»Ich denke, also glaube ich«


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(firmenpresse.de)Kardinal Meisner: Eine verantwortlich durchgeführte Forschung gerät niemals in Konflikt mit dem Glauben. Kommentar des Kardinals zum Essay „Ich denke, also glaube ich“ von Markus v. Hänsel-Hohenhausen

Die These von Hänsel-Hohenhausen: Glauben und Vernunft sind keine Gegensätze, wie heute ganz allgemein geglaubt wird, sie stehen auch nicht zusammenhanglos nebeneinander, sondern sie bedingen sich wechselseitig. Die Spaltung der Wirklichkeit in Materie, die das Leben der modernen Gesellschaft prägt, und in Geist, der angeblich nicht existiert, soll die behauptete Eigenmacht des Subjekts sichern. Diese angebliche Herrschaft des Individuums über eine geistfreie, materielle Welt macht es jedoch in Wahrheit nicht frei, sondern, da es nur noch Materie gibt, verfügbar. Es gibt keinen anderen Ort mehr, wenn es nur noch Materie gibt. Seine Freiheit von der Diktatur des Materialismus kann das Individuum nur durch Kenntnis zurückgewinnen, die darin mündet, daß Glauben und Vernunft in Wahrheit zwei Perspektiven auf dieselbe eine Wirklichkeit sind.

Um diese These zu prüfen, argumentiert die Schrift nicht theologisch, sondern betrachtet die Naturwissenschaften (Mathematik (Mengenlehre, Logische Antinomien, Endlichkeit des Invariantensystems, Goldbachscher Satz, Zahlensymmetrien, Goldener Schnitt, Fraktale, Iteration, Gödel, Hilbert, Raumkrümmung und Geometrie etc.), Biologie (Zikadenzyklen, Einnistung des Fötus, Evolutionstheorie etc.), Physik (Quantentheorie, Unschärfe, Teilchenphysik als Supersymmetrie, Anthropisches Prinzip etc.), Wissenschaftstheorie (Reduktivität, Binarität, Analogie als Beweistechnik, Entpersonalisierung, Hypothetisierung, Intuition, Eidetik)).

Der Kardinal mahnt allerdings auch an: „Immer wieder ist zu beobachten, wie Naturwissenschaftler signifikante Ergebnisse ihrer Forschungen präsentieren, bei deren Interpretation aber doch deutliche Grenzen demonstrieren. Zugleich hinkt ebenso mancher Geisteswissenschaftler dem hinterher, was man heute wissen kann. Ob es zu Beginn des 3. Jahrtausends einen doctor universalis wie einst den großen heiligen Albertus überhaupt noch geben kann, wage ich nicht zu sagen – aber ganz gewiß fehlt er uns.“

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18 Comments

  1. Ich schrieb:
    „Dieser göttliche Geist ist der Schöpfer sowohl des gesamten materiellen “Weltkörpers” als auch der darin lebenden immateriellen Seelen.“

    Anmerkung:
    Strenggenommen sind Seelensubstanzen nicht nur räumlich unausgedehnt (etwas Ausgedehntes ist per definitionem physischer Natur!), d.i. nulldimensional, sondern sie besetzen nicht einmal irgendeinen Punkt des Raumes. Das würde bedeuteten, dass meine Seele als ein außerräumliches Wesen nicht dort wäre, wo mein Körper ist, der sich ja innerhalb des Raumes befindet und einen bestimmten dreidimensionalen Teil davon einnimmt. Cartesianische Seelen befinden sich buchstäblich *nirgendwo*. (Und der krampfhafte Versuch, punktgroße Seelen irgendwo im Raum zu verorten, z.B. dort, wo sich ihre Körper befinden, führt zu schier unlösbaren theoretischen Schwierigkeiten, z.B.: Wenn sich meine punktgroße Seele innerhalb meines dreidimensionalen Körpers befindet, an welchem Punkt meines Körpers? Wenn sich mein Körper fortbewegt, wie kann sich meine Seele mitbewegen, sodass sie nicht aus mir „herausfällt“ und allein zurückbleibt, wo sie doch nicht irgendwo an meinem Körper „festklebt“?)

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  2. Im Grunde ist es ganz einfach:
    Der Theismus stellt eine spiritualistische und damit antimaterialistische Metaphysik dar, die auf dem Substanzdualismus basiert. Wenn dieser falsch ist, dann ist auch der Theismus falsch, da Gott ja auch ein reiner, d.i. körperlos-stoffloser Geist ist.

    Was sind die Hauptthesen des Substanzdualismus?

    „1. Es gibt in der Welt zwei grundlegend verschiedene Arten von Substanzen [im metaphysischen, nicht im chemischen Sinn]: Geister [Seelen] und Körper. Das Wesentliche eines Körpers ist seine Ausgedehntheit im Raum [„res extensa“]; das Wesentliche eines Geistes sind sein Denken und andere geistige Tätigkeiten [„res cogitans“].
    2. Eine menschliche Person ist ein zusammengesetztes Wesen (eine „Vereinigung“ [„unio“], wie Descartes sagt), das aus einem Geist und einem Körper besteht.
    3. Geister unterscheiden sich von Körpern; kein Geist ist mit einem Körper identisch.“
    [©meine Übers.]
    (Kim, Jaegwon. Philosophy of Mind. 2nd ed. Boulder, CO: Westview, 2006. p. 32)

    Der Theismus stellt also einen Geisterglauben dar. Ihm zufolge ist der Ursprung, Urgrund des Seins ein ewiger, d.h. unerschaffener und unzerstörbarer, reiner Geist, der sich all seines Schaffens und Wirkens voll bewusst ist. Dieser göttliche Geist ist der Schöpfer sowohl des gesamten materiellen „Weltkörpers“ als auch der darin lebenden immateriellen Seelen.

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  3. „Naturwissenschaftliche Spitzenforschung ist heute Spekulation, die sich dem Beweis entzieht, und sich methodisch vom verbürgten religiösen Glauben nicht mehr unterscheidet.“

    Es stimmt, dass die Naturwissenschaft in ihren das Weltganze und dessen Ursprung betreffenden Grenzbereichen immer auch Naturphilosophie ist und wohl auch bleiben wird. Doch es ist nicht so, dass in der „Nacht der Spekulation“ alle Katzen gleich grau sind. Schließlich gibt es gute und schlechte philosophische Argumente; und diejenigen der Theologen zählen zu den vergleichsweise sehr schlechten.

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  4. @MartinM:
    „Aus meinen Erfahrungen in der ‚Esoterik-Szene‘ weiß ich, dass viele spirituell veranlagte Menschen annehmen, die ‚bösen‘ Materialisten würde das ‚Gespenst‘ leugnen, es bliebe der ‚Roboter‘ nach.“

    Apropos Gespenster, hier ein schönes Zitat von Ludwig Feuerbach:

    „Die Theologie ist Gespensterglaube.“

    (in „Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie“, 1843)

    Viele Menschen vergessen, dass ein Gottesdienst eine Geisteranbetung ist.

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  5. „Es gibt keinen anderen Ort mehr, wenn es nur noch Materie gibt.“

    Mit einer transzendentalen, d.i. außerraumzeitlichen (oder zumindest außerräumlichen) Wirklichkeitssphäre, die von körperlos-stofflosen Geistern bzw. Seelen mit übernatürlichen Kräften bevölkert wird, kann der Materialismus in der Tat nicht dienen.

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  6. @MartinM:
    Darauf, dass der moderne Materialismus nicht so ‚klotzartig‘ reduktionistisch ist, kommen solchen Menschen einfach nicht. Für sie ist der Materialismus ein Horrorreich ohne Schönheit, erhabene Gefühle oder Liebe.“

    Der (nichtreduktionistische/emergentistische) Materialismus behauptet lediglich, dass dasjenige, das einen Sinn für Schönheit, erhabene Gefühle und Liebe hat, keine immaterielle Seelensubstanz ist, sondern eine materielle Substanz, sprich ein natürlicher Organismus.
    Geist und (Selbst)-Bewusstsein sind keine selbstständigen, körperunabhängigen Dinge, sondern *Eigenschaften* bestimmter hochentwickelter Tiere, zu denen auch wir Menschen zählen.

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  7. Lilith:

    In diesem Blog werden doch die aufklärerischen Tiefpunkte des Abendlandes aufgedeckt, oder nicht?

    Soll ich das nun für den Spiegelartikel oder die Geller-Show nehmen?

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  8. Ich habe nur die Vorschau gesehen und mir sofort erfolgreich eingeredet, dass das ein Albtraum während eines Sekundenschlafs war, daher ist sie an mir vorübergegangen. Allerdings bin ich gerade bei SPON über eine herrliche TV-Kritik gestolpert 😉

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,590702,00.html

    In diesem Blog werden doch die aufklärerischen Tiefpunkte des Abendlandes aufgedeckt, oder nicht? Und diese Sendung war efinitiv eine neue Dimension dessen *gg* Oder gabe es schon zuvor etwas Vergleichbares? Ich hoffe doch nicht!

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  9. @Lilith, Uri Geller, gääääähn. Da ist alles gesagt. Neues hat er nicht mehr auf dem Kasten, eine Story über ihn ist wie ein blutleeres Karnickel.
    Ich meine, die Show schaut sich kaum einer an, der hier kommentierenden Leser, und allen anderen ist das Recht auf Dummheit unbenommen. Also, da du offensichtlich die Sendung schaust, gib bitte Bescheid, wenn Uri Geller in der „Weltuntergangsröhre“, in einem schwarzen Loch, sich selbst hat verschwinden lassen und er erstmalig hinter seinen eigenen Ereignishorizont schauen kann.

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  10. Aber wo wir gerade dabei sind: Ich wundere mich, warum sich hier auch nach Tagen kein Eintrag zu Uri Gellers UFO-Show findet. Hat hier niemand die Schmerztoleranz besessen, um die Sendung zu ertragen? Oder wird kollektiv verdrängt, dass das reales deutsches Fernsehprogramm ist? 😉

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  11. Hahaha! Ich muss sagen, den Leser so offensichtlich übers Ohr hauen zu wollen, zeugt von einer gewissen Chuzpe. Die Verdutztheit des klugen Lesers bei soviel Dreistigkeit kommt in Myrons Beitrag prima herüber 😉

    Andererseits glaubt Meisner vermutlich *wirklich*, stichhaltig argumentiert zu haben…auweia! :/

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  12. Selbstverständlich ist der Materialismus monistisch – aber offensichtlich kann sich der gute Kardinal die Denkprozesse eines echten Materialisten gar nicht vorstellen – die äußerste Grenze seiner Vorstellungswelt scheint bei Descartes Dualismus, zu liegen. Über die Gründe kann ich nur spekulieren – vielleicht, weil der cartesianische Materie-Seele-Dualismus den Menschen als eine Art „biologischen Roboter“ bewohnt von einem Gespenst (der lt. Descartes körperlosen Seele) sieht. Aus meinen Erfahrungen in der „Esoterik-Szene“ weiß ich, dass viele spirituell veranlagte Menschen annehmen, die „bösen“ Materialisten würde das „Gespenst“ leugnen, es bliebe der „Roboter“ nach. Darauf, dass der moderne Materialismus nicht so „klotzartig“ reduktionistisch ist, kommen solchen Menschen einfach nicht. Für sie ist der Materialismus ein Horrorreich ohne Schönheit, erhabene Gefühle oder Liebe.
    Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Kardinal Meisner so denkt, wie „meine“ Esoteriker. Denn was immer man „Eso-Spinnern“ auch vorwerfen kann – mangelnde Phantasie gehört nicht dazu. Hingegen hat sich Meisner bei mehreren Gelegenheiten als ausgesprochen phantasieloser Mensch gezeigt.

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  13. Solange die Naturalisten nicht bereit sind, in der wissenschaftlichen Welterklärung mehr nachzudenken, als es derzeit geschieht (ohne ins Un-/Übernatürliche zu verfallen) müssen die Dogmatiker den Menschen versuchen einen gemeinsamen Sinn, eine mystische Bestimmung einzureden. Vergebens (wie ich auch unter theologie-der-vernunft.de versuche deutlich zu machen).

    Bei einer Fachtagung für Unternehensführung wurde mir gerade wieder von erfolgreichen Trainerausbildern und Sportlern beigebracht, warum eine gemeinsame Vision, ein gemeinsames Ziel (eine realistische Bestimmung) die gegenseitig Anerkennung, Vertrauen… schafft, unabdingbare Voraussetzung für Leistung und Erfolg im Team sind. Und dies scheint – wie sich derzeit auch in der freien Marktwirschaft zeigt – auch für unsere Gesellschaft zu gelten. Nur so ist aus kapital und konsumegoisitischen Einzelkämpfern, die Zukunft vernichten, statt gestalten, eine kreative Gemeinschaft zu machen. Der reine Humanismus hat das nicht geschafft.

    Naturalistische Gesamt-Denker, die nicht nur verneinende,, sondern neue Fragen stellen – auch gegenüber den Glaubensverkündern- sind daher gefordert.

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  14. @myron,
    und wenn im Forum darüber nachgedacht wird,
    -warum es die entleerte Dogmatik ist, die die Wirklichkeit aufspaltet,
    -das Wissen über Jahrhunderte ausgegrenzt hat und somit weiter eine menschliche Bestimmung nur in Un- oder Übernatürlichkeiten bzw. dogmatischer Rhetorik gesucht wird,
    -über einen Unbenennbaren Urgrund sonst nichts zu sagen ist, als das, was auf naturalistische Weise im Aufbau bzw. dem logischen Werden der Welt wahrzunehmen wäre,

    -dies evtl. der Kern der eigentlichen urchristlichen Lehre ist, die derzeit von der Kirche auf den Kopf gestellt wird,

    dann muss man dort die Diskussion schließen.
    (Auch wenn ich teilweise Verständnis habe)
    Danke

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  15. „Die Spaltung der Wirklichkeit durch den Materialismus

    Der herrschende Materialismus legitimiert sich durch die unnatürliche Auftrennung der Wirklichkeit in Materielles und Geistiges.“

    Wie bitte?!
    Es ist nicht der Materalismus, sondern der auf dem Substanzdualismus basierende Theismus, der die Wirklichkeit in ein Körperreich und ein unkörperliches Geister- bzw. Seelenreich aufspaltet (mit Gott als „Geist aller Geister“).
    Der Materialismus ist dagegen in Bezug auf Substanzen („Dinge“) monistisch: Alle Dinge sind materielle Dinge.

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  16. „Der Kardinal mahnt allerdings auch an: ‚Immer wieder ist zu beobachten, wie Naturwissenschaftler signifikante Ergebnisse ihrer Forschungen präsentieren, bei deren Interpretation aber doch deutliche Grenzen demonstrieren‘.“

    Im Gegensatz zu den Theologen verfügen die Naturwissenschaftler immerhin über eine gewaltige Menge an empirischen Daten, die eine *substanzielle* Interpretationsgrundlage bilden.

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  17. „Kardinal Meisner verweist hierzu in seinem Vorwort zum Buch Hänsel-Hohenhausens auf das Zweite Vatikanische Konzil: Eine saubere und verantwortlich durchgeführte Forschung werde ’niemals in einen echten Konflikt mit dem Glauben kommen, weil die Wirklichkeiten des profanen Bereichs und die des Glaubens in demselben Gott ihren Ursprung haben‘.“

    Dies ist ein typischer Fall einer „petitio principii“:
    „stillschweigende, unbewußte Voraussetzung eines erst noch zu beweisenden, nicht bewiesenen Satzes“
    (http://www.textlog.de/4841.html)

    Der in der obigen Äußerung vorausgesetzte Satz, den es zu beweisen gilt, ist: „Gott existiert.“
    Wenn man diesen Satz als absolut feststehendes Axiom in allem voraussetzt, dann wird man als „frommer Mensch“ grundsätzlich alles, was ihm zu widersprechen scheint, als ihm eben *nur scheinbar* widersprechend, d.h. als ihm *nicht wirklich* widersprechend zurückweisen und unbeirrt daran festhalten.
    Frei nach einer unbelegten Anekdote, die über Hegel erzählt wird, verfahren die Meisners dieser Welt nach dem Motto:
    „Wenn unser religiöser Glaube sich nicht mit den wissenschaftlichen Tatsachen vereinbaren lässt, umso schlimmer für die wissenschaftlichen Tatsachen!“

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