Die Gottlosen sind ungerecht


Ralf Meister, Quelle. ARD
Ralf Meister, Quelle. ARD

ARD Rückschau:
Das Wort zum Sonntag vom 05. September 2009,
gesprochen von Ralf Meister

Gerechtigkeit

s gibt Dinge, die kann ich meinem Sohn nicht erklären; der ist acht. „Warum werden Meerschweinchen zum Beispiel nur ein paar Jahre alt, Schildkröten aber Jahrzehnte?“ Über so eine Frage kann man noch lächeln, denn eigentlich ist die Welt voll mit solchen Rätseln. Aber seit einiger Zeit kommen neue, andere Fragen dazu. In der Zeitung sind Fotos von Männern mit der Unterschrift 5 oder 15 Millionen, – Bonus oder auch Abfindung.
Da fragt er:

„Warum verdienen einige soviel Geld, dass sie es gar nicht ausgeben können?“
„Tja, manche Menschen waren eben sehr erfolgreich. Sie haben viel, viel Geld verdient, nicht nur für sich, sondern für Banken und ihr Unternehmen. Das wird besonders belohnt.“
„Warum aber bekommen sie so viel mehr Geld als andere Menschen, die auch erfolgreich sind?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und warum bekommen sie das Geld auch, wenn sie nicht erfolgreich waren?“
„Ich weiß es auch nicht.“

Ich weiß nur, dass all die anderen altmodisch-naiven Erklärungen schon lange nichts mehr taugen: „Die sind so fleißig gewesen.“ Oder: „Die haben eine besonders große Verantwortung zu tragen.“

Es sind in diesen Monaten viele Fragen unbeantwortet geblieben – nicht nur für meinen Sohn. Und wer all diese Fragen einfältig oder naiv findet, wird sie doch beantworten müssen. Denn es sind unsere Kinder, die die Lasten tragen werden für das, was in den letzten Monaten geschehen ist. Ihnen müssen wir Rede und Antwort stehen. Ihnen müssen wir auch erklären, warum sich bis heute kaum jemand schuldig bekennt oder gar Reue zeigt für seine hochriskanten Geldgeschäfte, deren Folgen uns alle betreffen.

„Wie lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit?“ fragten sich schon die Propheten in der Bibel (Jes.26, 9). Sie hatten Regeln dafür, Gesetze. Die wurden schon damals nicht immer eingehalten. Und deshalb waren gute Beispiele noch wichtiger als die Gesetze. Derjenige, der sich für die Gerechtigkeit einsetzte, wurde im Alten Israel am höchsten geachtet. An vielen Stellen in der Bibel wird ein Loblied gesungen auf den Gerechten. „Du, Gott segnest die Gerechten“ (Ps 5,13) heißt es im Psalm. – Das Gegenbild des Gerechten ist übrigens der Gottlose.

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25 Comments

  1. Ach, noch was entdeckt: @tischl.
    Wir könnten uns auch noch über Sprachlogik unterhalten: „Fowlen ist unsportlich“. Oder: „Krächzen ist unmusikalisch“.
    Jetzt sind die Unsportlichen oder die Unmusikalischen beleidigt.

    Muss das sein? Besser deeskalieren – da muss man nicht weiter machen: Gute Nacht!

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  2. Bitte, ist auch einer der Hauptgründe warum ich bis heute nicht getauft bin.

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  3. Ja, ‚Gottlose‘ zielte nicht auf ‚Atheisten‘.
    Ja, ‚Gottlose‘ zielte nicht auf ‚Kapitalisten‘.

    ‚Gottlose‘ zielt im Zusammenhang mit ‚Gerechtigkeit‘ auf diejenigen, die sich für ‚Gottesfürchtige‘ halten, aber ungerecht sind. ‚Gottlos‘ ist einfach der härteste Ausdruck für jemanden, der gerne ‚gottesfürchtig‘ sein will (wie war das mit den Schlüpfern? *fg).

    Atheisten haben in meiner Sicht einen sehr strengen ‚Nicht-Gott‘, also sind sie keine ‚Gottlosen‘, sondern ‚Nicht-Gottesfürchtige‘. 😉

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  4. @Basty Castello:

    „…zielt Ralf Meister offensichtlich überhaupt nicht auf den neuzeitlichen Atheismus. Sondern auf gewisse Auswüchse des neuzeitlichen Kapitalismus…“

    Er sagte „Gottlose“, das Wort „Gottlose“ meint aber nicht „Gottlose“ sondern „Kapitalisten“.
    Aha! Sehr logisch! Leuchtet sofort ein!

    Eigentlich bedeutet dies, ich kann mich auf die Worte von Meister und Konsorten generell nicht verlassen. Es könnte ja sein, dass sie „Atombombe“ sagen und „Wurstbrot“ meinen, oder umgekehrt. Woher soll man das wissen? Spricht er nun in der Jetztzeit oder in Begriffen von vor 90 Jahren oder von vor 2000 Jahren? Muss ich eher die Etymologie beachten oder die Exegese von Barth oder doch besser die von Drewermann? Habe ich die Kenntnisse der Epistemologie ausreichend gewürdigt?

    Dies alles um ein „Wort zum Sonntag“ verstehen zu können, das ist doch mehr als lächerlich. Das ist alles faule Ausrede, wer „Gottlose“ sagt meint „Atheisten“, was denn sonst? Meister wusste, dass er zu einem durchschnittlichen Fernsehpublikum spricht und nicht vor einem Theologenkongress. Er überblickte genau, wie man seine Worte verstehen würde.

    Ich hätte da einen Tipp für das nächste Mal.

    „…Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel. Matthäus 5,37…“

    Schon vergessen?
    oder bedeutet „Übel“ gar nicht „Übel“ sondern…

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  5. Und, was das alte Israel und seine Gesetze betrifft, so lese man das AT…
    also, weiblich sollte man da besser nicht sein, oder man kriegte ne ganz merkwürdige Art von „Gerechtigkeit“ zu fühlen.

    vor-Christlich. Nix zu deuten.

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  6. Iss doch völlig schnuppe, wen dieser herr da meinte.

    Es genügt, daß er es gesagt hat – und die Gottlosen, das sind nun mal alle außer den eingetragenen Christen. Wobei ich nicht genau weiß, wie er es mit Freikirchen etc hält.
    Aber auch die betreffen mich ja nicht.

    Ich wüßte jedenfalls auch nicht, wen er sonst gemeint haben sollte, als die, die eben NICHT Christen sind..?

    Und ich möchte mal anmerken, daß die von ihm getroffene aussage nicht nur unter die Gürtellinie ging, sondern auch heftigst aggressiv ist.
    Ich versteh ihn schon.

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  7. yerainbow:
    „Zitat [von mir]: Nur, auch sie sind nicht automatisch auif der Seite der Gerechtigkeit.
    hat hier auch keiner behauptet. Oder? Hab ich was übersehen? “
    Habe ich nicht behauptet, das hätte hier jemand behauptet. Bitte nicht zu überlesen, welche Dümmlichkeit ich zuerst attackierte und wem ich das erste Recht zuschrieb, diese Dümmlichkeit zu attackieren.

    yerainbow:
    „Klingt fast so, als hätte das Christentum die Gerechtigkeit erfunden…
    Ist es so? Was war dann vor dem Christentum? “
    Deshalb bezog ich mich zunächst auf VORchristliche Quellen: Könnte doch bekannt sein, dass der ursprüngliche biblische Sprachgebrauch vor-christlich ist.
    Und der ist natürlich auch aus den verschiedensten außerbiblischen Quellen in der Bibel zusammengekommen. Why not?

    „Thema verfehlt“: Wollte nur auf das von Ralf Meister gemeinte Thema zurückverweisen.
    Wollte nicht so schulmeisterlich kommen von wegen „Thema verfehlt“.
    Wollte nur – um weiteres Beleidigtsein zu deeskalieren – auf den Bedeutungswandel hinweisen, der „sich mit der neuzeitlichen Verlagerung der Gottesfrage auf die erkenntnistheoretische Ebene vollzog“: Ralf Meister meinte gar nicht den erkenntnistheoretischen Atheismus.

    Basty

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  8. Noch eins. Klingt fast so, als hätte das Christentum die Gerechtigkeit erfunden…
    Ist es so?

    Was war dann vor dem Christentum? die Idee unbekannt? Wohl kaum…

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  9. Zitat: Nur, auch sie sind nicht automatisch auif der Seite der Gerechtigkeit.

    hat hier auch keiner behauptet. Oder? Hab ich was übersehen?

    Thema verfehlt.

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  10. Bitte deeskalieren. Oder: Macht’s mal halblang.
    Mit seinen Sätzen „An vielen Stellen in der Bibel wird ein Loblied gesungen auf den Gerechten. ‚Du, Gott segnest die Gerechten‘ (Ps 5,13) heißt es im Psalm. – Das Gegenbild des Gerechten ist übrigens der Gottlose.“ zielt Ralf Meister offensichtlich überhaupt nicht auf den neuzeitlichen Atheismus. Sondern auf gewisse Auswüchse des neuzeitlichen Kapitalismus.
    Es geht um Gerechtigkeit. Und Ralf Meister erinnert daran, dass nach ursprünglichem biblischem Sprachgebrauch Gottes-Glaube keine theoretische Angelegenheit ist, keine Sache der Erkenntnistheorie, sondern des praktischen Verhaltens: Engagierter Einsatz für Gerechtigkeit ist praktizierter Gottesglaube, Laissez-faire oder aktive Ungerechtigkeit ist praktizierte Gottlosigkeit.
    Das haben frühere atheistische Marxisten noch gewusst (Ernst Bloch, Vitzeslav Gardavsky). Daran zu erinnern könnte auch atheistischen Humanisten entgegenkommen. Oder das, was vor etwa 90 Jahren im Blick auf Kommunisten der protestantische und sozialktritisch engagierte Theologe Karl Barth schrieb – frei zitiert: Wenn die Gottlosen Gott besser verstehen als die Christen, muss man Gott die Ehre und also den Gottlosen recht geben.

    Es sei, meinte ein anderer, bei den Sozialreformern/revolutionären manchmal mehr Gottesfurcht zu finden als bei denen, die Gott nur ihre Loblieder singen.

    Diesen Horizont bitte beachten und beachten, welcher Bedeutungswandel sich mit der neuzeitlichen Verlagerung der Gottesfrage auf die erkenntnistheoretische Ebene vollzog. Und der ist noch nicht abgeschlossen.
    Es soll (oder sollte besser nicht) natürlich immer noch dümmliche Leute geben, die meinen, ihr Gottesglaube bringe sie automatisch auf die Seite der Gerechtigkeit. Und dem können atheistische Humanisten, humanistische Atheisten durchaus widersprechen.
    Nur, auch sie sind nicht automatisch auif der Seite der Gerechtigkeit.

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  11. in meinem Fachgebiet nennt man das eine Heuristik und eine Zuschreibung.

    Zuschreiben kann man ja vieles, der Katze das mausen und dem Neger das Schnackseln (so Gloria von Thurn und Taxis, ich zitiere nur..) usw.

    Darin hat das Christentum übrigens auch viel und langjährige Erfahrung, nehmen wir nur zm Beispiel mal die Zuschreibung des Gottesmordes den Juden.
    Sagen wir mal, das Christentum hat sich damit sozusagen profiliert.
    Wie wahrscheinlich ist es also, daß man diese hübsche Methode nicht merh anwendet, egal wie plakativ sie ist?

    Nun, wie geht der Spruch gleich? Die Katze läßt das Mausen nicht…
    Wer weiß, wer weiß. Vielleicht nicht so ganz daher geholt…

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  12. „Das Gegenbild des Gerechten ist übrigens der Moslem.“ – Stellt euch mal vor, was los gewesen wäre wenn er DAS gesagt hätte.

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  13. Hat da noch jemand auf den Piratenspot gewartet oder ist das „Wort zum Sonntag“ Pflichtprogramm? 😉

    Zum Thema:
    Es ist schon erstaunlich: Rein logisch gesehen hätte ich gesagt das Gegenteil vom Gerechten ist der Ungerechte. Aber wo unsichtbare, nicht nachweisbare Gedankenkonstrukte ihre Finger im Spiel haben ist eben „alles möglich“.
    Ob dann auch das Gegenteil vom Ungerechten der Gottgläubige ist?

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  14. Sehr geehrter Herr Meister,

    Mit grosser Verwunderung und Empoerung habe ich Ihre Aeusserungen gegenueber uns Atheisten im letzten Wort zum Sonntag zur Kenntnis nehmen muessen.  Ich empfinde es als einen Skandal, wenn sich die moralpredigenden Kirchenvertreter im oeffentlichen Rundfunk derart ueber ihre Mitmenschen aeussern. Ich verlange von Ihnen eine oeffentlichen Entschuldigung gegenueber uns Nichtglaeubigen!

    Mit freundlichen Gruessen,

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    1. Dann bitte die Mail hier einstellen, ohne die signifikanten, persönlichen Daten.
      Bin meine Mail auch nicht losgeworden.

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  15. Beschwerdemail mit Aufforderung zur oeffentlichen Entschuldigung soeben verschickt…

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  16. jaja, die Gottlosen, die nicht die Gerechten…

    endlich weiß ich Bescheid. Mußte einem ja erst mal einer sagen, nicht wahr…

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  17. Erinnert mich an die Videobeschreibung dieses YouTube-Videos:

    Atheists are also responsible for the Holocaust, knocking over the tower of Pisa, decaffeinated coffee, the bubonic plague, cancer, AIDS, homosexuality, Australia, kidney beans, taxes, asteroids, colon cancer, reusable batteries, the PT Cruiser, the Beatles splitting up, panda bears, ahughman08, bow ties, paper cuts, asphalt, homonyms, racism, slavery, the Great Wall of China, thin crust pizza, New Times Roman, and postage stamps.

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