Crash der Wissenschaftskulturen


Prof. Dr. Axel Meyer, Evolutionbiologe und Zoologe, Universität Konstanz

Axel Meyer, Quelle:idw-online.de
Axel Meyer, Quelle:idw-online.de

Die berühmten zwei Kulturen der Geistes- und Naturwissenschaft treffen hier am Wissenschaftskolleg in Berlin unmittelbar aufeinander. Und wie immer, wenn sich verschiedene Kulturen begegnen, passiert dies mit einer Mixtur aus Neugier für das Fremde und einer Prise Unverständnis oder gar Ablehnung.
Raghavendra Gadagkar ist ein indischer Verhaltensbiologe aus Bangalore, der an sozial lebenden Wespen forscht. Er verbringt mehrere Monate im Jahr als „permanent fellow“ am Wissenschaftskolleg in Berlin. Seine Beobachtungen zur unterschiedlichen Arbeitsweise von Natur- und Geisteswissenschaftlern hat er in einem interessanten Essay zusammengefasst. Hier sind einige seiner Beobachtungen und meine Ergänzungen:

Geisteswissenschaftler sitzen beim Vortragen, Naturwissenschaftler stehen. Erstere lesen ihre Vorträge ab, Letztere reden frei. Naturwissenschaftler benutzen selbstverständlich visuelle Hilfsmittel wie Powerpoint, Geisteswissenschaftler nicht oder eher zögerlich. Naturwissenschaftler wiederum zitieren intellektuelle Vorfahren eher selten und meist nur in der Einleitung – die Daten ihrer Experimente sollten für sich sprechen. Geisteswissenschaftler hingegen leben davon, ihren Ausführungen mit Zitaten meist verstorbener Geistesgrößen mehr Gewicht oder Glaubwürdigkeit zu geben.

Warum diese Unterschiede? Die Antwort des Geisteswissenschaftlers wäre wahrscheinlich ein reflexartiges „Kultur!“. Der Naturwissenschaftler wiederum argumentiert, dass eswohl durch zufällig entstandene und geschichtlich verfestigte Unterschiede erklärbar sein könnte, also durch „Auslese“.
In den Naturwissenschaften ist es wichtig,was gesagt wird, und weniger wichtig, wie es gesagt wird.
Exakte und elegante oder gar unnötig komplexe, ja, kryptische Sprache ist deshalb weit weniger verbreitet
in den Naturwissenschaften. Im gefühlten Unterschied zu den Geisteswissenschaften wollen Naturwissenschaftler Klartext reden und nicht den Eindruck vermitteln, dass es an den intellektuellen Limitationen des Publikums liegen muss, wenn etwas unklar bleibt. Experimente und Daten allein zählen. Bei den Geisteswissenschaften dagegen hat man manchmal den Eindruck, dass es mindestens ebenso wichtig ist, wie und vor allem von wem etwas gesagt wird.
Nehmen wir beispielsweise Jürgen Habermas und seine (Entschuldigung, wirren) Ideen zum Gehirn im Speziellen und der Evolution im Allgemeinen. Weil er Habermas ist, nehmen viele seine Aussagen erst einmal ernst, und wenn sie sie nicht verstehen, suchen sie den Fehler bei sich selbst. Naturwissenschaftler würden, frei nach Wolf Singer, schlicht sagen: „Wo sind die Daten?“ oder auch „Geh doch mal ins Labor!“

6 Comments

  1. Lena:

    Die Anmerkung zu Habermas kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Ich finde, dass auch die Naturwissenschaften in dieser Hinsicht ihre Unschuld verloren haben. Betrachten wir einmal die Memetik. Würde in den Wissenschaften darüber auch nur eine Sekunde diskutiert werden, wenn diese nicht von Richard Dawkins, sondern von Susanne Mustermann wäre?

    ‚Mem‘ ist zunächst mal ein strukturwissenschaftlicher Begriff, ähnlich wie das auch für andere Konstrukte aus der Mathematik, der Spieltehorie, der Kybernetik, der Systemtheorie usw. gilt.

    Zu naturwissenschaftlich etablierten Begriffen werden neue Konstrukte erst dann, wenn sich die so bezeichneten Strukturen in der Wirklichkeit wieder finden und wenn sich die neuen Konzepte in heuristischer, deskriptiver oder explanativer Hinsicht als fruchtbar erweisen. Wenn ich richtig informiert bin, halten die meisten Evolutionsbiologen ‚Meme‘ für entbehrlich, weil sie weder die Forschung beflügeln, noch irgendetwas beschreiben, erklären oder prognostizieren, das nicht bereits ohne sie zum wissenschaftlichen Kenntnisstand gehörte.

    Ich teile den Eindruck, dass Naturwissenschaftler tendenziell intellektuell redlicher den Inhalt einer Publikation beurteilen und sich weniger leicht vom Namen des Autors blenden lassen als Geisteswissenschaftler.

    Gefällt mir

  2. lena, nimm die Warnung ernst, dass hier ist keine Werbeplattform und wenn hier jemand wirbt, dann mit unserer und seiner Zustimmung und es ist mir schei..egal ob du das als bright oder unbright ansiehst.

    Gefällt mir

  3. *lach* Eine sehr treffende Analyse. Aus eigener leidlicher Erfahrung kann ich den Artikel hunderprozentig unterschreiben! Am deutlichsten fällt der Unterschied zwischen Soziologen und Sozialwissenschaftlern ins Auge. Beide können durchaus dieselben Forschungsfragen untersuchen, sogar zu den gleichen Schlüssen kommen – aber die Begründungen, Vortragsweisen und Wissenschaftsverständnisse könnten unterschiedlicher kaum sein.

    Interessanterweise geht das sogar bis hin zur Selbstbezeichnung: Soziologen betonen die Andersartigkeit ihres Faches, schildern seine Tradition und versuchen sich gegenüber der „Konkurrenz“ abzugrenzen, während Sozialwissenschaftler ausdrücklich auf die Bezüge zu anderen Disziplinen verweisen, empirische Methodik wertschätzen und bereitwillig fachfremde Theorien adaptieren, wenn sie nützlich und anwendbar sind.

    Man möchte es für platte Vorurteile halten, aber nach allem was ich sagen kann, ist das eine erstaunlich verlässliche Aufteilung.

    Gefällt mir

  4. @nickpol

    „@Lena, hör bitte auf auf Bücher zu verweisen, die von dir rezensiert wurden, das nächste Mal drücke ich die del-Taste.“

    Welches Buch meinst du denn? Von Kuhn oder von Dawkins? In beiden Fällen handelt es sich um absolute Grundlagenwerke.

    Irgendwie war das nicht besonders „bright“.

    Gefällt mir

  5. Thomas S. Kuhn weist in seinem Paradigmen-Buch noch auf einen weiteren Unterschied hin, der aber eng mit den bereits genannten verbunden ist:

    Geisteswissenschaftler lesen auch im Studium Originalarbeiten, in den Naturwissenschaften gilt das eher als verpönt. Dort nimmt man im Allgemeinen an, dass eine Theorie erst dann wirklich anerkannt ist, wenn sie von anderen Experten didaktisch gut aufbereitet in Lehrbüchern aufbereitet wurde. Kein Mensch würde z. B. Einsteins Orginalarbeit lesen, es sei denn, er strebte eine Karriere als Einstein-Experte an.

    Allein schon das Wort Sekundärliteratur löst bei vielen Geisteswissenschaftlern Bauchschmerzen aus.

    Das hat zur Folge, dass in den Geisteswissenschaften um Personen herum sog. Schulen entstehen. Mit dem Tod des Initiators verschwinden diese dann oftmals genauso schnell, wie sie entstanden sind. Das führt zu der Schwierigkeit, dass eigentlich keine richtige Wissensakkumulation möglich ist. Was gehört denn z. B. zu den gesicherten Erkenntnissen der Soziologie?

    Die Anmerkung zu Habermas kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Ich finde, dass auch die Naturwissenschaften in dieser Hinsicht ihre Unschuld verloren haben. Betrachten wir einmal die Memetik. Würde in den Wissenschaften darüber auch nur eine Sekunde diskutiert werden, wenn diese nicht von Richard Dawkins, sondern von Susanne Mustermann wäre? Es ist heute auch in vielen Naturwissenschaften nicht mehr klar, was eine wissenschaftliche Arbeit ist und was nicht.

    Und das Problem der Eminenzbasiertheit gibt es auch in den Naturwissenschaften. Schließlich steckt dahinter ja einer der wichtigsten Antriebe der wissenschaftlichen Evolution überhaupt: Der Wissenschaftler strebt nach sozialen Ressourcen (Reputation, Prestige, …). Hierdurch wird eine Hierarchie unter Forschern hergestellt, die wohl auch im gewissen Sinne sinnvoll und erforderlich ist. In vielen Disziplinen gibt es als Ausgleich immerhin noch den Fitnessindikator „Empirie“, der den Geisteswissenschaften leider meist ganz abgeht. Woran will man dann ausmachen, ob es sich bei einem Resultat um eine wichtige Erkenntnis handelt? Wie will man widersprüchliche Ergebnisse oder Auffassungen „entscheiden“?

    Aber selbst in der Mathematik, in der man Resultate beweisen kann, gilt: Ein Resultat wird erst dann akzeptiert, wenn es von namhaften, allseits anerkannten Fachexperten akzeptiert wurde. So geschehen etwa bei Perelman.

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.