Bibellesen zerstört die Religion


Die Reformation. 1490 - 1700. Aus dem Englischen von Helke Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber. DVA München 2008. 1 022 S., 49,95 Euro.
Diarmaid MacCulloch: Die Reformation. 1490 - 1700. Aus dem Englischen von Helke Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber. DVA München 2008. 1 022 S., 49,95 Euro.

Die Geburt Europas aus dem Kampf um Worte: Diarmaid MacCullochs Geschichte der Reformation

Dirk Pilz – Berliner Zeitung

Nur ein Jahr nachdem Papst Paul V. 1605 zum Oberhaupt der Katholischen Kirche gewählt worden war, verhängte er über die Republik Venedig den Kirchenbann. Die Venezianer waren zwar katholisch, aber auf eine stolze Weise. Sie wachten selbst über ihre eigene Inquisition, weigerten sich jedoch, protestantische Händler zu verfolgen. Über 4 000 Priester, Mönche und Nonnen lebten unter den 135 000 Einwohnern der Stadt, einen Verkauf von Immobilien an die Katholische Kirche Roms verbot sie allerdings. Paul V. glaubte darum seine zentralistischen Bestrebungen unterwandert und verhängte den Bann, was die Venezianer ihrerseits zu rächen wussten: Sie wählten mit Paolo Sarpi einen Bettelmönch zu ihrem theologischen Berater, der ein bedrohliches Interesse für die protestantische Theologie zeigte. Ein Jahr später musste Paul V. den Bann wieder zurücknehmen.

Diese verwirrende Geschichte ist typisch für das sogenannte Zeitalter der Konfessionalisierung nach 1570, als eine Wiedervereinigung der protestantischen und katholischen Kirche nicht mehr möglich war. Sie ist aber auch typisch für die fast 1 000-seitige Geschichte der Reformation des in Oxford lehrenden Historikers Diarmaid MacCulloch. Er vertritt nicht nur die mutige These, dass bis in die Siebzigerjahre des 16. Jahrhunderts die konfessionelle Lage noch prinzipiell offen war, er will mit seiner Studie vor allem zeigen, dass es viele verschiedene Reformationen gegeben hat. Sie alle wollten das katholische Christentum erneuern, sie alle stritten darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein. Das Klischee, die Reformation habe leichtes Spiel gehabt, weil sie eine marode, korrupte Kirche angriff, ist zwar seit den Arbeiten Bernd Moellers in den 60er-Jahren widerlegt, MacCulloch zieht daraus aber weitreichende Konsequenzen: Seine Geschichte der Reformation beginnt 1490 und greift oft noch weit dahinter zurück. Denn er will zum einen nachweisen, dass die Reformation eine lange Reform-Vorgeschichte hat; zum anderen meint er, sie sei vor allem ein Streit der Ideen gewesen.

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