Was bedeutet eigentlich »Evolution«?


Schulterblatt, Brachiosaurus brancai, Oberer Jura, Tendaguru, Ostafrika. Naturkundemuseum Berlin, Foto:brightsblog
Schulterblatt, Brachiosaurus brancai, Oberer Jura, Tendaguru, Ostafrika. Naturkundemuseum Berlin, Foto:brightsblog

Thomas WaschkeThesen zur Evolution

Allgemein

Der Begriff ‚Evolution’ ist vieldeutig. Man spricht beispielsweise von einer ‚Evolution des Universums’ oder einer ‚Evolution des Autos’. Üblicherweise wird durch diesen Begriff ausgedrückt, dass sich ein bestimmter Typ Gegenstand im Laufe der Zeit verändert. Dabei wird meist (stillschweigend) vorausgesetzt, dass es bestimmte Regelmäßigkeiten gibt, und dass es sich bei dieser Entwicklung um einen Fortschritt handelt.

Im Bereich der Biologie

Hier wird der Begriff ‚Evolution‘ auf Organismen angewendet, die sich ein einer wesentlichen Eigenschaft von so gut wie allen anderen Systemen unterscheiden. Weder Sterne noch Autos pflanzen sich fort, indem sie Nachkommen hervorbringen, wobei sich die Nachkommen durch erbliche Eigenschaften voneinander unterscheiden und je nach der Genausstattung, die sie geerbt haben, selbst wieder unterschiedlich erfolgreich fortpflanzen. Nur derartige Systeme sind zu der Form von ‚Evolution‘ in der Lage, wie sie in der Evolutionsbiologie erforscht wird.

Evolution als historischer Befund

Schon lange vor Darwin erkannten Geologen, dass Gesteinsschichten regelmäßig abgelagert werden. Falls keine ungewöhnliche geologische Prozesse ablaufen, liegen die ältesten Schichten unten, ganz oben die neuesten. Die Abfolge der Schichten entspricht daher einer zeitlichen Reihenfolge. Untersucht man nun die Fossilien in einer Schichtenfolge, so stellt man fest, dass nicht alle Formen in allen Schichten vorkommen. Typischerweise findet man eine bestimmte Lebensform das erste Mal ab einer bestimmten Schicht und ab einer anderen nicht mehr. Zudem findet man in verschiedenen Schichten unterschiedliche Lebensgemeinschaften. Für dieses Argument (relative Datierung, ein Fossil in einer unteren Schicht ist relativ älter als eins in einer höheren) spielt das tatsächliche Alter der Schichten (absolute Datierung, wie alt, gemessen in Jahren, ist ein Fossil) keine Rolle. Wenn behauptet wird, dass ‚Evolution‘ eine Tatsache sei, wie der Lauf der Erde um die Sonne oder die Schwerkraft, ist diese Bedeutung gemeint. Fossilien sind Urkunden, die das Vorkommen einer Lebensform genauso sicher belegen wie eine von Menschen verfasste Urkunde die Existenz einer historischen Persönlichkeit. Zudem belegt der geologische Befund ein hohes Alter der Erde. Diese Auffassung von ‚Evolution‘ ist mit vielen Schöpfungsvorstellungen vereinbar, allerdings nicht mit der Auffassung, dass alle Lebensformen gleichzeitig erschaffen wurden.

Evolution als Verwandtschaftsbeziehung (Deszendenz)

Darwin verwendete anstelle von ‚Evolution‘ meist den Begriff ‚descent with modification‘, also in etwa ‚Abstammung mit Veränderung‘. Das ist die bis heute beste Definition von ‚Evolution‘ im Sinne einer gemeinsamen Abstammung aller Lebensformen. Man geht hier davon aus, dass die Formen nicht nur zeitlich nacheinander entstanden (was als Beobachtungstatsache aufgrund des Fossilbefunds unstrittig ist), sondern dass sich die Lebensformen im Sinne einer Genealogie auseinander entwickelt haben. Das heißt beispielsweise, dass es bestimmte Fische gab, aus denen sich dann irgendwann Amphibien entwickelten. Alle Amphibien haben daher einen Fisch als gemeinsamen Vorfahren. Die konkreten Abstammungsverhältnisse werden in Form eines Stammbaums zusammengefasst. Die Annahme einer Abstammung der Lebensformen auseinander ist durch eine Reihe von Befunden sehr plausibel. Dazu gehören beispielsweise Gemeinsamkeiten im Aufbau, beginnend bei der gemeinsamen Erbsubstanz über Stoffwechselwege bis hin zu morphologischen Strukturen. Wesentlich ist, dass sich die Lebensformen aufgrund dieser Merkmale zwanglos in ein natürliches System einordnen lassen. Evolution in der Bedeutung von Deszendenz beinhaltet Interpretationen, die sich aber im Laufe der Zeit als so zutreffend erwiesen haben, dass es innerhalb der Fachwelt nur noch Diskussionen um Details gibt. In den seltensten Fällen hat man hinreichend Befunde (Fossilien, DNA-Sequenzen etc.), um einen eindeutigen Stammbaum erstellen zu können. Zudem ist die Wertung der Daten immer subjektiv. Die Annahme einer Deszendenz wird insgesamt in der Evolutionsbiologie aber nicht mehr infrage gestellt. Dieser Konsens hatte sich schon 10 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage von Darwins Origin of Species innerhalb der Biologie durchgesetzt.
Deszendenz ist mit vielen religiösen Weltbildern vor allem deshalb schwer vereinbar, weil der Mensch in diesen Stammbaum einbezogen ist. Der Mensch hat in diesem Stammbaum nicht-menschliche Vorfahren und ihm kommt innerhalb des Organismenreichs keine direkte Sonderstellung mehr zu.

Mechanismen der Evolution

‚Evolution‘ in diesem Sinn fragt nach den Triebkräften der Evolution. Darwin hat mit seiner Selektionstheorie (die oft auch als ‚Darwinismus‘ bezeichnet wird) einen verblüffend einfachen Mechanismus vorgeschlagen. Die Organismen erzeugen einen Überschuss an Nachkommen, die aufgrund zufällig entstandener erblicher Eigenschaften unterschiedlich konkurrenzfähig sind. Aufgrund der knappen Ressourcen gelangen nur die jeweils am besten angepassten Lebewesen zur Fortpflanzung und sorgen so dafür, dass ihre Erbanlagen, die diese Eigenschaften bedingten, in der jeweils nächsten Generation vermehrt auftreten. Es handelt sich um einen Zwei-Stufen-Prozess: Zufällige Prozesse erzeugen genetische Vielfalt, aus der dann in einem zweiten, nicht zufälligen, Schritt ausgelesen (selektiert) wird. Durch diese Theorie lässt sich leicht erklären, wie sich ein System, das die Möglichkeit zur Veränderung bereits besitzt, an einen Selektionsdruck anpassen kann. Deshalb war schon sehr bald nach der Veröffentlichung von Darwins Theorie allgemein anerkannt, dass sich Organismen auf diese Weise an Umweltbedingungen anpassen können. Heftig umstritten war und ist die Frage, ob so auch biologische Neuheiten entstehen können, genauer, ob diese Theorie die gesamte Evolution erklären kann. Selbstverständlich ist die moderne Biologie ein gewaltiges Stück weiter als Darwin, aber einen unter Fachleuten allgemein anerkannten Mechanismus, der alle Phänomene der Evolution erklärt, gibt es bis heute noch nicht. Daher gibt es eine Reihe von verschiedenen Evolutionstheorien, die sich teilweise widersprechen. Allgemein wird aber anerkannt, dass die natürliche Selektion einen der wichtigsten Evolutionsfaktoren darstellt. Innerhalb der Biologie ist man sich zudem einig, dass die Erforschung der Evolution nur unter der Annahme, dass kein übernatürliches Wesen eingegriffen hat, Sinn macht. Eine
Schöpfung wird methodisch ausgeschlossen. Die mechanismischen Auffassungen von Evolution sind mit Religion bestenfalls in der Form zu vereinbaren, dass eine derartige Evolution als Schöpfungsmethode auffasst wird. Eine so verstandene ‚Schöpfung‘ hat mit dem, was Religionen vertreten, allerdings kaum noch etwas gemeinsam.

Evolutionstheorie im Singular

Darunter wird oft ein Weltbild verstanden, das von einem Universum ohne einen Schöpfer ausgeht. Den natürlichen Mechanismen wird die Fähigkeit zugesprochen, die Evolution der Lebensformen, so wie wir sie beobachten, zu bewirken. Es handelt sich aber nicht, wie im Falle der Naturwissenschaften, um eine bewusste Setzung im Sinne einer Forschungsstrategie, sondern um eine philosophische Haltung, die man auch als Materialismus bezeichnen kann.
Evolution in diesem Sinn macht einen Schöpfer überflüssig und ist daher mit den verbreiteten Religionen nicht zu vereinbaren.

Schlussfolgerungen

Ich vertrete den Standpunkt, dass mit Sicherheit gesagt werden kann, dass im Lauf der Erdgeschichte eine Evolution stattgefunden hat. Man kann, in groben Zügen, nachvollziehen, wie sie historisch abgelaufen ist, und es gibt gute Argumente dafür, dass es eine durchgängige Verwandtschaft zwischen allen Lebensformen gibt. Die Triebkräfte der Evolution sind zwar in groben Zügen bekannt, es ist aber noch nicht geklärt, wie Evolution letztendlich zustande kommt. Als Naturwissenschaftler gehe ich davon aus, dass aus methodischen Gründen eine Erklärung nur ohne die Annahme eines Schöpfers erfolgen kann.

7 Comments

  1. Meine Lieblingsempfehlung zum Einstieg für biologische Laien in das Thema Evolution und Evolutionstheorie ist:

    * MAYR, ERNST. /DAS IST EVOLUTION/. MÜNCHEN: GOLDMANN, 2005.

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  2. Trinculo

    === schnipp ===
    Kann mir jemand erklären, was hier mit biologische Neuheiten gemeint ist?
    === schnapp ===

    schwer operational zu definieren. Eventuell was in Richtung Synapomorphie?

    Unstrittig ist, dass im Lauf der Evolution Neuheiten entstanden sind. Ab wann etwas als ‚Neuheit‘ gewertet wird, ist eine interessante Frage. Üblicherweise wurde im Rahmen der Standard-Theorie (‚Synthetische Theorie der Evolution‘) diese Frage einfach wegdefiniert, weil man Evolution als ‚Verschiebung von Allelfrequenzen in Populationen‘ definierte, als nur Transmissionsgenetik betrieb und die Entstehung von Strukturen etc. sozusagen ‚en passant‘ annahm und sich nicht weiter damit befasste.

    Gerade die Gegner des Standards stellten aber diese Frage in den Vordergrund (sie fragten nach dem ‚arrival of the fittest‘ und sahen die Frage nach dem ’survival of the fittest‘ als eher trivial an).

    Falls Du einen Top-Klassiker, der auch heute noch viel zitiert wird, zu dieser Frage lesen möchtest (der Autor schildert darin sogar, warum diese Frage lange nicht gestellt wurde):

    Mayr, E. (1960) ‚The emergence of evolutionary novelties‘ in: Tax, S.; (ed.) ‚Evolution after Darwin. Vol 1. The Evolution of Life‘ Chicago, University of Chicago Press S. 349-380

    Sehr interessant, falls Dich interessiert, was ‚Neuheiten‘ sein könnten, ist

    Müller, G.B.; Wagner, G.P. (1991) ‚Novelty in Evolution: Restructuring the concept‘ Annual Review of Ecology and Systematics 22:229-256

    oder auch

    Nitecki, M.H.; (ed.) (1990) ‚Evolutionary Innovations‘ Chicago, London, The University of Chicago Press

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  3. „Heftig umstritten war und ist die Frage, ob so auch biologische Neuheiten entstehen können, […]“

    Kann mir jemand erklären, was hier mit biologische Neuheiten gemeint ist? Geht man dabei nach morphologischen oder funktionellen Kriterien? Und wie stark muss sich etwas von bereits vorher vorhandenem unterscheiden, damit es eine „Neuheit“ ist?

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  4. Ostfriese,

    === schnipp ===
    Eine solche Kurz-Darstellung des Themenkomplexes ‚Evolution’ dürfte gute Dienste leisten, um Laien grob über den Stand der Forschung sowie über das Verhältnis von Evolutionstheorien und Schöpfungslehren aufzuklären.
    === schnapp ===

    danke für diese Einschätzung. Der Text war als HandOut für Laien gedacht. Ich sollte auf einem Podium vor ‚Frommen‘ gegen HardCore-Kreationisten das Fähnlein der Evolution hoch halten und hätte diesen Text als Basis für das 10-Minuten-Statement, das man mir einräumte, verwendet. Leider wurde ich krank und konnte nicht teilnehmen.

    === schnipp ===
    aber einen unter Fachleuten allgemein anerkannten Mechanismus, der alle Phänomene der Evolution erklärt, gibt es bis heute noch nicht. Daher gibt es eine Reihe von verschiedenen Evolutionstheorien, die sich teilweise widersprechen.

    Dass diese beiden Sätze unmittelbar aufeinander folgen, vermittelt leider den Eindruck, als tappten Evolutionsbiologen weitestgehend im Dunkeln.
    === schnapp ===

    Stimmt. Das war nicht beabsichtigt.

    Wenn Du allerdings Bücher aus dem Darwin-Jahr 1959 mit denen von heute hinsichtlich Evolutionsmechanismen vergleichst, ähnelt das eher 1909 (‚eclipse of darwinism‘) als 1959, obwohl wir heute viel mehr Details kennen.

    === schnipp ===
    Dabei ist es doch eine beachtliche Erkenntnisleistung herauszufinden, dass ein für alle Phänomene der Evolution erklärungsmächtiger Mechanismus nicht existiert. Und dass neue, noch zu testende Theorien an der Frontlinie der Forschung einander teilweise widersprechen, ist ja kein Qualitätsmangel, sondern kann im besten Fall dazu führen, dass adäquatere von weniger adäquaten Theorien zu unterscheiden sind.
    === schnapp ===

    ACK

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  5. Eine solche Kurz-Darstellung des Themenkomplexes ‚Evolution‘ dürfte gute Dienste leisten, um Laien grob über den Stand der Forschung sowie über das Verhältnis von Evolutionstheorien und Schöpfungslehren aufzuklären. Ich wünsche dem Artikel weite Verbreitung!

    aber einen unter Fachleuten allgemein anerkannten Mechanismus, der alle Phänomene der Evolution erklärt, gibt es bis heute noch nicht. Daher gibt es eine Reihe von verschiedenen Evolutionstheorien, die sich teilweise widersprechen.


    Dass diese beiden Sätze unmittelbar aufeinander folgen, vermittelt leider den Eindruck, als tappten Evolutionsbiologen weitestgehend im Dunkeln. Dabei ist es doch eine beachtliche Erkenntnisleistung herauszufinden, dass ein für alle Phänomene der Evolution erklärungsmächtiger Mechanismus nicht existiert. Und dass neue, noch zu testende Theorien an der Frontlinie der Forschung einander teilweise widersprechen, ist ja kein Qualitätsmangel, sondern kann im besten Fall dazu führen, dass adäquatere von weniger adäquaten Theorien zu unterscheiden sind.

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  6. Die mechanismischen Auffassungen von Evolution sind mit Religion bestenfalls in der Form zu vereinbaren, dass eine derartige Evolution als Schöpfungsmethode auffasst wird. Eine so verstandene ‚Schöpfung‘ hat mit dem, was Religionen vertreten, allerdings kaum noch etwas gemeinsam…

    „Glauben“ wir, leider immer noch,

    können so die kreative Vernünftigkeit der Mechanismen der Evolution nicht als schöpferische Weisheit, ewiges Wort… nachdenken,

    -das auf antike Weise in personifizierter Weise ausgedrückt wurde,
    -über das es nach der ursprünglicher jüdischer Glaubenslehre nichts über eine Schöpfergestalt bzw. einen sog. Desinger zu sagen gibt.
    -Und das gerade nach christlicher Lehre alleinige lebendige Offenbarung und gemeinsame, nun universale Abstammungslehre und somit Sinngebung sein müsste.

    (Um nicht selbst nachweisen zu müssen, verweise ich oft auf das wissenschaftliche Bekenntnis von Prof. Ratzinger zu einer in griechisch-rationeller Welterklärung ausgedrückten „schöpferischen Vernunft“ als biblisches Offenbarungswesen und damit historischen Jesus. Auch wenn das bei ihm noch ein reines Dogma bleiben, damit alles im Dunkel bleiben muss.)

    Nicht die Wissenschaft hat die Allein-Geltung des Schöpfungswortes, der kreativen=schöpferischen Logik allen natürlichen Werdens außer Kraft gesetzt, sondern was banal-buchstäblich oder persönlich über eine selbst entworfene Gestalt geglaubt wird.

    Doch die Evolution geht weiter, auch in dem was geglaubt wird.

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