Tibet und die Nazis


Sven Hedin - Ölgemälde von Carl Emil Österman (1923), wikipedia
Sven Hedin - Ölgemälde von Carl Emil Österman (1923), wikipedia

Was interessierte die Nazis an Tibet und am tibetischen Buddhismus?

Victor und Victoria Trimondi

Sven Hedin (1865 – 1952) – Tibetforscher, Hitlerfreund und Vorbild für die NS-Jugend – „Seinem Temperament nach ein Nazi“

Die größte Organisation innerhalb des SS-Ahnenerbes war das Sven Hedin Institut für Innerasienforschung unter der Leitung von Ernst Schäfer. Der kanadische Historiker Michael H. Kater stellt Schäfer als den wissenschaftlichen Kontrapunkt zu den pseudowissenschaftlichen Mitgliedern des SS-Vereins heraus, der nolens volens die „Sache“ mitgemacht habe, um insgeheim seine Fachdisziplinen (Ornithologie, Zoologie, Tibetforschung usw. ) zu fördern. „Schäfer“ – so Kater – „der damals als ‚begeisterungsfähiger junger Mann‘ dem Nationalsozialismus bestimmt nicht ablehnend gegenüber stand, anderseits aber aufgrund seiner Erfahrungen und seiner internationalen Beziehungen viel zu sehr Kosmopolit war, als dass er eine vorschnelle Überbewertung nationaler Parolen gutgeheißen hätte, will das Ahnenerbe Himmlers wegen seines pseudowissenschaftlichen Rufes mit Skepsis betrachtet haben.“ (1) Ob dies wirklich so zu sehen ist, wollen wir in den folgenden Kapiteln untersuchen. Aber zuerst beschäftigen wir uns mit dem Mann, dem Schäfer den Namen seines Institutes gab, den Schweden Sven Hedin.

„Der Forscher war ’nordisch‘, war bekannt als glühender Germanophile und verkörperte die Nietzscheanische Sehnsucht nach einer heroischen Meisterrasse.“ – schreiben die beiden amerikanischen Historiker Karl E. Meyer und Shareen Blair Brysac von Sven Hedin – „Aber noch etwas machte die gegenseitige Anziehung aus: Hedin und die Nazis teilten eine Faszination für Tibet, die unterstellte Wiege der sogenannten arischen Rasse.“ (2) Das mag mehr oder weniger stimmen, aber eines haben die Autoren nicht erwähnt, nämlich dass Hedins Ururgroßvater Jude war. Der Schwede konnte demnach, wie seine Schwester es ausdrückte, nur als „15/16. Germane“ gelten. (3) Diese jüdischen Blutspuren in seinen Adern machen seine Biographie doppelbödig.

Geboren wurde Sven Hedin im Jahre 1865. Er unternahm mehrere Expeditionen nach Zentralasien (4) und brachte davon hervorragendes wissenschaftliches Material mit nach Europa. Vor allem wegen seiner präzisen kartographischen Arbeiten wurde er weltberühmt. Die exklusive Royal Geographical Society zählte ihn zu ihren Mitgliedern und man schlug ihn zum Honory Knight Commander des indischen Empires. (Beide Auszeichnungen haben ihm die Briten später wegen seiner pro-deutschen Einstellung aberkannt.) Seine Explorationen in den Pamir, nach China und Tibet beschrieb er in sehr populären Büchern, die heute im Rausch der allgemeinen Tibetbegeisterung wieder eine Renaissance erleben. Politisch stand Hedin seit Beginn seiner Studien der nationalistischen Rechten nahe. Er verachtete die sozialdemokratische Bewegung in Schweden und geriet deswegen mit dem Dichter August Strindberg in einen herben Konflikt, der die gesamte Nation beschäftigte. Jenseits der schwedischen Grenzen zeigte er sich als ein großer Bewunderer des wilhelminischen Deutschland. Mit dem deutschen Kaiser und dessen Feldmarschall Hindenburg unterhielt er enge Kontakte. Später wurde er zum Förderer der Nazi Bewegung.

Hedin war zweifelsohne ein hervorragender Beobachter, ein genialer Kartograph, ein unterhaltsamer Erzähler, ein ernsthafter Wissenschaftler und ein mutiger Abenteurer. Aber – „Seinem Temperament nach war Hedin ein Nazi, für den Forschung zum Kampf wurde, ein Kampf nicht nur gegen die Naturkräfte, sondern auch auf dem Papier gegen rivalisierende Forscher. Es wundert einen nicht, dass er die Anliegen Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitlers unterstützte.“ – schrieb einer seiner Kollegen aus der Royal Geographical Society. (5) In der Tat brachte Hitler dem Schweden große Bewunderung entgegen. Bald nachdem er Kanzler geworden war (1933) schickte er Hedin ein Telegramm, in dem er den Forscher für den 40. Jahrestag seiner ersten Expedition nach Zentralasien gratulierte. Zum 70. Geburtstag Hedins folgte ein zweites Glückwunschschreiben. 1936 sprach der prominente Schwede die Eröffnungsrede (Thema: „Sport als Erzieher“) bei den Olympischen Spielen in Berlin. Insgesamt kam es zu vier Treffen mit dem Diktator.

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