Belgische Renitenz und Berliner Reli-Feinde


Quelle: wikipedia
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Das kleine Belgien zeigt Muskeln. Solche Nachrichten gefallen mir, kommen aber leider viel zu wenig in die Box. Während in Deutschland Politiker, nachdem sie einen Posten erheischt haben, nicht eiligeres zu tun haben als die katholische Traumfabrik, in Rom aufzusuchen, um dort mit heraushängender Zunge das Geschwätz eines alten Mannes zu hören. Froh dabei sind ihm den Ring küssen zu dürfen, bringen belgische Politiker ganz andere Töne in die Medien.
Wir lesen

Nach der Ablehnung von Kondomen zum Schutz vor Aids durch Papst Benedikt XVI. haben belgische Abgeordnete eine Resolution zur zeitweisen Abberufung des belgischen Botschafters aus dem Vatikan vorgelegt. Der Resolutionsentwurf wurde heute in Brüssel von Abgeordneten aus sechs Parteien eingebracht und sollte noch am Abend an den zuständigen Ausschuss weitergeleitet werden. Die Abstimmung im Parlament soll in den kommenden Wochen erfolgen.

Das kommt ja einer Kriegserklärung gleich. Ich nenn das mal Position einnehmen, Charakter zeigen, eine eigene Meinung zu vertreten. Klasse. Weiter im Text:

Abgeordnete der Christdemokraten von Regierungschef Herman Van Rompuy beteiligten sich nicht an dem Antrag. Van Rompuy kündigte eine „angemessene Reaktion“ auf die Resolution im Fall ihrer Verabschiedung an.

War ja klar, wundert uns auch nicht, Belgien scheint aber weniger religiöse Deppen in der Politik zu haben, als das in Deutschland der Fall ist. Hier braucht man ja nur auszuspucken und schon trifft man Einen.

„Gefährliche Äußerungen“
In dem Resolutionsentwurf wird die belgische Regierung aufgefordert, „die gefährlichen und unverantwortlichen Äußerungen des Papstes“ während seiner Afrika-Reise vergangene Woche zu verurteilen und offiziell dagegen zu protestieren. Benedikt hatte gesagt, das Aids-Problem lasse sich nicht „durch die Verteilung von Kondomen regeln“, ihre Benutzung verschlimmere vielmehr das Problem. Die Äußerungen waren international auf Kritik gestoßen.

Bei solch klaren Worten, stellt sich für mich die Frage, wohl wissend, dass wir in Deutschland keine politische Kraft mit dieser Courage haben, ob man solche Leute aus Belgien importieren kann. Oder aber gibt es da Institutionen, Schulen quasi, wo Politiker das lernen können. Bei solchen Gedanken wird mir ganz merkelwürdig ums Herz.

Ach ja, der Herr Zollitsch, seines Zeichens Vorsitzender der katholischen Schafshirten wirft den Berliner Senat „Religionsfeindlichkeit vor“.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, hat deutliche Kritik am Berliner Senat geübt. Dessen Politik mute bisweilen fast religionsfeindlich an. Dahinter stehe das Missverständnis, dass Religion ins Private verbannt werden müsse, so Zollitsch. – Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) griff den rot-roten Senat an. Dieser treibe ein „falsches Spiel“. Die Gegner eines Wahlpflichtfachs Religion vernebelten die zur Entscheidung stehende Alternative. Das sagte Präsident Hans Joachim Meyer.

Als Privatperson kann er solches natürlich äußern, als Hirte möchte man ihm zu rufen shut up ol‘ man.

10 Comments

  1. @HFRudolph: Also nach der Logik müsste es hier auch heißen: „Wichsen gegen Vergewaltigungen“ – Die Logik ist zum einen mir ein wenig zu einfach und zum anderen unbewiesen und äußerst fraglich, so ganz ohne wissenschaftliche Indizien…

    Zur Papst-Frage: Der ist in der Tat gegen Kondome ALS EMPFÄNGNISVERHÜTUNGSMITTEL. Jedoch wurde davon teilweise schon längst wieder abgerückt.

    Das ist aber hier gar nicht das Thema. Wichtig ist nur, dass sich Europa in der AIDS-Frage auf Kondome beschränkt und die wirklich wichtigen Aspekte außer Acht lässt. Und wenn man sich dann nur auf die Kondome stürzt, dann ist das auch ein ziemliches Armutszeugnis für Europa, weil es in diesem Fall mal faktisch dem Papst hinterherhinkt…

    Man kann ja auch darüber diskutieren, ob Kondome als Empfängnisverhütungsmittel von der Kirche allgemein erlaubt werden sollte oder nicht. Aber das ist ein ganz anderes Thema, das hier ständig vermischt wird mit dem eigentlich wichtigen Argument.

    Nebenbei: Ich halte das Kondomverbot auch für schwachsinnig und inkonsequent, aber ich unterstütze den Papst in seiner Botschaft, dass es noch viele andere und wichtigere Aspekte bei der AIDS-Bekämpfung gibt, die man in Europa auch akzeptieren muss…

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  2. also an Stelle des Papstes hätte ich ein richtig schlechtes Gewissen, wenn ich soetwas abziehen würde: Erst sagen, dass Onanieren Sünde ist – dann können es die Leute nicht mehr aushalten und fallen unbeherrscht über sich her: So verbreitet sich Aids.

    Fehlt nur noch, dass er sagt, dass Aids von Gott für die Sünden geschickt wurde.

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  3. das ist gewissermaßen ein Mittel zum Zweck der Machtausübung: Man redet den Leuten ein, dass Sex und onanieren irgendwie schlecht oder böse seien und versucht darüber Moralvorschriften einzuführen, damit die Leute ein schlechtes Gewissen haben, weil sie es doch nicht einhalten und dann sollen sie in die Kirche gehen, weil sie doch so ein schlechtes Gewissen haben.

    So denkt der sich das.

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  4. @lowestfrequency: Das ist doch bekannt, dass der Papst gegen Kondome ist, da braucht er ja nicht ständig darauf herum zu reiten.

    Der Papst ist gegen jede Form der Verhütung, das steht ganz eindeutig im kleinen Katechismus, der doch von Dr. Ratzinger abgesegnet wurde.

    Sex ist ausschließlich (!) erlaubt innerhalb der Ehe und auch da nur zur Kinderzeugung. Abgesehen davon, dass ich es für grob unanständig halte, anderen erwachsenen Menschen solche Sex-Vorschriften zu machen, weiß ich nicht, inwiefern der Papst da überhaupt mitreden kann.

    Singles müssen auch keusch leben, Onanieren ist auch böse und eine schwere Sünde. Schwere Sünden führen in die Hölle (Ausnahme: Beichten, denn is alles wieder gut).

    Das wäre mal eine Empfehlung gewesen vom Papst, dass die Leute nur noch onanieren sollen und gegenseitigen Handverkehr betreiben:
    1. Keine Aidsgefahr
    2. Keine ungewollten Kinder
    3. Triebbefriedigung
    4. Kostet nichts

    Das schlimme ist ja: Der Papst sagt solche Sachen nicht, weil er sich etwas schlaues dabei gedacht hat, sondern weil das Tradition der kath. Kirche ist, genau soetwas zu vertreten.

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  5. Der Papst hat aber auch nie von Kondomen an sich gesprochen, sondern davon, dass man das Problem nicht mit Werbeslogans lösen kann. Und da es Studien gibt, die Kondom-Kampagnen als wissenschaftlich unwirksam zeigten, jedoch Kampagnen, die die Stabilität von Familien förderten, messbare Ergebnisse zeigten, ist es durchaus richtig, dass es nicht ausreicht, wenn wir hier das Problem auf Kondome reduzieren. Und ich denke, das Pappa Ratze genau darauf hinauswollte… Lies dir doch mal das Zitat auf meiner Seite durch, dann können wir darüber noch weiterdiskutieren.

    Ansonsten kann ich nur sagen: Ja, insofern tut mir der Papst leid, dass nahezu alle Zeitungen zitieren „Kondome verschlimmern das AIDS-Problem“, er aber davon sprach, dass das Problem nicht mit Werbeslogans zu lösen sei und dass in diesem Zusammenhang eine Beschränkung auf Kondome nichts verbessert, sondern DAS RISIKO besteht, das Problem zu verschlimmern (im Vergleich zu der hypothetischen Handlungsweise die auch familiäre Stabilität und Armut einbeziehen).

    Wenn also deutsche Medien oder auch deutsche Bürger in dem Satz schon lesen, der Papst sei komplett gegen Kondome, dann kann ich nur sagen, das ist auch eine Form der Sexualfixierung. Und zwar eine, die definitiv nicht hilft. Der Papst hat darauf hingewiesen, dass Kondome ALLEIN nichts bringen (im gesellschaftlichen oder kontinentalen Maßstab).

    Bitte lies dir mal das kurze Zitat durch, vielleicht verstehst du dann meinen Standpunkt…

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  6. Ich kann nur nochmal darauf hinweisen, dass die Äußerungen des Papstes erstens nicht so definitiv waren, wie sie dargestellt wurden (hier haben strenggenommen nahezu alle Zeitungen und Rundfunksender falsch zitiert, auch wenn das unglaublich scheint), zum zweiten sind die originalen Äußerungen nicht so schwachsinnig, wie man meinen mag.

    Klar hilft ein Kondom im Einzelfall, wenn jemand sich in der Ehe dafür entscheidet. Die großen Probleme sind aber andere, z.B. Armut und damit Prostitution oder auch die Macho-Attitüde, die unter afrikanischen Männern wohl immer noch sehr verbreitet ist.

    Ich verlinke hier mal den betreffenden Beitrag auf meiner Seite: http://lowestfrequency.wordpress.com/2009/03/20/medienskandal-zu-papstauserungen/

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    1. lowestfrequency:

      Klar hilft ein Kondom im Einzelfall, wenn jemand sich in der Ehe dafür entscheidet

      Wenn es die für den Einzelfall gibt und nur da helfen, heisst das, dass man Kondome nicht wiederverwenden sollte? 🙂
      Wenn ich lese, was du schreibst entsteht der Eindruck, dass der Pappa eigentlich bemitleidenswert ist, vom Internet hat er keine Ahnung, alle Medien zitieren ihn falsch und manche unterstellen ihm sogar Schwachsinn.
      Ansonsten, wenn du etwas verlinken willst, stimm das bitte ab.

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  7. Interessanterweise wurde der Artikel bei Domradio.de noch verändert.
    (den gestrigen Wortlaut kann man hier nachlesen)
    Über das Zentralkomitee (was es nicht alles gibt) stand da gestern noch kein Wort.

    Nic

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