Warum man wird, was man wird


Quelle: br-online.de
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Prof. Axel Meyer, Ph., D., Evolutionsbiologe, Zoologe Universität Konstanz

Den Sinn des Lebens zu finden ist nicht einfach. Mir ist dies einmal aufgefallen, als ich einen berühmten Philosophen bei einem Abendessen fragte, warum seine Zunft eigentlich seit zweieinhalbtausend Jahren immer noch die gleichen Fragen stellt.

Hat sie nicht langsam wenigstens einige abschließende Antworten gefunden? Ist in der Philosophie Wissen nicht kumulativ? In den Naturwissenschaften ist es selbstverständlich, Antworten auf Probleme zu finden und dann darauf aufbauend die nächsten Fragen zu stellen.
Die verblüffende Antwort war, dass die Philosophen gar keine Antworten erwarten. Da bin ich frei nach Aristoteles aus dem Staunen und Mich-Wundern nicht mehr herausgekommen.

Naturwissenschaftler haben oft kein Problem, zu erklären, warum sie gerade Biologen, Chemiker oder Physiker geworden sind. Oft sind es ganz persönliche Erlebnisse oder Erfahrungen, die diese Wahl beeinflusst haben, und es ist keine Schande, dies zuzugeben. Viele Krebsforscher haben in ihrer Kindheit ein Familienmitglied durch Krebs verloren und wollen nun alles tun,um diese Krankheit zu besiegen. Oder ein Biologe wird erzählen, dass er immer schon Frösche gesammelt oder Ameisen beobachtet hat. Aber wehe, wenn man einen Geisteswissenschaftler fragt, warum ihn gerade dies oder jenes interessiert!

Auf keinen Fall wird er ein persönliches Motiv zugeben, denn das wäre der Objektivität oder Rationalität des Forschungsobjektes abträglich und würde dem Ansehen des Forschers schaden. Böse wäre es, zu vermuten, dass Juristen des Familienrechts manchmal in zerrütteten Familien aufgewachsen sind, oder gar zu fragen, warum jemand Psychologie studiert.

Bei Abbrecherquoten von fast 90 Prozent aller Philosophiestudenten in Deutschland muss aber die Frage erlaubt sein, warum überhaupt so viele zum Studium zugelassen werden. Bei durchschnittlichen Kosten von etwa 26 000 Euro im Jahr pro Studienplatz ist das ein riesiges volkswirtschaftliches Verlustgeschäft. Dabei ist die Zahl der Studenten in den letzten 15 Jahren schon um die Hälfte zurückgegangen.

Der amerikanische Philosoph und Erziehungswissenschaftler John Dewey (1859-1952) fragte sich, warum bestimmte Menschen bestimmte Arten der Philosophie betreiben, und spekulierte, dass gerade diejenigen, die nach Ordnung
suchen und Logik studieren, oft selbst besonders unordentlich sind. Na also, dann sind Philosophen vielleicht doch nicht so anders als Naturwissenschaftler? Über die menschlichen Qualitäten der Philosophen, die Ethik und Moral studieren, wollte Dewey sich gar nicht erst auslassen.

7 Comments

  1. Stimmt. Ich verstehe auch nicht was Meyer davon hat Geisteswissenschaften gegen Naturwissenschaften auszuspielen. Naturalismus ist eine philosophischen Position. Kanitschneider und Vollmer sind Philosophie Professoren….

    Ich will nicht ein Fachidiot sein der nur noch chemische Reaktionsgleichungen und Formeln im Kopf hat, ich will auch über Philosophie und Politik bescheid wissen. Davon gibts im Studium bei mir genug können über Physik alles erzählen aber keinerlei auswirkungen auf ihr Weltbild oder Reflexion was das für einen zu bedeuten hat. Die interpretieren alles nur ingeneurmäßig, das man damit neue technische/industrielle Dinge bauen kann. Das wars als ob da nicht mehr dahinter stecken würde die Natur zu erforschen. Bei mir im Studium stehen auch fast alle Geisteswissenschaten negativ gegenüber. Ziemlich bescheuert. ALs ob Psychologie heute noch freudsches gelaber aus den 70ern wäre oder als ob alle Philosophen dem Idealismus anhängen würden und Naturwissenschaft schlecht reden. Ich hätte lieber einem modernen Philosophen zum gesprächspartner, als einen beschränkten Naturwissenschaftler der nur von Fakten eine Ahnung hat.

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  2. Artikel wie die von Meyer finde ich schlicht und ergreifend ärgerlich. Man sollte sich Darwin als Vorbild nehmen:

    Ein besonderer Reiz der Beschäftigung mit einem Denker wie Darwin besteht darin, daß bei ihm Naturwissenschaft und Philosophie in mehrfacher Hinsicht miteinander verknüpft sind: Darwin läßt sich von der philosophischen und theologischen Diskussion seiner Zeit und der Tradition ansprechen und inspirieren, er steht in lebendiger Auseinandersetzung mit ihr. Zum einen nimmt er auf einzelne Philosophen explizit Bezug und greift ihre Ansätze und Themen positiv auf oder grenzt sich kritisch von ihnen ab. Die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Disziplinen fließen als unverzichtbare theoretische Bestandteile in seine naturwissenschaftliche Theorie ein. Darwin sucht auch die von der Tradition hinterlassenen Fragen im Rahmen seines evolutionären Naturalismus zu beantworten, neu zu deuten oder sie als obsolet zurückzuweisen. Mit zahlreichen philosophischen Zeitgenossen steht er in persönlichem und brieflichem Kontakt, sie sind die Mentoren des jungen Darwin und später die Kritiker des revolutionären Darwin. Zum anderen hat diese Tradition Darwins Denken implizit geprägt, sie ist in Form „stillschweigender“ Annahmen noch wirksam, wie Darwin selbst schreibt, und macht sich selbst in spezifischen Charakteristika des neu entstehenden Paradigmas geltend.

    Aus: Engels, E.-M. (2007) ‚Charles Darwin‘ München, C.H. Beck, S. 11f

    Engels ist eine ausgewiesene Darwin-Spezialistin. Was sie über Darwin schreibt kann man nicht ohne sehr gute Begründung ignorieren. Darwin scheint mir, was sein Verhältnis zur Philosophie anbelangt, viel weiter zu sein als viele seiner Epigonen.

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  3. Dem Kommentar von Rincewind ist weitgehend zuzustimmen, und die Unangemessenheit der Ausführungen liegt auf der Hand, von den schwerlich angenehm berührenden, nicht wirklich selbstironischen, psychologisierenden Tiefschlagmanövern einmal abgesehen.

    1. liegt es wohl in der Natur der Sache, dann immer die gleichen Fragen zu stellen, wenn es beispielsweise um den „Sinn des Lebens“ oder die Grundlage des Erkennens usw. geht, oder wüsste jemand (außer den Anhängern von Religionen usw.) darauf eine abschließende Antwort? Hier empfiehlt sich, nur zum Beispiel, eine Beschäftigung mit dem frühen Wittgenstein, um das Kontrastverhältnis zwischen Leben und Wissenschaft wenigstens einmal ansatzweise nachzuvollziehen (auch wenn man der Interpretation Wittgensteins nicht zustimmt). In Wittgenstein jedenfalls stehen sich das Logisch-Naturwissenschaftliche und das Andere sehr deutlich gegenüber (sozusagen Wilhelm von Ockham und Meister Eckhard des Mittelalters in einem). Es gibt ungezählte weitere Beispiele sowohl unter Philosophen als auch unter Naturwissenschaftlern für ein nichtseichtes, erhellendes, fruchtbares, aber deswegen noch nicht kodifizierbares Gegeneinander, das der Philosophie in welcher Form auch immer ihren Raum lässt. Erkenntnis auf bloße Konstatierungen der Naturwissenschaft zu reduzieren, ist offenbar schon aus erkenntnislogischen Gründen nicht stichhaltig, und wenn es das Leben außer der Naturwissenschaft betrifft, offenbar inadäquat. Sofern Erkennen wesentlich gedankliches Klären heißt, werden keineswegs abschließende Antworten gefordert, diese müssen nicht einmal prinzipiell möglich sein (s.u.).

    2. haben die Geisteswissenschaften, darunter auch die Philosophie, sehr wohl einen gewaltigen Fortschritt in 2500 Jahren erzielt. Alleine die begrifflichen Klärungen von der Antike ausgehend über die mittelalterlichen Philosophen bis hin in die Logik und Sprachphilosophie haben uns außerordentliche Einsichten beschert, und niemand etwa wird mehr ernsthaft glauben, zum Beispiel im Stile von Scholastikern oder des Deutschen Idealismus die Erkenntnis der Welt betreiben zu können. Wie tiefreichend diese Einsichten ist, ließe sich durch die Lektüre auch nur einführender Texte beispielsweise zur modernen Theoretischen Philosophie (empfehlenswert etwa Detels, 5 Bde., Reclam) leicht eruieren.

    3. ist dann, wenn man die absoluten Erkenntnisanforderungen der Philosophie zugrundelegt, wie sie sich in dem Anspruch an den „Sinn“ äußern, auch die Naturwissenschaft nicht weitergekommen. Selbstverständlich bezieht sich das nicht auf die ungeheure Fülle von Detailerkenntnissen, von tiefliegenden Mechanismen (Musterbeispiel Theoretische Physik) und der daraus folgenden Fähigkeit zur Naturbeherrschung. Wüsste allerdings jemand zu sagen, was „Materie“ ist, warum die Zusammenhänge so und nicht anders sind usw.? Als „Erklärung“ einfach zu konstatieren, dass etwas eben so und nicht anders ist, ist offenbar dürftig. Wer sich mit moderner Kosmologie und Elementarteilchenphysik, mit Quantenmechanik und Relativitätstheorie auskennt, weiß, dass dort die Interpretationen, auch aufgrund der Schwierigkeiten durch die problematische Kompatibilität usw., zunehmend ins Spekulative, schwer Fassbare verschwinden und dass vor allem jede halbwegs beantwortbare, an die Empirie wenigstens ansatzweise noch koppelbare Frage gleich einen ganzen Schwanz noch tiefer liegender Fragen nach sich gezogen hat und voraussichtlich weiterhin nach sich ziehen wird. Gleiches gilt für die Biologie. Es ist nicht die Frage, ob Evolution natürlichen Mechanismen gehorcht usw., nicht einmal welchen Mechanismen in welcher Kombination, so faszinierend und herausfordernd das für die Forschung ist. Wenn sich allerdings beispielsweise die Entstehung des Lebens als in den kombinatorischen Eigenschaften der materiellen Teilchen (genauer gesagt quantenmechanischen Felder, und das sind schon wenig bestimmte, ganz abstrakte Entitäten) quasi per Emergenz usw. auf der Basis zufälliger Umgebungen usw. verstehen lässt – was ist denn dann von dem „verstanden“, worum es etwa den griechischen Naturphilosophen und auch Aristoteles ging, von denen doch die Naturwissenschaft ihren Ausgang nahm und auf die sich intellektuell anspruchsvolle Wissenschaftler durchaus noch beziehen dürfen? Ebenso wenig wie vom „Sinn des Lebens“. Fakten und Zusammenhänge konstatieren ist doch wohl nicht „verstehen“.

    4. Es zeugt nicht von gedanklicher Kohärenz, für die eine Seite den Erkenntnisanspruch zu reduzieren und sich auf die kumulierten technischen Errungenschaften zu berufen, der anderen Seite hingegen vorzuwerfen, sie könne die Totalfrage nicht oder niemals beantworten. Die Philosophie könnte mit Stolz auf den riesigen Apparat begrifflicher Analysen usw. verweisen, die anderen Geisteswissenschaften erst recht auf den Fundus ihrer Erkenntnisse. Schon aus logischen Gründen dürfte in den Naturwissenschaftlen eine einem vergleichbaren Anspruch genügende, aus sich selbst erklärbare, unumstößliche „Theory of Everything“ nicht erreichbar oder wertlos, weil interpretatorisch willkürlich, sein. Diese Ebene wäre aber der gemeinsame, historisch korrekte und faire Standard des Vergleichs.

    5. Dies schreibt ein begeisterter Naturwissenschaftler, der es allerdings peinlich findet, wenn er an der Sache vorbeigehende Ausführungen wie die besagten liest. Man kann nämlich auch gerade dann passionierter Naturwissenschaftler werden, wenn man genügend viel zum Beispiel von Philosophie versteht, um Fragen zu stellen, ohne antworten zu können. Nicht wundern sollte man sich allerdings, wenn manche Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftler generell für zur Seichtheit neigend und im eigentlichen Sinne ungebildet halten. Und wenn eine derartige Einstellung (nicht ganz zu Unrecht) manchen primär als Ausdruck eines derzeitigen akademisch-ökonomischen Unterlegenheitsgefühls erscheinen sollte, dann haben sie womöglich eine wichtige Gelegenheit verpasst, etwas dazuzulernen.

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  4. Zu den Geisteswissenschaften gehören neben der Philosophie auch Geschichte, Archäologie, diverse Kunstwissenschaften, Linguistik und ähnliches, Volkskunde und andere Wissenschaften, die es einen leicht machen, die Frage nach dem „Warum tue ich das?“ zu klären.

    Selbst bei Philosophie gibt es viele Möglichkeiten sein Studium zu erklären, der Latein- oder Altgriechischunterricht in der Schule, usw.

    Geisteswissenschaften arbeiten ganz anders als Naturwissenschaften. Die Naturwissenschaften arbeiten mit wiederholbaren Experimenten und anderen Dingen.
    Geisteswissenschaftler arbeiten in erster Linie auf Bücherbasis, sie bilden Meinungen auf Basis von Meinungen und wenn zwei die gleiche Literatur benutzen, muß bei beiden nicht das Gleiche rauskommen, was es in der Naturwissenschaft nicht sein dürfte. Wenn Archäologen eine Statue finden, gleichen sie diese mit anderen Funden ab, stürzen sich auf die Merkmale, Stil, Chronologie und co.
    In Fragen der ungefähren Chronologie sind sich die Archäologen eigentlich schnell einer Meinung und das auch ohne auf naturwissenschaftliche Methoden zurückgreifen zu müssen, aber wenn es dann um eine Genauigkeit von Jahrzehnten geht, gibt es wieder mehr als eine Meinung und jede einzelne hat ihre Daseinsberechtigung.
    Wenn es aber dann losgeht und die Fragen geklärt werden sollen, wie wen die Statue darstellt, ob es einen Bezug zum Fundort gibt, wo die Statue vorher stand und ähnliches, gibt es nicht selten viele Meinungen, die wissenschaftlich eine Basis haben und miteinander konkurrieren. Ein berühmtes Beispiel ist der „Gott aus dem Meer“, wo es sowohl für eine Deutung als Zeus, als auch für die als Poseidon viele gute Gründe gibt.

    In der Naturwissenschaft gibt es für eine Frage eine Lösung, die man experimentell belegen kann. In den Geisteswissenschaften sind mehrere Lösungen nicht nur wahrscheinlich, sondern erwünscht.

    Die Psychologie, die stark interdisziplinär geprägt ist, und Rechtswissenschaften sind keine Geisteswissenschaften.
    Für Psychologie ist ein persönliches Motiv sehr einfach zu finden, eine eigene psychische Erkrankung, die das Interesse geweckt hat, ein Vorbild aus den Medien, die geistige Störung eines Angehörigen oder der Besuch des Grundkurses Psychologie am Gymnasium.

    Die Abbrecherquoten kann man sich leicht erklären, einerseits wissen viele vor dem Studium nicht, was sie sich mit Philosophie antun, andererseits kommen viele auf den Gedanken, daß sie anderswo leichter an einen Job kommen und wechseln den Studiengang.

    Geisteswissenschaftler arbeiten anders und müssen anders denken, selbst die Archäologie, die mittlererweile viel mit Naturwissenschaften zusammenarbeitet, mathematische Ansätze wie Seriation nutzt und selbst Mediziner einbinden kann, arbeitet für den Erkenntnisgewinn wie eine Geisteswissenschaft. C-14-Daten und co sind reines Beiwerk, um einen Denkansatz zu belegen.

    Gerade als Atheist oder Naturwissenschaftler sollte man ein wenig nachsichtig mit der Philosophie, die für beides die Grundlage war und den Menschen von der Religion auf die sanfte Art befreien kann, und als Uni-Prof sollte man wissen, was Geisteswissenschaften sind und was nicht.
    Außerdem sollte ein Wissenschaftler nicht einfach wilde Behauptungen aufstellen, die man durch ein bisschen Hineindenken in andere so billig widerlegen kann. Ich studiere die Geisteswissenschaft Archäologie, weil ich als Kind fasziniert davon war, Steine zu sammeln, im Dreck zu wühlen und meine Funde zu sortieren usw.

    Gerade als Wissenschaftler sollte man sich solch eine fahrlässige, nichtige Pseudoargumentation ersparen oder mal einen Geisteswissenschaftler um ein wenig Hilfe bitten sollen und nicht die Welt mit absurden und leicht widerlegbaren Thesen zu belästigen.

    Gerade als Atheist oder Anhänger einer vergleichbaren Weltanschauung sollte man sich solchen Blödsinn ersparen und nicht anfangen im Stile eines Mixa oder Piusbruders zu argumentieren und Lügen zu erzählen.

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