Ethos der Freiheit


Von Gerd NowakowskiDer Tagesspiegel

Zu viel Freiheit kann verwirren. Für „Gleiche Freiheit“ kämpft „Pro Reli“, und „Pro Ethik“ sagt „Nein zum Wahlzwang“. Wer welche Freiheit meint und was die bessere Alternative ist, können die Berliner am 26. April entscheiden. Dann wird abgestimmt, ob Religion ein Wahlpflichtfach werden soll.

So viel Freiheit muss sein: Wer sein Kind im Glauben erziehen will, der muss es zum Religionsunterricht schicken können. Das aber bleibt eine Entscheidung der Eltern, der Staat hat sich herauszuhalten. Religion kann in allen Klassenstufen belegt werden, freiwillig. Pflichtfach ist Ethik derzeit lediglich in den Klassen sieben bis zehn. Seit der Einführung von Ethik 2006 beklagen die Kirchen eine Verdrängung, tatsächlich ist die Zahl der Teilnehmer an Religion aber nahezu gleich geblieben. Und wenn Zugezogene sich am als unchristlich empfundenen Berlin reiben – grundgesetzwidrig, wie zuweilen behauptet, ist das Berliner Modell nicht. Es entspricht einer Stadt, in der über 60 Prozent ohne Religion sind. Wie diese Stadt der vielen Nationalitäten eine gemeinsame Erziehung zur Toleranz gewährleisten kann und Jugendliche die Wurzeln und Quellen unser Kultur kennenlernen, darauf gibt Pro Reli keine Antwort.

Die Problemzonen sind nicht die Gymnasien mit vielen religiös orientierten Eltern. Es geht vor allem um jene Schulen und Bezirke, wo christlicher Religionsunterricht längst eine Minderheitenveranstaltung ist. Natürlich ist die Vermittlung von humanistischen Werten und demokratischen Normen Aufgabe aller Lehrer in allen Fächern und nicht nur des Ethik-Unterrichts. Im Schulalltag aber lässt der Lehrplan kaum Zeit, sich Fragen nach Moral, nach ethischen Werten und fundamentalen Menschenrechten zu stellen, über Abtreibung, Homosexualität, Gott und religiöse Unterschiede zu sprechen. Ethik ist der einzige Unterricht, in dem sich alle Jugendlichen treffen, Christen, Juden, Muslime und Atheisten.

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