Christliche Netzwerke


Netzwerk im Gegenlicht, commons.wikimedia.
Netzwerk im Gegenlicht, commons.wikimedia.

Nächstenliebe mit Nebeneffekt

Von Anna Loll FAZ.NET

Eine Party an der Karl-Marx-Allee in Berlin: Die Musik ist wie überall elektronisch, die Lichter sind bunt und gedimmt. Ein paar Leute stehen im Kreis und unterhalten sich, andere halten sich an ihrem Bier fest. Ein ganz gewöhnliches Fest. Fast. Gleich neben dem Eingang steht ein junger Herr. Seine Jeans, das weiße Hemd und die selbstbewusste Haltung erfüllen alle Ansprüche an den Typ „erfolgreicher Young Professional“. Mit einem Lächeln streckt er die Hand aus. „Hallo, wie geht’s?“, fragt er. „Ich bin Markus. Und du? Kann ich dir jemanden vorstellen?“ Die Party ist doch keine gewöhnliche Party, sondern ein Netzwerktreffen – und zwar ein christliches.

Das macht Sinn, denn immerhin sind rund zwei Milliarden Menschen auf der Erde Christen. Die christlichen Kirchen bilden potentiell nicht nur eines der größten, sondern auch eines der ältesten Netzwerke der Welt. An den deutschen Hochschulen finden sich christliche Studenten vor allem in sieben großen Studentenorganisationen zusammen. Hier wird nicht nur die Bibel gelesen und diskutiert. Angeboten werden auch berufsrelevante Kongresse, Fachgruppen und Auslandsprojekte. Evangelische und katholische Studenten haben außerdem die Möglichkeit, sich auf besondere Stipendien der Kirchen zum Beispiel zu bewerben. Überdies stellen manche Unternehmen gerne Christen ein. „Bei einem Christen vertraut man darauf, dass er Eigenschaften wie Ehrlichkeit, einen guten Umgang mit seinen Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein mitbringt“, sagt jedenfalls Tanja Kessel von der Personalvermittlung „Christen im Personal-Service“. Das schätzen natürlich viele Arbeitgeber. Christen müssten also gute Karten auf dem Arbeitsmarkt haben.

Unter Brüdern und Schwestern

Auf der Berliner Party sitzt mittlerweile auf einem großen roten Sofa ein weiterer Markus. Kein „Young Professional“ diesmal, sondern ein leitender Manager mit blauem Anzug und Krawatte. „Natürlich sind mir Christen meist sympathisch“, gibt er unumwunden zu. Er sei schließlich selbst einer. Aber jemanden nur seines Glaubens wegen einzustellen? Der Manager schüttelt den Kopf. Das könne er sich gar nicht leisten. „Wirtschaft ist Wirtschaft. Ohne Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft gibt es keinen Ertrag“, sagt er. Komme aber ein Student aus seiner Kirchengemeinde mit der Frage auf ihn zu, wie er sich am besten bewerben könne, widme er sich ihm vielleicht schon etwas mehr als einem Nichtchristen. „Unter Christen steht man nicht einem Fremden gegenüber, sondern einem Bruder oder einer Schwester“, sagt Markus. „Egal ob man ihn schon kennt oder nicht, aus welchem Land er kommt, aus welcher Schicht oder wie alt er ist.“

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