Rückblick Gegen-Homophobie-Demo Marburg 09


Am Himmelfahrts- oder besser „Evolutionstag“ (21. Mai) war in Marburg großer Menschenauflauf. Eine evangelikale Gruppierung hatte die Stadthalle angemietet, um dort einen Seelsorge- und Psychotherapie-Kongress zu veranstalten. Mit Empörung nahmen Teile der Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass drei (sic!) der 50 (?) Referenten eindeutig homophobe/sexistische Positionen vortragen wollten.

Das Bündnis „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ brachte tatsächlich an die tausend Leute auf die Beine, die am „Vatertag“ durch unsere schmucke Universitätsstadt an der Lahn flanierten und demonstrierten.

Zugleich kamen 1-2 Hundertschaften kasernierte Polizei, die die friedlichen, zumeist studentischen Demonstranten martialisch unter Dauerbeobachtung stellten. Der Zug von rund 20-30 Polizei-„Wannen“ allein in der Bahnhofstraße bot keinen schönen Anblick und wirkte wie ein Belagerungszustand. polizeiwannendemo090521kl

Angesichts der zahlreichen von Demo-Untergruppen blockierten Kreuzungen, haben sich ein paar Autofahrer und Busbenutzer geärgert. Aber an einem gesetzlichen Feiertag konnte es offenbar beinah jeder entspannt sehen. Der lokale offizielle Polizeibericht lautete, es sei „alles friedlich“ verlaufen. Später las man als Nichtbeteiligter, dass es ein paar wenige polizeiliche Knüppel-Übergriffe gegeben habe. Anscheinend war das am von „Störeren“ (Polizei-jargon) blockierten Hörsaalgebäude. Die Statdthalle war von Polizei umstellt.

Aus der evangelikalen Tagung selber wurden übrigens journalistische Berichterstatter weitgehend ausgesperrt. So dass niemand, der möglicherweise ein weltanschaulicher Kritiker sein konnte, irgendwelche O-Ton-Belege oder Zitate über das Geschehen sammeln konnte. Das zeigte schon deutlich, dass es hier keineswegs um Wissenschaft ging sondern um „Wagenburg“ und „die Reihen fest geschlossen“.

Bemerkenswert erscheint im Rückblick einzig, dass dieses bislang wenig in Erscheinung getretene Konfliktfeld so viele junge Demo-Teilnehmer auch von weit her mobilisieren konnte. – Es gibt auf Youtube erstaunlich zahlreiche Video-Dokumente zur Demo (Stichworte: Homophobie, Marburg). Die meisten stammen aus Wetzlarer Werkstatt, wo ja die evangelikalen Missionierer ebenfalls eine Medien-Ballung aufgebaut haben. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, wie der olle Hölderlin streute.

8 Comments

  1. So, ich musste zwischendurch mal ein bisschen arbeiten … in der Zwischenzeit war hier ja nicht so viel los …

    Nochmal zur Presse: Die Nachberichte waren, soweit ich sie gelesen habe, kommentierte Nachlesen auf den beiden Seiten des Konflikts (z.B. hier oder hier, oder relativ neutrale Meldungen (ddp, epd, HR …) (bei denen mir teilweise auch der Zungenschlag nicht gefiel, aber ich will nicht pingelig sein). Meine Kritik bezog sich mehr auf die Berichterstattung in den „Leitmedien“ über den Konflikt im Vorfeld (siehe z. B. die Presseseite auf nospace.blogsport.de). Wenn ich in mehr oder weniger jeder Überschrift von „Homoheilern“ (mit oder ohne „“) rede, wird es auch nicht mehr ausgewogen, wenn ich im letzten Artikel noch kurz auf eine APS-Presseerklärung hinweise, in der die Vorwürfe detailliert zurückgewiesen werden.

    Zum Geld: Natürlich gibt es eine überdurchschnittliche Spendenbereitschaft, vor allem für örtliche Gemeindearbeit, Kinder-/Jugendarbeit und für karitative Projekte. Dann gibt es auch einzelne sehr kostenintensive Werke etwa im Medienbereich, wo große Summen aufgebracht werden, aber auch gleich wieder ausgegeben werden (24-Stunden TV etwa …). Wir müssen aber die Kategorien klar haben und nicht z. B. Internationale Organisationen mit einem örtlichen soziokulturellen Zentrum vergleichen. Und z. B. die Deutsche Evangelische Allianz hat meines Wissens 4 oder 5 Hauptamtliche, die auch nicht gerade fürstlich entlohnt werden. Meine Erfahrung: Wer reich werden möchte, versucht es lieber nicht in Evangelikalen Organisationen – jedenfalls hierzulande.

    Zum Fußvolk: Ich „schufte“ hauptamtlich in einer kleinen Freikirche, die wir vor ein paar Jahren gegründet haben. Das ist vom Aufbau und dem Budget nicht so weit weg von den Bürgerinitiativ-Gruppen, die vielleicht mit ach und krach einen Geschäftsführer oder einen Sozialarbeiter anstellen können. Falls sich da insgeheim jemand irgendwo bereichert auf meine Kosten oder die der Ehrenamtlichen, ist es mir jedenfalls entgangen.

    Und noch was: Kann es sein, dass sich dein Tonfall etwas verschärft hat in deinem letzten Beitrag? Das hat doch sicher nichts damit zu tun, dass du mich inzwischen besser zuordnen kannst?

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    1. Keine Sorge, ich respektiere Leute, die sich für ihr Projekt einsetzen, jedenfalls solange sie sich zivil, unfanatisch und persönlich anständig verhalten. Selbstverständlich gilt das auch für Evangelikale.
      Mein letzter Satz klang etwas polemisch, okay, aber das bezog sich auf die strittige Sachfrage. Ob „Homoheiler“ eine bösartige Unterstellung war, wie Du es zu sehen vorziehst, oder eine durchaus zutreffende Deskription – wie große Teile der Presse und eben auch ich meinen, da haben wir einen klaren, bleibenden Dissens. Ich schlage vor: einigen wir uns darauf, verschiedener Meinung zu sein und zu bleiben.
      Ähnliches gilt für die Frage des Missionierens, ein Kernanliegen der evangelikalen Bewegung, das ich ebenso wie die Brights Bewegung für nicht okay und wünschenswert ansehe. Ich halte ein „Aussperren des Zweifels“ für ein fades Leben. (Derzeit bereite ich einen Artikel über die US-Schriftstellerin Jennifer Michael Hecht vor, die u.a. ein lesenswertes Sachbuch über die „Kulturgeschichte des Zweifels“ vorgelegt hat.) Enge und Freiheitsberaubung gehen mir/uns auf die Nerven. Diese Auffassung ist daher nicht verhandelbar.
      Dabei habe ich auch keinen Wunsch, Leute die das anders leben möchten, zu bedrängeln, meine Wahrnehmung zu übernehmen. Es gibt eben Menschen mit sehr verschiedenen Bedürfnislagen.
      Ich blogge, aber ich missioniere nicht.

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  2. Der hochkarätigen Manpower, die die Organisatoren der APS sich leisten konnten, hatten sie wohl wenig eigene Vernetzung mit Profis ihres Vertrauens entgegenzusetzen.

    Geschenkt. Aber ein bisschen weniger Parolen, ein bisschen mehr Nachdenken und Dialog hätte es ja schon getan – dazu braucht man keine Profis. Wenn ich vorher ankündige, den Kongress per Demo zu „verhindern“ und anschließend über das Polizeiaufgebot meckere, ist da was schiefgegangen. In Frankfurt gab es ja noch ein Gespräch zwischen dem APS-Vorstand und dem Lesben- und Schwulenverband, zu dem der AStA ebenfalls eingeladen war … das Ergebnis war dasselbe.

    Du benennst erfreulich offen die Lücken bei deinen Informationen – Andere mit dem gleichen Kenntnisstand haben ganze Kampagnen losgetreten.

    Die „Manpower“ auf APS-Seite kam wohl vor allem durch gute Vernetzung zustande, die ich auch bei anderen wahrgenommen habe. Wo das Gerücht herkommt, „die Evangelikalen“ hätten so viel Geld, ist mir schon lange schleierhaft, ich habe jedenfalls noch nichts abbekommen!

    Wie die Pressearbeit im Einzelnen lief, weiß ich nicht – aber mindestens bei Eröffnung und Abschluss waren zumindest die diversen lokalen Organe zugegen, ich gehe nicht davon aus, dass es da einen Religiositäts-Test gab.

    Die kritischen Berichte, die ich gelesen habe, zeigten kein großes Bedürfnis nach Fakten von vor Ort, da standen die Ergebnisse i. d. R. schon fest.

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    1. Wenn ich vorher ankündige, den Kongress per Demo zu “verhindern” und anschließend über das Polizeiaufgebot meckere, ist da was schiefgegangen.

      Deine obige Einschätzung trifft zu. Die Parole vom „Verhindern“ war vermutlich jugendliche Aufschneiderei, weder legal noch legitim. Man wollte Druck aufbauen, dass viele zur Demo kommen und die beiden „Homoheiler“-Referenten tatsächlich ausgeladen würden. Das letztere finde ich nachvollziehbar.

      Die Evangelikalen haben – verglichen mit den zivilgesellschaftlichen oder „linken“ Bürgerinitiativ-Gruppen oder Projekten – tatsächlich viel Geld. Sie zählen 1,3 Millionen Mitglieder in Deutschland, gelten als spendefreudig für eigene Projekte und haben sich in den letzten Jahren eine hocheffektive, professionelle Organisationsstruktur zugelegt. Dass ihr Fußvolk – also Du z. B. – nicht fürstlich entlohnt wird, sondern ehrenamtlich schuftet, tja, ein Schelm wer Böses dabei denkt. Vergleichbar ist das am ehesten mit den Gewerkschaften, da werkelt das Fußvolk genauso ehrenamtlich.

      Nenn doch bitte mal kritische Berichte, die trotz Reporter vor Ort sachlich und nachvollziehbar die Tatsachen verdrehend waren. Ich bin ja mal gespannt, ob das nun von deiner Seite nur leere, polemische Aufschneidereien waren.

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  3. Schritt 1: AStA ergeht sich in allerlei Vermutungen und Verdächtigungen, was auf dem Kongress laufen könnte.

    Schritt 2: APS sagt: Schaut es euch doch an, ist ja ein öffentlicher Kongress, an dem kann jeder teilnehmen.

    Schritt 3: AStA sagt: Ist doch viel zu teuer für Studis.

    Schritt 4: APS sagt: Dann könnt ihr 10 Studierende benennen, die für lau reinkommen.

    Schritt 5: AStA sagt nein.

    Schritt 6: Wiederhole Schritt 1.

    Siehe APS-Presseerklärung. Ging auch sonst durch die Medien.

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    1. Eine wirklich beeindruckend gut formulierte, professionelle Presseerklärung hast Du da verlinkt!

      Der Fairness halber muss ich dazu sagen, dass diese Leutchen im Alter von Anfang Zwanzig aus dem AStA (in dem ich vor etlichen Jahren auch mal tätig war) nun ganz gewiss keine Profis sind, aber deswegen doch nicht blöd. Der hochkarätigen Manpower, die die Organisatoren der APS sich leisten konnten, hatten sie wohl wenig eigene Vernetzung mit Profis ihres Vertrauens entgegenzusetzen.

      Bleibt die Frage offen, ob denn nicht als evangelikalen-nah bekannte, gar religions-kritische Journalisten vom APS akkreditiert wurden? Nach meinem Kenntnisstand lautet die Antwort „nein“. Gibt es Belege für das Gegenteil? Wo sind kritische Berichte veröffentlicht?

      Ich muss übrigens persönlich zugeben, dass ich an diesem Himmelfahrtstag selber andere Schwerpunkte gesetzt hatte. Als außenstehender Beobachter habe ich aus der Zaungast-Perspektive nur einen kleineren Teil der Demo mitbekommen. Siehe Foto von der 20-30-Polizeifahrzeuge-Kolonne in der Bahnhofstraße im Artikel. Erst nachträglich habe ich dem Bedürfnis nach einem Bericht von Vorort entsprochen.

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  4. Danke für diese Info, wenn’s denn so war. Habe ich nicht erfahren.
    Bei der zum Teil sehr saumseligen Art der AStA-Leute, überprüfbar zuletzt an ihren Websites zur eigenen Bildungsstreikwoche, vermag ich mir allerdings schon vorzustellen, dass es so gewesen sein könnte.

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  5. So dass niemand, der möglicherweise ein weltanschaulicher Kritiker sein konnte, irgendwelche O-Ton-Belege oder Zitate über das Geschehen sammeln konnte.

    Und dann war da noch der Marburger AStA, der genau zu diesem Zweck zehn Freiplätze angeboten bekam, diese aber ablehnte, aus Sorge, von den Kongressteilnehmern „totgeredet“ zu werden. So viel zum Thema „Wagenburg“.

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