Die unheilige Allianz zweier Volksbetrüger


denk-mit.info
Quelle: denk-mit.info

von Klaus Uppendahl – bfg Erlangen

Der angeblich weltanschaulich neutrale Staat und die verkappte Staatsreligion Christentum[1]

I. Nur noch jeder zweite Deutsche glaubt an Gott

1) Entchristlichung der Geistlichkeit und die säkulare Gesellschaft


II. Täuschung und Manipulation mit Hilfe der Bibel

  1. Lug und Trug um die Geburt Jehoschuas, alias Jesus Christus
  2. Der gefälschte Missionsbefehl und der echte Judenhass im Neuen Testament

III. Verfassungsverrat und Höchstprivilegierung zu Gunsten des Christentums

  1. Religiöse Herrschaftszeichen in Gerichten des keineswegs weltanschaulich neutralen Staates
  2. Der verfassungswidrige Ethikunterricht: zwangsweiser Ersatz für das freiwillige Fach Re­ligion
  3. Die Glaubensfreiheit eines „Gesundbeters“ als höchstes Menschenrecht?

1. Entchristlichung der Geistlichkeit und die säkulare Gesellschaft

Vor etwa einem Vierteljahrhundert saß mir eines mittags in der Mensa der Univer­sität Hamburg ein Kom­militone gegen­über, der mir auf Befragen mitteilte, er stu­diere „Theologie“. Ich fragte ihn, wie man in unserer Zeit noch an den bibli­schen Gott glauben könne. Der Theologe erklärte seelenruhig, er glaube ja gar nicht an Gott. Völlig verblüfft fragte ich weiter, weshalb man Theologie stu­dieren könne, wenn man praktisch Atheist sei. Da antwortete mein Gegen­über mit größter Gelassenheit, er stu­diere dieses Fach, um den Menschen zu helfen; er hätte genauso gut Medizin wäh­len können.

An dieses Erlebnis dachte ich wieder, als ich in dem Band Kirchen und Staat, vom Kaiserreich zum wiedervereinig­ten Deutschland den sonst rät­selhaften Satz las: „Jüngste Befra­gungen zum Pfar­rerbild bestätigen ein zu­nehmendes Desin­teresse junger Geistli­cher an theologischen Fragen.“[2] In demselben Ab­satz hatte der Autor, der Theo­logie-Professor Be­sier, eine empirische Un­tersuchung aus dem Jahre 1997 von Klaus-Peter Jörns mit geradezu dramati­schen Ergebnis­sen über das Gottesbild heutiger Gemein­depfarrer zitiert. Danach spricht be­reits ein Drittel der be­fragten Seel­sorger Jesus Christus das „Gottesprädi­kat“ ab. Etwa der gleiche Anteil – wirklich nur ein Drittel! – hält die Bi­bel als das zentrale Buch der Christen­heit noch für heilig. Bloß 43% der befrag­ten Geistli­chen sind davon überzeugt, dass Gott allmächtig ist.

Weiter refe­riert Besier die Forschungs­ergebnisse Jörns’ mit folgenden Worten: „Mit der Degradie­rung des ewigen Got­tessohnes zum bloßen Men­schen Jesus kor­respondiert der Zu­sammenbruch der christlichen Erlö­sungslehre: An die zen­trale bi­blisch-theologische Aussage der Erbsünde glauben nur noch 13 Prozent der befrag­ten Pfarrer. Mit ei­nem Jüng­sten Gericht rechnet nur noch ein Drittel dieser Pasto­ren.“ Besier zi­tiert dann Jörns zustimmend mit dessen alles ent­scheidender Fra­ge, „wie die Kir­chen mit der Diskre­panz zwischen dem, was sie lehren, und dem, was selbst die Glau­benslehrer und -lehrerinnen in Kir­che und Gemeinde wirklich glau­ben, künftig umgehen wollen“.

Was nun die Gesamtgesellschaft anlangt, erwähnt Besier eine „Umfrage des Insti­tuts für Demoskopie in Allensbach vom Frühjahr 1993“, die die „ab­nehmende Be­deutung klassischer Religiosität“ unter­streiche. Danach rangiert „Freiheit“ in ei­ner Idealwelt an erster Stelle, „Religiosität“ dagegen auf dem vorletzten Rang von insge­samt 17 Positionen. Schon aus solchen Erhebungen nach der religiösen Einstellung können nachdenkliche Menschen ohne geistige Scheuklappen ableiten, dass die von inter­essierter Seite behauptete „christliche Grundhaltung“ in Deutschland mehr Lüge als Wahrheit sein dürfte. Besier weist schließlich auf folgendes Paradoxon hin, das meistens verschwiegen wird: Die Jenseits-Agentu­ren wollen noch immer keine Gefährdung ihres Status erkennen, obwohl sie erleben müssen, „dass das Kirchenvolk ih­nen wegläuft. Diese innere Auszehrung könnte die politischen Kräfte nötigen, über die Stellung der Kirchen in der Ge­sellschaft neu nachzudenken. Eine Minderheitenkirche wird nicht mehr einzigartig privilegiert an der Gestaltung dieser Gesellschaft mitwirken können“.

Auch an die offiziellen Mitgliederzah­len der lutherischen und katholischen Kirche werden völlig unsinnige Schlussfolge­rungen einer weitgehend „christlichen“ Gesellschaft ge­knüpft! Bereits das Haren­berg Lexikon der Ge­genwart von 1999[3] kann die protzigen Mit­gliederzahlen der Glaubenskonzerne als völlig irreführend demaskieren. Unter dem Stw. „Kirche, Evangeli­sche“ liest man bei „Mitgliederbefragung“ nämlich folgen­des: „Nur 11% der Be­fragten besuchten re­gelmäßig den Got­tesdienst: 42% gaben an, nicht an Gott zu glau­ben.“ Das bedeutet also im Klar­text, daß von 27,7 Mio evan­gelischer Taufscheinchristen nach dem Stand vom 31.12.1996 in Wirk­lichkeit 11,63 Mil­lionen Ungläubige, also Athei­sten sind! Nach demselben Lexikon meldeten die Katholiken für Ende 1996 27,5 Mio Mitglieder. Nimmt man nun analog zu den protestantischen Schaumschlägereien an, dass etwa ein Drittel der Ka­tholiken (al­so 9,16 Mio Menschen) nicht an Gott glaubt, dann gäbe es in Wirklichkeit zusammen mehr als 20 Mio „atheisti­sche Christen“.[4] Rechnet man diese zu den 20 Mio Kirchenfreien hin­zu, erreichen wir etwa die Hälfte der deutschen Gesamt­bevölkerung mit einer athei­stischen und agnostischen Einstel­lung[5], ohne dass dies in unseren kleri­kal unterwanderten Massenmedien[6] jemals auch nur andeutungsweise zum Aus­druck käme. Jeder, der sich nicht selber belügt, wird niemanden schon deshalb als Christen bezeich­nen, der sich die sogenannte Kirchensteuer – ein Definitionsbetrug für „Mitgliederbeitrag“! – von sei­nem Einkommen ab­ziehen lässt, für den Gott aber nur ein Mythos ist und der das „Glaubensbekenntnis“ seiner Religionsgemeinschaft als sinnlos empfin­den muss.

2. Lug und Trug um die Geburt Jehoschuas, alias Jesus Christus

Was die Geschichtlichkeit des Wanderpredigers Jesus von Nazareth betrifft, gibt es keine einzige glaub­würdige profane Quelle. Alle Behauptungen der Christentum­spropagandisten über das angebliche Leben ihres Menschheitsbeglückers gehen auf das tendenziöse Neue Testament zurück.[7] Wo doch weltliche Quel­len angegeben werden, sind sie nichtssa­gend oder nachgewiesene Fälschungen. Der bedeutendste jü­dische Historio­graph jener Zeit, Flavius Josephus, erwähnt Jesus kurz, aber alle ernsthaften Gelehrten sind sich darüber einig, dass dieses Testimonium Flavianum eine christliche Fälschung aus dem 3. Jahrhundert ist.[8]

Der englische Autor Robin Lane Fox weist darauf hin, im Frühchristentum habe man mögli­cherweise überhaupt nicht gewusst, wann und wo der angebliche Gottes­sohn gebo­ren worden sei. Von ungleich größerem Interesse sei ursprüng­lich sein Kreuzestod und die daran geknüpfte Erlö­sungshoffnung seiner Anhänger gewesen.[9] Deschner schreibt zur Ent­stehung des Weihnachtsfestes, um 200 habe Clemens von Alexandrien den 17. Nov. als den richtigen Tag angese­hen. Er habe auch über­liefert, manche hätten den 19. April und wieder andere den 20. Mai als Geburtsda­tum des Galilä­ers ange­geben. Das heutige Weihnachtsfest habe sich erst im 2. Jahr­hundert in Ägypten entwickelt und sei dort am 6. Januar ge­feiert worden, dem Ge­burtstag des Gottes Osiris. Deschner fährt dann wörtlich fort: „Erst im Jahre 353 hat die Kir­che den Geburtstag Christi auf den 25. Dezember, den Geburtstag des Mithras, des unbesiegbaren Sonnengottes ver­legt, um diesen aus dem Volksbewußt­sein zu verdrängen.“[10]

Das Neue Testament berichtet, Jesus sei ein Zimmermannssohn aus Nazareth gewe­sen. Beth­lehem als seine angebliche Geburtsstadt nennen nur Matt­häus und Lukas. Nach Meinung fast al­ler ernsthaften Wissenschaftler unserer Zeit ist die Geschichte von der Geburt in der „Stadt Da­vids“ offenbar nur entstan­den, „um den Messiasanspruch Jesu zu rechtferti­gen. Der Messias sollte aber nach einer Prophetie Michas (Micha 5,2-15) ein Spross aus dem in Bethlehem be­heimateten Hause Davids sein.“[11] Fox zählt eine ganze Reihe von Gründen auf, warum Jesus aus Galiläa mit Si­cherheit nicht im ju­däischen Bethlehem geboren worden sein kann.[12]

Zum Matthäusevangelium schreibt der englische Autor, wer hier ins Grübeln gerate über strahlende Himmelskörper und über weise Sterndeuter aus dem Osten, der gehe von einer falschen Interpretati­on aus. Nun folgt ein Paukenschlag nach dem anderen: „Das Evangelium beruht nicht auf historischen Tatsachen, es erzählt nicht von einem echten Ko­meten oder von wirklichen Sterndeutern aus dem Osten (…). Bethlehem war nicht der Ge­burtsort Je­su, der Name der Stadt wurde aufgrund der hebräischen Ver­heißungen über den kommen­den Messi­as eingesetzt; und auch die Geschichte um den Stern hatte einen ähnlichen Ur­sprung. Im Buch Nu­meri 24,17 prophezeit der Prophet Bi­leam: ,Ein Stern geht in Ja­kob auf, ein Zep­ter erhebt sich in Is­rael.’“ Fox fügt hinzu, wir wüssten, „daß diese berühmte Verheißung als Anspie­lung auf ei­nen neuen Mes­sias gewertet wurde.“ Die Sterndeuter seien „aus einer anderen Legende hinzuge­fügt“.[13]

Als Grundlage für meine Überlegungen und Schlussfolgerungen zu den „Heiligen drei Königen“ würde bereits das maß­gebliche ka­tholische Nach­schlagewerk Lexi­kon für Theologie und Kirche genü­gen,[14] da es im kirchen- und religionskri­tischen Sinne als höchst unverdächtig gelten kann. Ich zitiere daraus die ent­scheidenden drei Sätze: „Die Hi­storizität der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet. Damit entfallen die Versu­che, die Magier historisch als baby­lonischen Astrologen, persischen Priester od. arabischen Händler zu erklären. Auch die Rekonstruktion des Sterns als Supernova, Komet oder Jupiter-Saturn-Konjunktion berücksichtigt nicht die einem jüdischen Midrasch ähnliche literarische Gat­tung.“ In­direkt gibt al­so die bedeutendste katholische Enzyklopädie in deutscher Sprache zu, dass die „Heiligen drei Könige“ frei erfun­den wurden.

Ganz und gar irrsinnig erscheint es mir nun, für rein literarische Gestalten, die niemals gelebt ha­ben, einen gesetzli­chen Feiertag am 6. Januar jedes Jahres (oder an einem beliebi­gen anderen Tag) zu begehen und noch im 21. Jahrhundert daran festzuhal­ten.[15] Ich richtete deshalb an den bayerischen Staatsminister der Justiz, den Katholiken Dr. Manfred Weiß, die Frage, ob er sich nicht dafür einsetzen wolle, die­sen äußerst merk­würdigen gesetzlichen Feiertag der „Heiligen drei Könige“ abzu­schaffen. Alternativ könne ja in Erwägung gezogen werden, ei­nen Gedenktag für die zahlreichen Op­fer der Hexenverfolgung in Bayern einzurichten. Die Antwort mit Datum 21.6.2001, die „zuständigkeitshalber“ vom Kultusministerium verfasst wur­de, berief sich auf das Feiertagsgesetz, die Bayerische Verfassung und auch auf Art. 139 WRV als Bestandteil des GG. Nun wörtlich: „Hieraus ist der Gesetzgeber ver­pflichtet, kirchliche Feiertage entsprechend der in Bayern verwurzelten Tradition anzuerkennen (…). Dabei kommt es nicht darauf an, ob dem traditionellen kirch­lichen Feiertag ein historisch nachweisbares Ereignis zu Grunde liegt oder nicht. Von Seiten der Staatsregierung be­stehen keine Bestrebungen, den gesetzlichen Feiertag der Heiligen Drei Könige abzuschaffen.“ (Hv. K.U.). Das bedeutet also, ein Lügen­märchen bzw. eine Geschichtsfälschung wird als Grundlage für einen kirchli­chen Feiertag genom­men, und auch nachdem dies allen Entscheidungsträgern klar sein müsste, wird an dem Volksbetrug festgehalten!

Hermann Gunkel erwähnt in seinem erstaunlichen Buch Das Märchen im Alten Testament im Zu­sammenhang mit dem „Aussetzungsmärchen“ des Mose die „Er­zählung von der Geburt des Heilan­des bei Lukas“. Beiläufig gibt er an, diese Ge­schichte sei „ja längst als Sage erkannt worden“[16]. Gunkel weist noch nach, die bei­den Erzählungen von den Magiern und dem Bethlehemitischen Kin­dermord bei Matthäus enthielten zwei verbreitete Märchenmotive, die „nicht selten“ miteinan­der verbunden seien. Es hande­le sich einerseits um die „Gefahren, die dem Kinde drohen“ und anderer­seits um „eine Weis­sagung (…), die Menschen zu vereiteln streben, die aber das Schicksal dennoch erfüllt“.[17] Gunkel fährt dann fort, sehr häu­fig sei dieses Motiv in der Form, „daß der gegenwärtige König, der jetzt noch im Besitz aller Macht ist, den zukünftigen Herrscher, der ihn einst entthronen wird, in dem Kindlein ver­folgt.“[18]

Der Bethlehemitische Kin­dermord des Herodes ist ebenfalls eine freie Erfindung wie die Weisen aus dem Morgenlande. Besonders ärgerlich ist wieder der Umstand, dass die Kirche und ihre ideologi­schen Zuarbeiter in Bildung und Medien allen weismachen wollen, diese neutestamentlichen Märchen seien tatsächlich historische Ereignisse. Zahlreiche Ge­schichts-, Sozial-, und Kulturwissenschaftler so­wie ein Heer von Medienmitarbeitern und vor allem auch die in den kirchlichen Diensten abhängig Beschäftigten werden bis auf den heutigen Tag im­mer wieder durch drei­ste christ­liche Fälschungen und Manipulationen getäuscht. Sie führen dann ihrer­seits – gewollt oder ungewollt – ein Millionenpublikum in die Irre, wenn sie z.B. die Lügengeschichte vom grausamen Kindermörder Herodes in ihre sonst durch nor­male Geschichtsquellen belegbare Darstellung einschließen.

So gibt es den Sachbuchautor Hubert Gundolf mit einem Titel Massenmord, Das dunkelste Kapitel der Menschheitsge­schichte. Der Verfasser zitiert ganz unge­hemmt aus dem Neuen und Alten Testa­ment wie aus völlig unbedenklichen Ge­schichtsquellen. Als anscheinend historische Ereignisse werden dann konsequenter­weise ein „Engel des Herrn“, die „Weisen aus dem Morgenlande“, der „Bethlehemi­tische Kin­dermord“ und die Erfüllung einer Weissagung des Jere­mias geschildert. Anschließend wird Flavius Josephus mit einem moralisch vernichtenden Urteil über Herodes zitiert, der „seine Königs­würde mit dem Mord an unschuldigen Kindern und Säuglingen besudelte“. Gundolfs längeres Jose­phus Zitat enthält nun aber kei­neswegs einen Hinweis auf den Bethlehemitischen Kin­dermord.[19]

3. Der gefälschte Missionsbefehl und der echte Judenhass im Neuen Testa­ment

Auch andere biblische Unwahrheiten, die den einseitig indoktrinierten Christen stets als Tat­sachen verkauft werden, sind den meisten nicht bekannt. Der soge­nannte Missionsbefehl bei Mt. 28,19 ist nach Deschner eine Fälschung.[20] Mei­nes Er­achtens ist allein der Wortlaut schon viel zu schön, um wahr zu sein – und damit ei­gentlich gleich sehr verräte­risch: „Darum gehet hin und lehret alle Völker und tau­fet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.[21] Es finden sich gleich drei wichtige Lehrsätze der Kirche in einem Vers: der „Missionsbe­fehl“, der „Taufbe­fehl“ und das „Trinitätsdogma“, das nur an dieser Stelle in dieser ein­deutigen Weise in der ganzen Bibel vorkommt! Vergessen werden sollte vielleicht auch nicht, dass diese ausgeklügelten Worte aus dem Munde des angeblich von den To­ten auferstandenen Jesus stammen.

Der behauptete Befehl zur Heiden- und Weltmission steht eindeutig den Versen bei Mt. 10,5f entge­gen, wo Jesus seinen zwölf Jüngern befiehlt: „Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Sa­mariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Him­melreich ist nahe.“ An ei­ner Verkündigung außerhalb der Grenzen seines Landes war der Galiläer al­so nicht interessiert. Dazu wäre wohl auch kaum Zeit gewesen, wo er ja den Anbruch des Gottesrei­ches noch zu Lebzeiten mancher seiner Zuhörer erwartete. Die Ein­heitsübersetzung der Bibel ver­sucht ihre Leser in einer Fußno­te schamlos zu verdummen, wenn sie schreibt, der Auferstandene „erneuert die in Mt. 10 berichtete Sendung durch den irdischen Jesus. Die Jünger er­halten jetzt aber einen weltweiten Auftrag.“[22]

Der seltsame Missionsbefehl ist auch bei kritischen Geistern als Fäl­schung unbekannt ge­blieben. Ich besitze Bücher über die Verbrechen der christli­chen Mission im Verbund mit dem euro­päischen Kolonialismus, der Ausplünde­rung fremder Kontinente und der Vernichtung hochstehender Kultu­ren. Der eine Titel nennt sogar einen Teil des „Missionsbe­fehls“; dass dieser aber nicht echt ist, er­wähnt keiner der Autoren.[23] Ganz offensichtlich wussten sie dies nicht, die sich sonst über ihr Fach­gebiet als sehr kundig erweisen. Nun, die Nichttheologen ah­nen ja in den allermei­sten Fäl­len nicht einmal, dass nach Röm. 3,7[24] die Lüge zur Ehre Gottes in der Bibel gerechtfertigt wird; ihnen ist na­türlich in der christlichen Zwangsindoktrination[25] nur das 8. Gebot als Verbot der Lüge eingetrich­tert wor­den. Dass die angeblich so hochmoralische Kirche sich heimlich das genaue Gegen­teil gestat­tet – und dann als Gipfel der Unverfroren­heit noch mit einer Sonderer­laubnis ihrer „Heiligen Schrift“ -, dürfte 90 Prozent der Deutschen unbekannt sein.[26]

Der vorgetäuschte Befehl Jesu zur Weltmission ist also im „christlichen Abendland“ weitgehend geläu­fig, wenngleich nicht als Fälschung bekannt. Andererseits sind ech­te judenfeindliche Stellen oder ju­denfeindlich ausgelegte Inhalte im Neuen Testa­ment noch heute nur wenig bekannt. Über die grauenvolle Judenvernichtung durch Hitler-Deutschland wird in den Schulen und den Medien berichtet; selten wird aber freimütig eingestan­den, dass ohne die fast 2000-jährige Ge­schichte der Judenverfol­gungen und -pogro­me durch „gottesfürchtige Christen“ der fabrikmäßig betriebe­ne Völkermord an den europäi­schen Juden durch die Na­tionalsozialisten kaum denk­bar gewesen wä­re. Bereits eine der Kernaussagen des Neuen Testaments wurde kol­lektiv gegen die Volksangehörigen des Wander­predigers aus Nazareth ausgelegt: Der Haupt­vorwurf der Chris­ten gegen die Juden lautete nämlich, sie hätten „unse­ren Herrn Jesus ans Kreuz ge­schlagen“.[27] Die Christen übersahen allerdings geflissentlich, dass Jesus nach ihrem eigenen zentralen Dogma nur durch sei­nen behaupteten Opfertod die sündige Menschheit erlösen konnte. Wäre der Galiläer am Le­ben geblieben, hätte das Heilsgeschehen nicht stattfinden können. Die Christen müssten al­so jedem ewig dankbar sein, der Jesus ans Kreuz na­gelte oder jedenfalls bei sei­nem To­de be­hilflich war.

Im Neuen Testa­ment gibt es ver­schiedene eindeutig judenfeindli­che Stellen bei den Evangelisten und bei Paulus. Schlimm ist Joh. 8,37-44. Darin be­schuldigt Je­sus die Juden in einem Streitge­spräch, den Teufel zum Vater zu haben, der von An­fang an ein Mör­der und Lügner gewesen sei. Hier tritt der sonst als so sanftmütig geschilderte Galiläer als glühender Hasser der Juden auf, die er nicht zu seiner Glaubenswahrheit zu bekehren vermochte. Damit muss dieser jo­hannäische Jesus als eine der einflussreichen Quellen christlicher Judenfeindschaft bewertet werden! Nebenbei bemerkt vergaß unser Wanderprediger bei dieser wilden Auseinandersetzung natürlich vollkommen sein Gebot der „Feindeslie­be“, das ihm auch stets bei seinen Tiraden gegen die etablierte Priesterschaft seines Landes aus dem Gedächtnis ent­schwand.

Eine der entsetzlichsten Stellen über­haupt, die im NT zum Ju­denhass aufstacheln, ist 1 Thess 2,15f: „Diese [die Juden] haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie ver­folgt. Sie mißfallen Gott und sind Fein­de aller Menschen … Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekom­men.“[28] – Bei Mt. 27,25 verfluchen sich die Juden selbst, als sie auf der Kreuzi­gung Jesu durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus bestehen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kin­der.“ Das sahen viele „rechtgläubige“ Christen als Aufforderung an, hemmungslos Angehörige der mosai­schen Religi­on zu verfolgen, auszurauben und nie­derzumetzeln; dabei wirkte die abendländische Geistlichkeit un­ter Einschluss zahl­reicher Päpste als Einpeitscher mit.[29]

4. Religiöse Herrschaftszeichen in Gerichten des keineswegs weltanschaulich neutralen Staates

Zur Trennung von Staat und Kirche und Nichtprivilegierung transzendentaler oder diesseitiger Welt­deutungen gibt es ei­nige hüb­sche Grundgesetzartikelchen sowie eine Reihe schön klingender höchst­richterlicher Entscheidungen. Besonders be­kannt und häufig zitiert sind folgende theoretische Kern­sätze des BVerfG von 1965: „Das Grundgesetz (GG) legt (…) dem Staat als Heimstatt aller Bürger ohne Anse­hen der Person welt­anschaulich-religiö­se Neutralität auf. Es verwehrt die Einfüh­rung staatskirchli­cher Rechtsformen und untersagt auch die Privilegierung bestimm­ter Bekenntnisse.“[30] – Soweit die Verfassungstheorie. Dass die bundesdeutsche und insbesondere die bayerische Rechtspra­xis teilweise himmelweit von diesen hehren Grundsätzen abweicht, ist zweifellos allen bewusst. Tatsächlich gibt es in unserem viel beschworenen welt­anschaulich-neutralen Rechts­staat eine gan­ze Reihe gravierender Verfassungsbrüche zu Gun­sten der Großkirchen.

Recht und Gerechtigkeit sollen ihre hauptsächlichen Stützen in der Verfassung, den Gesetzen und den verschiedenen Stufen und Formen der öffentlichen Gerichtsbar­keit mit gut ausgebildeten unparteiischen Richtern finden. Nun sind in deutschen Bun­desländern mit einem traditionell militanten Katholizismus als Mehrheits­konfession offenbar sämtliche staatlichen Ge­richtsäle mit dem Hauptkennzeichen des Christentums, ei­ner Kreuzesdarstellung, an markanter Stelle ausgestattet. Schon hier müssen ernst­hafteste Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der Behauptung einsetzen, wir lebten in einem welt­anschaulich neutralen Staat. Nach gründli­cher Überprüfung der tatsächlichen staatskirchenrechtlichen Ver­hältnisse in Deutschland wird man zwangs­läufig zu dem Schluss gelangen, dass das Christentum de facto als Staatsreligi­on be­handelt wird – trotz ständigen Leugnens. Der Brockhaus von 1999 defi­niert „Staats­religion“ folgender­maßen: „die von einem Staat in seinem Territorium ausschl. anerkannte oder zu­mindest bevorzugte Religion bzw. Kon­fession. Im Unter­schied zur förmlichen Staatskirche ist die Staats­religion jedoch vom Staat nicht direkt beeinflusst oder mit ihm iden­tisch.“[31]

In Anbetracht solcher Überlegungen wandte ich mich vor zwei Jahren mit einer ausführlichen Anfra­ge an die Bundesju­stizministerin Däubler-Gmelin. Ich wählte den Betreff Kirchen- oder In­quisitionsnachfolgegerichte im bundes­deutschen „Rechts­staat“? Ich führte im wesentlichen aus, die Mit­glieder des Bundes für Geistesfreiheit und ich hegten ganz erheb­liche Zweifel an der Unpartei­lichkeit bayerischer Gerichte in welt­anschaulichen Fragen. Diese staat­lichen Organe der Rechtspflege seien nach unserer Kenntnis wie Kir­chen- oder Inquisitionsnachfolgegerichte in al­len Sitzungszimmern mit dem rein christlichen Sinnbild „Kreuz“ oder „Kruzifix“ ausgestattet. Daher müsse es als ziemlich sinnlos erscheinen, gegen die christli­chen Sieges- und Territorialzei­chen, die sich grundgesetzwidrig auch in zahlreichen anderen öffentlich­en Einrichtungen be­finden, mit Hil­fe dieser genauso ausgerüsteten Gerichte vorgehen zu wol­len. Das sei so ähnlich, als solle man sei­ne pa­zifistische Gesin­nung von einem Kriegerverein bewer­ten las­sen.

Das Rechtsmonopol liege beim Staat, aber hier werde schamlos der Ein­druck er­weckt, als lägen kirchlich-christliche In­teressen jeder Rechtsfindung und Rechts­sprechung zu Grunde. Au­ßerdem kön­ne dieser eklatan­te Mißbrauch eines aus­schließlich religiösen Zeichens im staatlichen Ge­richt einen äu­ßerst be­denklichen Eindruck hervorrufen: Mit der verfas­sungsmäßig garantierten Trennung von Kirche und Staat sei es nicht weit her, wenn der Staat seine Gerichte unter das bluttrie­fende Symbol ei­ner militanten Sondergruppe stelle, die keinerlei überlegene Sitt­lichkeit für sich bean­spruchen kön­ne. Wenn man nun in staatlichen Gerichten kei­ne staatlichen Hoheitszeichen, son­dern nur das blutbe­fleckte christ­liche Herr­schaftszeichen finde, müsse sich ein auf­geklärter Mensch wie in einem Alp­traum fühlen und an die zahllo­sen Scheiterhaufen denken, die während vie­ler Jahrhunder­te unter den gleichen Kruzifixen lo­derten, die noch heute Millio­nen Andersdenken­der auf­gezwungen würden.

Ich bat die Bundesjustizministerin u.a. um die Beantwortung folgender Frage: „Wann wird in bayeri­schen und anderen Gerichten Deutschlands endlich ein recht­sstaatlicher Normalzustand hergestellt und das rein religiöse Sinnbild aus­nahmslos und unwiderruflich entfernt? Nach unserer Ansicht wären Sie und Ihre Bundesre­gierung nach dem GG-Art. 31 („Bundesrecht bricht Lan­desrecht“) dazu verpflich­tet, notfalls mit Zwangsmaßnahmen gegen staatliche Gerichte vor­zugehen, die for­mal den Ein­druck er­wecken, Kirchen- oder Inquisitionsnachfolgege­richte zu sein.“

Ich erwähnte auch, dass es eine er­kleckliche Zahl Bundessym­bole oh­ne Bezug auf eine Religion gäbe wie z.B. Bun­desadler, Bayernwappen, Staatsflag­ge, Bild der Justiz­ministerin, des Bundespräsidenten oder Bun­deskanzlers o.ä. Nach der überwiegen­den Meinung der Deutschen stell­ten Kreuz und Kruzi­fix ausschließ­lich Symbole aus dem religiösen, nicht staatli­chen Bereich dar. In ei­nem Beitrag über die staatlichen Ho­heitszeichen in dem Sammelband Deut­sche Ver­fassungsgeschichte aus der Bun­deszentrale für politische Bildung, Bonn[32] fand ich diese kirchlichen Sinnbilder in Ver­bindung mit un­serem Staat demzufolge auch nicht erwähnt. Der Verfas­ser, Dr. Friedrich Hen­ning, bestä­tigte mir nach­drücklich auf eine entsprechende An­frage, sein Beitrag beschäftige sich aus­schließlich „mit den politi­schen Repräsenta­tionskennzeichen der Bundesrepublik Deutschland und ih­rer Verfassung (…) und dazu gehört nicht das christliche Kreuz oder Kruzifix.“ Der liberale Autor fügte dann hinzu: „Man mag das von kirchlicher Seite be­dauern (…), aber ins­gesamt ver­steht sich die Bundesrepu­blik (…) eben als säkularer Staat und als säkulare De­mokratie, in der auch nicht­christliche Bürger und Insti­tutionen leben und wirken und ihre Rechte ha­ben.“ [33]

Die Antwort aus dem Hause Däubler-Gmelin von einem treuen Zuarbeiter seiner Herrin enttäuschte mich ungemein. Der Briefschreiber verwies mit dürren Worten auf einen Beschluss des BVerfG in dieser Sache und behauptete, damit habe alles seine Richtigkeit. Das ist meines Erachtens völlig unzutreffend. Der Beschluss des 1. Senats des BVerfG da­tiert bereits vom 17. Juli 1973 und war nur eine von fundamentalistischen Kräften auch noch stark behinderte Einzelfall­entscheidung. Selbst wenn es sich um eine Grundsatzentscheidung gehandelt hätte, müsste sie nach meinem Dafürhal­ten wegen verschiedener damali­ger Ab­sonderlichkeiten, ja Unregelmäßigkeiten und gewandelter heutiger Anschauungen als unbedingt revi­sionsbedürftig angese­hen werden.

Der humanistische Rechtswissenschaftler Erwin Fischer verwies bereits auf diesen geradezu klassischen Fall, der durch eine Jüdin und ihren jü­dischen Rechtsan­walt ins Rollen gebracht worden war. Sie wand­ten sich gegen den Zwang, in ei­nem Ge­richtssaal des Verwaltungsge­richts Düssel­dorf zu verhandeln, da sich auf dem Richtertisch ein 75 cm hohes Standkreuz be­fand.[34] Dies sa­hen die Klä­gerin und ihr Anwalt als Verletzung von Art. 4 GG an. Das Gericht tat so, als seien ihm die Ab­lehnungsgründe des christlichen Hauptsymbols in ei­nem staatlichen Gericht unbegreif­lich, selbst wenn die­se von Juden vorgetragen wur­den.

Der Beschwerdeführer rügte: „Die Anbringung von Kreuzen in Gerichtssälen sei unvereinbar mit der Pflicht des Staates zu strikter Neutralität. (…) Besonders pro­vozierend sei die Verfassungsverletzung gegen­über Ju­den, die in Deutschland jahr­hundertelang auch unter dem Kruzifix und in dessen – sei es auch ver­fälschtem oder mißbrauchtem – Geist verfolgt und entwürdigt worden seien. Das Kruzifix im Gerichtssaal de­monstriere der in Glaubensfragen besonders schutzwürdi­gen an­dersdenkenden Min­derheit Diskriminierung und gegebe­nenfalls auch Demütigung gerade dort, wo neben Tole­ranz Gleichheit vor dem Gesetz oberstes Gebot sei. (…) Das Kruzifix gehöre im säkularen Staat auch nicht als Schwur­kreuz zur Ausstat­tung von Ge­richtssälen, zumal nicht einmal die christliche Lehre das Her­anziehen eines Kreuzes bei der Eidesleistung vorschreibe.“[35]

Völlig unbegreiflich erscheint mir, dass in dem Beschluss des BVerfG vermerkt wur­de, eine genau aufgeführte Reihe ka­tholischer und evangelischer Stellen habe „Ge­legenheit zur Äußerung erhalten“.[36] Haben die Jenseits-Agenturen irgend­eine allge­meine Kompetenz für die irdische Justiz? Warum werden sie geradezu zur Mitwir­kung aufge­fordert, wo doch ihr Eigeninteresse ein erhebliches Störpotenzial in ei­ner geordne­ten Rechtsspre­chung bedeuten kann? Da drängt sich mir der Schluss auf, dass das höchste deutsche Gericht unter dem Christdemo­kraten Benda das Trennungsge­bot von Staat und Kirche gröblich missachtete und damit letztlich selber gegen das Grundgesetz verstieß.

Zur Rechtfertigung und Verharmlosung der auch noch überdimensionierten christ­lichen Herrschafts­zeichen in den Ge­richtssälen wur­den die haarsträubendsten Scheinargumente von Seiten des damali­gen Bundesjustizministers und auch vom Bundesverfassungsgericht unter Benda vorgebracht. Der damalige Bundesminister entblödete sich z.B. nicht, von der „begrenzten Bedeutung des Kreuzes“ zu faseln.[37] Wenn diese unübersehbaren religiö­sen Sinnbilder jedoch wirklich nur eine „begrenzte Bedeu­tung“ gehabt hätten, müßte man umso mehr an dem Geisteszustand der damaligen vorsitzen­den Rich­ter des Ober­verwaltungsgerichts Düsseldorf und ei­niger anderer Kammern zweifeln. Diese starrsinni­gen, funda­mentalistischen Richter waren nicht einmal ge­genüber einem Juden bereit, auf die christli­chen Sieges- und Territorial­zeichen in ihren Gerichtssälen zu verzichten.[38]

Das Bundesverfassungsgericht lässt schließlich „im Hinblick auf die Besonderheiten des Falles“ die Verfassungsbe­schwerde des jüdischen Klägers gegen das christliche Sinnbild auf dem Richter­tisch zu.[39] Wörtlich: „Die Weigerung des Verwaltungsge­richts, eine mündliche Verhand­lung in einem Ge­richtssaal ohne Kreuz durchzufüh­ren, verletzt die Be­schwerdeführer in ihrem Grundrecht aus Art. 4 Abs. 1 GG.“ Das Gericht führt dann in fast kabarettreifer Weise aus, „so­weit die Anbringung ei­nes Kreu­zes in einem Gerichtssaal nicht ledig­lich der künstlerischen Ausschmüc­kung des Rau­mes dient, wird sie im allgemeinen damit gerechtfertigt, es solle dem­jenigen, der den Eid mit religiöser Beteuerung lei­stet, ein ,Schwurgegenstand’ zur Verfügung ge­stellt werden“. Es folgt ein Hinweis auf eine entspre­chende Entschei­dung des durchaus verdächtigen OLG Nürnberg von 1966.[40]

Erwin Fischer bedauert die nur auf den Einzelfall bezogene Entscheidung des Bun­desverfassungsgerichts, „weil es die grundsätzliche Frage, ob die Ausstattung von Gerichtssälen mit dem Kruzifix nicht generell und objektiv rechtlich mit dem Prin­zip der Neutralität und Nichtidentifikation des Staates kol­lidiere und daher unzuläs­sig sei, unbeantwortet ließ – eine Frage, die zu bejahen ist.“[41] Das damalige Bundes­verfassungsgericht tischte völlig unglaubwürdige Ausreden auf, war­um es sich nicht um­fassend und ein für alle Mal mit der Gesamtproblema­tik beschäftigen wollte.[42] Es hätte sich ja unbe­dingt eingestehen müssen, dass religiöse Zwangssym­bole in Ge­richten ei­nes tatsächlich weltanschaulich neutralen Staa­tes gar nicht anders denn als Kennzeichen eines fundamentalen Rechtsbruchs aufgefasst werden können – aber die un­tertänigst befragten Bischöfe bedeuteten wohl ganz eifrig, die Kruzifixe müssten unbedingt bleiben, wenn das christli­che Abendland nicht untergehen soll­te… Andererseits kann das klerikal geknebelte säkulare Deutschland des Jahres 2001 weiter raten, ob die geradezu bombastischen Kruzifixe in angeblich weltlichen Tribunalen, die wenigstens optisch die Vorstellung von Kirchen- oder Inquisitionsnachfolgege­richten geradezu aufdrängen, nicht gleichzeitig Vorboten eines neuen Gottesstaates sind…

5. Der verfassungswidrige Ethikunterricht:

zwangsweiser Ersatz für das freiwillige Fach Re­ligion

Das Grundgesetz und seine kirchentreuen „Exegeten“ in Verwaltung und Justiz betrügen die Leute auch in schamloser Weise hin­sichtlich des fakultativen schulischen Religionsunterrichts, von dem man sich ab­melden kann. Wird das Kind jedoch tatsächlich abgemeldet, kommt es zwangsweise in das Ersatz­fach ei­nes religiösen Tarnunter­richts namens Ethik, das weitgehend die gleichen Inhalte bietet und nur dürfti­ge Ver­schleierungsversuche unternimmt. Folgende Ab­sonderlichkeit fiel schon Gerhard Rampp vom Bund für Geistesfreiheit Augsburg auf: „Gerade religi­ös ausgerichtete Verla­ge (…) ha­ben Ethik­bücher im Programm; mitunter fungieren gar Religionslehrer als Autoren.“ Rampp nennt als beson­ders auf­fälliges Beispiel eine Pfarrerin, die „gleichzeitig Öffentlichkeitsbe­auftragte der Evange­lisch-Lutherischen Landeskir­che Bayern“ ist oder war.[43]

Schon Edgar Baeger bemerkte 1992 in ei­nem äußerst kritischen Aufsatz über „Ethikunterricht als Er­satz für Religions­unterricht?“:[44] „Der Artikel 3(3) des Grundgesetzes (,Niemand darf wegen … seines Glaubens, seiner religiösen oder po­litischen Anschau­ungen benachteiligt oder bevorzugt werden.‘) ist in der Pra­xis das Papier nicht wert, auf dem er ge­druckt wurde.“[45] Baeger weist nach, dass die Einfüh­rung des Ethikunterrichts dem zielstrebigen Drängen der Kirchen zu verdanken ist, denn – Zi­tat aus den Lutherischen Monatsheften von 1983 – „unbestritten stand im Vordergrund ihres In­teresses an einem Ersatzfach Ethik die Stabilisierung der Teil­nehmerzahlen im Religionsunterricht.“[46] Baeger kom­mentiert mit größter Schärfe: „Die mit einem Ersatzfach für nicht an einem Religionsunterricht teilneh­menden Schü­ler ge­schaffene Konstruktion ist aber der größ­te Anschlag auf die Religionsfrei­heit, der in der Bundes­republik jemals un­ternommen wurde. Grund­sätzlich kann der Gesetzgeber ei­ne Ersatzpflicht nämlich nur dann einfüh­ren, wenn eine ge­setzliche Ver­pflichtung besteht, der nach­zukommen sich ein Betroffener weigert. – Anders ausgedrückt: Ersatzpflicht setzt Originalpflicht voraus (als Beispiel aus einem anderen Be­reich: Wehrpflicht be­gründet Ersatzdienst). Nun kann es aber nach dem Grundgesetz prinzipiell keine Verpflichtung zum Besuch eines Re­ligionsunterrichts geben. Eine solche Forderung gegenüber kon­fessionsfreien Menschen zu erheben, würde das Ende der Religions- und Weltanschauungs­freiheit in unserer Republik bedeuten!“[47] Baeger erwähnt in diesem Zusammenhang noch E. Fischer und R. Pre­wo, die den Ersatzunterricht Ethik ebenfalls als grundrechtswidrig ansehen.

Baeger führt anschließend folgenden Umstand an, der in weiten Schichten der deutschen Bevölke­rung ziemlich unbe­kannt geblieben ist – höchstwahrscheinlich durch die häufig praktizierte Methode der Unterdrückung unerwünschter Nachrichten: „Gera­dezu beschämend ist es, wenn man heute feststellen muß, daß in Italien und Spanien (…) auf diesem Gebiet mehr Rechtsstaatlichkeit herrscht, als in der Bundesre­publik Deutschland. In Italien hat das höchste italie­nische Gericht entschieden, daß die Teil­nahme am Religionsunter­richt freiwillig ist und eine Verpflichtung zum Besuch eines Ersatzunter­richts nicht besteht. In Spanien hat der Erzie­hungsminister dem Religionsunterricht den Charakter ei­nes Hauptfaches aberkannt und eine Zwangsverpflichtung zum Besuch des Ersatzfaches Ethik abge­schafft.“[48] Unter Hin­weis auf Rainer Prewo schreibt Baeger etwas weiter unten: „Niemals darf eine Be­völkerungsgruppe in einem Staat mit ir­gendeiner Verpflichtung dafür belastet werden, daß sie be­stimmten Religionsgesellschaften nicht angehört. (…) Derar­tige Gesetze könnten nur von Verfas­sungsfeinden konzipiert werden, denen das Konzept vom Staat als ,Heimstatt aller Bürger’ nichts, die Verbreitung ihrer religiösen Ideologie aber alles bedeutet.“[49]

Baeger rät den Kirchenfreien zwar dazu, ihr Recht auf Befreiung der Kinder vom verfassungswidri­gen Ethikunterricht vor dem Bundesverfassungsgericht durchsetzen.[50] Allerdings be­schreibt er ein Rechts­system, das Kon­fessionslosen und Atheisten in ih­rem Kampf um Weltanschauungsfreiheit kaum Vertrauen ein­flößen kann.[51] Das Elternpaar müsse zu­nächst den gesamten Rechtsweg bis zum Bundesverfassungsge­richt durchlaufen. Sollte die Klage bis zu dieser letzten Instanz durchgehalten werden können, so walteten dort Rich­ter ihres Amtes, „von denen viele unzweifel­haft parteiisch sind. In den beiden Fällen, in denen bisher eine Verfas­sungsbeschwerde gegen den Ethikunter­richt den mit drei Richtern besetzten Vorprüfungsausschuß erreichte und dann wegen ,mangelnder Aussicht auf Erfolg‘ abgewie­sen wurde, führte in einem Fall ein Richter den Vorsitz, der zuvor als CDU-Innenmi­nister genau das Gesetz mitunter­zeichnet hatte, gegen das die Verfassungsbe­schwerde gerichtet war. Im zweiten Fall führte ein Richter den Vorsitz, der kurz darauf, nach Aus­scheiden aus dem Amt, den evangelischen Kir­chentag leitete.“ [52]

Ich selbst sah mich bereits dreimal genötigt, wegen gravierender Unregelmäßigkeiten im Ethikunter­richt meiner beiden minderjährigen Töchter bei der Schulleitung in Forchheim (Oberfranken) und beim bayerischen Kultusministerium vor­stellig zu wer­den. So schrieb ich am 14.4.2000 an die Kultusministerin Hohlmeier einen sechsseitigen Be­schwerdebrief unter dem Betreff „Ethik-Unter­richt“ als Religionsunterricht unter falscher Firmierung. Ich begann wie folgt: „Vor einigen Tagen warf ich einen Blick in das „Ethik“- Schulheft meiner elfjährigen Tochter … Wie groß war nun meine Em­pörung, als ich mei­nen schwer wiegenden Ver­dacht bestätigt fand, dass die CSU den Ethik-Unterricht als Trojani­sches Pferd für ihre christlichen Missionierungsbemü­hungen missbraucht.“ Ich verwahrte mich „in aller Form gegen diesen offenkundigen Bruch des Grundgesetz-Artikels 7. Ich zitiere dazu aus dem GG-Taschenkommen­tar von Sei­fert/Hönig: ,Abs. 2 garantiert das Recht der Erziehungsbe­rechtigten, über die Teilnah­me des Kindes am Religionsun­terricht zu be­stimmen. Das Grundrecht stellt sicher, dass nie­mand zum Be­such dieses Unter­richts ge­zwungen werden kann.[53] Da das ,Ethik-Unterricht‘ genannte obligato­rische Er­satzfach (!!) in erheb­lichem Maße die glei­chen Inhalte bietet wie der freiwillige Religionsunterricht und sich auch sonst weitgehend an diesem orien­tiert, handelt es sich hierbei nach unserer Ansicht in Wirklichkeit um einen über­wiegend christlichen Tarnunter­richt mit Einsprengseln aus anderen ir­rationalen Weltent­würfen.

Anhand des mir vorliegenden christlich-bayerischen ,Ethik-Lehrbuchs‘, des Hausaufgabenheftes mei­ner Tochter und gemäß ihrer Aussagen in mehreren Gesprächen, findet Christentums-, Kirchen- und Religions­kritik in diesem CSU-Ethikunterricht stets mit keiner Silbe statt. Dass es wertvolle und ein­flussreiche Menschen oder Ideen geben kann und auch gegeben hat, die in keiner Weise von religiösen Vorstellungen geprägt oder auch nur unterschwellig be­einflusst sind, sieht Ihr klerikaler Er­satzunterricht nach unseren eindeutigen Beobachtungen in keiner Weise vor. Damit steht für uns un­bezweifelbar fest, dass die von uns gerügten Charakteristika des von Ihnen zu verantwortenden Ethik-Unterrichts diesen als nicht in Übereinstim­mung mit dem Grundgesetz erscheinen lassen.

Wenn Sie in Ihrem „Ethik“- Schulbuch die christlichen zehn Gebote unkommentiert abdrucken lassen und dann zu al­lem Überfluss noch einen Lehrer in das religiöse Tarnfach schicken, der katholische Theologie studiert hat (wie das bei unse­rer Tochter der Fall ist), dann scheint es evident zu sein, dass Ihre Partei mit aller Gewalt wenigstens unterschwel­lig (christliche) Religionspropaganda betreiben will und ein klerikal-diktatori­sches Herrschaftsverständnis haben muss. Sie und Ihre Partei- und Gesin­nungsfreunde würden es ande­rerseits zweifellos entrüstet von sich weisen, wollte man Ih­nen zumu­ten, dass der Religionsun­terricht Ihrer Kinder von einem Konfessionslosen oder gar Atheisten abge­halten würde. Es ist offenkundig, dass Sie ständig gegen den gesetzlich verbrieften Gleichheitsgrund­satz verstoßen.“

Der „für den schulischen Ethikunterricht in Bayern zuständige Fachreferent“ schrieb mir unter dem 30.5.2000 wie folgt: „Leider las­sen so­wohl die von Ihnen apodiktisch aufgestellten Behauptungen als auch die ge­troffene Wortwahl an vielen Stellen ei­ne sachgerechte Beantwortung Ihrer Fragen nicht mehr zu.“ Nach Aufzählung einiger pointierter Formulierun­gen meiner Beschwerde als angebliche Begründung für die Verweigerung einer Antwort schloss der Brief aus München, diese Dinge „zeigen wie vieles andere in Ihrem Brief, dass von dem in An­spruch genom­menen kriti­schen, rationalen oder gar humanistischen Ansatz keine Rede sein kann. Ein näheres Eingehen auf die in Ih­rem Schreiben angeschnitte­nen Fragen würde ein Minimum an Sachlichkeit von Ihrer Seite vor­aussetzen.“

Bei der Einschulung unserer kleineren Tochter in die „Annaschule“ (Schulen sind hierzulande überwiegend nach „Heili­gen“ oder katholischen Geistesgrößen benannt) mussten wir außerordentlich bedauern, dass derselbe Übelstand, den wir be­reits vor fünf Jahren im Hinblick auf die ältere Tochter bemängel­ten, jetzt mit Bezug auf unser zweites Kind erneut viru­lent ge­worden war. Ich verfasste also unter dem 1.12.2000 einen Brief unter dem Betreff Christliche Mission: auch im „Ethikunterricht“! an den neuen Schulleiter. Ich begann wie folgt: „Sehr geehrter Herr X, uns wird eine ,Ethiklehr­kraft‘ vorgesetzt, die ganz offenkundig bei jeder sich bietenden Ge­legenheit christliche Mission in der Schule betreibt. Dagegen ist der sogenannte Missionsbefehl bei Mt. 28,19 nach dem be­deutendsten Kirchenkritiker unserer Zeit eine Fäl­schung. Jesus wollte nur den Juden predigen (Mt. 10,5).

Frau Y hat auch nach ihren eigenen Worten das rein christliche ,Kreuz‘ in ihrer Klasse angebracht. Wenn nun eine Lehr­kraft dieses ausschließlich religiöse Sieges- und Herrschaftszeichen in ihrer Klas­se notgedrungen duldete – dann hätten wir noch ein gewisses Verständnis dafür angesichts unseres au­toritär-klerikalen CSU-Obrigkeitsstaates. Da sie je­doch ganz offenkundig den Standpunkt der baye­rischen Landes­regierung, die sich ungestraft fortwährend über den höchst­richterlichen ,Kruzifixbe­schluss‘ hinweg­setzt, sogar noch aktiv unterstützt muss man diese Erzieherin in Glaubensfra­gen be­sonders kritisch beäugen. (…) Wenn Frau Y nun auch noch zu allem Überfluss wiederholt mit der ganzen Klasse zu Beginn nichtreligiöser Unter­richtsstunden christliche Gebete spricht, sehen wir bedauerlicherweise keine an­dere Möglichkeit, als eine derartige Leh­rerin als völlig ungeeignet für den nichtchristlichen Ethikun­terricht abzulehnen. Auch hier verstärkt sich unser Eindruck weiter, dass es sich wenigstens beim bayerischen Ethikunterunterricht in Wirklich­keit doch bloß wieder um einen Re­ligionsunterricht unter falscher Flagge handelt. Ein solcher christlicher Tarnunter­richt ist nach unserer festen Über­zeugung (…) verfassungswidrig.“

In der Zwischenzeit hatte ich ein gemeinsames Gespräch mit dem Schulleiter und der Ethiklehrerin, beide katholischen Bekenntnisses. Es wurde mir versi­chert, meine Tochter werde keineswegs christlich indoktriniert. Da ich bereits früher mit Bezug auf die allgegen­wärtigen Kruzifixe in der Schule und auch in unserem damaligen Forchheimer städtischen Kinder­garten immer stärkere Zweifel an hinlänglichen Erfolgsaussich­ten vor einem bayerischen Verwaltungsgericht he­gen musste, zog ich meine bereits einge­reichten Klagen zurück. Ich fügte mich notgedrungen dem politklerika­len Gegner in Mün­chen, der die bestehenden Ge­setze unangefochten weitgehend zu seinem Vorteil auslegt – oder Grund­rechte der Bundes­verfassung einfach hartnäckig missachtet. Vielleicht heißt unser „Rechtsstaat“ ja „Rechtsstaat“, weil die klerika­len Rechtskonservativen das Feld beherrschen und die Spielregeln bestimmen, nicht aber unbedingt – wie der Kinder­glaube annehmen könnte -, weil hier das „Recht“ herrscht… Wo expansionistische Glaubenskonzerne zusammen mit funda­mentalistischen Machtpolitikern nahezu uneingeschränkt das Sagen haben, kann das theoretisch unabhängige Rechtswe­sen de facto zu einem bloßen Herrschaftsinstrument der „christlichen“ Staatsusurpatoren degradiert werden.

6) Die Glaubensfreiheit eines „Gesundbeters“ als höchstes Menschenrecht?

Im Dez. 1998 erschien eine Sondernummer von PZ, einer Schrift für junge Staats­bürger, mit dem Thema „50 Jahre Grundrechte“. Ein Beitrag erregte meine besondere Auf­merksamkeit, der sich mit der Glaubens- und Gewissensfrei­heit nach Art. 4 GG beschäftigte. Die Überschrift lautete im Stile der BILD-Zeitung: „Sie vertrauten auf das Gebet“. Das Er­eignis wird mit knap­pen Worten berichtet: Eine strenggläubige Frau leidet nach der Geburt ihres vierten Kindes un­ter aku­tem Blutmangel. Die Schwer­kranke und ihr Ehe­mann gehören der evangelischen Brüdergemeinde an, die lehrt, Krank­heiten könn­ten durch das gemeinsame Gebet der Gläubi­gen geheilt werden. Das Ehepaar lehnt den ärzt­lichen Rat aus­drücklich ab, in ei­nem Krankenhaus eine Bluttransfusion vor­nehmen zu lassen. Die Ge­bete erweisen sich als nutzlos, die Frau stirbt. Der Witwer wird wegen unterlassener Hilfeleistung an­geklagt und verurteilt.[54]

Für den Bestraften ist die Bibel als Gottes unfehlbares Wort die wichtigste Hand­lungsanleitung in sei­nem Leben.[55] Er wähnt sich im Recht und zieht vor das Bundes­verfassungsgericht. Karlsruhe urteilt nach der genann­ten Zeit­schrift wie folgt: „Was Reli­gion ist und was nicht, entscheidet jeder selbst. Religi­onsfreiheit umfaßt auch die Frei­heit, (…) nach den Lehren seines Glaubens zu leben.“ Unser höchstes Gericht argumentiert befremdlicherweise in einem Sinne, der einer absolut gesetzten „Religionsfreiheit“ den Primat über alle sonstigen Menschenrechte zuzuerkennen scheint:[56] Nach der staatsbürgerlichen Zeitschrift PZ hat der Be­schwerdeführer „in einem ,unzulässigen Konflikt’ gestanden: Stimmt er einer Hilfestellung zu, verleugnet er seinen Glauben (und den seiner Frau). Tut er das nicht, läuft er Ge­fahr, wegen unterlasse­ner Hilfeleistung bestraft zu werden. Daß jemand in eine solche Zwangslage gerät, dürfe das Strafrecht nicht zu­lassen. Der Respekt vor der Glaubens­überzeugung habe Vorrang vor Strafverfolgung.“[57] Der Gesundbeter, der bei seinem Gott auf taube Oh­ren stieß, bekommt wenig­stens beim Bundesverfassungsgericht in jeder nur denkbaren Weise recht! Dieser letztinstanz­liche Freispruch erfolgte allerdings bereits am 19.10.1971, worauf aber in dem PZ-Bericht vom Dez. 1998 überraschen­derweise rein gar nichts hindeutet![58]

So wie die Entschei­dungsgründe in geraffter Form dargelegt werden, müss­te jeder Leser zu der An­nahme gelangen, er erhielte einen Freibrief für Ta­ten, die üblicherweise als Vergehen oder Verbre­chen einge­stuft und mit erhebli­chen Strafen geahndet wer­den können. Anscheinend sei die einzige Voraussetzung für Straffreiheit, dass man nachdrücklich unter Hinweis auf angeblich heilige Schriften religiöse Gründe für sein Handeln oder Un­terlassen vor­bringt. Ich stellte mir also ganz entsetzt folgen­des vor: Jemand treibt in einem religiö­sen Wahn eine Sek­tengemeinschaft in den kollektiven Selbstmord, der Verursa­cher kommt jedoch mit dem Leben davon. Dieser ginge dann analog zum Gesundbeter straflos aus, weil „der Respekt vor der Glaubensüberzeugung Vorrang vor Strafverfolgung“ habe.[59]

Der Fall des verwitweten Betbruders erregte damals gewaltiges Aufsehen. Ich hätte angenom­men, diese Sache würde jetzt nach mehr als einem Vierteljahrhun­dert schamhaft totgeschwiegen, und heute ent­schiede auch im klerikal unter­drückten Deutschland jedes außerbayerische Gericht anders. Wenn jedoch ei­ne halboffizielle staatsbürgerliche Schrift noch Ende 1998 diesem absonderlichen Spruch des BVerfG von Anno Tobak einen Aktualitätswert zubilligt, muss man sich erneut ernsthaft fragen, ob das Wertesystem der Entscheidungsträger und Multiplikatoren unseres Landes nicht teil­weise geradezu gottesstaatliche Bezüge auf­weist und damit ein antagonistisches Prinzip zu unserer weitgehend säkularen Gesellschaft verkörpert.

In zwei einbändigen GG-Kommentaren fand ich Hinweise auf die sogenannten Ge­sundbeterprozesse. In dem ei­nen Band wird der Fall mit ganz knappen Worten und oh­ne Bewer­tung geschildert – jedoch mit Einschluss der schwachsin­nigen Be­gründung des Be­schwerdeführers. Der berief sich auf diesen haarsträubenden Bi­belvers als Handlungsanlei­tung:[60] „Ist je­mand krank, der rufe zu sich die Ältesten der Ge­meinde und lasse über sich beten und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen.“[61] – In dem anderen Werk kommt eine deutli­che Di­stanzierung des Kom­mentators Seifert zum Ausdruck, wenn er schreibt, auch die Glaubens- und Bekenntnisfrei­heit seien nicht schrankenlos, sie fänden „viel­mehr zu­nächst wie alle sonstigen im Wort­laut uneingeschränkten Grundrechte ihre Grenzen an kollidieren­den Grund­rechten Dritter“ (…) Die bürgerlichen Rechte und Pflichten würden durch die Ausübung der Religionsfrei­heit nicht be­schränkt, außerdem ent­binde „religiös-weltanschauliche Moti­vation menschli­chen Handelns grund­sätzlich nicht von der Be­achtung der allgemeinen, für alle gel­tenden Gesetze, insbes. nicht von der der Straf­gesetze“. Es folgt ein deutlicher Seitenhieb gegen das höchste Ge­richt: „Das BVerfG will diese Schranken allerdings nicht recht gelten las­sen (…) Dem kann jedoch nicht gefolgt werden“. Es schließen sich entsprechende Hinweise auf namhafte Verfassungsjuri­sten an.[62]

Sehr ausführlich geht Erwin Fischer auf Prozesse ein, die durch religiöse Fanatiker verur­sacht wur­den, die durch einen kindlich-mittelalterli­chen Bibelglauben und die Ableh­nung ärztlicher Hilfe den Tod von Ange­hörigen ver­antworten mussten. Im Falle des verwitweten Betbruders wurde die Entscheidung nach Darstellung des humanistischen Rechts­wissenschaftlers in der juri­stischen Literatur völ­lig unter­schiedlich bewertet, wo­bei auch die Extreme völliger Ablehnung und ungeteilter Zustim­mung vertre­ten waren. Ich greife daraus nur die Ansicht des kritischen Listl auf. Dieser erinnert das Karlsruher Gericht an seine ei­gene Spruchpraxis, wovon die Entscheidung im Ge­sundbeterfall deutlich abweiche. Frü­her habe das BVerfG die Mei­nung vertreten, „wonach Art. 4 GG nicht jeden Aberglauben schütze, sondern nur sol­che Formen der Religionsaus­übung, die sich im Rahmen ge­meinsamer sittlicher Grundanschau­ungen der Kulturvölker halten.“[63] Fi­scher erwähnt ei­ne Reihe weiterer Rechtsgelehr­ter, welche die seltsam theozentrische Weltsicht der roten Roben ebenfalls mit überzeugenden Gründen ablehnen [64].

Mir als juristischem Laien ist in Verbindung mit dem Gesundbeter noch ein verblüf­fender Gedanke gekommen, den ich nirgendwo in der konsultierten Fachliteratur auch nur ange­deutet fand: der freige­sprochene Betbruder wird praktisch ei­nem schuldunfähigen Geistes­kranken gleichgestellt! Damit ist möglicherweise im Um­kehrschluss auch Entscheidendes über manche Glaubenssysteme gesagt, die Verstand und Psyche erheblich beeinträchtigen, ja dauernd schädigen kön­nen. – Mittlerweile sollte sich jeder bewußt machen, dass selbst die Großkirchen nicht mehr vorran­gig auf das Gebet ver­trauen, wenn es um Erhalt von Macht und Ein­fluss im Staate geht. Sie setzen gegenüber den Herr­schereliten auf Pressio­nen und „Einwirkungs­möglichkeiten“ jeder Art; gegenüber der Bevölkerung auf propagandi­stisches Dauertrom­melfeuer der Massen­medien sowie gelegentlich auf generalstabsmä­ßig geplante und durchge­führte Kampagnen mit Hilfe der besten Wer­beagenturen – selbst wenn diese für ihre Dienste viele Mil­lionen DM fordern. Der Allmächtige hat zwar noch niemals eine Rechnung verschickt, wird aber augenscheinlich nach dem Verhalten seiner irdischen Statthalter als wesentlich weniger effizient eingeschätzt…

Dr. Klaus Uppendahl wurde 1940 in Stettin geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung in Itzehoe in Schleswig-Holstein und einigen Berufsjahren erwarb er auf einem Abendgymnasium das Abitur. Er studierte Germanistik, Anglistik, Hispanistik und Lusitanistik. Er promovierte über ein Thema aus der spanischen Literaturwissenschaft; es handelte sich um eine kritische und kommentierte Ausgabe eines Fronleichnamsspiels von Calderón de la Barca. Von 1975 – 1977 war er Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Bundesuniversität in Porto Alegre in Südbrasilien. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übte er mehr als 20 Jahre eine Tätigkeit als Angestellter in einem Kinderbuchverlag aus. Seit längerer Zeit ist er Schriftführer in der Weltanschauungsgemeinschaft Bund für Geistesfreiheit in Erlangen.


[1] Siehe die Definition von „Staatsreligion“ im 4. Kapitel („Religiöse Herrschaftszeichen…“), 2. Absatz unten.

[2] Besier, Gerhard: „Rolle und Entwicklung der Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und in der ehemaligen DDR“, in: Kirchen und Staat, vom Kaiserreich zum wiedervereinigten Deutschland, Hg. Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, 2000, 1. Auflage, S. 94 -121, Zitate und Belege auf S.120f.

[3] Aktu­ell ’99, Haren­berg Lexikon der Ge­genwart, Dortmund, 1998.

[4] Vgl. dazu Rampp, Gerhard: „Die Institution Kirche und die ,real existierenden‘ Gläubigen – zwei verschiedene Größen“ auf S.71f seines Aufsat­zes „Die Kirchen als Gefahr für die Geistesfreiheit?“, in: Aufklärung und Kritik, Nürnberg, 1/1996, S.71-82.

Ich kann mir die Absurdität von rund 20 Millionen „gottlosen Christen“ nur mit vier mögli­chen Gründen erklä­ren: 1) Zehntausende und ihre Famili­enangehörige sind wegen ihrer Arbeit in den Qua­si-Mono­polen der kirchlichen Sozial­dienste gezwungen, entgegen ihrer Überzeugung no­minell Chris­ten zu bleiben oder es wieder zu werden. 2) viele Leute möchten noch für Geburt, Hochzeit, Tod ei­nen spektakulä­ren „Feier­service“ nutzen, der weitgehend des ur­sprünglichen Sinnes entbehrt. 3) Der Faktor „sozialer Zwang“ ist sicherlich besonders auf dem Lande, in Klein- und Mittel­städten und auch in konservativen Familien und Gruppen noch von erheblicher Bedeutung. 4) Viele ungläubi­ge „Chris­ten“ sind auf unwahre Behaup­tungen hereingefal­len, nämlich die Kirche tue soviel Gutes im sozia­len Be­reich mit den so genannten Kirchensteuern, wäh­rend diese Gel­der in Wahrheit überwiegend zur Aufrechterhal­tung des Apparates und zum (teilwei­sen) Unterhalt kirchli­cher Gebäude verbraucht werden. In dem Buch Die Caritas-Le­gende spricht der Autor Horst Herr­mann „von einer faktisch ,staatlich finanzierten Kir­che in Deutsch­land‘ und fragt, ob angesicht der vom Grundgesetz gebotenen Tren­nung von Staat und Kir­chen hier nicht ,der Tatbe­stand der Verun­treuung öffentlicher Gelder‘ erfüllt sei“ (diese Li­teraturangabe findet sich bei Proske, Wolfgang: „Gegen Religion, für Philosophie in der Schule“, in: Konfessionslos in der Schule, Hg. Czermak u.a., Lichtenau – Aschaffenburg, 1994, S. 33, Anm. 42).

[5] So erklärt auch Gerhard Czermak: „Immer wieder wurden (…) Umfrageergebnisse veröffentlicht, wonach nur noch um 50% der Bundesbürger (BRD-W) am ,Gott’ glauben.“ in: „Verfassungsbruch als bayerischer Erziehungsgrundsatz?“, S.46, Aufsatz auf S.36-109 im Sammelband: Hand­buch für konfes­sionslose Lehrer, Eltern und Schüler, Das Beispiel Bayern, Hg. Wolfgang Proske, Aschaffenburg – Berlin, IBDK Verlag, 1992.

[6] Siehe dazu Uppendahl, Klaus: „Ständiger Rechtsbruch im Äther“ auf S.133-135 des Aufsatzes „Bibel, Christen, Kruzifix – über Wahrheit, Gleich­heit, Recht“, in: Aufklärung und Kritik, Nürnberg, 1/1996, S.122-140.

[7]„Jesus Christus ist keine Erfindung begabter Romanautoren. Daß es aus der Zeit seines Wirkens nicht ein enziges – kein einziges! – Dokument gibt, das, die Bibel ausgenommen, seine reale Existenz bestätigt, tut der Erkenntnis keinen Abbruch: Jesus hat gelebt.“ Worm, Alfred: Jesus Christus, Die Wahrheit über den wahren Menschen, Düsseldorf, Econ, 1993, S.40.

[8] Anhänger der neuen Religion konnten es nicht verwinden, dass der weitgehend glaubwürdige Josephus aus dem 1. Jahrhundert u.Zt. den angeblichen Erlöser der Menschheit nicht erwähnte und vermutlich auch nicht kannte.

[9] Fox, Robin Lane: Die Geheimnisse der Bibel richtig entschlüsselt, Augsburg, Bechtermünz, 2000, S.39

[10] Deschner, Karlheinz: Abermals krähte der Hahn, Stuttgart, 1962, S.77

[11]Die Bibel und ihre Welt, Eine Enzyklopädie zur Heiligen Schrift in zwei Bänden, Hg. Cornfeld und Botterweck, Pawlak, Herrsching (Li­zenzausg.), 1991, Bd. 1, S.766. – Vgl. Fox, ebda, S.39.

[12] Fox, ebda, S.38f: „Der Zensus richtete sich nach den Besitzverhältnissen der Lebenden, nicht nach irgendwelchen Vor­fahren. (…) Im Jahre 6 n.Chr. hatte Galiläa im Gegensatz zu Judäa noch einen eigenen Herrscher und wäre dem­nach nicht von einer römischen Volkszählung oder Steuererhebung betroffen gewesen. (…) Die erste Zählung fand unter Quirinius im Jahre 6 n.Chr. statt, als Herodes der Große schon lange tot war; es handelte sich um eine lokale Zählung in der römischen Provinz Judäa, und es gab keinen reichsweiten Befehl des Kaisers Augustus dazu.“ Und Josephs Frau „schließlich hatte aus rechtlicher Sicht keinen Grund, ihr Heim zu verlassen.“

[13] Fox, ebda, S.43f (Kursivdruck der Negation „nicht“ durch K.U.)

[14] Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg im Breisgau, Herder-Verlag, Band 3, 1995, Stw. „Drei Könige, I. Bi­blischer Befund“

[15] Unbedingte Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Kirchen in weiten Bevölkerungskreisen mit Lug und Trug den falschen Eindruck hervorrufen, die „Weisen aus dem Morgenlande“ hätten tatsächlich gelebt und die von Matthäus berichteten Begeben­heiten im Zusam­menhang mit der Geburtser­zählung Jesu hätten sich wenigstens im Kern so ab­gespielt. Überspitzt ausgedrückt könnte man Hänsel und Gretel als wahrhaftigere Figuren be­zeichnen als die Stern­deuter auf der Suche nach dem neugeborenen König, denn die ebenso frei er­fundenen biblischen Figuren werden Kindern und Erwachse­nen schamlos als geschichtliche Personen aufge­tischt, während dies von Hänsel und Gretel ernsthaft nie be­hauptet wurde.

[16] Gunkel, Hermann: Das Märchen im Alten Testament, Frankfurt a.M., 1987, S.132f Fox bewertet die Angaben des Lukas praktisch als Erfindun­gen, wenn er schreibt: „Lukas’ Ge­schichte ist historisch unmöglich und inkohärent, sie steht im Wider­spruch zu Lukas’ eigenen Anga­ben über den Zeitpunkt der Verheißung (in Herodes’ Regierungs­zeit) sowie zu Matt­häus’ langer Er­zählung über die Geburt Christi, die ebenfalls König Herodes den Gro­ßen als Herr­scher nennt. Sie ist daher falsch.“ (Fox, ebda, S.39).

[17] Mir fiel in diesem Zusammenhang spontan das Märchen von Dornröschen ein. Auch an den griechischen Ödipus-Mythos sei erinnert.

[18] Gunkel, ebda, S.134

[19] Gundolf, Hubert: Massenmord, Das dunkelste Kapitel der Menschheits­geschichte, München, Heyne, 1981, S.87-89. Das zweibändige theologi­sche Nachschlagewerk Die Bibel und ihre Welt (Bd. 1, Stw. Herodes I, der Große, S.638) bestätigt, dass der gut infor­mierte und detailfreudige jü­dische Historiograph diese angebliche Blutorgie an unschuldi­gen Kindern nicht erwähnt. – Übrigens besitze ich einbän­dige Lexika aus Frankreich, Spanien und Brasilien; unter den jeweiligen Stichwörtern für Herodes den Großen ist stets die von verlogenen Kleri­kern in die Welt gesetzte Ge­schichtslüge als Tatsache erwähnt. Titel: Hachette, Le Dictionnnaire, Paris, 1991, 1652 Seiten; Pequeño Larousse ilustrado, Hg. Ramón García-Pelayo y Gross, Buenos Aires, 1964, 1664 S.; Moderna Enciclopédia Melhoramen­tos, São Paulo, 1976, 1076 S. (z.T. Herder-Material verwen­det!)

[20] Deschner, Karlheinz: Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 3, S.111f. Das Wörterbuch des Christentums verschweigt die „Interpolation“ beim Stw. „Mission“. Die dort erwähnte „Problematik“ reduziert sich an­geblich auf europ. Überlegenheitsbewußtsein“, „Zerstörung fremder Kul­turen“, „Verachtung anderer Religionen“ u.ä. (Wörterbuch des Christentums; Hg. Drehsen, Häring, Kuschel, Siemers; München, Orbis, 1955).

[21] Luther-Fassung. Die Einheitsübersetzung (-> Fn. 22) bietet folgenden Text: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Men­schen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

[22] Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Altes und Neues Testament, Pattloch 1991, Lizenz Weltbild, Augsburg, NT, S.40

[23] 1) Höfling, Helmut : … gehet hin und lehret alle Völker, Missionare von Las Casas bis Albert Schweitzer, Düsseldorf, Econ, 1982

2) von Paczensky, Gert: Teurer Segen, Christliche Mission und Kolonialismus, München, Goldmann, 1994

[24] „Wenn aber die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher wird zu seinem Preis, warum sollte ich dann noch als ein Sünder ge­richtet werden?“ (Luther-Übersetzung; die Einheitsübersetzung tauschte das harte Wort „Lüge“ durch die mildere Bezeichnung „Unwahrheit“ aus!)

[25] Siehe das 5. Kapitel „Der verfassungswidrige Ethikunterricht: zwangsweiser Ersatz für das freiwillige Fach Religion“

[26] Die zehn Gebote, Hg. Kinderhilfswerk e.V. München, 1975. Auf den S.176-197 verbreiten sich zahlreiche Christen über das 8. Gebot, darunter als Prominentester Heinrich Böll. Unter besonderen Umständen wird auch die kleine Notlüge geduldet, von der „Sondermoral“ der Kirche nach Röm. 3,7 finde ich aber nicht auch nur die geringste Andeutung! Vergessen wir nicht, dass im „Wissenschaftlichen Beirat“ natürlich auch je ein katholischer und evangelischer Theologe vertreten waren.

[27] In den Informationen zur politischen Bildung, Nr. 271, 2. Quartal 2001, mit dem Titel „Vorurteile – Stereotype – Feindbilder“ lesen wir in „An­tisemitismus“ von Werner Bergmann (S.37-42), Abschnitt „Christlicher Antijudais­mus“ auf S.38: „Im Zentrum der judenfeindlichen Vorwürfe stand die Überbetonung des Anteils der Juden an der Leidensgeschichte Jesu in den Evangelien (…), die im Vorwurf des Christusmordes gipfelte“ (es folgt ein Zitat aus 1. Thess 2,15 mit etwas anderem Wortlaut als bei mir weiter unten). – Dagegen behauptet z.B. der „kritische Katholik und Humanist“ Alfred Worm, die Evangelisten stellten den Sachverhalt falsch dar. In Wirklichkeit hätten nur die Römer den Wanderprediger aus Nazareth zum Kreuzestod verurteilen können. (Worm, ebda. „Die Ankla­ge aus römischer Sicht“, S.286-290)

[28] Zitat nach der Einheitsübersetzung (-> Fn.22).

[29] „Die Päpste machten den Judenhaß zum Teil ihres Kirchenprogramms. Innozenz III. (1198 bis 1216) beispielsweise war nur einer von vielen Juden­verfolgern auf dem Stuhle Petri. Ein sehr erfindungsreicher freilich: Innozenz … richtete Judenghettos ein; er kreierte den diskriminierenden >gelben Fleck< (der im Dritten Reich zum >gelben Judenstern< mutierte); und er untermauerte seine krausen Rassenideen mit theologischen Argumenten aus dem Neuen Testament. Seine drei päpstlichen Bullen und die vielen anderen Schreckensdokumente aus seiner Ära waren adäquate Vorläufer der >Nürnberger Gesetze< zu Hitlers Zeiten.“ (Worm, ebda., S.32). – Ein großer Judenhas­ser war der Reformator Martin Luther, der auch besonders inti­men Umgang mit „Gottes Wort“ pflegte. Übelkeit erregend ist sein Pamphlet Von den Juden und ih­ren Lü­gen (1543). Darin fordert er, die Synago­gen, Schulen und Häuser der Ju­den an­zuzünden und zu zer­stören, ihnen die heiligen Schriften wegzunehmen und es ihnen unmöglich zu machen, dass sie in Zu­kunft in ihrer Religion unterwiesen werden. Den Juden sollte dann das reine Überleben so schwer ge­macht werden wie Verbre­chern oder Leibeignen. Den Tod forderte Luther aber ausdrück­lich nur für die aufrühreri­schen Bau­ern mit diesen Worten: „Man mochte sie erschlagen wie die tollen Hunde.“ Welch ein bei­spielhafter Christ, dieser Martin Luther, der übrigens von den Nazis oft als „National­held“ mit dem „Führer“ vergli­chen wurde. (Karalus, Paul: „Luther und die Juden“, S.223-240 in: Martin Luther, Hg. ARD und ZDF, 1983, München, Goldmann).

[30] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S.39

[31] Der Brockhaus in Text und Bild, Das Lexikon in der PC-Bibliothek, © 1999 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim, Hv. K.U. – Für den GG-Kommentator Seifert bedeuten jedoch die beiden genannten Begriffe das gleiche, vermutlich aus ideologischen Gründen, um die Fiktion der Trennung von Staat und Kirche so weit wie möglich aufrecht zu erhalten: „Art. 137 I WeimRVerf bestimmt, daß keine Staatskirche, d.h. keine Staatsreligion (…) mehr besteht.“ (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Taschenkommentar, Hg. Seifert/Hömig, Baden-Baden, Nomos, 4. Auflage, 1991, S.594).

[32] Henning, Friedrich: „Adler – Farben – Gedenktage“, Beitrag in: Deut­sche Verfassungsge­schichte 1849 – 1919 – 1949, Hg. Bundeszentrale für poli­tische Bildung, Bonn, o.J. (1989 oder etwas später), S.149-155

[33] Hervorhebungen wie im Originalbrief

[34] Fischer, Erwin: Trennung von Staat und Kirche, Die Gefährdung der Religions- und Weltanschauungsfreiheit in der Bundesrepublik, 3., neu bearbeitete Aufl. unter Mitarbeit von G. Härdle, Frankfurt a.M., 1984, Europäische Verlagsanstalt, S.114f.

[35] BVerfGE 31, S.368f. – Die jüdische Klägerin und ihr jüdischer Anwalt verstanden nach meiner Überzeugung unend­lich mehr vom Buchstaben und Geist des Grundgesetzes als die verbohrten klerikalen Richter, die das Gleichheitsge­bot und Diskriminierungsverbot als Verfassungsgrundsatz ganz offensichtlich zugunsten eines militanten exhibitio­nistischen Katholizismus außer Kraft setzen wollten…

[36] BVerfGE 31, S.369

[37] BVerfGE 31, S.370

[38] BVerfGE 31, S.371

[39] Aus dieser Formulierung kann geschlossen werden, dass bei einem Nichtjuden keine „Besonderheiten des Falles“ angenommen worden wären und der Beschwerdeführer gegen das Kruzifix kaum auf Verständnis gestoßen wäre.

[40] BVerfGE 31, S.373 – Diese beiden Schutzbe­hauptungen sind unüberbietbar lächer­lich. In welchen öffentlichen Räu­men, wo die kruzifixverliebten Fundamentalisten ihre Macht austoben, dient das christliche Zentralsymbol nur als „Zimmerschmuck“? Es ist grundsätzlich außerhalb von Museen und Ausstellungen in der Öffentlichkeit immer re­ligiöses Herr­schafts- und Siegeszei­chen und soll vermutlich oft noch zusätzlich – uneingestandener­maßen – als Abwehr­zauber gegen al­les Böse wirken. Das Mär­chen vom „Schwurgegenstand“ kann ganz leicht entkräftet werden: ein handliches Kruzifix oder eine mit­telgroße Bi­bel könnten die allermeiste Zeit für die Öffentlichkeit unsichtbar in einer Schublade in Griffweite des Richters lie­gen und dann ausschließlich bei Bedarf herausgeholt und gleich wieder weggelegt werden.

[41] Erwin Fischer, ebda., S.115

[42] BVerfGE 31, 372

[43] Konfessionslos in der Schule, ebda., S. 76

[44] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 134-157

[45] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 137

[46] Als ein Kronzeuge wird dann der damalige hessische SPD-Mini­sterpräsident Holger Börner in einer Rede vor der Synode der Evangelischen Lan­deskirche zitiert: „Ethikunterricht kann nur dort eingerichtet werden, wo Religions­unterricht tatsächlich angeboten, aber nicht angenom­men wird.“ (Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 143)

[47] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 144

[48] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 150f

[49] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S.152

[50] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 147f

[51] „Von der Schwierigkeit, Recht zu bekom­men“, in: Handbuch für konfessionslose …, ebda., S.154f

[52] Handbuch für konfessionslose …, ebda., S. 155

[53] Seifert/Hömig (Hg.), Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Taschenkommen­tar, Baden-Baden, 1991, 4. Aufl., S. 94

[54] PZ, Hg. Bundeszentrale für politische Bil­dung, Bonn und Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung, Wiesba­den, Dez. 98, S.30

[55] Handbuch Religiöse Gemeinschaften, hg. i.A. des Lutherischen Kirchenamtes, Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, 4. völlig überarbeitete u. erweiterte Auflage, 1993, S.127

[56] Dem steht erstaunlicherweise folgender Satz in dem Beschluss des BVerfG offenbar nicht entgegen: „Die Glau­bensfreiheit ist nicht schrankenlos gewährleistet.“ (BVerfGE 32, S.260). Es wird nämlich anschließend kein Beispiel dafür erwähnt, dass jemand trotz religiöser Motivation für sein Handeln oder Unterlassen bestraft werden könnte. Statt dessen gewinnt man den Eindruck, der Betroffene habe fast unbegrenzte Entschuldigungs­gründe, die ihn von Strafe freisprechen.

[57]PZ, Dez. 98, S.30 (Hv. K.U.)

[58] In diesem völlig unkritischen Gesundbeterbericht fehlen leider wesentliche Anga­ben: das Aktenzeichen, die Reaktion der Öffentlichkeit, ein Hin­weis auf das Jahr. Unver­ständlich erscheint auch das Fehlen jedes Hinweises darauf, dass die roten Roben mit ihrem Beschluss selbst bei zahlrei­chen Kollegen in der Rechtswissen­schaft erheblichen Wider­spruch hervorriefen. Der uneingeweihte Leser kann oder soll wohl sogar ein zeitnahes Ge­schehen annehmen. In Wirklichkeit sprach das Bundesverfassungsgericht sein völlig un­verständliches Urteil jedoch bereits vor fast 30 Jah­ren! Jedem, der regen Anteil an der ge­sellschaftlich-politischen Entwicklung unseres Landes nimmt, ist aber be­kannt, dass auch Karlsruhe mitunter eige­ne Entscheidungen, die schon vor einem Vierteljahrhun­dert gefällt wurden, in jüngerer Zeit beträchtlich geändert hat.

[59] Mir erscheint diese Vorstellung als Ungeheuerlich­keit. Dann könnten auch alle Inquisitoren und Folterknechte noch heute mit uneingeschränktem Verständnis unseres höchsten Ge­richts rechnen, da auch sie beweiskräftige Bibelstellen für ihr unmenschliches Tun nennen könnten. – Da ich mehr über die Entscheidungsgründe des Bundesverfassungs­gerichts wissen wollte, schrieb ich an den Verlag von PZ und erhielt eine Foto­kopie des letztin­stanzlichen Urteils. Als ich mich mit der Gedan­kenwelt der höch­sten Richter vertraut machte, glaub­te ich wiederholt, ein Satiri­ker der Titanik oder des Eulen­spiegel habe Exzesse eines gottesstaatlichen Tribunals verspottet oder ein Witz­bold habe Gerichtsakten aus dem Anfang des 18. Jhs. ausgegraben und sie als zur Jetztzeit gehörig präsentiert. Dass Verfassungs­juristen eines mitteleuropäi­schen „Rechtsstaates“ noch im Jahre 1971 zu derartig unglaub­lichen Schlussfolgerun­gen ge­langen konnten, scheint mir auf einer Stu­fe zu stehen mit der Ausrufung zwei­er absurder reli­giöser Dogmen noch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

[60] Hesselberger, Dieter: Das Grundgesetz, Kommentar für die politische Bildung, Luchterhand, Neuwied, 11. überarbeitete Auflage, 1999 , S.88 (Lizenzausgabe für die Landeszentralen für politische Bildung)

[61] Dieser Bibelvers wird nicht weiter kenntlich gemacht; weder erwähnt ihn die Sonder­nummer PZ, noch kommt er in dem entsprechenden Beschluss des BVerfG vor.

[62] Seifert/Hömig, ebda., S.63 (Kursivdruck im Original). – Das BVerfG verwarf die Rechtsprechung der Vorinstanzen und führte in seiner Begrün­dung u.a. aus: „Wer sich in einer konkreten Situation durch seine Glaubensüber­zeugung zu einem Tun oder Un­terlassen bestimmen läßt, kann mit den in der Ge­sellschaft herrschen­den sittlichen Anschauungen und den auf sie begründeten Rechtspflichten in Konflikt gera­ten. (…) Er sieht sich (…) in eine Grenzsitua­tion ge­stellt, in der die allgemeine Rechts­ordnung mit dem persönlichen Glaubensgebot in Widerstreit tritt und er fühlt die Verpflich­tung, hier dem höheren Gebot des Glau­bens zu folgen. Ist die Entschei­dung auch objektiv nach den in der Gesellschaft allgemein herrschenden Wert­vorstellungen zu miß­billigen, so ist sie doch nicht mehr in dem Maße vorwerfbar, daß es gerechtfertigt wäre, mit der schärfsten der Gesell­schaft zu Gebote stehenden Waffe, dem Strafrecht, gegen den Täter vorzuge­hen. Kri­minalstrafe ist – unabhän­gig von ihrer Höhe – bei solcher Fallgestaltung unter keinem Aspekt (Vergeltung, Prävention, Resozialisie­rung des Täters) eine adäquate Sankti­on.“ Für das Karlsruher Gericht entschuldigt die Berufung auf den Höchsten und die Gebete zu ihm letztlich (fast?) alles; so heißt es gegen Ende seines Beschlusses: „Dem Beschwerdeführer kann nicht vorgeworfen werden, daß er es unterlassen hat, seine Frau entgegen sei­ner Glaubensüberzeu­gung zur Aufgabe ihrer damit über­einstimmenden Glaubensüber­zeugung zu überreden. Er wußte sich mit ihr durch die Überzeu­gung ver­bunden, daß das Gebet zu Gott der ,bessere Weg’ sei.“ (BVerfGE 32, S.262f).

[63] Fischer fordert, „daß die eine Bluttransfusion ablehnenden Angehörigen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen sind.“ Er konzediert: „Das Recht auf Religionsausübung schließt zwar ein – und niemand darf die Betreffenden daran hindern -, für die Gesundung des Angehörigen Gottes Hilfe durch Gebet anzurufen.“ Dann setzt er jedoch mit Ent­schiedenheit eine Grenze, die das damals fundamentalistisch dominierte BVerfG nicht sehen wollte: „Das Grund­recht aus Art. 4 GG schließt jedoch nicht ein, sich auf das Beten zu beschränken und in der Gewißheit oder auch nur im Bewußt­sein der Möglichkeit des Todes die medizinisch zwingend gebotene Behandlung abzulehnen, da die Glau­bensfreiheit hier auf das insoweit höher zu bewertende Grundrecht auf Leben und Gesundheit stößt und von diesem ein­geschränkt wird. Daß das Grundrecht des Art. 4 GG jedenfalls dort seine Grenze findet, wo es um Leben und kör­perliche Unversehrtheit von Menschen geht, darf nicht nur für Fälle gelten, in denen etwa Verstümmelungen oder gar Tötungen – und sei es mit Zustimmung der Opfer – zum Ritus religiöser Gemeinschaften gehören, … sondern eben auch für diese sogenann­ten Gesundbeterfälle.“ (Fischer, ebda., S.138).

[64] Fischer, ebda., S.136-138

12 Comments

  1. Wir haben – angelegentlich derselben Angelegenheit – mal den entsprechenden Abschnitt im BGB zur Religionsfreiheit rausgesucht.
    Das ist so merkwürdig formuliert, daß man für die Freiheit, nicht religiös sein zu wollen, noch anderswo nachlesen muß…

    Ich habe die Backenbremse gezogen und einfach behauptet, wir seien Buddhisten.
    Atheisten werden nicht akzeptiert, da man den SChülern die Erlösung per REligion noch nahezubringen versucht.
    Religiös gebundene Kinder läßt man hingegen in Ruhe.

    Nicht unbedingt ehrlich, aber für n STudi ohne Zeit und Geld für eine aufwendige und, ganz nebenbei bemerkt, wenig erfolgreiche REchtsstreitigkeit, eine Möglichkeit.

    Wir haben die SChulzeit also überstanden.

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  2. Wow,
    das ist ja ein Rundumschlag. Und der Autor kann ziemlich sicher sein, dass man in der Runde unter sich bleibt. Unter sich, hoffentlich nicht unter Niveau.

    Der zitierte Theologiestudent:
    Nicht an Gott glauben, den Menschen helfen. Ja, solche Äußerungen gab und gibt es. Ich war nicht dieser Theologiestudent, aber ich verstehe ihn nachträglich und würde heute sagen: Mit manchen wird man in der Mensa auch nicht intensiver ins Gespräch einsteigen. Vgl. im Brights-Forum das unbeholfene Rumstochern in Tillichs Äußerung, dass bei Gott der Begriff „Existenz“ nicht passt. Man wird auf diese Weise kaum einen Theologen finden, der einem da was verklickert, wie das bei Tillich gemeint ist, und ich werde es hier auch nicht verklickern.

    „Zunehmendes Desinteresse junger Geistlicher an theologischen Fragen.“ – das könnte man verschieden interpretieren. Es sagt nicht unbedingt was aus über das, was die in ontologischen Fragen denken oder nicht denken. Da hätte ich meine Fragen. Und manche haben keine Fragen mehr.

    Dem Gespann Jörns – Besier die Deutungshoheit zuzusprechen, was genuin christlich bzw. von christlichen Theologen notwendig zu denken sei, das ist gewagt. Oder will jemand das als Beispiel für die coincidentia oppositorum vorführen?!
    So viel ich weiß, will Jörns einen Glauben, der sich ehrlich der neuzeitlichen Vorstellungswelt stellt. Bei dem Kirchenhistoriker Besier kann man nicht so sicher sein; er beklagt aus einem reichlich konservativen Interesse die Dekadenz der Kirche. Aber man muss ja nicht tiefer einsteigen, wenn man nur irgendwo geschickt passende Zitate aufschnappen und in seine Argumentation einbauen will.

    Das wäre doch eine Untersuchung wert, warum die „in Wirklichkeit zusammen mehr als 20 Mio ‚atheistische Christen’ “ doch Kirchenmitglieder bleiben. Das hängt sicher zu einem Teil mit einem Trägheitsgesetz zusammen. Aber ich kenne genug von ihnen, um auch zu unterstellen: Viele von ihnen erwarten von ihrer Kirche noch ganz andere Dinge als den abstrakten Glauben an die Existenz Gottes oder Wunder oder … . Und womöglich verstehen sie damit mehr von Gott als gewisse Dogmatiker der einen oder anderen Seite. Kann man darüber reden, ohne mit Häme überschüttet zu werden?

    Wow, es ist schon spannend, wenn da jemand bemängelt, dass man weder Geburtstag noch Geburtsort des Wanderpredigers aus Nazareth anzugeben weiß. Wäre ja interessant zu erfahren, was man über die Lebensdaten von Sokrates, Diogenes oder einem der römischen Machthaber weiß. Und wie ist es mit der Quellenlage bei Ersteren bestellt ist. Wer hat denn welche Worte überliefert? Komisch, muss man da „Paukenschläge“, wenn etwas unhistorisch, weil legendenhaft ist?
    Ja, und nachgehakt: Die ganze altchristliche Legenden-/Mythenbildung um die Geburt Jesu als „Lug und Trug“, als Fälschungen… darzustellen, das geht wohl nur, wenn man nicht begreifen will, was Legenden… sind. Beispielsweise, warum man in der nachbiblischen Legendenbildung von drei Königen redet und warum der eine ein afrikanisches, der andere ein orientalisches und der Dritte ein europäisches Aussehen haben muss. Oder wenn man es als erschröcklich ansieht, dass es zum 25. Dezember als Geburtsdatum gekommen ist. Ich denke, dass Kulturwissenschaftler bei solchen Legenden nicht von Betrug reden würden. Und unterstelle auch, dass man mit chinesischen, afrikanischen oder indianischen Mythen nicht so hämisch umginge.
    Das Herauswachsen der christlichen aus der jüdischen Religion mit beiderseits durchaus schmerzhaften Erfahrungen und Anwürfen, mit verletzenden Abgrenzungen und einem späteren Umkippen der Machtverhältnisse sieht man hoffentlich nach Auschwitz noch einmal neu. Sollten die in der Antike im Voraus schon so rücksichtsvoll einsichtig sein wie wir es angeblich hinterher sind? Das Thema ist zu sensibel für hämische Polemik.
    Mir wird es zu lang. In den folgenden mehr juristischen Fragen kenne ich mich nicht so aus, dass ich mich im ganzen Kreis des Rundumschlags bewegen möchte, könnte… Bayerische Sondererfahrungen, Verletzungen scheinen auch mitzuspielen. Ich will nicht dazu verhelfen, sie zu verallgemeinern. Der Beamte, der eine gewisse „Wortwahl“ monierte, hatte ja auch nicht nur Unrecht. Vieles ist für meinen Geschmack zu beleidigend gerade auch gegenüber staatlichen Stellen. Und deshalb hätte doch noch eine Frage: Eigentlich las ich den Artikel nur wegen der Kombination der Überschrift mit dem Bild: Kann ich noch davon ausgehen, dass das mit den „Volksbetrügern“ nicht persönlich auf die beiden Abgebildeten bezogen ist?

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  3. Das, was heute aus einer entleerten Lehre geworden ist und den Kindern per Schulkreuz bzw. Etikunterricht im Aber-glaube trotzdem beigebracht werden soll, mag Unsinn sein.

    Doch all die historische Kritik, die im Beitrag Eingangs kurz dargestellt wird, hat mich bereits vor vielen Jahren darüber nachdenken lassen, dass es nachweislichen Glaubenaufklärern vor 2000 Jahren nicht um das gegangen sein kann, was heute die „Gläubigen“ verteidigen allenfalls aus einen geheimnisvollen Junggott hinstellen und dann auf Ablehnung des aufgeklärten Denkens stoßen muss.

    Doch die derzeitige Begründunsversuche des kulturellen Geschehens, wie die folgende Verwerfung, sind ein Kurz-schluss.

    Sie verleugnen gleichzeitig den kulturübergreifenden Lebenssinn, der in der naturalisitischen Welterklärung und der Aufklärung bzw. evolutinären Weiterentwicklung unseres Wissens (auch um den Grund unserer Kultur) zu sehen wäre und der vor 2000 Jahren in einer menschlichen Gestalt der Welt vermittelt wurde.

    Auch wenn das den heutigen Atheisten in der Schule aufgezungen wurde, kaum mehr aus dem Kopf zu bekommen ist. Was bisher gedacht wurde war nicht. Wir wissen es, wie im Beitrag wieder deutlich wurde.

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  4. Dass der CSU-Staat die Grundrechte der bayerischen Atheistinnen und Atheisten schamlos missachtet, ist und bleibt skandalös.
    Ich fürchte, auch der neue Koalitionspartner FDP wird die CSU wegen dieses eklatanten Missstandes, insbesondere den Religions- und Ethikunterricht betreffend, nicht tadeln.

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  5. folgsam

    === schnipp ===
    sorry nickpol, aber das Erscheinungsdatum des Artikels ergibt sich eben nicht natürlicherweise aus seinem Inhalt und ist auch ansonsten ganz interessant.
    === schnapp ===

    yepp.

    Dazu kommt noch, dass nur pauschal auf die Startseite verlinkt wird. Man findet den Titel auch nicht in der Rubrik ‚Beiträge‘, sondern muss sich erst durchklicken.

    Unüblich ist auch, dass nicht ‚dreiteilig‘ verlinkt wird, wie das sonst hier üblich ist.

    Ich verstehe auch nicht, warum nickpol meint, gereizt reagieren zu müssen.

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  6. sorry nickpol, aber das Erscheinungsdatum des Artikels ergibt sich eben nicht natürlicherweise aus seinem Inhalt und ist auch ansonsten ganz interessant.

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  7. Boah, dieser Text ist das heftigste, was in letzter Zeit an Verdrehungen, Lügen und Verleumdungen gelesen habe.
    Sowas macht mich einfach traurig und deshalb konnte ich den Text leider nicht zu Ende lesen.
    Möge Gott dem Verfasser verzeihen und gnädig sein.

    Der bedeutendste jü­dische Historio­graph jener Zeit, Flavius Josephus, erwähnt Jesus kurz, aber alle ernsthaften Gelehrten sind sich darüber einig, dass dieses Testimonium Flavianum eine christliche Fälschung aus dem 3. Jahrhundert ist.

    Diese Behauptung ist einfach falsch.

    Römer 3,7 ist Teil eines rhetorischen Dialogs und der Text rechtfertigt nicht die „Lüge zur Ehre Gottes“, sondern kritisiert genau eine solche Haltung. Wer den Kontext liest, versteht das auch richtig. Auch der Vers Römer 6,1 geht noch mal auf die hier im Dialog aufgeworfenen Fragen ein.
    Und dass die Kirche (welche Kirche meint er eigentlich? Egal, einfach mal volle Breitseite auf alles, was sich Kirche nennt, wird schon die treffen, die er treffen will) aufgrund dieser Textstelle, oder aus welchen Gründen auch immer, sich heimlich vorbehält, zu lügen, dazu hätte ich gerne Belege gesehen! Aber ich weiß, dass man gegen solche verschwörerischen Argumente nur schwer argumentieren kann, wenn jemand an die Verschwörung glaubt.

    Zu dem Rest äußere ich mich, falls ich Zeit und Kraft dazu finde.

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  8. Eigentlich ergibt sich das aus dem Inhalt, die Akteure sind nicht mehr dieselben, und hat sich was geändert? Doch wohl nichts! Insofern sind die Aussagen des Artikels hochaktuell und jederzeit beim bfg Erlangen nachlesbar.
    Kristof:

    Das hätte man besser nicht unterschlagen sollen…

    sei vorsichtig mit solchen Äußerungen.

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  9. Dieser Aufsatz erschien in der Ausg. Nr. 1/2002 der Zeitschrift Aufklärung und Kritik, Nürnberg
    Das hätte man besser nicht unterschlagen sollen, manche Verweise oder Zahlen wirken sonst etwas veraltet …

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