Darwin: „Mir ist, als gestände ich einen Mord“


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Die Schöpfung

JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Zu den bevorstehenden Jubiläen der Evolutionstheorie – 200. Geburtstag des Schöpfers, 150. Jahrestag der Publikation des „Origin of Species“ – gibt es eine Briefauswahl: Wer von Charles Darwin Post bekam, bekam zu tun.

Schädlich für meinen Charakter als künftiger Geistlicher.“ Das ist der erste von acht Punkten, in denen Charles Darwin, frisch examinierter Theologe der University of Cambridge, am 31. August 1831 in einem Brief an seinen Vater dessen Einwände gegen die Reise mit der „Beagle“ rekapituliert. Eingeladen hat ihn die britische Regierung, sie will einen „Naturforscher“ an Bord und sieht darüber hinweg, dass der junge Mann kaum Ausbildung darin hat, vor der Theologie hatte er Medizin studiert und abgebrochen (sich allerdings dabei auch in Biologie und, vor allem, Geologie eingearbeitet).

Aber Interesse hat er, Insekten sammelte er schon als Kind, er will auf die „Beagle“ und zeigt im Brief an den Vater, dass er durchsetzungsfähig ist (und ein Meister der Manipulation: Der Brief ist kunstvoll gebaut und lässt dem Vater keine Wahl). Er holt sich die Zustimmung, geht an Bord, und vom „künftigen Geistlichen“ hört man nichts mehr bzw. liest man nichts mehr in der Briefauswahl, die der Insel-Verlag zum 150. Jubiläum der Publikation des „Origin of Species“ vorgelegt hat (das Buch wurde vor zehn Jahren schon einmal publiziert, aber man liest es doch gerne). Darwin war ein manischer Briefschreiber, ein bedachter, ein berechnender und einer, der sich selbst durchschaute: „Dies ist ein außerordentlicher Brief, wie sie ihn von mir noch nie erhalten haben“, formuliert er am 29. 11. 1857 an den US-Naturforscher Asa Gray: „Er wird nicht eine Frage oder Bitte enthalten.“

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5 Comments

  1. Habe in den letzten Monaten Darwin’s Gesammelte Werke gelesen. Ziemlich „modern“ geschrieben und gut lesbar. Er hat die Evolutionstheorie sehr sorgfältig aus empirischen Fakten abgeleitet und theoretisch sauber begründet. Dabei hat er bereits recht zutreffend Vererbungsmechanismen postuliert, die damals noch gar nicht bekannt waren.

    Stark beeindruckt hat mich die Tatsache, wie intensiv Darwin sich mit allen möglichen Einwänden gegenüber seiner Theorie auseinander setzt. Immerhin hatten ihn ja auch selber die Zweifel lange Jahre geplagt.

    Meistens hat Darwin dann auch überzeugende Argumente gegen die Einwände zeitgenössischer Wissenschaftler. Und wenn er einmal eine Tatsache nicht sauber mit seiner Evolutionstheorie erklären kann, so gibt er das auch zu. Aber – und das ist das Besondere – das bringt seine Argumentation nicht ins Wanken: Nur weil hier und da eine Frage (noch) nicht beantwortet werden kann ist ja nicht gleich die ganze Theorie falsch.

    In der Summe sind die empirischen Belege FÜR die Theorie dermaßen überzeugend, dass man getrost mit einigen offenen Fragen leben kann. Diese Souveränität in seiner Argumentation ist auch heute noch sehr beeindruckend. Man merkt, dass er ein Leben lang sehr sehr gründlich über das Thema nachgedacht hat.

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  2. === schnipp ===
    Eingeladen hat ihn die britische Regierung, sie will einen „Naturforscher“ an Bord
    === schnapp ===

    das stimmt AFAIK nicht. ‚Naturforscher‘ an Bord derartiger Schiffe war üblicherweise der Schiffsarzt.

    Darwin sollte als Tischgenosse des selbstmordgefährdeten Kapitäns mitreisen, weil der aus Disziplingründen nicht mit der Mannschaft speisen durfte.

    Entgegen den ursprünglichen Überlegungen musste Darwin dann für seine Reise auch noch bezahlen.

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  3. Zu Nietzsche – er lehnte Darwin ab (jedenfalls nachdem er Darwin gelesen und begriffen hatte.)
    Auch wenn Nietzsche – typisch für ihn – sich durchaus widersprüchlich zu Darwin äußert, scheint mir diese Äußerung aus „Götzen-Dämmerung“ charakteristisch zu sein:

    (…) Man soll nicht Malthus mit der Natur verwechseln. – Gesetzt aber, es gibt diesen Kampf – und in der Tat, er kommt vor-, so läuft er leider umgekehrt aus, als die Schule Darwins wünscht, als man vielleicht mit ihr wünschen dürfte: nämlich zu Ungunsten der Starken, der Bevorrechtigten, der glücklichen Ausnahmen. Die Gattungen wachsen nicht in der Vollkommenheit; die Schwachen werden immer wieder über die Starken Herr – das macht, sind sie die große Zahl, sind sie auch klüger… Darwin hat den Geist vergessen (-das ist englisch!), die Schwachen haben mehr Geist

    Nietzsche erkannte – sehr im Gegensatz zu zahlreichen „Darwin-Kritikern“ bis heute – dass der „Darwinismus“ nicht auf das „Überleben der Starken“ hinausläuft. Was er, der von eine aristokratischen „Herren-Moral“ schwärmte, nicht sonderlich mochte. Darwins „Entstehung der Arten“ wird bei Nietzsches Aussage „Gott ist tot – und wir haben ihn getötet“ keine nennenswerte Rolle gespielt haben.

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  4. oxnzeam

    === schnipp ===
    Bei deren Lektüre wird auch Darwins Hinwendung zum Agnostizismus ersichtlich
    === schnapp ===

    nun ja, dazu könnte man auch einfach in seine Autobiographie schauen, selbst wenn die notorisch unzuverlässig ist, weil sie vom Familienrat redigiert wurde.

    Da aber Darwins ‚Bulldogge‘ Huxley den Begriff ‚Agnostizismus‘ prägte, darf man wohl vermuten, dass Darwin dieser Anschauung nicht gerade feindlich gegenüberstand.

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  5. ?? Die mehr als 5000 Darwin-Briefe sind längst vom „darwin project“ veröffentlicht worden.

    http://www.darwinproject.ac.uk/component/option,com_frontpage/Itemid,1/

    Bei deren Lektüre wird auch Darwins Hinwendung zum Agnostizismus ersichtlich und seine Befürchtung, Gott bei Übertragung der Evolutionstheorie auf den Menschen für nichtexistent erklären zu müssen.
    by the way: Nietzsche hat ja Darwin aufmerksam studiert und beide kannten wohl Hegels Erstformulierung von „Gott ist tot“

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