Mission Gottesreich


 Mission Gottesreich - Fundamentalistische Christen in Deutschland (Broschiert) von Oda Lambrecht (Autor), Christian Baars (Autor)
Mission Gottesreich - Fundamentalistische Christen in Deutschland (Broschiert) von Oda Lambrecht (Autor), Christian Baars (Autor)

Eine Rezension

»Bei Gott gibt es keine Begrenzungen. Wir haben viele Fälle, das sind Rundum-Erneuerungen, komplett, total!

[…]

Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! In Jesu Namen. Sei geheilt von deiner Lungenkrankheit, Asthma! Sei geheilt von Epilepsie! Sei geheilt von allen Hautkrankheiten! In Jesu Namen. Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.«

(Prediger Reinhard Bonnke im Mai 2008 in der „Freien Christengemeinde Bremen“.)

Spätestens hier, auf Seite 17 des Buches, wird dem Leser klar, wohin die Reise geht. Lambrecht und Baars entführen uns in eine parallele Welt. Nicht in die oft beschworenen subkulturellen Bereiche der Migranten, nein, es geht in das Universum Jesu. Die Bibel, das einzig wahre Buch, nach dem es sich lohnt zu leben. Im 21. Jahrhundert werden wir konfrontiert mit dem Kampf gegen den Teufel, erfahren den Alltag zwischen Wundern und Dämonen. Heilung und Exorzismus stehen auf der Tagesordnung. Unwillkürlich denkt man an mittelalterliche Geschichtsschreibung. 2000 Jahre Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, Aufklärung, Errungenschaften von Wissenschaft und Technik verschwinden im Obskurantismus evangelikaler Weltsicht.

Sexualität und Sünde werden an den „strengen“ Regeln der Bibel gemessen. Homosexuelle nicht akzeptiert, zu sexueller Enthaltsamkeit wird aufgerufen, Gewalt im Namen der Bibel gerechtfertigt, Abtreibung ist jedoch Mord.

Im Kapitel Schöpfung statt Evolution—Kampagne gegen die Wissenschaft werden sachkundig Kreationismus und Intelligent Design(ID) aus evangelikaler Sicht dargelegt. Die Apologeten des Wirkens Gottes, wie wir sie kennen, begegnen uns hier. Der eine kann das Wirken seines Schöpfers auf der Festplatte eines Computers sehen, der andere sucht seinen Urvater auf der Flagelle eines Bakteriums. Werner Gitt, Siegfried Scherer und Reinhard Junker seien stellvertretend genannt.

Jede Person, die „aufgrund einer persönlichen Entscheidung in der Nachfolge Jesu“ stehe, sei grundsätzlich zur Mitarbeit eingeladen, so wirbt die Studiengemeinschaft Wort und Wissen um neue Mitstreiter. Es handele sich dabei um einen „wichtigen Dienst am Reich Gottes[…]“

Unterstützung erhalten die Evangelikalen aus der Schweiz. So plant die Genesis-Land AG einen biblischen Freizeitparkt, in dem die Geschichte und die Botschaft der Bibel auf moderne und erlebnisreiche Art vermittelt werden.

Die Autoren betiteln dann ein Unterkapitel „Wissenschaft, Politik und Kirchen wehren sich“. Dem möchte ich so nicht folgen. Während die Arbeitsgemeinschaft der Evolutionsbiologen schon immer klare Positionen bezogen hat, wenn es um Kreationismus und Intelligent Design ging, darf der geneigte Leser des Buches erheblich Zweifel anmelden, wenn es um Politik und evangelische Kirche in Deutschland geht. So wird dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Wolfgang Huber in seinem Buch Der christliche Glaube eine deutliche Ablehnung des Kreationismus attestiert. Das mag für die evangelikale Spielart des Kreationismus gelten, aber nicht für die Bewegung der Evangelikalen. Huber hat immer den evangelikalen Fundamentalismus unterstützt. Ich erinnere hier an seine Rede zum „Christival“ in Bremen 2009. Das Verhältnis der EKD zu den evangelikalen Freikirchen ist wohl eher ambivalent zu nennen. Hansjörg Hemminger, der Weltanschaungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Württemberg, mit seiner klaren und eindeutigen Position zum evangelikalen Fundamentalismus dient da wohl als Alibi der EKD überhaupt. Die Politik hat in der Vergangenheit immer wieder verwässerte Sicht-und Verhaltenweisen erkennen lassen.

Lambrecht und Baars vermitteln denn auch diesen Eindruck im Kapitel Glaube macht Schule-Fundamentalismus im Unterricht. Hier zeigen sie, wie bildungspolitisch evangelikal-fundamentalistische Unterrichtsinhalte an den Schulen gelehrt werden. Signifikant sind in diesem Zusammenhang die Ereignisse um die ehemalige Kultusministerin Karin Wolff (Dodo-Preisträgerin) oder um den Ministerpräsidenten des Landes Thüringen Althaus zu nennen.

In Nordrhein-Westfalen werden dann eben im Unterricht die Bücher Creatio und Evolution-Ein kritisches Lehrbuch, herausgegeben von der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, verwendet. So geschehen an der Georg-Müller Gesamtschule in Bielefeld. Nun ist diese Gesamtschule eine evangelikale Bekenntnisschule, könnte man einwenden, was wundert es also. Verwunderlich ist das nicht, ich stelle mir nur gerade vor, was geschehen würde, wäre diese Schule muslimisch ausgerichtet.

Evangelikale befinden sind im Dauereinsatz, um verlorene Seelen für Jesus zu retten. Mission ist Befehl. So missioniert man in Deutschland, um die Menschen vor der Hölle zu retten, ebenso wie man Feldzüge gegen andere Religionen konzipiert, organisiert und durchführt. Mission weltweit. Ein besonderes Feld ist Afrika, hier erhofft man sich eine umfangreiche „Seelenernte“. Der eingangs zitierte Prediger Reinhard Bonnke führt hier einen Kreuzzug seit Jahren.

Im Kapitel Endzeitfieber – Israel und die letzte Schlacht werden die Aspekte des evangelikalen Zionismus analysiert und dargelegt. Nach Meinung führender evangelikaler Kreise befinden wir uns mitten im Weltkrieg Nummer 3, der nach Armageddon führen wird. Kenner der Materie erinnern sich sofort an John Hagee, Prediger der Cornerstone Church in Houston, Texas. Hagee war einer der ersten, der die Thematik evangelikaler Zionismus für das Christentum besetzt hatte. Seine Vereinigung „Christians United for Israel“ arbeitet auf den Tag der Abrechnung hin. Man werde den Islam zur Ordnung rufen und den Iran im Feuer der Atomsonnen zerstrahlen.

Im pfingstlich-charismatischen „Glaubenszentrum Bad Gandersheim“ wird unsere gegenwärtige Zeit schon als „Endzeit“ gesehen. Jesus kehrt bald zur Erde zurück. Nach seiner Rückkehr werde der Gottessohn ein „Tausendjähriges Reich“ errichten und ein Gericht und die Strafe für alle Gottlosen soll folgen. Davor jedoch werde es zur Schlacht um Israel kommen, dem „Heiligen Land“ der Bibel. Die Offenbarung Johannes wird als Fakt angesehen. Israel wird von den Evangelikalen gepriesen und die Juden sollen bekehrt werden. Zuvor muss Israel in den biblischen Grenzen wieder errichtet werden.  Weltweit ist die amerikanische Organisation „Jews for Jesus“ tätig.  Ihr Büro in Deutschland wird in Essen betrieben. Die „Deutsche Evangelische Allianz“ hat eine Schrift herausgegeben, welche sich mit dem Verhältnis von Christen zu Juden beschäftigt. Darin steht unter anderem, dass es eine Form des Antisemitismus wäre, davon abzuweichen, das Evangelium den Juden zu bringen.

Propaganda für Gott, evangelikale Medien-und Lobbyarbeit, das wohl wichtigste Kapitel des Buches. Auffällig ist der hohe Grad der Organisiertheit der Evangelikalen. Die Strukturen der Organisation sind professionell ausgerichtet. Finanzierung erfolgt, unter anderem, durch ein hohes Spendenaufkommen.

Fußballer der Bundesliga werden 2008 mit dem evangelikalen Medienpreis „Goldener Kompass“ ausgezeichnet. Sie hatten an einem Buch, mit dem unglaublichen Titel „Mit Gott auf Schalke“ und an der „Schalkebibel“ mitgewirkt. Die Auszeichnung des „Christlichen Medienverbundes KEP“ schafft es dann Dank der Bildzeitung „Himmlische Auszeichnung“ auf die Titelseite des Boulevardblattes. Namhafte Künstler und Journalisten folgen. Wolfgang Baake, der Geschäftsführer des Medienverbundes verbucht dies, zu recht, als einen Erfolg evangelikaler Lobbyarbeit. Die Auseinandersetzung mit der Bundeszentrale für politische Bildung zum Schülermagazin „Q-Rage“ ist entlarvend, erspare ich mir aber hier. Daran wird deutlich, welch starken Einfluss evangelikale Lobyisten besitzen. Evangelikale Medien decken ein ganzes Spektrum von Informationsmöglichkeiten ab. Bibel-TV und kostenlose Newsletter im Internet, es ist alles vertreten. Radiosender und Buchverlage, evangelikale Gemeinden strahlen ihre Gottesdienste übers Fernsehen oder Internet aus und verkaufen Mitschnitte auf DVDs und CDs.

Dank dieser „hervorragenden Medienarbeit“ haben die evangelikalen Kirchen einen hohen Zulauf an Neumitgliedern. Derzeit soll es 1,3 Millionen Evangelikale in Deutschland geben. Eine kritische Masse an Wählerstimmen für die Politik, die sich dadurch leicht korrumpieren lässt. Ebenso eine enorme Masse für die Gliedkirchen im Lande. Hier ergibt sich die Ambivalenz der EKD zu den Evangelikalen, die Hassliebe treibt die EKD um.

Das Buch ist gut geschrieben. Wer sich mit der Thematik Evangelikaler Fundamentalismus beschäftigen will oder muss, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Die Autoren haben  hervorragende Recherchearbeit geleistet und eine Fülle von Fakten, die stellenweise erschlagende Wirkung beim Lesen erzielen, eingearbeitet.

Die Rezensionen auf Amazon sagen mir: das Buch von Lambrecht und Baar hits the nail on the evangelical head.

9 Gedanken zu “Mission Gottesreich

  1. Leser

    Also, ich hab das Buch gelesen und finde es tatsächlich ziemlich mies recherchiert. Es werden viele Extrembeispiele gebracht, die aber kaum beispielhaft für „die Evangelikalen“ sind.
    Das ganze Buch erweckt den Eindruck, als würde von den Evangelikalen eine große Gefahr ausgehen. Aber es wird nirgends klar, worin diese Gefahr besteht.
    Schon auf der Titelseite wird klar, dass es nicht um eine objektive Bewertung geht. Aus irgendeinem Grund haben die Autoren was gegen die Evangelikalen und deswegen wollten sie ein Buch darüber schreiben.
    Mehr kann ich an diesem Buch echt nicht finden. Schade ums Geld.

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  2. Aeternitas

    „Habe gerade ein paar negative Rezension durchgelesen, und bin der Meinung, dass die meisten das Buch gar nicht gelesen haben.“

    Ach wirklich ?!, die Taktik wir bei jedem halbwegs kritischen Buch ausgeübt, das ändert aber nichts daran das die da alles Zu spämmen und so leicht der Eindruck erweckt wird das das Buch einfach nur schlecht Recherchiert/Geschrieben ist.

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  3. Nach dem vergriffenen Buch von Uwe Birnstein: Wenn Gottes Wort zur Waffe wird (Ist das wirklich so gut wie behauptet?) soll dieser Report das einzige kritische Buch sein. Tja, honi soit qui mal y pense.

    Das billigste „Fach“-Buch mit 5,95 Euro ist „Die Evangelikalen: Fakten und Perspektiven“ von Stephan Holthaus. Sieht man dem Titel nicht an, dass der Autor an einer evangelikalen (!) Fachhochschule leitender Dozent ist.

    Siehe Amazon Produktbeschreibung: „Über den Autor

    Stefan Holthaus, geboren 1962; Studium der Theologie an der FTA Gießen, der Universität Marburg und der Evang. Theol. Fakultät Löwen (Belgien); ebendort 1992 Promotion zum Dr. theol. Seit 1997 Dekan und Dozent für Ethik an der Freien Theologischen Akademie in Gießen, an der er auch Leiter des Instituts für Ethik und Werte ist.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Theologische_Hochschule_Gie%C3%9Fen

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  4. Ich habe das Buch selber noch nicht in der Hand gehabt, aber das wird sich bald ändern. Die Rezension überzeugt.

    In Wetzlar, nur etwa 40 km entfernt von meinem Wohnort, befindet sich ein großer Knotenpunkt dieser evangelikalen Medienmaschinerie. Dort sitzt der so genannte Evangeliums-Rundfunk. Rund 220 hauptamtliche Mitarbeiter steht in Wikipedia, dazu rund 800 Ehrenamtliche. Massive Manpower. – Wieviel Mitarbeiter zählt dagegen der hpd insgesamt? Klaro?

    Pfeifen im rauen Wind. Beobachtbar war nach der großen „Demo gegen Homophobie“ am 21. Mai an den zahlreichen Videos zum Thema auf YouTube, dass eine Vielzahl dieser Doku-Filme aus Wetzlar kamen. Tja, der olle Hölderlin. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“…?

    Und auch in Marburg gibt es eine größere evangelikale Medienzentrale rund um die Francke Kette, Verlag und Buchhandlungen. (http://www.francke-buch.de/web/main.php?navi=Unsere_Filialen) Naja, nur vom Gemeinschafts-Diakonie-Verband.

    Spannend, mal in seiner eigenen Stadt den Grad an evangelikalen Medien-Organisationen vor Ort herauszufinden.

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