Die Wiederkehr des verborgenen Imam


Die Massen such den verehrten Führer Chomeini zu erreichen
Ikonografie der Revolution

Von Christiane HoffmannFAZ.NET

Man schätzte die Menge auf sechs, vielleicht sogar sieben Millionen. Sie füllte alle Plätze und Zufahrtsstraßen zum Teheraner Flughafen. Sie säumte die Straße zum Friedhof Beheschte-Sahra, wo er als Erstes die Toten der bisherigen Kämpfe ehren wollte. Auf halbem Weg musste er den Hubschrauber nehmen, weil kein Durchkommen mehr war. Und als er später in die Stadt hineinfuhr, standen sie auf den Dächern ihrer Häuser und riefen: „Allahu-akbar. Chomeini ist unser Führer“ und „Chomeini, du bist meine Seele“. Nachts auf den Dächern der Häuser zu stehen war in den Monaten zuvor zu einem Ritual des Widerstands geworden. Nicht wenige waren überzeugt, dass dann in den Kratern und Hügellandschaften des Mondes das bärtige Antlitz des fernen Ajatollahs aufschien.

Sie gaben ihm den Ehrentitel „Imam“, den sonst nur die zwölf schiitischen Imame aus der Zeit der Religionsstiftung tragen. Die geradezu biblische Erscheinung Chomeinis, hochbetagt mit langem weißen Bart und amimischen Gesichtszügen, umwehte eine Aura der Entrückung. Bei seiner Rückkehr aus dem Exil richtete sich auf ihn eine Heilserwartung, wie sie sonst nur Mehdi, dem 12. und letzten Imam, zuteil wird. Die Schia glaubt, dass er im 10. Jahrhundert in die Verborgenheit entrückt wurde und am Ende aller Zeiten als schiitischer Messias erscheinen wird, um die Herrschaft der Sünde zu beenden und den Entrechteten Gerechtigkeit zu bringen. So hat es auch der Ajatollah versprochen. 15 Jahre lang hatte er in der Verborgenheit in der Türkei, im Irak und in Frankreich ausgeharrt. Dass der Mehdi nun einen Charterflug der Air France genommen hatte, tat der Verklärung keinen Abbruch. Die historische Größe des einen, so heißt es bei Jacob Burckhardt, baut sich aus der Phantasie der vielen auf.

Die „islamische Revolution“ hatte gesiegt

„Chomeini ist nicht da. Chomeini sagt nichts außer nein: zum Schah, zum Regime, zur Abhängigkeit“, schrieb damals Michel Foucault. Es war diese an Starrsinn grenzende Beharrlichkeit, die Chomeinis Charisma begründete und ihn von den anderen Schah-Gegnern unterschied. Seit Anfang der sechziger Jahre hatte er mit einer Unerbittlichkeit und Klarheit, die der flexiblen, auf Kompromisse bedachten iranischen Kultur eigentlich fremd ist, an der einen Überzeugung festgehalten: „Der Schah muss weg!“
Zehn Tage nach der Rückkehr Chomeinis am 1. Februar 1979 gab Ministerpräsident Bachtiar auf, den der Schah bei seiner Flucht Mitte Januar als Statthalter zurückgelassen hatte. Das, was man später die „islamische Revolution“ nannte, hatte gesiegt. Sie war nicht einfach ein gewaltsamer Umsturz, wie sie sich im vergangenen Jahrhundert zahllos in der Dritten Welt ereignet haben, sondern eine Revolution, deren Wirkung bis heute in der islamischen Welt und über sie hinaus widerhallt. Neben Lenin, Mao, Fidel Castro steht Ruhollah Chomeini als einer der großen Revolutionsführer des 20. Jahrhunderts, das er mit seiner Lebensspanne fast ganz umfasste.

Die Regierung Gottes: Widerstand ist Blasphemie

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