Verspätete Rechtfertigung einer Wissenschaftsrevolution


Darwins On the Origin of Species, 1859.
Bei Erscheinen bereits in der ersten Auflage vergriffen: Darwins "On the Origin of Species", 1859.

Von Matthias Glaubrecht – FAZ.NET

Als am 24. November 1859 Charles Darwins Buch „On the Origin of Species“ erschien, waren die 1250 Exemplare der Erstauflage bereits vergriffen. Mit nur mehr einer vagen Ahnung vom Inhalt hatten Buchhändler beim Verleger John Murray in London sogar 1500 Exemplare geordert. Noch bevor das Buch bei seinen Lesern ankam, war es bereits ein kommerzieller Erfolg. Ebenso schnell verkauften sich einen Monat später die nachgelegten 2500 Exemplare der zweiten Auflage. Zu Darwins Lebzeiten erschienen allein in England sechs jeweils von ihm revidierte Auflagen mit insgesamt mehr als 27000 Stück. Was im viktorianischen England ein Bestseller war, ist bis heute mehr als nur ein weiterer Klassiker. Zweifelsohne gehört Darwins Arten-Buch zu den wichtigsten, weil einflussreichsten Werken der Naturforschung, wenn nicht der Geistesgeschichte überhaupt. Mit ihm revolutionierte Darwin unsere Sicht auf die belebte Natur – und zugleich unser Selbstverständnis.

Umso erstaunlicher ist, dass Darwin dem Buch weder Quellen noch Fußnoten beifügte oder in einem Vorwort die Vorgeschichte seiner Theorie erläuterte. Viele Autoren weniger wichtiger Werke seiner Zeit unterzogen sich der Mühe, deutlich zu machen, wie weit ihre geistigen Väter gekommen waren und auf wessen Schultern ihre eigenen Thesen ruhten. In vorbildhafter Weise hat dies etwa der von Darwin geschätzte Charles Lyell 1834 in seinen „Principles of Geology“ getan. Doch erst seiner 1861 erschienenen dritten englischen Ausgabe stellte auch Darwin eine solche Einführung unter dem Titel „An Historical Sketch of the Recent Progress of Opinion on the Origin of Species“ voran.

Unter dem Druck von Wallace

Oft haben Wissenschaftshistoriker dies auf die besonderen Ereignisse zurückgeführt, die zu Darwins epochalem Werk führten und mit denen sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine regelrechte „Darwin-Industrie“ beschäftigt hat. Im Sommer 1858 war überraschend ein Manuskript des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace in Darwins Hände gelangt, das eine ganz ähnliche Theorie wie die Darwins zur natürlichen Selektion enthielt. Nach der unter sehr merkwürdigen Umständen arrangierten gemeinsamen Veröffentlichung ihrer Thesen sei Darwin gezwungen gewesen, in aller Eile sein bereits mehr als halbfertiges Buchmanuskript zum Artenwandel für die rasche Drucklegung einzukürzen, wobei er sich neben Quellenverweisen zunächst auch das erwähnte historische Vorwort sparte.

Wie diese Einleitung zu Darwins Buch entstand und warum sie tatsächlich so lange auf sich warten ließ, war bislang nicht genau untersucht. In seiner Studie zu Darwins Vorwort hat der amerikanische Wissenschaftshistoriker Curtis N. Johnson am Lewis and Clark College in Portland, Oregon, jetzt verschiedene widersprüchliche Aussagen Darwins aufgedeckt. Ähnlich wie beim merkwürdigen Arrangement um die Veröffentlichung der Wallace-Darwin-Artikel 1858 gibt auch die historische Einleitung zur „Origin“ einige Rätsel auf. Denn möglicherweise hatte Darwin bereits Jahre zuvor, etwa seit Mitte 1856, den ersten Entwurf zu solch einer historischen Einleitung ausgearbeitet, aber nach eigenem Bekunden zeitweilig die Erinnerung daran vollständig verloren („The Preface to Darwin’s Origin of Species: The Curious History of the ,Historical Sketch'“, in: Journal of the History of Biology, Bd. 40, Heft 3, September 2007).

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