Der intolerante Laizismus


Die Krönung in Notre Dame (1804). Napoleon, der sich zuvor selbst gekrönt hat, setzt seiner Gemahlin Joséphine die Krone auf. Rechts von Napoleon sitzt Papst PiusVII. (Gemälde von Jacques-Louis David) Quelle: wikipedia
Die Krönung in Notre Dame (1804). Napoleon, der sich zuvor selbst gekrönt hat, setzt seiner Gemahlin Joséphine die Krone auf. Rechts von Napoleon sitzt Papst PiusVII. (Gemälde von Jacques-Louis David) Quelle: wikipedia

VON RUDOLF WALTHERtaz.de

Mit der Französischen Revolution von 1789 bekam die Religion den Status einer Privatsache. Es war die Geburtsstunde des Laizismus. Bis dieser Staatsdoktrin wurde, dauerte es allerdings noch über hundert Jahre.

Napoleon schloss 1801 mit Papst Pius VII. ein Konkordat, dem ein Jahr später die „organischen Artikel“ folgten, mit denen Kirche und Staat nach dem Zerfall des Staatskirchentums und der revolutionären Enteignung der Kirche einen Weg zu friedlicher Koexistenz fanden. Der beiderseits ungeliebte Kompromiss zwischen „dem freien und dem katholischen Frankreich“, wie sich der Schöpfer des „Code Napoléon“ 1802 ausdrückte, hielt bis 1905. Bereits nach dem Vereinsgesetz von 1901 mussten sich Ordensgemeinschaften in Frankreich genehmigen lassen. Im Jahr 1904 erließ die Regierung ein generelles Lehrverbot für die Mitglieder aller Orden. Der Premierminister Émile Combes nutzte ein Geplänkel bei der Ernennung von Bischöfen, um den Abbruch der Beziehungen mit Rom herbeizuführen und seinen Wunsch zu verwirklichen – ein Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat, das am 11. Dezember 1905 in Kraft trat.

So wie sich der Republikanismus bewährte, um die rechtliche Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz durchzusetzen, so bewährte sich der Laizismus zur Sicherung der Neutralität des Staates in Religionsfragen und der Religionsfreiheit aller.

Sobald jedoch der Laizismus als Waffe eingesetzt wird, um eine missliebige Religion zu diskriminieren, agiert er nicht anders als der religiös inspirierte Fundamentalismus: intolerant. Die in Frankreich unter der Fahne des Laizismus geführte Kampagne gegen den Islam begann vor über zehn Jahren mit den Kopftuchdebatten. An deren Ende stand ein Formelkompromiss, wonach das Tragen „ostentativer religiöser Zeichen“ in Schulen verboten wurde. Was ist ein ostentatives Zeichen? Ein Kreuz auf der Brust eines katholischen Schülers, eine Kippa auf dem Kopf eines jüdischen Schülers oder nur ein Kopftuch auf dem Kopf eines muslimischen Mädchens? Der Eingriff des nur scheinbar neutral-laizistischen Staates in die Kleiderordnung entfachte zahlreiche Konflikte und brachte die Schuldirektoren in eine ungemütliche Lage. Sie müssen jetzt die Grenzen ziehen zwischen erlaubten und unerlaubten religiösen Zeichen.

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