Nonstop Nonsens


 Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Gebundene Ausgabe) von Joachim Bauer (Autor)
Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Gebundene Ausgabe) von Joachim Bauer (Autor)

Sachbuch-Bestseller mit kruden Ideen

Prof. Axel Meyer, D.,Ph., Evolutionsbiologe,  Zoologe, Universität Konstanz

Was ist Evolution? Die unterschiedliche Reproduktion von Genen. Das ist nicht nur die Lehrbuchdefinition, die unsere Studenten in der Evolutionsklausur als richtige Antwort herunterbeten, sondern auch das in tausenden von Studien belegte beste Modell des evolutionären Prozesses. Einige Individuen haben mehr Nachkommen als andere und so werden deren Gene in höherer Frequenz in der nächsten Generation repräsentiert sein als die Gene der weniger erfolgreichen Reproduzierer. Gene sollten also egoistischerweise versuchen, den Organismus, der ihnen dabei hilft, dahingehend zu gestalten, dass dies auch in ihrem Sinne so passiert. Dabei arbeiten sie manchmal zusammen mit anderen Genen und manchmal auch nicht. Soweit so klar, oder?

Scheinbar nicht. Zumindest nicht für den Freiburger Mediziner Joachim Bauer. Dieser fordert im Untertitel einen „Abschied vom Darwinismus“ in einem Buch, das sich Das kooperative Gen nennt. Charles Darwin und Richard Dawkins sind die Hauptzielscheiben in
Bauers Buch. Er hat es wohl in einer Phantasiewelt, unbehelligt von biologischen Fakten, geschrieben. Der Titel lehnt sich an Dawkins Klassiker „Das egoistische Gen“ an. Bauer, um es vorwegzunehmen, hat keine Ahnung von Evolutionsbiologie. Er postuliert wirres Zeug über Umweltkatastrophen, die dann den kooperativen Umbau des Genoms (was auch immer das sein mag – es scheint dem Bauer’schen Gesetz „dem primären Prinzip biologischer Kooperativität“ (S. 15) zu folgen – ich hatte davon vorher noch nie gehört, aber es hat mich lachen lassen) zur Folge hätten, was wiederum den Arten verhilft, sich anzupassen oder neue entstehen zu lassen. Arten hätten molekulare Mechanismen entwickelt, die bestimmte Genomregionen aktiv dazu ermächtigt zu steuern, dass vermehrt dort Mutationen auftreten, wo sie gerade gebraucht würden. Bauer nennt das „Umstrukturierungsschübe“. Woher Genome dies wissen und welche molekularen Mechanismen da agieren, bleibt das Geheimnis von Bauer. Alles sehr amüsant, aber auch ärgerlich, denn Bauer, obwohl er sich als Anti-Kreationist versteht, zitiert Bücher mit Titeln wie „From Darwin to Hitler“ oder auch das deutsche Kreationistenlehrbuch „Junker/Scherer“, als ob so was als ernstzunehmende Referenz akzeptabel wäre.

Bauer scheint nicht zu wissen, dass Selektion auf der Ebene des Individuums oder gar des individuellen Gens ansetzt und sich nicht um Artenselektion schert. Bauer sorgt sich um die „Stabilität von Spezies“, die (wenn sie denn existieren würde, was jedem Erstsemester schon komisch vorkommen sollte) angeblich erreicht wird durch, Zitat: die Kontrolle der Transpositionselemente durch die Zelle garantiert, dass Lebewesen ein stabiles biologisches Erscheinungsbild (einen spezifischen Phänotyp) zeigen und dass Spezies über lange evolutionäre Zeiträume (in der Regel über Millionen von Jahren hinweg bleiben was sie sind (S. 27-28).

Bald danach habe ich aufgehört zu lesen. Dieses Gerede ist bar jeglicher wissenschaftlicher Evidenz was nicht verwundert. Bauer ist bisher eher durch populärwissenschaftliche Bücher im „Brigitte- Psychologie“-Stil und -Niveau aufgefallen. Wohl um wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu suggerieren wurde – peinlicherweise – am Ende dieses Buches eine Liste seiner Publikationen angehängt. Die haben mit Evolution nur wenig zu tun. Charles Darwin lag bekanntlich in dem von ihm favorisierten Mechanismus der Weitergabe von Merkmalen von einer Generation zur nächsten daneben – ähnlich wie Bauer schien er zeitweise an lamarckistische Mechanismen zu glauben. Es scheint mir aber unfair, im Darwin-Jahr auf den Fehlern eines 150 Jahre alten Buches herumzureiten, das in so vieler Hinsicht so wichtig war und richtig lag. Schon Darwin schrieb in seinen Notizbüchern, zu sich selbst nie von „niederen“ und „höheren“ Arten zu reden. Letzteres passiert zwar weniger evolutionsbiologisch gebildeten Biologen auch heute noch, aber selten habe ich so penetrant von „niederen Spezies“ gelesen wie in diesem Traktat von Herrn Bauer.

Darwin verzweifelte an seinem Unverständnis des altruistischen Verhaltens von sozialen Insekten, weil es seiner Theorie der Individualselektion zu widersprechen schien. Erst W.D. Hamilton hat dies einhundert Jahre später mit Verwandtschaftsselektion und dem besonderen Vererbungsmechanismus dieser Insekten erklären können. Die Arbeiterinnen eines Ameisenstaates verhalten sich nur scheinbar altruistisch. Wegen ihrer besonders engen Verwandtschaft zu Königin tun sie aber durch Fortpflanzungsverzicht mehr zur Weitergabe ihrer Gene, als wenn sie sich selber reproduzieren würden.

Bauers mystische Thesen von Kooperativität, Kommunikation und Kreativität sind sicher im menschlichen Miteinander erstrebenswert, aber sie werden wissenschaftlich nicht erklärt, zeigen tiefstes Unverständnis von den wahren Mechanismen der Evolution und bezeugen ein oberflächlich angelesenes Halbwissen. Dies ist alles dumm genug, um es beflissentlich zu ignorieren und Herrn Bauer einen guten Mann sein zu lassen. Aber dieser Nonsens – mittlerweile ein Bestseller – wird in den Feuilletons überregionaler Zeitungen auch noch wohlwollend besprochen! Joachim Bauer würde in meiner Klausur in Evolutionsbiologie durchfallen.

Erschienen im Laborjournal online, Server für Life Sciences, Biotechnologie

4 Comments

  1. Ich kenn das Buch nicht, aber ich versteh nicht wieso Kooperativität als Gegensatz zum Egoismus dargestellt wird.Es ist doch problemlos möglich egoistisch zu sein und mit anderen zu kooperieren. Das Gegenteil von Egoismus ist Altruismus und nicht Kooperativität.

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  2. Es geht doch nicht darum, die Natur auf den Kopf zu stellen. Das führt in die falsche Richtung. Vielmehr wäre zu fragen, was in menschlicher Gesellschaft zum evolutionären Gelingen führt: die Kooperation oder der Egoismus?

    Selbst Dawkins unterscheidet ganz bewusst, überträgt den Genegoismus nicht auf die menschliche Lebenswelt und hat daher den Begriff Meme geprägt, gleichwohl er von einem einheitlichen evolutionären Prinzip ausgeht, das auch im Bereich der menschlichen Kultur gilt.

    Wenn Gestern die FAZ voll von der Frage war, wie die Welt und ihre Wirtschaft noch zu retten, die „soziale“ Marktwirktschaft, nach der letztlich alle Parteien rufen würden, zu verwirklichen sei, weil die egoisitisch kurzsichtige Gier nur Vernichtung betreibt, dann geht es um eine kreative=schöpferische Kooperation, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und Kapitalegoismus als notwendig erachtet wird. Auch um ökolgische Vernunft zu halten.

    Wo der Darwinismus als weiter Vorbild für ein egoistisches Treiben gilt, greift man daher zu kurz. Menschliche Wesen müssen ihre Brutpflege bzw. Generhaltung durch die bei Bienen und Ameisen wie automatisch funktionierende Arbeitsteilung auf kulturelle Weise, als geistbegabte Wesen sicherstellen.

    In feinem wissenschaftlichen Kreationismus die Natur verdrechen, vermenschlichen zu wollen, ist m.E.der falsche Weg. Vielmehr sind es die Evolutionsbiologen, die auf einen vernünftigen Sinn, eine kreative Logik (der Papst sagt Logos, und weist darauf dogmatisch hin, dass es darum im NT ging, dies das Wesen des dort beschriebenen Jesus sei) allen Lebens verweisen, der nicht von den Menschen selbst gesetz wird.

    Die Aufgabe menschlicher Wesen scheint mir, diesem ganz natürlichen Sinn auf menschlich kreative=schöpferische Weise zu folgen. Und wenn menschliche Gemeinschaften – wie heute Evolutonsbiologen nachweisen – einen Kult brauchen, um als kooperativer „Superorganismus“ zu wirken, die Geschichte gezeigt hat, dass philosopische-Ideologien oder kommunikativ vereinbarte Mehrheitsvernunft zu kurz greift, ist es dann nicht Zeit, sich über den Deismus Dawkins (der in seinem Gotteswahn Probleme eines Aberglaubens auflistet, die auch von den Theologen, etwas verdeckter behandelt werden) als zeitgemäßen Theismus Gedanken zu machen?

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  3. Und sowas wird bei uns in der Buchhandlung im thematischen Sonderregal zum Darwin-Jahr eingeordnet und ausgestellt… Aua.

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  4. Bauer überspitzt die Erkenntnisse der Epigenetik, denn die Gene stellen nicht das vollständige Erbgut dar.

    Je nach Ernährungsgewohnheit und Stress dem das Individuum ausgesetzt ist, verändert sich die Methylierung der Gene und damit die Exons-Introns.
    Exonen können mutieren nicht aber Introns.

    Ergo: Die Umwelt lässt nur bei aktiven Gene Mutationen zu.

    Wenn sich die Methylierung abändert können bis dato inaktive Gene (auch Millionen Jahre alte Junk-DNA) aktiviert werden.
    Je, nach Ernährung und Umweltstress können uralte Genabschnitte „reaktiviert“ werden und sind erneut zur Mutation frei gegeben.

    Bauer sagt deshalb „rein zufällig“ sind die Mutationen nicht, sondern individuell zugeschnitten.

    Das ganze widerlegt allerdings nicht den Darwinismus, der Titel ist nur reißerisch gewählt, damit er Geld verdient und dass eventuell Kreationisten sein Buch auch kaufen und so er auch von denen Geld kriegt würde ich vermuten.

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