«Wenn jeder zwei Kinder hat, gibt es keine Evolution»


Steve Jones setzt auf die «heilende Kraft der Lust»: «Am Ende werden deshalb die Ingenieure verlieren, und der Sex wird gewinnen.»
Steve Jones setzt auf die «heilende Kraft der Lust»: «Am Ende werden deshalb die Ingenieure verlieren, und der Sex wird gewinnen.»

Von Frederik Jöttenderbund.ch

Wir werden auch weiterhin unter schlechten Zähnen leiden, weil wir die Evolution angehalten haben, sagt Steve Jones. Der britische Genetiker ist bekannt für seine provokanten Thesen. Schuld am evolutionären Stillstand sind für ihn treue Väter, Kleinfamilien und Verhütungsmittel. Die Zukunft der Menschheit sei braun, so Jones, «und das ist gut so.»

«Kleiner Bund»: Mr. Jones, wann wird uns die Evolution endlich von Rückenschmerzen und Dummheit befreien?

Steve Jones: Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass wir uns darum selbst zu kümmern haben. Es wird in absehbarer Zeit keine Anpassung an äussere Bedingungen geben. Die Evolution des Menschen ist beendet.

Warum werden wir Menschen dann immer grösser?

Die Grösse hat immer geschwankt. In der Steinzeit waren die Menschen gross. Mit der Erfindung der Landwirtschaft wurden die Menschen kleiner, im Durchschnitt sechs Zentimeter innerhalb von nur 100 Jahren. Seit der Industrialisierung wachsen wir wieder. Keiner weiss, warum. Wahrscheinlich hat es mit der Ernährung zu tun.

Wohl jedem von uns fallen Regionen seines Körpers ein, die verbesserungswürdig sind. Warum arbeitet die Natur nicht daran, dass kommende Generationen gesünder, schlauer und schöner sind als wir?

Weil wir die Evolution nicht lassen. Im Einführungskurs für meine Studenten sage ich immer: «Schaut euch eure Banknachbarn links und rechts an: Zwei von euch dreien werden an Krankheiten sterben, die mit euren Genen zusammenhängen: Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs!»

Einen hoffnungsvollen Studienbeginn stellt man sich anders vor.

Ich heitere die Studenten gleich wieder auf, indem ich sage: «Wenn ich diese Vorlesung zu Shakespeares Zeiten gehalten hätte, wären zwei von dreien jetzt schon tot.» Die Mehrzahl der Kinder in Europa starb an Infektionskrankheiten oder durch Hunger. Menschen, die widerstandsfähiger waren als andere, überlebten, und deren Gene verbreiteten sich in der Population. Das hat sich komplett verändert. Heute werden 99 Prozent der Menschen so alt, dass sie sich fortpflanzen können. Keine Unterschiede in der Überlebensrate bedeutet: keine Chance für natürliche Selektion. Ausserdem unterscheiden sich die Menschen nicht mehr in ihrem Fortpflanzungserfolg. Wenn aber jeder zwei Kinder hat, gibt es keine Evolution.

Aber es gibt doch Menschen, die viele Kinder haben – und viele, die kinderlos sind.

Die Unterschiede waren früher viel grösser. Frauen können nicht mehr als 20 Kinder kriegen in ihrem Leben, aber Männer können theoretisch Hunderte oder Tausende Nachkommen zeugen. Sultan Moulay Ismael von Marokko, der im 19. Jahrhundert lebte, hatte 500 Frauen und 888 Kinder. Das heisst auch: Es gab früher Hunderte von Männern, die keine Frau hatten. Im Mittleren Osten gibt es ein sehr weit verbreitetes Y-Chromosom – wahrscheinlich stammt das von Dschingis Khan und seinen Brüdern, die mit Tausenden von Frauen geschlafen haben.

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Steve Jones

Der 65-jährige Brite ist Professor für Genetik und Dekan des Fachbereichs Biologie am University College in London. Die Zeitung «The Guardian» nannte den meinungsfreudigen Naturwissenschaftler einmal «eine höchst originelle Spezies».

Steve Jones ist unter anderem ein scharfer Kritiker des christlich-fundamentalistischen Kreationismus und nannte Englands Privatschulen ein «Krebsgeschwür der Gesellschaft».

Seine These vom Ende der menschlichen Evolution in der Moderne stiess allerdings bei Fachkollegen auf viel Widerspruch. Der Hauptvorwurf lautet: Steve Jones definiere den Begriff Evolution zu eng. So verändere etwa die Vermischung der Gene von Menschen aus verschiedenen Erdteilen den Homo sapiens und sei deshalb auch als Evolution anzusehen.