätte besonders wenig Anlass, seine Schöpfungstat geheim zu halten. Es sei denn, er hielte das Ganze für einen ausgemachten Fehlschlag — eine nicht gerade gängige Auffassung unter Kreationisten 😉

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  5. Der große Vorteil der Naturwissenschaften ist doch, dass deren Ergebnisse intersubjektiv gültig sind. Das können sie nur, wenn die Naturwissenschaften möglichst weltanschauungsfrei betrieben werden. Ein Argument im Sinn von ‘passt besser zum Atheismus’ ist daher vollkommen kontraproduktiv.

    Warum? Es ist doch klar, dass die Ergebnisse naturalistischer Forschung immer den Naturalismus stärken (es sei denn, die naturalistische „Methode“ versagt in einem bestimmten Bereich völlig.) Und warst nicht Du selbst immer derjenige, der meinte, die von Dir so genannten „Theolügen“ würden sich mit ihrer These, Evolution sei mit Schöpfung vereinbar, selbst was vormachen?

    Es grenzt doch fast schon an Hybris, zu meinen, der Mensch sei als Gottes Ebenbild zu betrachten, wenn man weiß, dass der Mensch seine Existenz nur dem Einschlag des Chicxulub-Asteroiden zu verdanken hat sowie einer unausdenkbar großen Zahl glücklicher Zufälle und verpasster Chancen zuvor. Und wie passt das alles – Du fragst es ja selbst – mit der „Erbsünde“ unter einen Hut?

    Wie man es auch dreht und wendet, mit der naturalistischen Wissenschaft ist nur ein naturalistisches Weltbild kompatibel. Alles andere sind mehr oder weniger inkonsistente Versuche, eine Religion in dieses Schema hineinzupressen. Ich empfehle hierzu immer:

    http://www.evolutionsbiologen.de/naturalismus.pdf

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  6. @ostfriese

    === schnipp ===
    Und während die Annahme eines Multiversums die Erklärungsbedürftigkeit der beobachteten Welt herabsetzt, wird sie vom nur scheinbar sparsamen, empirisch aber ebenso wenig zu stützenden Postulat der Einzigartigkeit unseres Universums erst erzeugt.
    === schnapp ===

    ich kenne mich in Physik viel zu wenig aus, um hier etwas Fundiertes beitragen zu können. Daher nur ein paar allgemeine Überlegungen.

    Der große Vorteil der Naturwissenschaften ist doch, dass deren Ergebnisse intersubjektiv gültig sind. Das können sie nur, wenn die Naturwissenschaften möglichst weltanschauungsfrei betrieben werden. Ein Argument im Sinn von ‚passt besser zum Atheismus‘ ist daher vollkommen kontraproduktiv.

    Wir hatten das aber schon mal, denke an die Diskussion zwischen ’steady state‘ und ‚Urknall‘. Hier hat sich das Modell, das den Theisten besser in den Kram passte, durchgesetzt.

    In der Evolution war lange Zeit der Gradualismus sehr zentral, der passt nun wieder besser zum Atheismus.

    Ich plädiere dafür, einfach zu forschen und sich keine Gedanken darüber zu machen, ob ein Modell nun für die Gottesfrage eine Relevanz haben könnte. Das sollten wir den Theisten überlassen.

    Das Argument mit dem Ford-Schild ist AFAIK abgekupfert. Angeblich geht dieses Argument auf einen Menschen zurück, dessen Sohn meinte, die Ergebnisse der Naturwissenschaften würden seinen Glauben zerstören, weil er nirgends einen Gott fände. Der Vater fragte, ob denn Schiller im Wallenstein mitspielt. Das ist ein schönes Bild für die Auffassung der RKK: Gott wirkt durch Zweitursachen. Wenn die Sache mal läuft (wenn also die Naturgesetze da sind), läuft das schon von alleine. Wie man so ein Gottesbild aber mit Gebet, Erlösung oder gar ‚Sühnetod Jesu‘ in Einklang bringen möchte, ist mir schleierhaft.

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  7. Auf den ersten Blick mögen Multiversum und Gott als gleichermaßen spekulative Konzepte erscheinen.

    Doch während die Physiker plausibel begründen, warum wir für Paralleluniversen (noch) keine empirischen Belege haben (können), ist die Unterstellung, dass der schöpfungsmächtige Designer gänzlich verborgen bleiben möchte und deshalb alle Spuren seines Wirkens verwischt hat, grotesk unplausibel (man denke nur an das Ford-Typenschild, vgl. Beitrag von yerainbow).

    Und während die Annahme eines Multiversums die Erklärungsbedürftigkeit der beobachteten Welt herabsetzt, wird sie vom nur scheinbar sparsamen, empirisch aber ebenso wenig zu stützenden Postulat der Einzigartigkeit unseres Universums erst erzeugt. Außerdem schreit die Existenz eines derart potenten Gottes noch viel lauter nach einer Erklärung als das belebte Universum selbst.

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  8. @Myron: Danke für die Literaturstelle. Sie widmet sich dem Für und Wider eines sogen. wahrscheinlichkeitsbasierten Feinabstimmungsargumentes. Deine Klassifikation als „Rohrkrepierer“ klingt — durch die von dir referenzierte Ausarbeitung gestützt — final.

    Ich erwarte keinen Gottesbeweis, noch bin ich an darartiger Wissenschaft besonders interessiert. Für mich ist hier nur interessant, wann etwas als „final“ angesehen wird. Daher habe ich einfach mal eine ähnliche Ausarbeitung herausgesucht, die das Ganze weniger final erscheinen lässt:

    Klicke, um auf fine_tuning_probability_4.pdf zuzugreifen

    Wir wissen doch schon lange, dass sich die Frage nach Gott nicht „wissenschaftlich“ beantworten lässt. Ich wundere mich nur, wie schnell in der wahren Wissenschaft etwas für final wahr gehalten wird.

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  9. @ostfriese:
    „Colyvan, Garfield und Priest haben wirklich ihre Hausaufgaben gemacht…
    Allerdings schießen sie mit Kanonen auf Spatzen.“

    Vielmehr haben sie gezeigt, dass aus dem, was die Theisten für eine Kanone mit gewaltiger Feuerkraft halten, nur heiße Luft herausschießt.

    „Und deshalb sollte kein vernünftiger Mensch die plausible Multiversen-Hypothese grundlos verwerfen, bloß um damit die Unwahrscheinlichkeit eines Universums zu behaupten, für die dann eine geniale Nebelkerze als “Erklärung” herhalten muss.“

    So schön die Multiversums-Idee auch ist, man muss der Objektivität halber anmerken, dass es ihr nach wie vor an empirischer Untermauerung mangelt, d.h. dass es sich dabei immer noch um eine spekulative Idee handelt. Diese ist allerdings durchaus eine logische haltbare Alternative zur Design-Hypothese.

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  10. @ Myron: Danke für den Link! Colyvan, Garfield und Priest haben wirklich ihre Hausaufgaben gemacht…

    Allerdings schießen sie mit Kanonen auf Spatzen. Man stelle sich einen Lotto-Gewinner vor, der aus irgendeinem Grunde nicht in der Lage ist, irgendetwas über die Anzahl möglicher Mitspieler zu erfahren.

    Wäre es aus seiner Position heraus vernünftig, Lottogewinne generell für unwahrscheinlich und erklärungsbedürftig zu halten und damit grundlos zu unterstellen, es gäbe außer ihm keine (oder nur wenige) Mitspieler?

    Wäre es vernünftig, den so herbeispekulierten Erklärungsbedarf ausgerechnet durch intelligente Schicksalssteuerung beheben zu wollen, ohne an die weit drängendere Erklärungsbedürftigkeit jener ominösen Intelligenz auch nur einen Gedanken zu verschwenden?

    Nein. Und deshalb sollte kein vernünftiger Mensch die plausible Multiversen-Hypothese grundlos verwerfen, bloß um damit die Unwahrscheinlichkeit eines Universums zu behaupten, für die dann eine geniale Nebelkerze als „Erklärung“ herhalten muss.

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  11. Von Gödel stammt folgender Satz:

    „Religions are, for the most part, bad—but religion is not.“

    „Die Religionen sind zum Großteil schlecht—aber die Religion [an sich] nicht.“

    (Kurt Gödel—zitiert in: Wang, Hao. A Logical Journey: From Gödel to Philosophy. Cambridge, MA: MIT Press, 1996. S. 316)

    Hier noch eine besonders reizende Äußerung Gödels:

    „I like Islam: it is a consistent (or consequential) idea of religion and open-minded.“

    „Ich mag den Islam: er stellt eine in sich stimmige Idee von Religion dar und ist aufgeschlossen.“

    (Kurt Gödel—zitiert in: Wang, Hao. A Logical Journey: From Gödel to Philosophy. Cambridge, MA: MIT Press, 1996. S. 148)

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  12. Das Lieblingsargument der Theisten unter den Wissenschaftlern, zu denen Lennox gehört, ist das sogenannte Feinabstimmungs-Argument („argument from fine-tuning“):

    „1. The boundary conditions and laws of physics could not have been too different from the way they actually are if the Universe is to contain (carbon-based) life.
    2. The Universe does contain (carbon-based) life.
    Hence:
    3. The Universe as we find it is improbable.
    4. The best explanation for this improbable fact is that the Universe was created by some intelligence.
    Hence:
    5. A Universe-creating intelligence exists.“

    „1. Die Randbedingungen und die physikalischen Gesetze hätten nur in geringem Maße von ihrem tatsächlichen Sosein abweichen können, wenn das Universum Leben (auf Kohlenstoffbasis) enthalten soll.
    2. Das Universum enthält Leben (auf Kohlenstoffbasis).
    Folglich:
    3. Das Universum, wie wir es vorfinden, ist unwahrscheinlich.
    4. Die beste Erklärung für diese unwahrscheinliche Tatsache ist, dass das Universum von einem intelligenten Wesen erschaffen wurde.
    Folglich:
    5. Ein universumserschaffendes intelligentes Wesen existiert.“
    [© meine Übers.]

    Dies ist ein Zitat aus dem folgenden (englischsprachigen) Text, der zeigt, dass dieses theistische Argument ein wahrscheinlichkeitstheoretischer Rohrkrepierer ist:

    * Colyvan, Mark, Jay L. Garfield, and Graham Priest. „Problems With the Argument from Fine Tuning.“ /Synthesis/ 145.3 (July 2005): 325-338.
    (Download: homepage.mac.com/mcolyvan/papers/finetuning.pdf)

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  13. Es existierte sogar ein Kurt Gödel (imo der Größte) in der Menge der Mathematiker für den galt:
    Gödel vereinbart letale Paranoia mit Gödel. Daraus folgt nicht die Vereinbarkeit von Mathe mit Paranoia 🙂

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  14. Welche Weltanschauung wohl in der Geschichte die schlimmsten Spuren hinterlassen hat, Christentum oder Atheismus? Was gibt es denn da noch zu debattieren?
    Wann hat es denn in der Geschichte bewaffnete atheistische Kreuzzüge und atheistische Ketzer- und Hexenverbrennungen auf Scheiterhaufen gegeben?
    Natürlich muß man nicht an ein höheres Wesen glauben, um moralisch zu handeln! Im Gegenteil: der Glaube an ein höheres Wesen erleichtert es ungemein unmoralisch zu handeln!

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  15. Du vergisst die Tatsache, dass es immer noch gottgläubige Physiker, Chemiker und sogar Biologen gibt! Das ist doch wohl der definitive Beweis für die Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion 😉

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  16. Irgendwie vermisse ich in dem Artikel die „vielen guten Gründe für den Glauben“, auf welche immer verwiesen wird, die es angeblich gebe.

    Die Automotor-Henry-Ford-Version des alten, kreationistischen „Arguments vom Design“ kann ja wohl nicht gemeint sein, oder?

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  17. Zitat: …Wer einen Automotor untersucht, findet Henry Ford nicht. …“

    ach, doch doch. Normalerweise ist da ein entsprechender Stempel drauf. Nebst Motoren- und Fahrgestell-Nummer.

    Dies also kein kluges, sondern ein SCheinargument.

    Mir würde ja schon genügen, wenn die Religiösen es einfach für sich behalten, was ihnen so in den Sinn kommt. Statt dessen „beweisen“ sie seit Jahrtausenden, welchen Gott auch immer es ihnen angetan hat.

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  18. Wenn es die Taktik der „Glaubensverteidiger“ ist, den Eindruck zu erwecken, als hätten sie Antworten auf Fragen, die von den bösen Atheisten gar nicht erst zugelassen werden, dann müssen wir eben deutlich machen, dass es sich bei diesen Behauptungen ausnahmslos um beleglose Ad-hoc-Hypothesen, austauschbare Scheinerklärungen, unbegründete Moralvorstellungen und willkürliche Sinnzuschreibungen handelt. Das sind alles Merkmale dogmatischer Überzeugungssysteme, und es sollte uns nicht schwer fallen, halbwegs aufgeklärten, in liberalen Demokratien aufgewachsenen Menschen zu vermitteln, warum wir skeptisches Denken hoch achten, vor unkritisierbaren Glaubenslehren dagegen warnen.

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  19. Herr Prof. Lennox sollte doch noch einmal in das Buch der Bücher schauen und ab der ersten Zeile, unter vollem Einsatz seines Gehirns, Wort für Wort überdenken. Wenn er dann immer noch seine, von Kindesbeinen an eingebleute Meinung aufrecht erhält, sollte man ihm, so sehr sein berufliches Fachwissen respektiert ist, von jungen, noch ungefestigten und von leicht beeinflussbaren Leuten, durch seine Emeritierung fernhalten. Er sollte zumindest begreifen: „Alles hat seine Zeit.“

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