Die Gottespest (1883)


Die Gottespest. -- Titelblatt der kommunistischen Kulturzeitschrift Der Gegner. -- 1921-08
Die Gottespest. -- Titelblatt der kommunistischen Kulturzeitschrift "Der Gegner". -- 1921-08

Von Johann Most

Unter allen Geisteskrankheiten, welche „der Mensch in seinem dunklen Drange“ sich systematisch in den Schädel impfte, ist die Gottespest die allerscheußlichste. Wie alles eine Geschichte hat, so ist auch diese Seuche nicht ohne Historie; nur schade, dass es mit der Entwicklung von Unsinn zum Verstand, wie sie im Allgemeinen aus dem Historismus oft gefolgert wird, bei dieser Art Geschichte ganz gewaltig hapert. Der alte Zeus und sein Doppelgänger, der Jupiter — das waren noch ganz anständige, fidele, wir möchten sagen gewissermaßen aufgeklärte Kerle, verglichen mit den jüngsten Drillingssprossen am Stammbaume der Götterei, welche sich, bei Licht besehen, an Brutalität und Grausamkeit getrost mit Vitzliputzli messen können.

Wir wollen übrigens mit den pensionierten oder abgesetzten Göttern überhaupt nicht rechten, denn die richten keinen Schaden mehr an. Die noch amtierenden Wolkenverschieber und Höllen-Terroristen des Himmels aber wollen wir dafür desto respektloser kritisieren, blamieren und abführen. Die Christen haben einen dreifältigen Gott; ihre Vorfahren, die Juden, begnügten sich mit einem einfältigen. Sonst sind beide Gattungen eine recht heitere Gesellschaft. „Altes und neues Testament“ bilden für sie die Quellen aller Weisheit; daher muss man diese „heiligen Schriften“ wohl oder übel lesen, wenn man sie durchschauen und verlachen lernen will.

Greifen wir nur die „Geschichte“ dieser Gottheiten heraus, so genügt das eigentlich schon zur Charakteristik des Ganzen vollkommen. In kurzem Abriss ist die die Sache nämlich die: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“2 Er befand sich mithin zunächst im allgemeinen Nichts, wo es allerdings nüchtern genug ausgesehen haben mag, um sich als Gott darin zu langweilen. Und da es für einen Gott eine Kleinigkeit ist, aus Nichts Welten hervorzuzaubern, wie ungefähr ein Taschenspieler Hühnereier oder Silbertaler aus den Ärmeln schüttelt, so „schuf“ er „Himmel und Erde“. Später drechselte er „Sonne, Mond und Sterne“ zurecht. Gewisse Ketzer, so man Astronomen nennt, haben zwar längst festgestellt, dass die Erde weder Mittelpunkt des Universums ist, noch je gewesen sein kann, noch überhaupt zu existieren vermochte, bevor die Sonne, um welche sie sich dreht, da war. Diese Leute haben nachgewiesen, dass es ein reiner Blödsinn ist, von „Sonne, Mond und Sternen“ und daneben von der Erde zu reden, als ob dieselbe, verglichen mit Ersteren, etwas ganz Spezielles und Übergewichtiges wäre. Sie haben es längst jedem Schulbuben eingepaukt, dass die Sonne auch nur ein Stern, die Erde aber ein Trabant der Sonne, der Mond sozusagen ein Untertrabant der Erde ist, nicht minder, dass die Erde, verglichen mit dem Weltganzen, weit entfernt, eine hervorragende Rolle zu spielen, umgekehrt kaum wie ein Sonnenstäubchen sich ausnimmt.

Was hat sich ein Gott um Astronomie zu kümmern? Er macht, was er will und pfeift auf Wissenschaft und Logik. Aus diesem Grunde hat er auch nach seiner Erdenfabrikation zuerst das Licht und hernach die Sonne gemacht. Selbst ein „Hottentotte“ kann heutzutage einsehen, dass ohne Sonne auf der Erde kein Licht sein kann; aber Gott — hm! der ist ja kein „Hottentott“. Aber hören wir weiter! Die „Schöpfung“ war so weit ganz gelungen, aber es war immer noch kein rechtes „Leben in der Bude“. Der Schöpfer wollte sich amüsieren. Daher machte er endlich Menschen. Er wich dabei merkwürdigerweise ganz von seiner zuvor angewandten Praxis ab. Statt diese „Schöpfung“ durch ein einfaches „Es werde!“ zu bewerkstelligen, machte er ungemein viel Umstände beim „Schaffen“. Er nahm einen ganz prosaischen Lehmkloß zur Hand, modellierte daraus „nach seinem Ebenbilde“ eine Mannesfigur und „blies derselben eine Seele ein.“ Da aber Gott allweise, gütig, gerecht, kurzum die Liebenswürdigkeit selber ist, so leuchtete ihm ein, dass dieser Adam, wie er sein Fabrikat nannte, sich allein ungemein langweilen dürfte. (Vielleicht erinnerte er sich dabei an sein vormaliges langweiliges Dasein im Nichts.) Und so erzeugte er denn eine ganz nette, reizende Eva. Hier hatte ihn indessen offenbar die Erfahrung gelehrt, dass die Bearbeitung von Lehmklößen eben doch für einen Gott ein gar zu unreinliches Geschäft sei, weshalb er eine neue Fabrikationsmethode in Anwendung brachte. Er riss dem Adam eine Rippe aus und verwandelte dieselbe — Geschwindigkeit ist keine Hexerei, am allerwenigsten für einen Gott — in ein niedliches Frauenzimmer. Ob die herausgenommene Rippe Adam später wieder ersetzt wurde, oder ob nach der stattgefundenen Operation Adam als einseitiger Mensch herumlaufen musste, davon schweigt des Sängers Höflichkeit.

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4 Comments

  1. Bis zum Becken runter ist aber Platz für einige Rippen.
    Wie viele Versuche hat Gott denn für Eva gebraucht? 😆

    Laut den Apokryphen gab es vor Eva ja zumindest eine weitere Frau: Lilith. Sie war aber ungehorsam und wollte sich Adam nicht unterwerfen. Deshalb hat Gott dann die brave Eva gebastelt, die dann das Rollenbild der guten Hausfrau verkörperte.

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  2. zu der Rippe habe ich mal eine geschichte gehört. und zwar gingen die rippen bei adam bis in das becken runter. und weil Gott adam die rippe endnommen hat, haben die menschen jetzt keine rippen mehr in der beckengegend.

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  3. Die Gottespest habe ich mir früher einmal gekauft und gelesen. Eben so wie andere Anarchisten: Kropotkin , Bakunin, Mühsam, Malatesta etc. . Hat mir nicht geschadet, etwas über alternative politische Modelle und Utopien zu lernen. Aber überbewerten würde ich die Modelle nicht (mehr), im gegensatz zu noch vielen anderen. Klar die anarchistischen Intelektuellen waren zum Teil sehr sympathisch, human und intelligent, aber die heutigen Verhältnisse sind zu Komplex für die Ideen von damals.

    Johann Most gibt es zwei bekannte Zitate:
    „Wenn es einen Gott gäbe, müßte man ihn abschaffen!“

    „Je mehr der Mensch glaubt, desto weniger weiss er. Je weniger er weiss, desto dümmer ist er. Je dümmer er ist, desto leichter kann er regiert werden. “

    Johann Most ist reiner Antitheist. Ich jedoch nicht, habe ich beim lesen oft als sehr störend empfunden.

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