Wunschlos glücklich?


der Wunsch, von Annett Lüllepop Acryl auf Leinwand, 2006
"der Wunsch", von Annett Lüllepop Acryl auf Leinwand, 2006

von Martin Klebes – parapluie

Wie wirklich sind unsere Wünsche? — Die analytische Philosophie des Geistes kommt zu kontroversen Schlüssen, wenn es darum geht, zu klären, was geschieht, wenn wir „Ich wünsche …“ sagen.

Das Englische macht es (sich) leichter: das Konglomerat aus materiellen Wünschen, geistigen Sehnsüchten und sexuellem Begehren ist hier mit einem Wort zu bezeichnen. Dies kann zu terminologischen Verwirrungen wie auch zu einsichtsvoll-unauflösbaren Mehrdeutigkeiten führen. Man erinnere sich nur an Tennessee Williams A Streetcar Named Desire: abgesehen von der Frage, ob eine zwingende Entsprechung zwischen einem Straßenbahnwaggon und seinem Ziel besteht, kann es keine deutsche Übersetzung geben, die alle drei obigen Elemente von desire in sich vereinigt. Endstation Sehnsucht war immer nur eine Teilübersetzung des Originaltitels, der auf die im Stück ausgespielten Sehnsüchte von Blanche, sexuellen drives von Stanley sowie die materiellen Wünsche/Notwendigkeiten von allen anspielt. Auch ich werde angesichts des sprachlichen Trilemmas in diesem Text für nicht mehr als eine Teilübersetzung von desire optieren können.

Zur Debatte steht die Rolle, welche desires (Wünsche) bei der Erklärung von menschlichen Handlungen haben. In der neueren analytischen Philosophie des Geistes wird diese Frage äußerst kontrovers diskutiert. Entweder nämlich sind Wünsche unverzichtbar für solche Handlungserklärungen und deshalb möglicherweise auch psychologisch reale Entitäten. Oder sie sind zwar unverzichtbar, aber nicht ontologisch, sondern nurmehr als Metaphern oder Umschreibungen einer wissenschaftlichen Leerstelle. Oder aber sie sind verzichtbar — als ungenaue Redeweisen — und daher im Zuge einer vollständigen neurophysiologischen Beschreibungen unseres mentalen Lebens durch präzisere Konzepte zu ersetzen. Ich möchte hier einige prägnante Positionen vorstellen, die diesen Fragen unterschiedlich begegnen.

Zunächst ist kaum zu bestreiten, daß das alltägliche Erklären eigener Handlungen und der anderer entscheidend von der Zuschreibung intentionaler Zustände abhängt. Solche Zustände sind eben Wünsche, Annahmen (Hoffnungen, Ängste etc.), die im Fachjargon als propositionale Einstellungen bezeichnet werden. Diese Einstellungen, beispielsweise x wünscht, daß p, sind Einstellungen gegenüber einer bestimmten Proposition, zum Beispiel ein Bier haben. Wünsche nach nichtintentionalen Objekten, wie Bier, (und auch Wünsche nach intentionalen Objekten, z. B. abgeleiteten Wünschen oder Sorgen etc.) lassen sich praktisch immer in Propositionen umformen. Der Sinn einer solchen Umformung ist die Verknüpfung der Erfüllung des psychologischen Zustandes mit der des Sachverhaltes, auf den der psychologische Zustand gerichtet ist. Nur ein Sachverhalt, z. B. Bernd hat ein Bier, nicht aber eine Sache (Bier), kann erfüllt werden (wahr sein), und so dem Wunsch einen Gehalt geben. Was Bernd wünscht, wenn man umgangssprachlich sagt, daß er ein Bier will, ist nicht nur, daß es überhaupt Bier gebe (obwohl das allerdings eine notwendige Vorbedingung ist), sondern genauer, daß er eines dieser existierenden Biere haben will.

Eine psychologische Handlungserklärung kann sich auf eine Vielzahl solcher propositionaler Einstellungen beziehen und so ein recht plausibles Bild der Gründe für eine bestimmte Handlung zeichnen. Dies ist eine höchst unspektakuläre Angelegenheit. Wir beobachten, wie Bernd sich aus seinem Sessel erhebt, in die Küche wandert, und sich dort ein Bier aus dem Kühlschrank nimmt. Wie kann dieses mysteriöse Vorgehen erklärt werden? Nun, eventuell so:

1. Bernd wünscht, daß er ein Bier hätte. [Wunsch]
2. Bernd glaubt, daß er im Kühlschrank in der Küche ein Bier finden wird [Glauben], also
3. Bernd geht in die Küche.

Schön und gut. Das unmittelbare Einleuchten einer alltagssprachlichen Weisheit einerseits und eine wissenschaftliche oder philosophische Theorie andererseits sind jedoch zwei verschiedene Paar Schuhe. So verschieden sogar, laut einigen radikalen Stimmen, daß ein Paar wesentlich besser paßt als das andere und man das andere nicht einmal mehr für gewisse Gelegenheiten aufzubewahren braucht. Der alltägliche Syllogismus, der fundamental auf dem beruht, was wir aus der Perspektive der ersten Person als Annahmen und Wünsche kennen, wird so zum Schauplatz einer Auseinandersetzung über die fundamentale Struktur psychologischer Theorie.

Auf der einen Seite der Kontroverse stehen die Verfechter der sogenannten folk psychology. Sie vertreten die These, daß sich Verhalten, als intentionales Handeln, durch propositionale Einstellungen wie Annahmen und Wünsche erklären läßt. Eine solche Erklärung kann verschiedene Formen haben, doch in jedem Fall wird angenommen, daß Wünsche psychologisch reale Entitäten sind, die Gründe dafür darstellen, weshalb wir uns auf eine gewisse Art und Weise verhalten. Wünsche, so wird gesagt, sind irreduzibel intentional: ihre Verbindung mit der Welt läßt sich nicht auf eine rein biologische Basis reduzieren, die einen Wunsch als einen rein mechanischen Auslöser eines bestimmten Verhaltens beschreiben würde. Eine derartige Reduktion würde uns jeglicher Autorität entheben, Gründe schon für unsere eigenen Handlungen (geschweige denn die anderer) anzugeben. Neurobiologen können uns zwar sagen, wie Bernd seine Bewegungen vollführt, wenn er in die Küche geht, nicht aber, warum er überhaupt in die Küche geht. Das warum hat, wie gesagt, mit dem Zusammenwirken von Annahmen und Wünschen zu tun.

Die praktische Effektivität von expliziten Vorhersagen oder impliziten Vermutungen anhand der Zuschreibung von Annahmen und Wünschen ist erstaunlich groß. Folk psychology als Theorie dieser alltäglichen Praxis basiert auf der These, daß diese Effektivität nur daher rühren kann, daß die Psychologie des common sense „der Wahrheit recht nah ist“ (Fodor). Denn die Erklärungen der folk psychology erlauben gesetzesartige Generalisierungen, was man von einer wissenschaftlichen Theorie erwarten kann und muß: logische Relationen wie Folge, Äquivalenz und Inkonsistenz verbinden die Sätze der Psychologie der Annahmen und Wünsche genauso wie die Sätze mathematischer Gleichungen. So schließt der Satz „Bernd wünscht, daß er ein Bier hätte“ im allgemeinen aus, daß gleichzeitg gilt „Bernd fürchtet, daß er ein Bier bekommen könnte“; genauso wie „Bernd hofft, ein Bier zu bekommen“ und „Bernd entdeckt, daß er ein Bier bekommen hat“ zusammengenommen normalerweise logisch verträglich ist mit „Bernd ist zufrieden, weil er ein Bier bekommen hat“. Obwohl die Einfügung des „normalerweise“ anzeigt, daß es hier Ausnahmen geben kann, weil menschliche Akteure keine mathematischen Entitäten sind, so wird doch behauptet, daß die Vorhersagen anhand der Zuschreibung von propositionalen Einstellungen nicht so zuverlässig sein könnten wie sie zumeist sind, wenn man sich nicht im allgemeinen auf logische Implikationen dieser Art verlassen könnte.

Das Lager der folk psychology baut also wesentlich auf intuitive Plausibilität und Harmonie mit alltäglicher linguistischer Praxis. Das ist ihr gutes Recht — aber, so muß man feststellen, für sich genommen noch keine hinreichende Bedingung für ihren Status als akzeptable wissenschaftliche Theorie. Denn eine Theorie wie die der Quantenphysik beispielsweise teilt die Qualitäten des intuitiven Einleuchtens nicht unbedingt (vor allem tat sie dies nicht zu dem Zeitpunkt, als sie zuerst vorgeschlagen wurde) — und doch leitet sie momentan einen großen Teil der physikalischen Forschung.

Als Theorie, deren Erklärungskraft über die des Nähkästchens hinausgeht, muß folk psychology mehr bieten als nur Wiederholung von wohlvertrauten Intuitionen oder konzeptuellem Habitus. Die notwendige Verwissenschaftlichung von Erklärungen durch Annahmen und Wünsche kann auf mehrerlei Art geschehen. Die derzeit gängigsten Arten sind Spielarten des sogenannten ‚Funktionalismus‘. Hier werden Wünsche als funktionale Gehirnzustände, d.h. als Rechenzustände des in Analogie zu einem Computer verstandenen Gehirns gedeutet. In Verbindung mit biologisch charakterisierten Inputs und Outputs stellen diese abstrakten Zustände gewissermaßen ein ‚Wunsch-Register‘ im Gehirn dar. Die in diesem Register zusammengefaßten Zustände können durch algorithmische Formeln mit den resultierenden Handlungen verbunden werden. Idealerweise bekommt man so eine mentalistische Psychologie, die einen integralen Teil dessen beschreibt, was im Gehirn auf neurophysiologischer Ebene vor sich geht. Jerry Fodor vertritt ein solches Forschungsprogramm. Die von ihm postulierte „Beharrlichkeit der (propositionalen) Einstellungen“ besagt, daß sich das Wunsch-Register, in dem im Code der „Sprache des Geistes“ Wünsche verzeichnet sind, nicht auf die rein materielle Ebene feuernder Neuronen reduzieren lassen wird. Das ‚Register‘ enthält nicht die konkreten biologischen Vorgänge im menschlichen Gehirn, sondern Wünsche als syntaktisch strukturierte Propositionen, die sich, laut funktionalistischer Doktrin, in identischer Form theoretisch auch in einem Computer befinden könnten.

Eine alternative Art und Weise, Wünsche aufgrund ihrer Funktion als irreduzibel zu betrachten, ist eine externalistische Perspektive. Diese Position, beispielsweise von Fred Dretske vertreten, ist dem Funktionalismus Fodors trotz der Betonung von Funktion klar entgegengesetzt. Wünsche haben ihre Funktion nämlich laut Dretske nicht innerhalb eines Systems von internen, mentalen Repräsentationen. Die Funktion besteht vielmehr zwischen mentalen Zuständen wie Wünschen einerseits und Objekten und Ereignissen in der Welt andererseits. Wünsche strukturieren demnach nicht nur einen abstrakten Rechenapparatus, der, bei sogenannter funktionaler Äquivalenz, genauso in einem Computer aus Silikon wie in einem menschlichen Gehirn aus organischer Substanz instantiiert werden könnte. Vielmehr strukturieren Wünsche die Interaktionen eines lebenden Systems in einer spezifischen Umwelt. Diese Interaktionen versteht Dretske als von Repräsentationen geleitet, deren kausale Rolle durch intentionale Zustände erklärt werden kann. Im Klartext: Bernd geht in die Küche, weil er ein Bier will und glaubt, daß er in der Küche eines finden wird — nicht nur deshalb, weil das motorische Steuerungszentrum seines Gehirns seine Beinmuskeln zur Kontraktion veranlaßt. Und auch nicht nur deshalb (wie Fodor behauptet), weil Bernd eine bestimmte mentale Repräsentation hätte, die ihm, hätte er sie nicht, theoretisch von jetzt auf gleich ins Gehirn ‚implantiert‘ werden könnte, ohne daß der Wunsch nach Bier jemals mit bestimmten anderen Zuständen seines Organismus verbunden gewesen wäre — und trotzdem, so Fodor, identisch mit dem wäre, was Bernd jetzt als Wunsch nach einem Bier empfindet.

Entweder also befindet sich, laut Fodor, der Wunsch „Ich will ein Bier“ kodiert in einer Privatsprache des Geistes in Bernds Gehirn und ermöglicht allein durch seine Rolle innerhalb der internen Organisation des Gehirns (der mentalen Syntax) eine Handlungserklärung. Oder aber Wünsche haben, wie Dretske meint, Erklärungskraft dadurch, daß sie aus einer evolutionären Geschichte des Organismus hervorgehen. Ein Wunsch kann ein bestimmtes Verhalten nicht erklären, wenn er noch nie durch dieses Verhalten eine Erfüllung erfahren hat. Das heißt nicht, daß es keine genuin neuen Wünsche geben kann. Es heißt nur, daß, wenn Wünsche zur Erklärung von Verhalten rekrutiert werden sollen, ihre Relation zu äußeren Umständen entscheidend ist. Diese Relation ist dabei nicht in behavioristischer Weise auf reine Stimulusreaktion zu reduzieren, weil so höchstens (wenn überhaupt) erklärt werden kann, wann ein bestimmtes Verhalten eintritt, nicht aber, warum es eintritt. Der strikte Behaviorismus betrachtet das Gehirn als eine black box und meint, daß ein mentales Leben eigentlich nicht existiert — oder zumindest nicht von Erklärungsinteresse sein kann. Dretske aber meint, daß äußerliche Faktoren, die unabhängig von mentalen Vorgängen beobachtet werden können, ihre Erklärung nur im Verhältnis zu mentalen Phänomenen finden — und daß eine solche Erklärung zentral für eine Rechfertigung von so etwas wie Rationalität ist.

Fodors und Dretskes Positionen haben einen deutlichen Realismus gegenüber Wünschen gemeinsam: Wünsche sind nicht nur nützlich, um Verhalten zu erklären, sondern wir könnten menschliches Verhalten gar nicht als rational, d. h. als von Gründen geleitet, rechtfertigen, wenn wir nicht die Realität von intentionalen Phänomenen wie Wünschen annehmen. Fodor und Dretske sind darum bemüht, die Rationalität nicht allein in den Erklärungen von Verhalten, sondern im Verhalten selbst zu finden. Wer dagegen annimmt, daß menschliches Verhalten sowieso rein irrational und arbiträr ist, der wird diese Bemühungen für schwer verständlich halten. Dies hieße aber auch, die Effektivität von Erklärungen der vor-theoretischen folk psychology für rationalisierende Idealisierung und nicht für eine Erklärung in irgendeiner Weise tatsächlich vorhandener Verhaltensmuster zu halten.

Der (von ihm selbst so bezeichnete) „milde Realismus“ Daniel Dennetts ist ein Versuch, eine einsichtige Position zwischen dem Realismus von Fodor und Dretske einerseits und einem klaren Antirealismus („Verhaltenserklärung durch Wünsche hat keine Entsprechung in der Welt“) andererseits zu finden. Dennetts Theorie des „intentionalen Standpunkts“ versucht so, die Frage der wissenschaftlichen Nützlichkeit mit der ontologischen Frage zu verbinden. Sind Wünsche wirklich? Nun, ja und nein. Wir können die Welt, und so auch menschliches Verhalten in dieser Welt, von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. So zum Beispiel

* vom abstrakten rechnerischen Standpunkt eines Computers, der nur Symbole verschiebt, die die Kommandos für die biologische Auslösung des Verhaltens sind,
* vom physikalischen Standpunkt, der alles Verhalten auf fundamentale Bewegung von Teilchen zurückführt,
* vom Konstruktionsstandpunkt (design stance), der ein Verhalten ohne Bezug auf interne Vorgänge einer Maschine oder eines Organismus nur dadurch erklärt, wozu Maschine oder Organismus durch Ingenieurwissen oder Evolution konstruiert worden sind,
* vom astrologischen Standpunkt, der Sternkonstellationen für bestimmtes Verhalten verantwortlich macht, oder eben
* vom intentionalen Standpunkt aus, der Erklärungen im Sinne der folk psychology gibt, wie wir sie oben beschrieben haben.

Diese verschiedenen Standpunkt sind für verschiedene Zwecke gut, und einige sind für gewisse Zwecke deutlich besser geeignet als andere. (Auch der ‚astrologische‘ Standpunkt hat seinen Zweck, allerdings erlaubt er wohl keine besonders präzisen Verhaltensvoraussagen und ist deshalb nur sehr bedingt nützlich.) Die Frage ist nur, wie sich diese Standpunkte zueinander verhalten. Fodors Standpunkt wäre wohl, daß die Korrespondenz von ‚rechnerischem‘ und ‚intentionalem‘ Standpunkt uns Aufschluß über den ‚physikalischen‘ Standpunkt derart gibt, daß der ‚intentionale‘ Status von Wünschen in den ‚physikalischen‘ integriert, aber nicht auf ihn reduziert wird. Wünsche können als Funktionen abstrakter Rechenzustände gedeutet werden und als solche in einem algorithmisch arbeitenden Gehirn real verankert sein. Wenn wir sagen „Bernd will ein Bier“, so beziehen wir uns damit auf einen bestimmten syntaktisch charakterisierten Gehirnzustand Bernds, der unter anderem davon abhängt, wie Bernds Annahmen über Bier, seine Willensstärke etc. mental repräsentiert sind. Sollten wir igendwann in der Lage sein, einen extrem komplexen Computer zu bauen, der diese Annahmen teilt und von uns ‚Bernd‘ getauft wird, so müßten wir ihm laut Fodor dieselbe intentionale Kraft zusprechen: auch er hätte dann Wünsche wie (der ‚menschliche‘) Bernd. Die Tatsache, daß der computerisierte ‚Bernd‘ eine rein symbolverarbeitende Maschine ist, würde dann anzeigen, daß einen Wunsch haben eben nur heißt, Symbole entsprechend zu manipulieren, egal ob diese Manipulation, wie bei Bernd aus Fleisch und Blut, im Medium des Gehirngewebes, oder aber in dem des Silikons stattfindet.

Dretske würde diese Analogie nur bedingt unterschreiben: nur dann nämlich, wenn die Rechenzustände des ‚computerisierten Bernd‘ durch Konfrontation mit externen Phänomenen den Charakter von Repräsentationen als Anzeigern bekommen. Repräsentation läßt sich laut Dretske nicht, wie Fodor glaubt, rein abtrakt (’syntaktisch‘) fassen und in dieser Form als Symbolkette einem Computer ohne Sinnesorgane verfüttern. Dretske leitet die Realität von Wünschen von der Korrespondenz zwischen dem ‚physikalischen‘, ‚intentionalen‘ und dem ‚Konstruktionsstandpunkt‘ her ab: intentionale Phänomene spielen demnach genauso wie physikalische ihre Rolle in der Erklärung des evolutionären designs von Organismen. Sollte es jemals eine Maschine geben, die auf eigenen intentionalen Füßen steht, also das design nicht von einem Ingenieur vorgegeben bekommt, sondern selbst entwickelt, so könnte dies im Sinne Dretskes wohl höchstens ein Roboter sein, der im Gegensatz zu einem Computer in der Lage ist, Sinneserfahrungen zu machen, sich in seiner Umwelt zu bewegen und seinesgleichen zu reproduzieren — und so langfristig also der Evolution unterworfen ist.

Die skizzierte Meinungsverschiedenheit zwischen Fodor und Dretske ist Wasser auf Dennetts Mühlen: er folgert, daß Wünsche von einigen Standpunkten aus gesehen durchaus real sein müssen, weil sich (Verhaltens)Muster in der Welt aus ihnen speisen, die nicht rein arbiträres weißes Rauschen sind. Diese realen Muster können nun verschieden beschrieben werden, und nicht jede dieser Beschreibungen wird propositionale Einstellungen als real annehmen. So können der ‚rechnerische‘ und der ‚physikalische‘ Standpunkt, für sich genommen, darauf gut und gerne verzichten — und trotzdem präzise Verhaltensbeschreibungen liefern. Allerdings, so Dennetts Argument, nur in einem gewissen Rahmen. Die akkuraten Voraussagen des ‚physikalischen‘ Standpunktes bezahlt man nämlich mit einem deutlichen Verlust an kontextueller Flexibilität (die ja gerade ein Charakteristikum des ‚Erfolgs‘ der Alltagspsychologie ist) und einem unverhältnismäßig großen rechnerischen Aufwand, den heute noch kein serieller Computer für eine halbwegs realistische Situation bewältigen kann. Bernds (oder ‚Computer-Bernds‘) rechnerischer Zustand für „Ich will ein Bier“ erlaubt nicht automatisch intuitive Folgerungen über „Ich will Saft“ — wie es das intentionale Idiom plausiblerweise erlaubt. Auch ein Durchleuchten von Bernds Vergangenheit im Hinblick auf seine Verhaltensweisen gegenüber Bier, Küchen und Kühlschränken auf der Suche nach stabilen Parametern für eine verläßliche Verhaltensprognose und -erklärung (im Sinne der ‚Konstruktionsperspektive‘) ist nicht prinziell unmöglich — aber doch von immenser Komplexität. Die Komplikationen sind hier ungleich größer als bei der Verhaltensgeschichte einer Laborratte, deren Drücken einer Taste durch Futter-Konditionierung erklärt wird.

Dennett propagiert daher aus Gründen der Angemessenheit einen methodologischen Pluralismus mit ontologischen Konsequenzen: es gibt verschiedene gültige Arten, über mentales Leben zu sprechen, und diese Arten verhalten sich nicht hierarchisch zueinander, derart, daß sie sich auf eine Art reduzieren ließen. Wenn es aber nicht eine richtige Sicht der geistigen Dinge gibt, dann bleibt auch unbestimmt, ob es nun Wünsche als solche gibt oder nicht. Propositionale Einstellungen bleiben für Dennett ontologisch genauso fragil wie Stimmen oder Gravitationsfelder. Wir würden kaum sagen, daß diese im gleichen Sinne real sind wie eine Bierflasche im Kühlschrank. Aber von gewissen Standpunkten aus sind sie sicherlich realer als das von Dennett als mögliche Entität eingeführte Zentrum des Felds von Dennetts verlorenen Socken: dies wäre der Mittelpunkt der Kreislinie mit dem geringsten Umfang, die um alle Socken gezogen werden könnte, die Dennett jemals in seinem Leben verloren hat. Irgendwo zwischen diesem abstrusen und mit unseren wissenschaftlichen Mitteln kaum zu bestimmenden Ort (der aber instrumentell betrachtet genauso gültig definiert werden kann wie ein Punkt in einem Gravitationsfeld) und der Bierflasche befindet sich der ontologische Status eines Wunsches.

Die Variante des letztendlichen ‚Sieges‘ des ‚physikalischen‘ Standpunktes ist, Dennetts Skepsis zum Trotz, deshalb interessant, weil sie die einzige ist, die uns, falls sie wahr ist, definitiv wunschlos ließe — und, glaubt man ihren Verteidigern, auch glücklicher. Am deutlichsten artikuliert werden die Vorbehalte gegen jegliche Form von folk psychology als haltbarer Theorie des Geistes momentan von einer Gruppe von Philosophen, die sich selbst als ‚eliminative Materialisten‘ bezeichnen. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Stephen Stich, Paul und Patricia Churchland und in gewissem Sinne seit vielen Jahren (bevor der Terminus überhaupt existierte) auch W.V.O. Quine. Ich beziehe mich hier auf Paul Churchland als charakteristischen (und charismatischen) Verfechter der Position. Der eliminative Materialismus baut auf die beachtlichen Fortschritte, die die Neurophysiologie einerseits und parallel rechnende Computermodelle (sogenannte konnektionistische Netzwerke) andererseits gemacht haben und weiter machen. Churchland bewertet die daraus resultierenden Fortschritte in der Analyse der menschlichen Wahrnehmung und der Verarbeitung von Stimuli im Gehirn im Vergleich zum ‚degenerierenden‘ Forschungsprogramm der folk psychology wie die Fortschritte der modernen Chemie im Verhältnis zur Alchemie. Alltagspsychologische Konzepte wie Wünsche, so seine These, werden sich nicht auf neurophysiologische Beschreibungen von Vorgängen im Nervensystem und im Gehirn reduzieren lassen, sondern letztere werden über kurz oder lang erstere ersetzen. Dies wird nötig sein, weil die Psychologie der propositionalen Einstellungen, wie der Name schon sagt, fundamental auf der Annahme beruht, daß der Geist bzw. das Gehirn analog zur natürlichen Sprache funktionieren. Nur deshalb kann man glauben, daß eine syllogistische Erklärungen wie oben (1) — (3) auch etwas darüber aussagt, was in unserem Kopf abläuft. Diese Grundannahme kann zu einer starken These wie derjenigen Fodors führen, daß die Psychologie die Aufgabe hat, die ‚Sprache des Geistes‘ zu entziffern, die ein festgeschriebener mentaler Code ist. Aber auch in schwächer realistischen Formen wie bei Dennett oder Davidson, die davon ausgehen, daß das Interpretieren von öffentlichen sprachlichen Äußerungen und die Zuschreibungen von intentionalen Zuständen unmittelbar verknüpft sind, d.h. einander bedingen, ist die Sprache unverzichtbares Mittel zur Analyse des Geistes. All dies wird vom eliminativen Materialismus abgelehnt. Allerdings nicht mit dem von Dennett als Vogelscheuche aufgestellten (und abgewehrten) Argument, daß die Sprache der folk psychology nur die Rationalisierung eines fundamental arbiträren Umherbewegens von Menschen in der Welt (so wie physikalische Teilchen) sei.

Im Gegenteil: Churchland besteht auf einer tieferliegenden Realität, die von der der Normalsprache verhafteten folk psychology nicht adäquat erfaßt werden kann. Diese Realität sieht Churchland in den kinematischen Zuständen im Gehirn stattfinden, in immer neuen Arrangements von Milliarden von Neuronen, die auf Wahrnehmungsereignisse reagieren und eine unendlich feinere Abstufung von verschiedenen Erlebnissen, Wünschen, Annahmen darstellen, als sie jemals in Sätzen unserer Sprache der Alltagspsychologie ausgedrückt werden kann. Denn daß unsere Wahrnehmung nur nach syntaktischen Prinzipien funktioniert, kann wohl niemand ernsthaft behaupten (außer vielleicht einem Sprachphilosophen). Schließlich haben wir fünf Sinne, die auch noch etwas anderes außer Sätzen wahrnehmen können. Wieso also, fragt Churchland, sollte die Verarbeitung der durch diese Wahrnehmung erhaltenen Information rein linguistischer Art sein? Stattdessen bietet er das Bild der Projektion eines vier- oder fünfdimensionalen Gehirnzustands durch die Sprachzentren des Gehirns (Brocas und Wernickes Regionen) als ‚Linsen‘ auf die eindimensionale Struktur der öffentlich verwendeten Sprache. Ein immenser Komplexitätsverlust, der uns nur einen Bruchteil dessen sprachlich erfassen und wiederfinden läßt, was ursprünglich die Erfahrung im Gehirn ausmachte. Diese Impotenz der Sprache gilt es zu beheben, wenn man zu einer angemessen komplexen psychologischen Theorie vorstoßen will. Angenommen also, daß das Fortschrittstempo in der Neurophysiologie anhält oder sich gar erhöht, und eine immer genauere Taxonomie von Wahrnehmungszuständen möglich wird, hat dies zwei mögliche Konsequenzen:

1. Das Vokabular der folk psychology bleibt intakt, aber die (neurophysiologische) Wissenschaft entfernt sich immer weiter vom tatsächlichen Sprachgebrauch bei der Verhaltensbeschreibung. Ich werde Bernds obiges Verhalten weiterhin durch „Bernd will ein Bier“ beschreiben. Ein eliminativer Materialist aber würde es als „Bernd ist bezüglich des Biers im Gehirnzustand [#6745365]“ beschreiben, und so eine Vielzahl von Bernds Wahrnehmungsfaktoren mit einbeziehen, die seine Einstellung zum Bier beeinflussen. Er als Experte würde so die tieferliegende Realität erfassen, die ich mit meinem alltäglichen Satz nicht ausgedrückt habe und, wenn Churchland recht hat, auch gar nicht hätte ausdrücken können.
2. Ich befreie mich aus meiner selbstverschuldeten psychologischen Unmündigkeit und lerne stückweise, mich im Alltag wie der eliminative Materialist auszudrücken. So verschwindet also das intentionale Vokabular nicht nur aus der psychologischen Theorie, sondern auch aus der Praxis, und ich sage irgendwann ganz selbstverständlicherweise: „Bernd ist bezüglich des Biers in Gehirnzustand [#6745365]“.

Churchland kalkuliert nicht nur Konsequenz (1) ein, die bereits jetzt, wenn auch nur in sehr begrenzten Forschungskontexten (sicherlich nicht für unseren Beispielfall) zutrifft, sondern eine Entwicklung von (1) zu (2). Und dies ist das wahrhaft Radikale an seiner These. Über eine verbesserte wissenschaftliche Taxonomie mentaler Zustände hinaus malt er das utopische Bild, daß sich unser alltägliches Leben radikal verändern würde, wenn wir eine neue, erheblich feinere Sprache über beispielsweise das, was vorher ‚Wunsch‘ hieß, lernen würden. Wir könnten genauer über unsere komplexen mentalen Zustände sprechen, in denen wir uns befinden, wenn wir ‚etwas wollen‘ — und könnten genauer vorhersagen, wie andere aufgrund solcher mentaler Zustände handeln werden. Der Deckbegriff ‚Wunsch‘ für die enorm große Gruppe dieser Zustände wäre bedeutungslos angesichts der Tatsache, daß diese Zustände eben immer auch das mitenthalten, was vorher ‚Annahme‘, ‚Befürchtung‘ etc. hieß. Churchland sieht so die Möglichkeit kommunikativer Dimensionen aufkommen, die alles in den Schatten stellen, was heutiges psychologisches Vokabular ermöglicht. Man denke nur an die daraus resultierenden ‚Perzeptionsästhetiken‘ bei der Interpretation von Kunst und Literatur oder die Aufschlüsselung der nebulösen juristischen Kategorie der ‚Absicht‘. Und natürlich wären so auch die Ambiguitäten von A Streetcar named Desire ein für allemal zu lösen: die vielen verschiedenen Namen des Straßenbahnwaggons könnten endlich einzeln spezifiziert, benannt werden. Allerdings müßte dann der Titel erheblich verlängert werden: A Streetcar named #4598746, #8675641, #9786090, etc.

Der Sci-fi Charakter dieser Perspektive ist unverkennbar — und um so überraschender, weil diese sich aus empirischen Forschungsergebnissen speist — wenn auch gepaart mit einer gehörigen Portion futuristischer Phantasie. Als Dämpfer daher ein fundamentaler Einwand. Man kann den eliminativen Materialisten vielleicht gemäß dem Prinzip der Nachsichtigkeit die Möglichkeit zugestehen, Dennetts Einwand der „rechnerischen Explosion“ zu lösen, z. B. durch parallele anstatt serieller Computer. Nur wenn so ein angemessenes rechnerisches Modell der menschlichen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung für Alltagssituationen in ihrer ganzen Komplexität entwickelt werden könnte, wäre die „linguistische Reform“, der das intentionale Vokabular, und so auch die Wünsche, zum Opfer fallen würde, überhaupt zu rechtfertigen. Von solch einem Modell ist man noch sehr weit entfernt. Aber selbst wenn es gelänge, wäre doch die linguistische Explosion der Konsequenz (2) in Frage zu stellen. Zweifellos nämlich müßte das Vokabular unserer Sprachen quantitativ enorm anwachsen, wenn wir zu einer Spezifikation interner Zustände in der vorgeschlagenen Weise fähig sein sollten. Und selbst wenn es einer Gruppe von Leuten (einer intellektuellen, besonders feinfühligen Elite?) gelingen würde, dieses erweiterte Vokabular prinzipiell zu beherrschen, so wäre es doch keineswegs immer angemessen, extrem spezifisch zu sein. Wir müßten also das feingegliederte Begriffsnetz in bestimmten Alltagssituationen wieder enger schnüren und gewisse Gruppen von Gehirnzuständen zu Obergruppen zusammenfassen, die als relevant ähnlich gelten, weil sie gewisse Eigenschaften, intern (ähnliche Struktur) oder extern (typische Verbindung zu bestimmten Objekten oder Ereignissen), teilen. Es ist alles andere als unwahrscheinlich, daß wir nach genug begrifflicher bottom-up Hierarchisierung wieder bei so etwas wie ‚Wünschen‘ ankommen, die dann genau die Voraussagekraft besitzen, die sie immer besessen haben. Und dies ist nicht nur ein Pragmatismus wider besseres Wissen. Das Einteilen nach relevanter Ähnlichkeit ist vielmehr schon nötig, wenn ich auch nur einen einzigen, wie auch immer spezifischen, meiner Gehirnzustände, dessen Bezeichnung [#6745369] ich gelernt habe, mit dem Gehirnzustand meines Gegenübers vergleichen will. Denn offensichtlicherweise kann es nicht derselbe Zustand sein: ich und mein Gegenüber sind unabhängige Organismen mit verschiedenen kausalen Geschichten. Schon auf der untersten Ebene des neuen Vokabulars müßte ich also beschreibende Kriterien einführen, die mehr Zustände als nur diesen einen umfassen — um eine Ebene zu finden, auf der beispielsweise Bernds Satz „Ich [#6745365] ein Bier“ und mein Satz „Ich [#6745369] ein Bier“ vergleichbar sind. Der Zyniker wird sagen: diese Ebene kennen wir schon. Sie wird beschrieben durch „Ich will ein Bier“. So einfach ist das.

Forschung ist eine Sache der Kreativität. Churchlands Forschungsprogramm ist zweifelsohne kreativ, aber auch sehr gewagt. Dennett sieht darin keinen Grund, es für unsinnig oder abwegig zu halten (wie Fodor, dessen postulierte lingua mentis selbst alles andere als eine empirische Selbstverständlichkeit ist, es mit Überzeugung tut). Dennett sagt lediglich, daß Churchlands These auf einer ‚Vermutung‘ beruht. Man könnte auch sagen: auf einem Wunsch.

2 Comments

  1. Ich halte Dennets Standpunkt zumindest methologisch für wesentlich Sinnvoller.
    Ich halte den Versuch die ganze breite der Gehirnzustände durch Sprache selbst wenn sie extrem komplex ist auszudrücken auf die art wie das hier beschrieben wird für genauso hoffnungslos wie den Versuch den Kommunismus durch Teilchenbewegung zu beschreiben, ich habe das Gefühl das hier das phänomenologische und das Physikalische total durcheinander gebracht wird.

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  2. Ich habe mich über den Artikel sehr gefreut, auch wenn ich nicht alles was gesagt wird unterstützen kann.
    Die späteren Ausführungen zur Komplexität des Standpunkts finde ich wesentlich sinnvoller als die Frage nach der realen Existenz des Wunsches an sich.

    „Propositionale Einstellungen bleiben für Dennett ontologisch genauso fragil wie Stimmen oder Gravitationsfelder. Wir würden kaum sagen, daß diese im gleichen Sinne real sind wie eine Bierflasche im Kühlschrank.“

    Solche Sichtweisen halte ich für genausowenig sinnvoll wie der geäußerte Anspruch das menschliche Wesen und seine inneren Vorgänge bei der Betrachtung seiner „Funktionsweise“ zu versuchen in der Kausalität von der Sprache zu trennen.
    Dahingehend erscheinen mir Psychologen eh oft etwas metaphysisch (ich musste leicht Grinsen bei „astrologischer Standpunkt^^)
    Es ist tatsächlich sinnvoller zwischen den ganzen Faktoren zu differenzieren, auch wenn das oft etwas müßig ist…
    Ist im Kleinen wohl daher nicht sinnvoll, wohl aber wenn man versucht komplexere psychologische Probleme zu lösen.
    Leider sind die meisten Standardpsychologen nicht so differenziert…

    War jedenfalls mal wieder angenehm was so verkopftes zu lesen, mehr davon^^

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