Fragwürdige biblische Gebote


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Hans Baldung Grien: Kopf eines Alten mit Bart, 1518, London, British Museum.

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel

Jedes Wort der Heiligen Schrift habe direkte Gültigkeit für unser heutiges Leben, behaupten fundamentalistische Christen. Wer so denkt, müsste konsequenterweise folgende Gebote der Bibel ebenfalls befolgen.

»Lege kein Kleid an, das aus zweierlei Faden gewebt ist.« – 3. Mose 19, 19

Die Befolgung dieses Gebotes würde die Einkaufsoptionen in Sachen Kleidung ziemlich einschränken. Socken zum Beispiel sind meist aus Baumwolle, aber fast nie ohne einen Anteil von Elasthan oder ähnlichen Kunstfasern erhältlich. Aber auch schon bei einem Sakko oder Rock mit Viskosefutter ergäben sich Probleme. Als Lösung wären reine Wolle- oder Seide-Textilien denkbar. ( 3. Mose 19, 19)

»Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen.« – 3. Mose 19, 27

Das würde die Friseure und die Rasiermittelindustrie hart treffen und das Straßenbild unseres Landes verändern (Bild links oben): Überall würden Männer mit langem Haar und Bärten zu sehen sein – Ähnlichkeiten zu Taliban-Fürsten wären so wenig beabsichtigt wie vermeidbar. Zumal dieses Gebot jedwedes Beschneiden der männlichen Haupthaare verbietet, also auch das aus rein ästhetischen Gründen. Waschen und Kämmen ist nicht verboten. ( 3. Mose 19, 27)

»Wer des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben.« – 3. Mose 24, 13-23

Am Rande des Bremer Kirchentags flanierten Mitglieder der atheistischen Aktion »Heidenspaß« die Straße entlang. Um der Welt ihre große provokative Energie zu demonstrieren, trugen sie einen gekreuzigten Teddybären vor sich her. Kein schöner Anblick, zugegeben, aber mehr ein Ausdruck spätpubertärer Dummheit statt Zeichen seriöser Religionskritik. Die »Heiden«-Bremer konnten froh sein, dass keiner der Kirchentagsbesucher die Bibel wörtlich nahm. Denn sonst hätten sie ihre Aktion mit dem Leben bezahlt. ( 3. Mose 24, 13-23)

»Besser ist’s, keine Kinder zu haben.« – Weisheit 4, 1

Hatte Gott nicht den Menschen etwas ganz anderes aufgetragen, nämlich: »Seid fruchtbar und mehret euch«? Salomo, der Verfasser des Buches der Weisheit, stellt sich offen gegen dieses göttliche Gebot. In seinen Kreisen galten Kinder offensichtlich eher als störend – erst recht, wenn sie »in gesetzeswidriger Ehe« geboren wurden und »die kinderreiche Menge der Gottlosen« vermehrten. Hätte es schon im alten Israel den Kinderschutzbund gegeben – er hätte viel zu tun gehabt, um solcher kinderfeindlichen Haltung entgegenzutreten. ( Weisheit 4, 1)

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10 Gedanken zu “Fragwürdige biblische Gebote

  1. Andreas A.

    Zum Lesen der Bibel hier meine Empfehlung:

    „Der große Boss. Das Alte Testament. Unverschämt fromm neu erzählt“ von Fred Denger. Hab ich vor Jahren gelesen und fand es sehr gut.

    Zum Text:
    Was mich wirklich betroffen macht, ist die Kaltschnäuzigkeit mit der der Autor (Uwe Birnstein, Theologe) mit den vielen Opfern der Kirche umgeht.
    „Die »Heiden«-Bremer konnten froh sein, dass keiner der Kirchentagsbesucher die Bibel wörtlich nahm. Denn sonst hätten sie ihre Aktion mit dem Leben bezahlt.“

    Im Zusammenhang mit diesem Zitat auf der Webseite:
    “Die Bibel ist voller sinnvoller Vorschläge, wie das Leben in der Gemeinschaft und im Angesicht Gottes sinnvoll und sozialverträglich zu gestalten ist. Doch gibt es auch viele Gebote und Vorschriften, die der Moral oder dem Recht der jeweiligen Zeit verhaftet und nicht ins Heute zu übertragen sind. An ihnen lässt sich eindrücklich (und mit einem kräftigen Augenzwinkern) zeigen, dass nicht jedes Wort der Bibel für heute gültig ist.“

    Dann zwinkern wir mal kräftig mit den Augen, wenn Fundamentalisten sich mal wieder auf die Bibel berufen beim Ermorden von z.B. Ärzten in Amerika. Die Christen zwinkern vergnügt, der Humanist voller Verwirrung.

    Es lebe die Beliebigkeit der Religion, abhängig von Zeit, Land und Stimmung der jeweils Regierenden.
    Es ist Traurig wenn Herr Birnstein zwar viel studiert hat (Journalistik und Theologie)
    aber vom Leben, von der Aufklärung und vom Humanismus nicht mitbekommen hat.

    Andreas

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  2. @ wuschelpuschel
    „Eigentlich müsste man sich mal den Spaß machen die Komplette Bibel durch zu lesen.“

    das sollte man allerdings – nicht nur, um seinen „Gegner“ und deren „Buch der Bücher“ kennen zu lernen; sondern vor allem auch, um Kunst und Kultur der letzten Jahrhunderte zu verstehen.

    Man kann dieses Buch lesen wie jedes Buch – man kann es lesen ohne an diesen Verkündigungsunsinn zu glauben; wie man griechische Sagen lesen kann und Grimms Märchen. Die einen wie die anderen bringen Erkenntnisse – darüber, mit welchen Problemen die menschliche Kultur konfrontiert war (und ist) – wenn man dabei nicht vergisst, dass es sich um historische Texte handelt!

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  3. wuschelpuschel

    Hach, es ist immer wieder lustig. Eigentlich müsste man sich mal den Spaß machen die Komplette Bibel durch zu lesen.

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  4. Max Headroom

    Es ist tatsächlich wahr, dass die überwältigende Mehrheit der Christen – ja, ich behaupte gar alle – sich eines „selektiven“ Glaubens bedienen.
    Das Christentum, welches auf das Judentum fußt, ist nicht nur „beseelt“ von Wasserläufer-Wunder und Bergpredigten, sondern diese Wundertaten und tollen Texten werden umzingelt von einer gigantischen Menge an mörderischen Anzahl von bluttriefenden Geboten und Gesetzen, die sich in Sachen Hass und Amoral nicht hinter ihren Argumenten „Atheisten (Pott, Stalin, …) haben böses gemacht“ zu verstecken braucht.

    Was Herr Birnstein, der Autor des Artikels im Sonntagsblatt geschrieben hat ist nur das, was uns heute „merkwürdig“ erscheint. Merkwürdig, weil sich unsere Gesellschaft völlig normal und ganz ohne negative Einflüsse diesen Geboten/Gesetzen widersetzt und sie als „alt und vergessen“ ansieht.
    Im Buch der Bücher stehen noch ganz ganz viele weitere Texte drinne, die sich überhaupt nicht mit unserem normal-geregelten Alltagsablauf vertragen. Es werden Geschichten – angebliche „Wahrheiten“ – erzählt, die komplett abstrus gegenüber den Erkenntnissen der Wissenschaft verhalten. Dort wird von Orten gesprochen, die fernab jeglicher Realität sind.
    Auf der einen Seite belächeln wir die Gläubigen der „Inneren Erde“ und ihre abgedrehte Weltentheorie von Zivilisationen irgendwo unter dem Erdmantel. Auf der anderen Seite fallen Erdlinge auf die Knie, beten, hoffen und weinen gar, damit sie nicht in das „Höllenfeuer“ geworfen werden. Ein Feuer an einem Ort innerhalb oder unterhalb der Erdkruste, wo die Temperatur (gemäß der Bibel) knapp unterhalb des Siedepunktes des Schwefels liegt. Der Rest vergnügt sich irgendwo „im Himmel“, an der Grenze zum Weltraum, wo die Umgebungstemperatur weit unterhalb des Gefrierpunktes liegt und ein geregeltes Leben mit luftiger Kleidung aufgrund der Temperatur nur mit unendlichem bibbern und zittern zu ertragen ist.
    Die Alternative wäre eine gesintflutete Welt, auf der zwar alle „Sünden“ weggespült wären, aber mit genügend Wasserrutschen man sich auch nach dem Tag des Jüngsten Gerichtes vergnügen könnte. Und hört man erstmal das hübsche Kinderlachen der auferstandenen Zöglinge, vergisst man ganz ganz schnell die Problematik der Überbevölkerung. Schließlich sind ja seit Christis Abgesang am Kreuze eine Menge gläubiger Menschen verstorben. Zumindest auf dieser Erde wird der Herrgott seine hellste Freude haben, Billionen von gläubigen Menschen in völlig überfüllten Großstädten zu quetschen. Den Planeten größer machen, das geht leider auch nicht, da die Naturgesetze uns hier einen großen Strich durch die Rechnung machen. Ohne Anpassung an die neuen Begebenheiten (Schwerkraft, Luftdruck, …) müsste unser Organismus sich verändern… und wir gleichen dann sicherlich nicht mehr Gottes Abbild 😉 .

    Da ist es wesentlich einfacher und auch für den naturwissenschaftlich unerfahrensten Mitmenschen nachvollziehbar, man „befolgt“ Wüstenregeln, damit man „irgendwann“ von „irgendwem“ auf „irgendwo“ dann „irgendwie“ zu sich gerufen wird und auf ewig „irgendwie“ lebt.

    Dass dann eine Gruppe von Menschen, die alleine hierzulande ein rundes drittel der Bevölkerung ausmacht, mit dieser Art der Fantasie nichts zu tun haben will, ist nur verständlich. Die Welt funktioniert hervorragend ohne Mambo-Jambo-Magie aus dem Reich der Kamele und Eseln. Die Regeln dieses Wüstenvolkes können sie entweder in der Wüste als „gegeben“ ansehen, oder zumindest hierzulande als „Bibel 2.0“ verändern und damit ihren Gott beleidigen. Denn weder der JHWH-Geist noch sein Bioklon Jesus haben ja gesagt, dass ihre Lektüre verändert werden darf.

    Somit hoffen zumindest die Katholiken, dass ihr Gott-Fürsprecher Benedikt ihnen die „richtige Richtung“ zeigt. Schließlich hat der Großteil der Bevölkerung besseres zu tun, als sich um Kleidung mit zwei Garnen oder um Frisörprobleme zu kümmern. Gibt’s nichts zu essen auf dem Tisch, verhungert man – egal wie korrekt man auf die Frisur und auf die Kleidung geachtet hat 😛 . Ganz elementare Biologie. Füttert man die Maschine nicht, versagt sie den Dienst… egal welche Farbe man auf ihr aufgetragen hat.

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  5. @Wahoonie

    um diese gebote/reglen zu umgehen, kommen diese fundie-christen doch damit, dass die at-regeln nicht mehr gelten, weil ihnen der cheesus einen neuen bund gegeben hätte, der alte und seine gebote also nicht mehr gültig seien.

    Es gibt Fundis die so argumentieren, aber leider liegen sie falsch:

    Jesus:

    „Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt. 5.17-20)

    Christen meinen dann zu wissen, dass Jesus nur die 10 Gebote gemeint hat, aber das ist ein Irrtum.

    Auf auf, ihr Christen, dann erfüllt auch die restlichen 600 Gebote.

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  6. um diese gebote/reglen zu umgehen, kommen diese fundie-christen doch damit, dass die at-regeln nicht mehr gelten, weil ihnen der cheesus einen neuen bund gegeben hätte, der alte und seine gebote also nicht mehr gültig seien.

    was allerdings dann wieder dazu führt, dass man diesen gläubigen vorwerfen kann, dass sie sich nur die sachen rauspicken, die sie für ihre argum.. verschrobene sicht benötigen.

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  7. @ Max

    lese die Reimbibel auch gerade, scheint jetzt wohl „in“ zu sein (bei uns). :mrgreen:

    Daraufhin fällt mir nur die Reimbibel ein, die ich von Wolfgang diesen Sonntag bekam

    Ist das nicht ein Zeichen, dass Du ausgerechnet am Sonntag die „Bibel“ bekommen hast? Preiset den Herrn!
    RAmen

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  8. Max Headroom

    @Oolon Coluphid

    Inhuman ? Diese „Regeln“ werden von den Christen, den Anhängern des Herrgotts und Sohnemannes Jeezy, doch bewusst verletzt. Ansonsten würden sie in der Gesellschaft entweder als „asozial“ oder als „Sekte“ abgestempelt. Gut, die Pius-Bruderschaft würde diese Leute zwar herzlichst gerne aufnehmen, aber so ganz piussig wollen selbst harte Christen heute nicht mehr 😉 .

    Und die AFAIK runde 700 Regeln, die toratreue Juden befolgen müssten um Gott gnädig zu stimmen, wollen wir lieber mal hinwegsehen. Bestimmt findet sich irgendwo in den Tiefen der Buchstaben eine Regel, die die Anzahl der Atemzüge pro Minute festlegt. Tja… JHWH hat so seinen Spaß mit den Ameisen hier unten, die verkrampft und hektisch versuchen, jedes Buchstäbchen „gotteskomform“ zu deuten 😉 .

    Gott sei Dank bin ich Atheist, und muss mich mit diesen Thema nicht beschäftigen.

    Ein gutes Beispiel, wie frei wir tatsächlich sind 🙂 . Nicht nur frei vor irgendwelchen Ängsten, sondern auch von absurden Regeln einer Wüstengegend.

    Daraufhin fällt mir nur die Reimbibel ein, die ich von Wolfgang diesen Sonntag bekam:

    Die Liste habe ich gecheckt
    und darauf keinen Gott entdeckt,
    der so sympathisch wäre,
    dass ich ihn verehre.
    So leb ich ohne Religion,
    ich brauche keinen Himmelslohn,
    bekämpfe schwarze Lügen
    und hab daran Vergnügen.

    (www.reimbibel.de)

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  9. Diese Bibelverse sind so inhuman, dass sie nicht mal von bibeltreuen Christen eingehalten werden.

    Gott sei Dank bin ich Atheist, und muss mich mit diesen Thema nicht beschäftigen. 🙂

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