„Mord“ bei und an Tieren?


Franz M. Wuketis
Franz M. Wuketis

Gesellschaft für kritische Philosophie – Heft 28 Oktober 2007 14. Jahrgang Nr. 2
In der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift kritisiert Norbert Hoerster die Tierethik Karlheinz Deschners, die auf das (moralische und rechtliche) Verbot jeglichen Tötens von Tieren zum Fleischverzehr hinausläuft (vgl. Hoerster 2007). Ich möchte diese Kritik zum Anlaß einiger weiterer Überlegungen nehmen und darf gleich zweierlei vorausschicken: Erstens bin ich kein Vegetarier, sondern typischer Allesfresser. Zweitens trete ich selbstverständlich dafür ein, das Leid der Tiere zu lindern. Das ist zunächst sehr allgemein gesagt, denn es bleibt zu klären, welche Tiere überhaupt leidensfähig sind. Radikale Tierschützer und Tierrechtler wollen allen Tieren die gleichen Rechte einräumen und fordern als moralisches Ideal vom Menschen ein veganes Leben ohne jegliche Nutzung auch tierlicher Produkte, etwa Bienenhonig (vgl. Balluch 2005). Dieser Forderung steht die Realität der Massentierhaltung und der Schlachthöfe gegenüber. Beides darf als Ausdruck einer jeweils extremen Position von Menschen zu nichtmenschlichen Kreaturen gelten.

Als Evolutionstheoretiker sehe ich die Dinge etwas nüchterner. Es ist keine Frage, daß sich der Mensch auf höchst brutale Weise gegen Tiere vergeht (man denke etwa auch an das jährliche systematische Abschlachten von Robben) und dabei ist, unzählige Tierarten auszurotten. Die romantischen Vorstellungen mancher Tierschützer und Tierethiker bringen aber keine Lösung.

Wer ist ein „Mörder“?

Wenn Deschner und andere, die sich für Tierrechte einsetzen und vom Menschen eine vegetarische oder gar vegane Lebensweise verlangen, von „Mord“ und „Massenmord“ an Tieren durch den Menschen sprechen, dann sind neben ethischen auch sprachliche Aspekte zu bedenken. In unserem Sprachgebrauch gilt als „Mörder“ jemand, der das Leben einer anderen Person absichtlich auslöscht. Gemeinhin denkt man dabei sowohl beim Mörder als auch beim Getöteten an einen Menschen. Auch unsere Gerichte beschäftigen sich im allgemeinen mit Tötungsdelikten unter Menschen. Ein Rottweiler, der einen Dackel tötet, kann juristisch nicht belangt werden. Nur sein Besitzer wird, falls ihn der Besitzer des getöteten Dackels anzeigt, vor Gericht gestellt und gegebenenfalls wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht oder eines ähnlichen Vergehens bestraft. Niemand aber gilt in so einem Fall als „Mörder“. Soweit die gängige Sprachregelung. Die ihr zugrunde liegende moralische und rechtliche Überzeugung ist klar: Nur ein Mensch kann schuldhaft handeln, sich einer Tat schuldig machen und beispielsweise zum Mörder werden. Die traditionelle Ethik befaßt sich daher in der Hauptsache mit dem Handeln von Menschen im Gegenüber zu anderen Menschen. Die moderne Tierethik jedoch bedeutet eine entscheidende Ausweitung moralphilosophischer Überlegungen und reflektiert den Umgang von Menschen mit nichtmenschlichen Kreaturen, denen nunmehr auch der Status von empfindenden Wesen und Personen eingeräumt wird (vgl. z.B. Wolf 2005). Und schon mag es legitim erscheinen, einen Menschen, der ein Tier tötet, als „Mörder“ zu bezeichnen. Wie aber verhält es sich mit Tieren („Personen“), die andere Tiere („Personen“) töten? Sind auch sie als „Mörder“ einzustufen? Spätestens seit Charles Darwin wissen wir, daß in der Natur überall ein Wettbewerb ums Dasein stattfindet, und zwar vor allem unter den Angehörigen ein und derselben Art. Zwar wurde (und wird) Darwin häufig mißverstanden und sein struggle for life fortgesetzt als buchstäblicher Kampf mit Klauen und Zähnen gedeutet (und fehlgedeutet), wenngleich er damit keineswegs allein blutige Fehden verstanden wissen wollte (vgl. z.B. Wuketits 2005). Man sieht ja wohl nie etwa Regenwürmer miteinander kämpfen, obwohl auch sie um Raum und Nahrung wetteifern. Aber der Beispiele für das Töten von Artgenossen sind gar viele zur Hand – nicht nur Menschen töten Menschen, auch Löwen töten Löwen und Schimpansen töten Schimpansen. Hier ist nicht der Ort, die evolutions- und soziobiologischen Gründe dafür zu erörtern, wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, daß das Töten von Artgenossen in der Tierwelt nicht eben selten ist. Und daß sich carnivor ernährende Tiere andere Tiere töten und fressen, muß nicht eigens erwähnt werden. Selbst der naturfremd lebende Mensch unserer Zivilisation weiß das zumindest aus Tierdokumentationen im Fernsehen. Das Töten gehört in der Natur zum Alltagsgeschehen. Eine relativ
friedvolle Natur wäre allenthalben vorstellbar, wenn es nur Pflanzen auf der Welt gäbe – dann aber gäbe es auch niemanden, der in Kategorien wie „Friedfertigkeit“ denken könnte …
Martin Balluch ist ein radikaler Tierschützer, der in Österreich durch verschiedene Aktionen schon auf sich aufmerksam machte. Wenn er nichtmenschlichen Organismen ein Bewußtsein beiräumt, ist ihm – aus der Sicht der heutigen Primatologie, Verhaltensforschung und Soziobiologie – durchaus beizupflichten. Wenn er aber beispielsweise behauptet, Hunde seien keineswegs „instinktiv“ Fleischfresser und als repräsentativ dafür seinen
Hund Max anführt, den er zu einer veganen Lebensweise erzogen hat – „er bekommt von mir keinerlei tierliche Produkte zur Nahrung“ (Balluch 2005, S. 172) – , dann verkennt er die Natur der Hunde und möchte anhand eines Einzelbeispiels den Fleischverzehr sogar von Raubtieren abschaffen. Schließlich soll ja niemand zum „Mörder“ werden. Sein Hund ist wahrscheinlich zu bedauern oder ist für Vertreter der Familie Canidae nicht repräsentativ.
In freier Natur, wohin alle radikalen Tierschützer und -befreier die Tiere wünschen, wäre er jedenfalls nicht mehr lebensfähig. In der Tierwelt – wenn wir von unserer Spezies einmal absehen – gibt es keine Mörder. Wie grausam uns auch das Verhalten mancher Tiere erscheinen mag: Wir projizieren dabei bloß unser eigenes Empfinden in die Natur. (Vielleicht auch verabscheuen wir manche Verhaltensweisen von Tieren gerade deshalb, weil sie uns gleichsam einen Spiegel vor das Gesicht halten.) Und wir haben keinen Grund und kein Recht (im großen Stil selbstverständlich auch keine Möglichkeit), Fleischfresser zu Pflanzenfressern zu erziehen.
Eisbären fressen nun einmal Robbenfleisch und Löwen tun sich an Gazellen und Zebras gütlich. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Die meisten Biologen würden einen Zusammenhang zwischen Jagen oder Beutemachen und aggressiven Motivationen bei den betreffenden Tieren auch wohl ablehnen. Denn es wäre, wie Vogel (1989, S. 65) betont, „ganz sicher falsch, den generellen Aggressivitätsgrad einer Tierart mit ihrer räuberisch carnivoren Lebensweise in Verbindung zu bringen, denn Raubtiere sind im Umgang mit ihren Artgenossen [sic!] in aller Regel keineswegs physisch aggressiver als vegetarisch lebende Tierarten (man denke etwa an Stiere, Hirsche oder Tauben).“ Wenn also Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, behaupten, diese Ernährungsweise stimme sie sanfter, dann können sie sich – falls ihre Behauptung überhaupt zutrifft – dabei nicht auf die Natur berufen.

Sind alle Tiere gleich?

Jemand, der eine ungefähre Vorstellung von der Artenvielfalt hat – über eine Million rezenter Tierarten sind bekannt, zoologisch benannt und beschrieben, die Zahl der noch gar nicht entdeckten Tierarten wird auf mehrere Millionen geschätzt –, kann hier bloß eine rhetorische Frage erkennen. Biologisch gesehen spotten ein Regenwurm, eine Waldohreule und ein Dachs jeder „Ver-Gleichung“; der Schimpanse lebt und „agiert“ anders als der Große Panda oder Bambusbär, dieser wiederum läßt in seinem Verhalten und seinen Fähigkeiten kaum Ähnlichkeiten mit dem Europäischen Igel erkennen (dabei gehören alle drei Arten zur Klasse der Säugetiere). Ich habe daher an anderer Stelle (Wuketits 2006) auf die grundsätzliche Schwierigkeit der Tierethik hingewiesen, daß es eben nicht das Tier, sondern unzählige Tierarten von höchst unterschiedlichen Komplexitätsgraden gibt. Tierethiker sind daher gut beraten, sich einen zumindest groben Überblick über das System der Tierwelt zu verschaffen. Darüber hinaus meine ich, daß eine moralische Gleichbehandlung aller Tierarten weder möglich, noch wünschenswert ist. Wer die gegenteilige Auffassung vertritt, muß sich die Frage gefallen lassen, ob beispielsweise auch die Fiebermücke Anopheles, die Überträgerin der Malaria, unser Mitleid verdient und einen moralischen Status genießen sollte. Aber sicher denken die meisten Tierethiker in erster Linie an Säugetiere und Vögel – Tierklassen, deren Vertreter (mit einigen Ausnahmen) uns Menschen im allgemeinen emotional ansprechen.
Die von Wilson (1984) als „Biophilie“ apostrophierte Neigung des Menschen, die Nähe anderer Lebensformen
zu suchen, findet deutliche (wenn auch individuell unterschiedlich gezogene) Grenzen und erstreckt sich keineswegs auf alle Lebensformen. Das wiederum liegt in unserer Natur. Die Evolution durch natürliche Auslese hat uns nicht mit dem Bedürfnis ausgestattet, allen Kreaturen dieser Welt unsere hütende Hand zu reichen; was etwa im Falle von Skorpionen und Klapperschlangen auch nicht tunlich erscheinen würde. Wolf (2005) bemerkt sehr richtig, daß Tierethik nicht bei der „Heiligkeit allen Lebens“ ansetzen könne, sondern beim Individualwohl von Tieren. Dem ist hinzuzufügen, daß uns das Individualwohl unserer Hauskatze üblicherweise mehr am Herzen liegt als das Individualwohl eines Kartoffelkäfers, den wir üblicherweise gar nicht als Individuum wahrnehmen. In seinem erwähnten Beitrag macht Hoerster eine Unterscheidung zwischen Tieren, die in freier Wildbahn leben und Haus- bzw. Nutztieren, also Lebewesen in menschlicher Obhut. Diese Unterscheidung ist insoweit sinnvoll, als die Mehrzahl der von uns getöteten Tiere sicher unter den letzteren zu finden ist. Interessant ist aber folgende Feststellung: „Wer diese Tiere erzeugt und später tötet, um sie zu essen …, fügt ihnen … nicht nur keinerlei Unrecht zu, sondern tut ihnen sogar eindeutig etwas Gutes: Er schenkt ihnen für eine gewisse Zeit ein für sie von einem gegenwärtigen Moment zum anderen im Prinzip immer wieder lohnendes Leben“ (Hoerster 2007, S. 241). Natürlich kann man argumentieren, daß der Mensch grundsätzlich kein Recht habe, Tiere in seine Obhut zu bringen und zu züchten, um sie letztlich zu töten und zu verzehren; daß die Domestikation von Tieren ein Irrweg war (Wolf 2001). Nun können wir aber das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Wer heute ernsthaft fordern wollte, alle Rinder, Schweine, Hühner, Enten usw. freizulassen, würde – sofern seine Forderung auf Gehör stieße – unsägliches Leid unter diesen Tieren auslösen.
Auf sich allein gestellt wären sie nämlich nicht mehr lebensfähig. Mit anderen Worten: Da wir nun einmal verschiedene Tierarten domestiziert haben, bleibt uns als moralische Verpflichtung, die Tiere in unserer Obhut artgerecht zu behandeln (auf Massentierhaltung, Massentransporte usw.) zu verzichten und ihnen zum Wohlbefinden zu verhelfen. Auch wenn „Wohlbefinden“ kein genau meßbarer Zustand ist, drückt es sich (beim Menschen und bei anderen Lebewesen) im allgemeinen doch in der physischen und psychischen Fähigkeit aus, mit der jeweiligen Umwelt gut zurechtzukommen (vgl. Puppe 1996). Der artgerechten Tierhaltung sollte daher auch in moralischer Hinsicht Priorität zukommen. Wenn wir unsere Haus- und Nutztiere bevorzugt behandeln, vergehen wir uns ja nicht zugleich an Wildtieren. Die sollten wir, sofern sie uns keinen Schaden zufügen, in Ruhe lassen. Artgerecht behandelten Haus- und Nutztieren gönnen wir, auch wenn wir sie am Ende töten, während ihres Lebens ein Wohlbefinden, das sie ansonsten wahrscheinlich gar nicht gewinnen könnten. Manches Huhn, das wir im Garten scharren und Eier legen lassen, würde in freier Natur erst gar nicht das Alter erreichen, das ihm Eier zu legen erlaubt …

Darf man also Tiere töten?

Die Antwort lautet: Ja. Freilich mit Vorbehalt. Hoerster baut einen zu starken Kontrast zwischen dem menschlichen Leben und dem Leben anderer Spezies auf. Zumindest den Großen Menschenaffen (Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse, Bonobo) müssen wir auch Interessen einräumen. Ein strenges Tötungsverbot läßt sich daher, wie Birnbacher (2006) bemerkt, nur für diese (und vielleicht noch einige wenige andere) Tiere begründen. Im übrigen gilt: Einmal abgesehen davon, daß nicht alle Tiere gleich sind und wir im allgemeinen gar nicht imstande sind, z.B. einem Alligator mit der gleichen Sympathie zu begegnen wie einem Goldhamster, haben wir ein Recht, uns gegen jene Geschöpfe zur Wehr zu setzen, die eine Bedrohung für uns darstellen. Wenn Rechte der Tiere eingemahnt werden, dann darf man darob die Rechte der Menschen nicht vergessen (vgl. Wuketits 2006) – vor allem dann nicht, wenn man einsieht, daß evolutionsbiologisch betrachtet auch Menschen ja Tiere sind. Selbst manche empfindsame Wesen, denen wir Personenstatus einräumen, können uns zumindest indirekt gefährlich werden. Klein (1998) führt als Beispiel Mäuse an, die eine Bedrohung unserer Vorräte darstellen können. Wenngleich vielen von uns eine Maus als überaus sympathisches Geschöpf erscheint (was die Comics-Industrie seit langem zu nutzen weiß), kann diese Kreatur, in Massen auftretend, unsere Nahrungsressourcen bedrohen. Warum sollten wir das dulden? Wir haben das Recht, diese Tiere in einer Art Notwehrreaktion zu beseitigen, um Not auf unserer Seite erst gar nicht aufkommen zu lassen. Jemand, der sich ein paar Mäuse als Hausgenossen hält, mag das ja anders sehen, sollte sich aber der Realität des Lebens nicht verschließen und einsehen, daß Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen existieren oder zu existieren gezwungen sind. Die Zuneigung zu Tieren darf nicht in Misanthropie ausarten!

Die Realität des Lebens – selbstverständlich auch unseres Lebens – wird von der Nahrungsaufnahme entscheidend mitbestimmt. Der Erfolg unserer Spezies, was auch immer seine Kehrseiten sein mögen, ist wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß wir als omnivore Lebewesen so gut wie alles fressen können, sofern es nur nicht in einem signifikanten Maß giftig ist (vgl. Watson 1971). Vegetarier oder Veganer, die sich also mit pflanzlicher Kost begnügen, sind uns anderen (omnivoren) Wesen immer noch den Beweis für ihre häufig geäußerte Behauptung schuldig, daß der Mensch von Natur aus Pflanzenfresser sei. Vielmehr erscheint es plausibel, daß unsere Gattung in ernährungsphysiologischer Hinsicht ein „Mischstratege“ ist, fähig, auf verschiedene Diäten auszuweichen, wenn es ihre äußeren Lebensumstände erzwingen. Um nicht mißverstanden zu werden, beeile ich mich zu betonen, daß jeder und jede auf seine und ihre Weise glücklich werden darf (das ist ja gleichsam ein Wahlspruch der Aufklärung). Dann aber sollte er/sie auch etwas vorsichtiger sein, wenn es darum geht, die Lebensweise anderer zu beurteilen. Selbst ein so engagierter Tierethiker wie Wolf (2005) warnt vor Sektierergeist auf seiten der „Vegetaristen“. Ich füge dem hinzu, daß Tierethik nicht zu einer Diskriminierung von Menschen führen sollte (vgl. Wuketits 2006). In einer Zivilisation, in der viele Menschen hungern und verhungern – es sieht nicht danach aus, daß sich das in absehbarer Zeit grundlegend ändern wird –, grenzt es an Zynismus, die vegetarische bzw. vegane Ernährungsweise als (moralisch) einzig richtige zu propagieren und pauschal alle diejenigen als „Mörder“ zu bezeichnen, die fleischliche Kost zu sich nehmen. Oder ist es moralisch gerechtfertigt, einen hungernden Äthiopier, der eine magere Ziege schlachtet und verzehrt, um vorübergehend am Leben zu bleiben, das ihm ansonsten keinerlei Wohlbefinden bereitet, des „Mordes“ zu bezichtigen?

Tierethiker sind aufgerufen, auch über die Bedürfnisse des Menschen nachzudenken! Unseren Katzen und Hunden, Kaninchen und Hamstern, die wir uns als Hausgenossen halten, geht es im allgemeinen besser als den meisten Menschen in den Ländern der Dritten Welt.

Literatur:

Balluch, M.: Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte. Wien, Mühlheim/Ruhr 2005.

Birnbacher, D.: Bioethik zwischen Natur und Interesse. Frankfurt/M. 2006.

Hoerster, N.: Es gibt keinen “Mord an Tieren”. In: Aufklärung und Kritik 14 (1), 2007, S. 239-242.

Klein, J.: Ist uns das Töten von Tieren erlaubt? In: Aufklärung und Kritik 5 (1), 1998, S. 80-94.

Puppe, B.: Wohlbefinden bei Nutztieren:

9 Comments

  1. Mal wieder ein gelungenes Beispiel für die Tatsache, dass Fachleute außerhalb ihres Faches keine Ahnung haben müssen. Eine Teilmenge ist mit dessen Obermenge im Allgemeinen nicht identisch.

    Er prangert das Projezieren der menschlichen Begriffe in die Tierwelt an, aber verteidigt sogleich dieses blöde Gerede von „Der Schimpanse ist ein höheres Wesen als Regenwurm“. Der angelegte Maßstab ist selbst ein menschliches Produkt.

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  2. Erst einmal halte ich es für ziemlich irrelevant, groß und breit zu verteidigen, dass Raubtiere in freier Wildbahn andere Tiere reißen um sie zu verspeisen… ich meine, ehrlich mal: Es dürfte doch bei weitem die kleinere Anzahl Vegetarier sein, die dies allen Ernstes bestreitet..oder verändern will. Beim Vegetarismus geht es doch in erster Linie um die Entscheidung eines -Menschen-, nicht um die eines Tieres. Dass man ein Tier also nicht als Mörder belangt… tut schlichtweg überhaupt nichts zur Sache. Gewiss, es gibt Bestrebungen, die eigene Miez oder den Hund vegetarisch zu ernähren… aber das sind Nischenmeinungen, wenn ich das mal so bezeichnen darf. Gibt man sich schon mit dem Thema Vegetarismus ab, sollte man doch erst die Ansicht beachten, die sicherlich die meisten Vegetarier teilen: Vegetarier = ein sich vegetarisch ernährender -Mensch-. Hier geht es ja vor allem auch um die Entscheidungsfähigkeit. Einen Menschen kann ich für seine Entscheidungen verantwortlich machen, ein Tier (höchstwahrscheinlich) nicht. Das Argument „Es bleibt ihnen nichts anderes übrig“ ist absolut nachvollziehbar. Lässt sich aber nicht auf Menschen übertragen und hat deswegen kaum einen Wert für eine echte Vegetarismus-Debatte.

    Die Antwort auf „Darf man also Tiere töten“ stimmt mich nicht zufrieden… ist eigentlich relativ leer. Die überzeugende Begründung lese ich nicht heraus. Wo genau macht man nun die Grenze zum „mit Vorbehalt“? Dass einem der Goldhamster näher steht als der Alligator, steht außer Frage. Trotzdem entdecke ich hier oft eine Doppelmoral. Vermeintliche Tierfreunde rennen wegen jedem Mist mit dem Haustier zum Tierarzt, stopfen aber Schnitzel in sich rein als gäbe es kein Morgen. Dann sollen sie sich wenigstens nicht als Tierfreund bezeichnen, denn „Tier“ bezeichnet ja nun mal alle. Dass ich nicht jedes Leben leben lassen kann, ist mir bewusst. Ich persönlich konzentriere mich hiermit auf den Bereich der Machbarkeit. Schweine nicht essen? Machbar. Spinnen nicht wegstaubsaugen? Machbar. Käfer nicht bewusst zertreten? Machbar. Dass auch ich nicht umhin komme, gewiss ausversehen Kleinstiere einzuatmen usw… natürlich. Aber hier komme ich an die Grenzen der Machbarkeit. Diese könnte man diskutieren. Dass Vegetarismus aber mitten im Feld der Machbarkeit liegt, jedenfalls für wohlhabendere Gesellschaften, steht doch außer Frage.

    “ In einer Zivilisation, in der viele Menschen hungern und verhungern – es sieht nicht danach aus, daß sich das in absehbarer Zeit grundlegend ändern wird –, grenzt es an Zynismus, die vegetarische bzw. vegane Ernährungsweise als (moralisch) einzig richtige zu propagieren und pauschal alle diejenigen als „Mörder“ zu bezeichnen, die fleischliche Kost zu sich nehmen. Oder ist es moralisch gerechtfertigt, einen hungernden Äthiopier, der eine magere Ziege schlachtet und verzehrt, um vorübergehend am Leben zu bleiben, das ihm ansonsten keinerlei Wohlbefinden bereitet, des „Mordes“ zu bezichtigen?“

    Nicht ohne Grund wollen Vegetarier auch immer wieder ins Bewusstrein rufen, dass Vegetarismus FÜR Umweltschutz und GEGEN Welthunger agiert. Und nicht anders. Schon allein die Vermutung, Vegetarier könnten dazu neigen, sich keine Gedanken über Menschen zu machen… ist ausgemachter Unsinn.

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  3. „Tierethiker sind aufgerufen, auch über die Bedürfnisse des Menschen nachzudenken! Unseren Katzen und Hunden, Kaninchen und Hamstern, die wir uns als Hausgenossen halten, geht es im allgemeinen besser als den meisten Menschen in den Ländern der Dritten Welt.“

    Blub.

    Haltet die Hamster ruhig weiter, das schadet der „Dritten Welt“ nicht. Ein Salatkopfdie Woche , 500g Körner in einem halben Jahr ist zu verkrafeten.
    Was der „Dritten Welt“ mehr bringt ist wenn die Industrieländer vegetarischer werden oder andere soziale Regeln in der Weltwirtschaft.
    1Kg Rindfleischprotein müssen 7-10kg Getreideproteine aufgebracht werden….

    Und vorallem wo sind die immer hochbeschworenen „sektieren Vegetarier?“ ich kenne keine . Möglich das es einzelfällig gibt aber im allgemeinen ist das doch von irgendwelchen Medien heraufbeschworen die gabs früher vielleicht mal, als es noch dogmatische Feministinnen gab die gibts heute auch nciht mehr wirklich.

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  4. Von einem Evolutionstheoretiker hätte ich eine weiterführende Diskussion erwartet. Allein seine Eröffnung er sei kein Vegetarier täuscht eine direkte Ehrlichkeit vor, die keine Zweifel aufkommen lassen soll. Tatsächlich geht die ganze Diskussion darum, ob unsere überaus reiche westliche Gesellschaft es moralisch verwirft Tiere direkt zu verzehren. Darüberhinaus spielt der Preis, ob man es sich leisten könne bei solchen ethischen Fragen eine untergeordnete Rolle. Wuketis traut es sich nicht zu sagen, dass es viele historische Beispiele gibt bei denen zunächst etwas unglaublich erschien, dann diskutiert wurde, später jedoch irreversibel aus der Kultur gebannt wurde – bspw. galt es dann als barbarisch oder vorzeitlich. Solche Vorgänge sind kultureller Art und laufen kurzzeitig ab – verglichen mit den Zeiträumen in denen evolutionäre Vorgänge gemeinhin sichtbar werden. In diesem Kontext wird auch verständlich, warum er seinen wissenschaftlichen Allgemeinplätzen subjektive und unsachliche Argumente untermischt (z.B.: „… diese Ernährungsweise stimme sie sanfter…“): Er ist voreingenommen und einseitig qualifiziert. Er sieht auch nicht, dass sich gerade junge und gebildete Menschen (bspw. Studenten) problemlos und gesund vegetarisch ernähren. Für diese Gruppe existiert seine polarisierende Einteilung der Welt in „Vegetaristen“ und „verklärte Tierfreunde“ überhaupt nicht mehr. Insbesondere wechseln solche Menschen durchaus wieder zu nicht-vegetarischer Ernährung. Jedoch ist gerade die „junge Elite“ der Schrittmacher für die Ethik von morgen, dass könnte er als Evolutionstheoretiker durchaus wissen. Anstatt dies zuzugeben und mitzudiskutieren verteidigt er das Alte und versucht das Neue ad absurdum zu führen, bspw. indem er die Diskussion auf vegane Ernährung ausweitet. Seine gesamte Rethorik ist eine einzige Blockade, er versucht wechselnde Mehrheiten für sich zu vereinnahmen oder sich (falsche) Freunde zu schaffen: „bin kein Vegetarier“ (irrelevant im wiss. Sinne), „vegetarisch zu leben mag noch funktionieren“ (lächerlich was er sich hier abringt) oder „… geht es im Allgemeinen besser als den meisten Menschen in den Ländern der Dritten Welt“ (kein Kommentar) usw.

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  5. Was den Tierschutzgedanken angeht, strotzt Wuketits Vortrag nur so von naturalistischen Fehlschlüssen: Weil etwas in der Natur auch sattfindet, ist es auch ethisch richtig so…

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  6. Folgendes halte ich für ganz unvertändlich:
    Wie kann denn Deschner den absoluten Tierschutz fordern, andererseits aber die GBS unterstützen, die die Tötung von Menschen (!) bis zur Geburt zulassen will, völlig unabhängig vom Entwicklungsstand des ungeborenen Lebens?

    Das ist unüberbrückbar selbstwidersprüchlich.

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  7. Wuketits sagt: „… gilt als „Mörder“ jemand, der das Leben einer anderen Person absichtlich auslöscht.“

    Nein! Das ist doch eine absichtliche Verfälschung wegen der verfassungswidrigen Forderung des evolutionären Humanismus nach Abtreibung bis zur Geburt, bei der auf selbstdefinierte Persönlichkeit abgestellt wird.

    Juristisch ist ein Mörder, wer vorsätzlich einen anderen Menschen (!) aus niederen Beweggründen tötet – ein Totschläger dagegen, wenn dies ohne niedere Beweggründe erfolgt.

    Mit der wuketitschen Umdefinierung laufen wir massiv Gefahr, dass irgendwann auch ausgewachsene Menschen sanktionslos umgebracht werden können, weil man ihnen etwa aufgrund schwerer Behinderung die Persönlichkeit abspricht.

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  8. stimme zu.

    Klitzekleine Korrektur, nur der Vollständigkeit halber: die Übergänge zur carnivoren Ernährungsweise sind fließend.
    hunde (und Hundeartige) zB ernähren sich beileibe nicht nur von Fleisch. Gehen sie auf Jagd, so ist Magen-Darminhalt des Beutetiers, meist ein Pflanzenfresser, das erste, was sie fressen. Samt vorverdauten Inhalt.
    von manchen Hunden (Herdenschutzhunde zB) und auch von Wölfen weiß man, daß sie gezielt Knollen ausbuddeln. Auch Insekten verschmähen sie nicht, nur ist da das Preis-Leistungs-Verhältnis bissl ungünstig, so daß man das als Neigung statt Sattmacher betrachten darf.

    Wir Menschen sind evolutionär als Omnivoren entstanden. Vegetarisch zu leben mag noch funktionieren, vegane Lebensweise wird nach einigen Jahren Probleme mit sich bringen, da bestimmte wichtige Anteile nicht mehr zugänglich sind.
    Wobei Insekten durchaus eine Alternative wären – man muß sich dann halt nur gut auskennen.

    Natürlich würden viele Menschen erst mal sofort zu Vegetarieren, müßten sie sich ihr Fleisch selbst schlachten.
    Die heimlichen Sadisten würden allerdings reich werden in solchen Zeiten…
    Zumindest zu Macht und Ansehen kommen…

    Die wenigsten Dinge im leben sind linear logisch.
    Irgendwo ist immer ein pferdefuß, den man vorher übersehen konnte.

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