Der Segen kommt vom Avatar – über virtuelle Religionen


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SECOND LIFE / In virtuellen Gotteshäusern suchen Menschen Gemeinschaft und Kontakt
Wenn Avatare den Segen spenden
VON BURKHARD SCHRÖDER – Rheinischer Merkur

Eine halbe Million Menschen sind ein Argument, um das man sich kümmern muss: So viele Internetnutzer bewegen sich wöchentlich in Second Life. Insgesamt sollen 15 Millionen Avatare die dreidimensionale Onlinewelt bevölkern. Avatar ist das Sanskritwort für „der Herabgestiegene“. Auch die christlichen Kirchen haben sich kleine virtuelle Stützpunkte in dieser Welt geschaffen. Was dort geschieht, warum Avatare Seelsorge brauchen und ob der kirchliche Segen auch virtuell wirkt, sind theologisch äußerst anspruchsvolle Fragen und noch kaum erforscht.

Wer in der internen Suchmaschine von Second Life nach „catholic“ sucht, landet unweigerlich im schwäbischen Reichenau-Oberzell am Bodensee. Die dortige Georgskirche, ein Weltkulturerbe der Unesco, ist maßstabgetreu nachgebaut. In unmittelbarer Nachbarschaft ist eine kleine Barockkirche entstanden. Wenn es im realen Mitteleuropa Nacht wird, versammeln sich in der virtuellen Kirche Avatare und beten die Komplet. Über Kopfhörer sind Glocken und gregorianische Gesänge zu hören. Im Unterschied etwa zum päpstlichen Segen „urbi et orbi“, der über Fernsehen empfangbar ist, ist man bei Second Life virtuell „anwesend“ und kann aktiv agieren.

Hinter dem Avatar „Benedetto Burger“ verbirgt sich Norbert Kebekus, Fachstelle Pastoral im Internet des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Freiburg. „Augustinus Foggarty“ ist in Wahrheit der Illustrator und Grafiker Peter Esser aus Krefeld. Er hat das Projekt ästhetisch anspruchsvoll umzusetzen. Die Freiburger hätten gern das Münster nachgebaut, aber das wäre technisch zu kompliziert gewesen.

Das ästhetische Erleben kann das Gefühl von Gemeinschaft verstärken. Die dreidimensionale Georgskirche, die real aus der späten Karolingerzeit stammt, ist in Second Life ein Anachronismus, der Aufmerksamkeit erregt – und gleichzeitig ein Symbol für die zeitlose Kontinuität des Glaubens. Es gehe darum, sagt „Burger“ alias Kebekus, „die Entwicklung virtueller Welten insgesamt im Auge zu behalten“. Kirche müsse überall präsent sein – „die Welt ist nicht genug“.

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2 Comments

  1. Der Begriff „Avatar“ ist mir bei der hinduistischen Christologie begegnet. Dort wird Jesus als Avatar einer höheren Vernunft gesehen, die ganz und gar nicht virtuell ist, sondern in kreativer Realität wahrzunehmen wäre.

    Diese erstmals auch von den griechischen Naturphilosophen erkannte Vernünftigkeit allen kreativen Werdens (heute in Evolutionslehre empirisch nachgezeichnet), deren Avatar heute als ein wundersame Guru „geglaubt“ wird, scheint uns verloren gegangen zu sein. Was bei der virtuellen Avatarerei besonders deutlich zu Ausdruck kommt.

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  2. Wenn die es interessant finden, sich in einer virtuellen Kirche auszusprechen, dann sollen die es auch. Wie schon im Artikel geschrieben… (viele) Menschen erwarten eine gewohnte Umgebung und gewohnte Figuren. Und die Kirche bzw. eine Kirche in der virtuellen Umgebung ist ja nix anderes als was gewohntes. Allerdings sehe ich ein Glaubenskrieg kommen. Dort drüben hat Frau Rowling sich eine virtuelle Welt zusammengebaut, in der Kinder eine Second Life Version ihrer Harry Potter Romane vorfinden. Sie können das Schloß besuchen, die bekannten Figuren wandern rum und man kann sich über die Muggels austauschen, bis die Leitung glüht. Und dann gibt es irgendwo eine (strenggläubige) Kirche, die sowas als Teufelswerk beschuldigt. Und sie da… auch dort haben sich Menschen versammelt und nicken mit dem Kopf. Und schon hat man das, was uns auch im echten Leben auf den Geist geht… den bekannten Streit A vs. B. Es wird nicht lange dauern, dann wird sowas sicherlich auftauchen, wetten ? 😉 .

    Natürlich existieren hier und da lockere Gläubige, die nix dagegen haben, dass dort Kids in einer „magischen Welt“ flüchten. Aber wir wissen aus der realen Welt schon gut genug, dass die ultragläubigen schamlos jedes Instrument nutzen, um sich bzw. „ihren“ Glauben nach vorne zu drängen. Und die normalen Kirchen ? Wortlos schauen die zu, wie sich die Leute die Rübe einschlagen. Business as usual…

    „Die Welt is nicht genug“… wie wahr, wie wahr. Ich sehe „Glaubenskrieg 2.0“ am Horizont. Denn wo eine Kirche ist, wird eine Moschee nicht weit entfernt sein.

    Was für ein Glück, dass Second Life mit Strom betrieben wird. Treiben es dort die Leute zu bunt, kann man immer noch den Stecker ziehen und ein altes und ungläubiges Backup zurückfahren 🙂 .

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