Es gibt keine Religion


 Du mußt dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik (Gebundene Ausgabe) von Peter Sloterdijk (Autor)
Du mußt dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik (Gebundene Ausgabe) von Peter Sloterdijk (Autor)

„Du mußt dein Leben ändern“: Peter Sloterdijk streift durch den Planet der Übenden und entdeckt im Menschengarten zahllose anthropotechnische Trainingslager

Von JENS BISKY sueddeutsche

Einen solchen Triumph hätte die gute alte „Religion“ sich wohl kaum träumen lassen. Hunderttausende jubeln dem Papst zu, Koranschulen sind überlaufen, Talkshows und Streitschriften feiern den Auftritt der vielfach Totgesagten, die nun wieder in unserer Mitte steht, als sei sie lediglich einige Zeit abwesend gewesen. Auf Urlaub? Im Versteck? Zur Kur? Gleichviel, sie scheint wieder da.

In Debatten über Sterbehilfe oder Genforschung hört die Öffentlichkeit den Amtsträgern der Kirche mit ausgestellter Ergriffenheit zu. Auch fehlt es nicht an Pamphleten gegen den unerwarteten Aufschwung. Christopher Hitchens und Richard Dawkins haben ihr eigenes Nieveau weit unterschritten, um in kritischer Absicht zu warnen, als drohten uns neue Zeiten der Geistesknechtschaft. Neu Bekehrte und alte Widersacher streiten, ob die Wiederkehr der Religion zu begrüßen, zu fürchten oder zu verdammen sei, und viel zu klein ist die Schar derer, die zu dieser Zeitdiagnose die passende Melodie Gershwins pfeifen: „It ain“t necessarily so“ – Es ist nicht unbedingt so.

Das tut nun Peter Sloterdijk in seinem neuen Essay: „Du mußt dein Leben ändern“. Aber er pfeift nicht, er beginnt mit vollem Orchester und lässt eine Partitur aus dem Jahr 1848 verfremdend wieder erklingen: „Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt – das Gespenst der Religion.“ Gespenster pflegen erst zu weichen, wenn man sie beim richtigen Namen nennt. Es sind aber Gläubige und Nicht-Gläubige verschiedener Zeiten darin überein gekommen, dass es sich bei der „Religion“ um etwas Gegebenes handele. Noch der wütendste Kritiker einzelner Dogmen oder des Jenseitsglaubens im Ganzen geht selbstverständlich von der Existenz der „Religion“ aus. Dieser Überzeugung haben Aufklärung, Modernisierung und die behauptete Säkularisierung wenig anhaben können. Gegen diese „Ökumene der Missverständnisse“ ist Sloterdijks schwungvoller Essay gerichtet, den man keinesfalls als atheistische Kampfschrift oder religionskritischen Traktat missverstehen darf.

Der Feldzug der Aufklärung gegen Glaube und Aberglaube ging davon aus, dass der Mensch zu viel Kraft und Energie an „Gott“ oder Überwelt verschwende, dass er diese lediglich für sich und seine Welt verwenden müsse, um das irdische Dasein zu optimieren. Das nannte man „Fortschritt“. Dessen Paradoxien, das Elend des aufgeklärten Menschen, ließen immer wieder Sehnsüchte nach Transzendenz aufkommen.

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7 Comments

  1. Doch wird er sein Leben allein aufgrund philosophisch wissenschaftlicher Einsicht verändern? Wird er sich allein aufgrund des längst weitgehend vorhandenen Wissens, was im Sinne der gemeinsamen Zukunft nützlich, weltvernünftig, ökologisch, weltökonomisch wäre, vernünftig verhalten?

    Da der Mensch allein auf sich gestellt noch nicht mal den Mindestanforderungen an Brutpflege gerecht wird. (Die bei mir weit über Samenstreuen… hinausgeht und nicht nur meine eigenen Kinder, deren Zukunft umfasst.)

    Genau darum denke ich, dass es aufgeklärt ist, über eine Bestimmung nachdenken, wie wir sie in Bezug auf „Mutter“ Natur für ganz selbstverständlich halten und die nach meinem aufgeklärten Glaubensverständnis nichts jenseitiges, un/übernatürliches mehr sein muss, sondern sich aus dem ergibt, was Evolutionsbiologen mir beibringen und was ich im Kontext meines Kultes als „Schöpfung“ verstehe (somit über alten Sozialdarwinismus hinausgeht). Mich damit in eine Verant-wort-ung nimmt, die über den Hedonismus hinausgeht.

    Selbst wenn mir Morgen wieder ein teuer bezahlter Verhaltenstrainer beibringt, warum ich als Marketingverantwortlicher im Sinne der Evolution eine ständige Veränderung systematisch betreiben muss und wie ich die Unternehmenskommunikation im Sinne einer nützlichen Kreativität zu gestalten habe, dann ist das eine kreative Bestimmung, an die zu halten es sich lohnt. Nicht nur weil es mir Spaß macht.

    Damit will ich nur andeuten, dass es m.E. eine ganz natürliche kreative=schöpferische Bestimmung gibt, die über das bisher betrachtete biologische Maß hinausgeht, die ich mir bewusst machen muss und der ich auch – wie eingangs gedacht – im „großen Ganzen“ nicht automatisch gerecht werde. Genau dazu scheint uns ein besonderes Gehirn gegeben.

    Mit der heutigen Glaubensvorstellung, die Brights bekämpfen, ist dies sicher nicht zu machen. Doch im Sinne der Evolution wäre m.E. nicht die Abschaffung, sondern die aufklärte, kreative Weiterentwicklung des Kultes. Kreativ wieder an das „Wort“, die Logik, Vernunft anschließen, die nach Glaubensaufklärung auch am Anfang immer deutlicher Zutrage tritt. Nur darum geht es mir.

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  2. === schnipp ===
    Doch warum wir in aufgeklärter Weise in der wissenschaftlich beschriebenen Evoluitons-wirk-lichkeit keine kreative=”schöpferische” Bestimmung (…) verstehen können, das uns mündig darüber nachdenken lässt, was auf menschliche Weise verant-wort-lich macht, will mir nicht mehr in den Sinn.
    === schnapp ===

    Weil es eben nicht aufgeklärt ist, sich bestimmen zu lassen. 🙂
    (btw: Wer soll denn bestimmen, was die Bestimmung ist?)

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  3. Verstehe ich Biskys Kommentar über Sloterdijks neues Buch richtig, dass dieser dort nicht nur analysiert, wie Religiösheit ihre Kraft in die Vergötterung von Übernatürlich- bzw. Außerweltlichkeiten verschwendet, sondern gleichzeitig die atheistische Aufklärung in Geisterjagd, was von der wirklichen Weiterbewegung der Welt, Veränderung abhält?

    Dann danke für die Empfehlung.
    Das Buch werd ich kaufen.

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  4. Eines muss man dem alten Gauner lassen: Er findet doch immer wieder originelle Wege, den Nebel, in dem wir stochern, effektvoll zu illuminieren.

    Mir sind allerdings jene Philosophen lieber, die uns darüber erheben.

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  5. @LinuxBug,
    Sie bestätigen meine Annahme, die ich gerade gegenüber Religionswissenschaftern argumentiere, dass es nicht mehr nützlich ist, mit einem „übernatürlichen Aufpasser“ zu rechnen, wegen dem sich keiner mehr wirklich an universelle Jagdgesetzte (weltwirtschaftlich oder ökologisch verhält) bzw. sein Eheversprechen hält.

    Und gegenüber Religiösen, die nach „jenseitigen“ Werten für die heutige Welt rufen, argumentiere ich, dass Werte untauglich sind, wenn über sie in der Weltwirklichkeit nicht zu reden ist.

    Doch warum wir in aufgeklärter Weise in der wissenschaftlich beschriebenen Evoluitons-wirk-lichkeit keine kreative=“schöpferische“ Bestimmung (in Glaubenssprache „Wort“ verstehen können, das uns (glaubensaufgeklärt im Kontext unserer Kultur) mündig darüber nachdenken lässt, was auf menschliche Weise verant-wort-lich macht, will mir nicht mehr in den Sinn.

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  6. Vielleicht, jedenfalls sollte es seine Entscheidung sein, die ihm keiner abnehmen kann. Im Grunde ist sie das ja jetzt auch schon, aber ein aufgeklärter Mensch ist sich der Verantwortung auch immer bewusst…

    Wie wär’s wenn wir die Frage umdrehen: Stimmt es, dass der unaufgeklärte Mensch, sein Leben ändert, den Vertretern moralischer Aufpasser folgend „vernünftig“ verhaltet?

    Und nein, natürlich würde er das nicht tun. Moral, Werte und Normen im Allgemeinen haben nur Bedeutung, wenn man nicht im Solipsismus gefangen ist, sondern sie mit anderen austauscht, festlegt, bespricht, aufrecht erhält, etc… Gäbe es nur noch mich, würde es keine Rolle spielen, ob ich eine Regel befolge, ein Tabu breche, … nicht (weil ich niemanden hätte, der meine Werte schätzt und anerkennt oder sie oder oder mein Verhalten kritisiert).
    Das fällt ja nicht weg, wenn man selbst und kein Aufpasser für seine Werte verantwortlich ist… (es gäbe zwar noch einen „Aufpasser“, aber das ist nur ein rhetorisches pars pro toto, halt für alle, die „aufpassen“, anklagen, eine Rechtfertigung wollen, etc…)

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  7. Wegen eines geheimnivollen Akteurs, moralischen Aufpassers… wird der aufgeklärte Mensch sein Leben nicht ändern. (Dem lebendigen Geber der Vernunft/evolutionären Nützlichkeit/Logik sei Dank.) Auch wenn eine neue Religiösität, die hier oft bissig bekämpft wird, in letzter Verzweifelung danach ruft. Letztlich jedoch meist nur ihre Moral einem persönlichen Gotteskonstrukt in den Mund legt.

    Doch wird er sein Leben allein aufgrund philosophisch wissenschaftlicher Einsicht verändern? Wird er sich allein aufgrund des längst weitgehend vorhandenen Wissens, was im Sinne der gemeinsamen Zukunft nützlich, weltvernünftig, ökologisch, weltökonomisch wäre, vernünftig verhalten?

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