»Ich misstraue jedem Gottesbeweis«


Richard David Precht (2009), wikipedia
Richard David Precht (2009), wikipedia

Philosoph Richard David Precht und die Darwinismus-Debatte

Nürnberger Zeitung

Während heute niemand mehr bezweifelt, dass sich die Erde um die Sonne dreht, stoßen Darwins Erkenntnisse immer noch auf Widerspruch. «Die Fruchtbarkeit der Evolution – Humanismus zwischen Zufall und Notwendigkeit» ist das Thema einer Tagung, die heute im Nürnberger Planetarium beginnt. Dort spricht auch der Philosoph und Autor Richard David Precht, dessen Bücher («Wer bin ich und wenn ja, wie viele?» sowie «Liebe – ein unordentliches Gefühl») Bestseller sind. Die NZ sprach mit ihm.

NZ: Keine wissenschaftliche Erkenntnis wird so heftig abgelehnt wie die Evolutionslehre. Kreationisten nehmen den Schöpfungsbericht der Bibel wortwörtlich. In Deutschland sind dies 25 Prozent, in der Türkei 70, in den USA 40. Woher kommt die Wissenschaftsfeindlichkeit, die auch in der Alternativmedizin Fuß gefasst hat? Marschieren wir auf ein neues Mittelalter zu?

Richard David Precht: Entgegen einer in den Medien verbreiteten Ansicht halte ich den Kreationismus für überschätzt, und ich zweifle auch die von Ihnen genannten Zahlen an. Zumindest in Mitteleuropa stellt er keinerlei Gefahr da. Ich bin allerdings der Ansicht, dass der Allerklärungsanspruch mancher prominenter Darwinisten den Kreationismus zusätzlich beflügelt. Mit der Biologie kann man die «Welträtsel» ebenso wenig lösen wie mit dem Christentum. Ein Mr. Dawkins («Der Gotteswahn») täte gut daran, sich hier stärker zurückzunehmen, weil er mit seinen überzogenen Erklärungsversprechen den Kreationismus erst stark macht. Streng genommen gibt es heute zwei Fronten von tollkühnen Gläubigen: Kreationisten und Darwinisten!

NZ: Neodarwinisten sagen, die Fülle der Mutationen lasse sich nicht allein durch Zufall erklären. Auch manche Physiker zweifeln am Zufall. Ein Beispiel: Im Urknall entstanden Materie und Antimaterie zu gleichen Teilen – und vernichteten sich in Energieblitzen. Der Kosmos verdankt seine Existenz nur dem Zufall, dass auf eine Milliarde Antimaterie-Teilchen eine Milliarde und ein Materieteilchen trafen. Dass es Leben und Menschen gibt, war nur durch weitere unwahrscheinliche Zufälle möglich. Steht die Wissenschaft etwa vor neuen Gottesbeweisen?

Precht: Ich misstraue jeder Form von Gottesbeweis. So etwas sollte man nicht versuchen, man produziert immer nur Unsinn. Die Lage in der Biologie ist heute in etwa die: Wir wissen, dass Selektion und Mutation eine große Rolle in der Evolution gespielt haben. Aber im Detail wissen wir nach wie vor sehr wenig. Ich persönlich bin der sehr festen Ansicht, dass die Rolle der Anpassung der Organismen an die Umwelt dramatisch überschätzt wird. Die Natur ist voll von Unzweckmäßigkeiten. Nicht Zweckmäßigkeit ist das Auslesekriterium. Es reicht zu sagen: Dieses oder jenes Merkmal oder jene Eigenschaft hat überlebt, weil sie nicht gestört hat. Damit wird das Rätsel der Abermillionen Tier- und Pflanzenarten etwas kleiner . . .

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21 Comments

  1. El Schwalmo schrieb:
    „Thread 2: man macht Propaganda für ein bestimmtes Weltbild, für das man die Ergebnisse der Naturwissenschaften eingespannt.“

    Ja, so funktioniert das. Die Kirchen sagen, was ihre Ansicht ist und wir sagen, wie wir das sehen.

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  2. @El Schwalmo:

    Der Anti-Anti-Theist wird da in der Regel keinen Unterschied erkennen, und selbst wenn, wird er im dennoch 2 unterstellen, denn schließlich vertritt er ja oft ein Weltbild, das naturwissenschaftliche Erkenntnisse ganz oder teilweise ausblendet.

    Die „Propaganda für ein bestimmtes Weltbild, für das man die Ergebnisse der Naturwissenschaften eingespannt“, wie es die Nazis taten, gaben diese Ergebnisse im Fall Darwin nur teilweise, verzerrt oder falsch wieder…..

    ….und es kam auch nicht ohne den angeblichen „Willen Gottes“ aus, was die Sache besonders gefährlich machte.

    Ich kann in meinem Atheismus in sich mit keiner moralischen Wertung verbinden…..

    …..ein Mixa macht das dennoch in Form von Negativwertungen; zudem gesteht er religiösem Glauben Höherwertigkeit zu.

    Für den wahrhaft toleranten Gläubigen (einer bestimmten Religion) gibt es gute Gründe, nach aussen wie ein Atheist zu argumentieren…..

    …..schliessslich eint ihm mit dem Atheisten der Unglaube an all die anderen Religionen neben der seinen….und das sinnd nicht wenige.

    ….dafür mach ich auch gern „Propaganda“ ohne ihn jetzt gleich vom Glauben abbringen zu wollen. Dass das prinzipiell machbar ist, zeigt ja die Pro-Ethik-Unterstützung durch gewisse christliche Gruppen oder Einzelpersonen, die das Problem durchschaut haben.

    Wir würden die Threads auf Theisten bezogen aussehen?

    1. Man vertritt den Absolutheitsanspruch der vermeintlichen höheren Wahrheit eines omnipotenten Geistwesens, ohne auf Erkenntnisse der Naturwissenschaften Rücksicht zu nehmen

    2. Man macht Propaganda für ein bestimmtes Weltbild, für das man die Ergebnisse der Naturwissenschaften verzerrt, reduziert oder auslässt.

    Ich finde beides tadelnswert.

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  3. @HFRudolph

    === schnipp ===
    Zumindest kann es sein, dass Dawkins oder wir bzw. die gbs zur Polarisierung beitragen. Es gibt aber keine Alternative dazu, den Finger in die Wunde zu legen.
    === schnapp ===

    Thread 1: man vertritt Erkenntnisse der Naturwissenschaften, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob man damit irgendwelchen Glaubensinhalten widerspricht

    Thread 2: man macht Propaganda für ein bestimmtes Weltbild, für das man die Ergebnisse der Naturwissenschaften eingespannt

    Thread 1 scheint mir untadelig zu sein, bei Thread 2 beschleicht mich der Verdacht, dass hier nur das unter umgekehrten Vorzeichen gemacht wird, was die Position, die man bekämpft, auch macht.

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  4. „Es gibt aber keine Alternative dazu, den Finger in die Wunde zu legen.“

    Wenn Du mit „Wunde“ meinst, dass sich die Allgemeinheit im Zeichen falsch verstandener Toleranz und politscher Korrektheit dem nichtig banalen Schweigen hingibt……

    ….geb ich Dir 100%ig Recht.

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  5. @Nic: Actio -> Reaktio ist ja nicht so ganz abwegig. Zumindest kann es sein, dass Dawkins oder wir bzw. die gbs zur Polarisierung beitragen. Es gibt aber keine Alternative dazu, den Finger in die Wunde zu legen.

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  6. Wer sich selbst ein Bild von den Fähigkeiten des Herrn Precht machen will empfehle ich das letzte Nachtstudio (17.5.09) u.a. mit Volker Sommer

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  7. „das Beste, was den Kreationisten passieren konnte, da es die Verunsicherung, wenn nicht gar die diesbezügliche Spaltung der Gesellschaft fördert.”

    Hmm, man könnte auch formulieren, die Abspaltung von zu Zweifel fähigen Gläubigen von den Gläubigen an das Absolute ist das Beste, was einer fortschrittlichen Gesellschaft passieren kann.

    Nicht-absolute Wissenschaftlichkeit heisst jeden Zweifler willkommen….egal vor welchem religiös-kulturellem Hintergrund.

    „Zweifel“ mit „Schwäche“ zu assoziiren und „Schwäche“ mit einer negativen Wertung zu versehen ist auch nur ein Prinzip was es zu überholen gilt im Hinblick auf einen gewollten, bewussten Frieden.

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  8. @ HFRudolph: „Wenn Precht sagt, Wissenschaftler sollten keine Aussagen über die Existenz von Gottheiten machen – das sei unwissenschaftlich – dann hat er nicht ganz unrecht“

    Meiner Meinung nach ist bereits der Hinweis, dass es keinen „Gott“ braucht, um Wissenschaft zu betreiben, eine Aussage über die Existenz von Gottheiten.

    Was mich wirklich ärgert ist dieser Unsinn: „Ein Mr. Dawkins täte gut daran, sich […] stärker zurückzunehmen, weil er mit seinen überzogenen Erklärungsversprechen den Kreationismus erst stark macht.“
    Denn dieser Logik folgend bedeutet das ja, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis und deren Verbreitung verboten gehören, um die Religionen nicht zu stärken. Und das ist IMHO Unsinn.

    Doch habe ich das heute auch an anderer Stelle gelesen: „Deshalb sind Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ sowie die Jünger dieses Buchs das Beste, was den Kreationisten passieren konnte, da es die Verunsicherung, wenn nicht gar die diesbezügliche Spaltung der Gesellschaft fördert.“ (http://tinyurl.com/px8hbr)

    Sollen wir also immer fein brav schweigen? Um die Gegner nicht zu stärken? Was ist das denn für eine Logik?

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  9. @Oolon Coluphid

    Ich bin nie in den „Genuß“ gekommen, „Mein Kampf“ zu lesen.

    Aus informierten Kreisen wurde mir allerdings bestätigt, dass darin weniger die „Evolutionstheorie“ als „Gott“ thematisiert wird.

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  10. „Ich misstraue jeder Form von Gottesbeweis.“

    Ich auch.

    „Streng genommen gibt es heute zwei Fronten von tollkühnen Gläubigen: Kreationisten und Darwinisten!“

    Die Evolutionstheorie ist zum großen Teil – wennn auch nicht nur – Bestanddteil des Weltbildes, das gänzlich ohne Götter und Geister auskommt. Wenn man im Naturalismus und Atheismus „Glaube“ im religiösen Sinn sieht, dann kann man genausogut den „Verzicht“ auf das Sammeln von Briefmarken als Hobby bezeichnen (wobei dieser „Verzicht“ wohl kaum ein bewusste Entscheidung wäre, es sei denn, man hätte schon man Briefmarken gesammelt).
    Wissenschaftlicher „Glaube“ (die Annahme der Relevanz grosser Wahrscheinlichkeiten) ist so völlig anderes als religiöser Glaube, dass es grob fahrlässig wäre, ein und die selbe Terminolgie daruf anzuwenden.

    „weil er mit seinen überzogenen Erklärungsversprechen den Kreationismus erst stark macht. “

    Youh, und mit den Vorgehen gegen den Anti-Szientizismus macht man die Kreationisten stark wie mit dem Vorgehen gegen z.B. den Anti-Semitismus die Antisemiten, was?

    „Aber im Detail wissen wir nach wie vor sehr wenig…“

    Wir wissen wenig/nichts über geringes Detail. Und seit es wissenschaftlichen Fortschritt gibt, schrumpft dieses Detail immer mehr.
    Religon hat in sich hierfür noch nie irgend etwas beigsteuert ausser bestenfalls Stagnation, auch wenn nahezu alle ursprünglichen Wsissenschaftler religiös waren. Es ist sicher kein Zufall, dass es die meisten Heutigen nicht mehr sind.

    @Peter

    „Mit “Darwinisten” konnte ich noch nie was anfangen. Das sind für mich Leute, die Darwins Theorie in den falschen Hals gekriegt haben und sie für ihre politischen oder religiösen Zwecke missbrauchen.“

    Die Evolutionstheorie gänzlich abzulehen ist auch eine Form des politischen und religiösen Missbrauchs, ebenso, sie im „Sozialdarwinismus“ verzerrt darzustellen.
    MIt „Darwinsimus “ hat das beides freilich überhaupt nichts zu tun, wobei man durchaus mal festhalten kann, dass die ideologisierede Bezeichnung „Darwinismus“ ein hauptsächliche Wortschöfpung derer ist, die darüber hinwegtäuschen wollen und nach einer Terminologie suchten Szientizisten zu diffamieren.
    „Sozialdarwinsten“ mit redlichen Wissenschaftlern terminologisch gleichzusetzen ist mehr als üble Nachrede, das ist Hetze.

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  11. @Nics BlogHaus: Wenn Precht sagt, Wissenschaftler sollten keine Aussagen über die Existenz von Gottheiten machen – das sei unwissenschaftlich – dann hat er nicht ganz unrecht, denn ansich hätte Dawkins an dem Punkt stoppen müssen, als er dort angekommen war, zu sagen:

    Zur Erklärung der Welt brauchen wir keine Gottheiten, wissenschaftliche Theorien sind es nicht, also stellt sich die Frage gar nicht. Der Wissenschaft ist nichts von realen Gottheiten bekannt und als sinnvolle Erklärung taugen sie nicht. Punkt – im Ergebnis sagt Dawkins aber auch gar nicht groß etwas anderes, wenn man den Gotteswahn liest – er spitzt es nur rethorisch zu.

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  12. @Peter

    Stimmt, das NS-Regime hat die Theorie von Darwin falsch verstanden, wenn sie sie überhaupt verstanden haben.
    Ich bin mir auch sicher, ohne Darwin hätte es Auschwitz auch gegeben.

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  13. Mit „Darwinisten“ konnte ich noch nie was anfangen. Das sind für mich Leute, die Darwins Theorie in den falschen Hals gekriegt haben und sie für ihre politischen oder religiösen Zwecke missbrauchen. Siehe Ausschwitz. Ein ernsthafter Wissenschaftler, der sich mit der Evolutionstheorie auseinandersetzt, ist kein Darwinist.

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  14. „Neodarwinisten sagen, die Fülle der Mutationen lasse sich nicht allein durch Zufall erklären. Auch manche Physiker zweifeln am Zufall.“

    Brr. Abgesehen von der Unvollständigkeit dieser Aussage, wäre es nicht besser, statt „Zufall“ einfach „Glück“ zu benutzen? Was heutzutage so alles mit „Zufall“ – egal ob zu unrecht – assoziert wird (etwa Nichtdeterminismus) erscheint mir als arg unnötig kontraproduktiv.

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  17. @juliaL49: Stimmt. Bei den Christen wird ja auch nichts gesühnt, bloß weil sie sich das herbeiphantasieren – vor allem: Wäre das etwa ein Grund, dass sich die Hölle plötzlich real bilden würde, weil wir sie für nützlich halten?

    und die Frage wäre ja auch: Wozu? Als ob der Höllenglaube jemals jemanden abgehalten hätte, Verbrechen zu begehen… Warum aber tut sie das nicht? Weil selbst jeder Gläubige bewusst oder unterbewusst weiß, dass die Aussagen der Bibel insoweit unhaltbar sind: Ansonsten müsste ja jemand zurück kommen und davon erzählen. Davon ist aber nirgends die Rede.

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  18. Ja, da werden so einige Sachen vermischt und ungenau ausgedrückt. Das gilt aber für Fragen und Antworten. Die Frage nach den ungesühnten bösen Taten und den unbelohnten guten Taten war völliger Blödsinn, aber immerhin hätte man das Abzielen auf das Leben nach dem Tod umlenken können auf den evolutionären Vorteil für gute Taten und Nachteil für schlechte Taten.

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  19. Was für ein absurdes Interview. Abgesehen davon, dass die Zeitung die Relativität der Bewegung anscheinend fremd ist mit Ihrer „Erde dreht sich um Sonne“ – Ansicht nicht weiter gekommen ist als die katholische Kirsche zu Galileis Zeiten: http://freenet-homepage.de/Naturalismus/Geozentisch.xhtml

    Dann greift Precht Dawkins und die „Darwinisten“ (wer soll das sein, jemand der die Evolutionstheorie vertritt?) an, ohne das plausibel begründen zu können und setzt dann mit seinem üblichen Lari-Fari Gelaber ein. Die Determinismusfrage – Zufall oder Notwendigkeit – war doch eindeutig gestellt: „Nö, kein Bock zu antworten“ hätte er auch sagen können. Ansich schätze ich Precht durchaus, in dem Interview war er anscheinend nicht fit.

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