Darwin – verbannt, missbraucht, halbiert, vergöttert?


Quelle: Ach Du lieber Darwin!
Quelle: Ach Du lieber Darwin!

Ach Du lieber Darwin!- Prof. Reinhold Leinfelder

Der 7. Berlin-Brandenburger MNU-Kongress findet am 10. und 11. September 2009 an der Freien Universität Berlin, statt. Hauptveranstalter ist der Berlin-Brandenburger Landesverein des Deutschen Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V. . Schirmherr ist der Wissenschaftssenator des Landes Berlin, Prof. Dr. Jürgen Zöllner. Nähere Infos unter http://www.mnu-bb.de/kongress09/

Der Eröffnungs-Hauptvortrag lautet:

Charles Darwin heute: verbannt, missbraucht, halbiert, vergöttert?
Relevanz, Akzeptanz und Vermittlung der Evolutionswissenschaften in Schule und Gesellschaft

Kurzfassung: Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionsionstheorie wird seit ihrer Entstehung teilweise angefeindet und zweckenfremdet. Daran hat auch die enorme Weiterentwicklung der Theorie, mit neuen Methoden und vielfältiger Absicherung nichts geändert. Kreationisten und sogenannte Intelligent Design-Anhänger bezweifeln sie nach wie vor und kreieren eigene pseudowissenschaftliche Thesen. Manche gehen sogar soweit, dass sie in der Evolutionstheorie die Wurzel fast aller Übel sehen oder sie zumindest komplett verbannt wissen wollen.

Das alles hat verschiedene Ursachen, aber es liegt sicherlich vor allem auch daran, dass das Menschenbild seit Darwin ein anderes ist und manche sich bis heute damit schwer tun. Allerdings wurde die Evolutionstheorie auch schon früh in anderer Weise missbraucht, für die Pseudobegründung von Rassenlehre genauso wie die stalinistische Umsetzung der Lehre vom neuen, materialistischen Menschen, und auch der Turbokapitalismus berief sich gerne auf Darwin. Auch heute gibt es wieder teilweise Überinterpretationen: einseitige, rein biologische Interpretation unseres Menschenbilds und Verhaltens, aber auch wieder Vereinnahmung für ökonomische Konzepte, als ob Darwin die Weltformel gefunden hätte. Das hat er nicht, und Vergötterung ist daher nicht angebracht, aber Darwin hat nichts weniger als die Biologie revolutioniert. Zwischenzeitlich haben sich übrigens nicht nur die Evolutionswissenschaften 150 Jahre weiterentwickelt, sondern auch die Theologie, mit Ausnahme kreationistisch religiöser Gruppen. Damit steht, sofern keine Grenzüberschreitungen gemacht werden, Religion heute nicht mehr gegen Evolution, und aus den Evolutionswissenschaften kann man weder auf die Existenz noch auf die Nichtexistenz eines Gottes schließen, denn beides liegt auf verschiedenen Ebenen. Naturwissenschaftlern, die dies so sehen, wird jedoch manchmal, wenn auch zu Unrecht, eine „Halbierung“ Darwins vorgeworfen.

Auch heute ist Evolution in unserem Leben allmächtig, denn ob es nun die evolutionäre Abhärtung unseres Immunsystems ist oder der Heißhunger, der uns ab und an auf Süßes oder Fettes befällt, all dies sind Auswirkungen der biologischen Evolution, denn unser Verhalten ist, im einzelnen noch unerforscht, teils ein Zusammenspiel, teils ein ständiges Hin und Her zwischen biologischer und kultureller Evolution. Wie spielen biologische und kulturelle Evolution zusammen, inwieweit ist die kulturelle Evolution verlängerter Arm der biologischen Evolution, inwieweit ist sie Kontrollmechanismus unseres biologischen Erbes? Nur durch diesen interdisziplinären Ansatz aus Natur- und Kulturwissenschaften können wir ein realistisches Menschenbild entwickeln.

Aber noch in einem ganz anderen Zusammenhang ist Evolution wichtig. Die heutige Artenvielfalt, von der wir ja auch ökonomisch abhängen, ist natürlich ein Produkt der Evolution. Wir exerzieren derzeit einen der größten Selektionsversuche, die je stattfanden. Nur die Evolutionsforschung wird uns, in Verbindung mit der damit verbundenen taxonomischen und ökologischen Forschung, der Klimaforschung, den Geowissenschaften, aber auch den Geisteswissenschaften ermöglichen, zu bewerten, wie sich unsere biologische Umwelt ändern wird und wie wir die Natur in Zukunft nachhaltig nutzen können.

Redner: Reinhold Leinfelder.
Der Geologe und Paläontologe Reinhold Leinfelder ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin sowie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)

16 Comments

  1. Aussterben oder verändern, anpassen an die zeitgemäße Problemstellung (Paradigmenwechsel), das scheint die ewige Frage – auch in Sachen menschlicher Kultur bzw. unseres Kultes.

    Wenn ich betrachte, was im Namen der Ideologien und Glaubensgesetzte täglich passiert, nicht nur in Afghanistan. Und mir ausmale, was ein aufgeklärtes Verständnis einer allem gemeinsamen natürlich-kreativen=schöpferischen Bestimmung in der evolutionären Welterklärung (des ganzen Darwin) bewirken könnte. Dann hat das mit unseren Familien durchaus was zu tun.

    Nur deswegen will ich anstoßen darüber nachzudenken, wie in naturwissenschaftlicher und kult-geschichtlicher Aufklärung zwischen Land und Wasser auf fruchtbare Weise zu vermitteln ist. Mit Mission im alten Sinne hat das wenig zu tun. Sonst würde ich mich nicht an Menschen wenden, die auf naturalistische Weise denken und die Natur des Zweifels ernst nehmen.

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  2. Meine Schülerin?
    Nun, willst Du den Koreanern nun auch noch erklären, ws bei denen so üblich ist?

    hust…

    ja, die Weiterentwicklung des „Kultes“ könnte auch „Aussterben“ heißen. Evolutionär.
    nach Paradigmenwechsel zum Beispiel.

    Ich mein, wer das braucht – bitte. Ich brauchs nicht. Meine ganze Familie brauchts nicht.
    ist natürlich unsere Sache. Und wir missionieren nicht, wir haben nur Zweifel zu bieten.
    Keine Gewißheiten.

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  3. @yeraninbow,

    ich beziehe mich weder auf die „ollen Griechen“, noch fernöstliche Lehren (schon gleich gar nicht beliebige Ansichten Deiner Schülerin), sondern fragen, was den alten Lehren zugrunde liegt: die logisch Ordnung allen Werdens. Nochmals: nur diese kann m. E. Grund zeitgemäßer Bestimmung sein.

    Und weder sag ich, dass ich allein die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, noch dass alles Bisherige falsch wäre.

    Doch die Evolution zeigt mir, dass wir uns auch im Kult auf der „gewachsenen Grundlage“, kreativ weiterentwickeln müssen.

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  4. nachdem die ollen Griechen weg vom Fenster sind, kommen jetzt die fernen Asiaten dran.

    Nix gegen laotse. Nur eben….

    der Sinn des lebens ist der, den wir ihm geben.
    Ich wette Junker würde mir zustimmen.

    Du siehst ja den Sinn Deines lebens (mutmaße ich mal, aber nicht ganz unbegründet) darin, uns hier im Glauben einzufhren.Dem ECHTEN.
    Die anderen waren alle mehr oder weniger, hm, falsch.

    Deiner ist der Richtige.
    Kommt mir bekannt vor. Alles schon mal gehört.

    Übrigens sind die Asiaten, was den Glauben betrifft, ganz anders als wir. In meinem Kursus war eine Koreanerin. Die Lehrerin erwähnte, sie sei katholisch. Die Koreanerin stimmte sofort zu und sagte, sie wäre auch katholisch.

    ich hab sie hinterher mal gefragt, ob man dort nicht noch eine ganze Reihe anderer Religionen hätte, die man viel häufiger praktiziert. Sie lächelte und meinte, jede Religion würde ihr recht sein. Wenn man damit Verbundenheit ausdrücken könne.

    tja, das nenn ich mal Toleranz.
    nun, der Pabst hätts wohl anders gesehen. Aber der war nicht dabei… ;-))

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  5. Wenn ich Texte von Lao Tse mit bestimmten Weisheitstexten bzw. Logien vorchristlicher Zeit vergleiche, sehe ich oft kaum einen Unterschied.

    Und ich werd den Verdacht nicht los, dass weder in den vorchristichen Logien, noch den Lehren des Lao Tse nur schlaue Männer sprachen. Vielmehr eine Weisheit/Vernunft zum Ausdruck gebracht wurde, die sich aus dem ableitet (um auch wieder zum Thema zurück zu kommen) was die Evolutionslehre, letztlich als ganzheitliche Erklärung allen geschichtlichen und kosmischen Geschehens, wissenschaftlich untersucht.

    Auch wenn dies für Lao Tse (bzw. die Denker, die sich hinter der Personifizierung verbergen) weder eine sinnvolle Schöpfung im mononotheisitsichen Sinne, noch ein schöpferisches Wort/Logos oder eine materialistische Weltmaschine war.

    Wenn die den fernöstlichen Lehren zugrunde liegenden Modelle auch ganz anders aussehen, als wissenschaftliche Welterklärungen, so war es die Annahme vernünftiger Prinzipien des Kosmos, auf denen gerade diese Weisheiten gründen. Ohne dabei einen personifizierten Schöpfer zu gebrauchen.

    Und da die aufgeklärte Welt weder mit einer sich auf Lao Tse, noch biblischen oder scheinbar einer rein humanistschen Weisheit zur nachhaltigen Vernunft zu bringen ist, sollten wir nach der Weisheit fragen, die den alten Lehren zugrunde liegt.

    Und jetzt sind wir doch wieder bei Leinfelder bzw. besser dem ganzen Darwin. Denn der bezieht sich auf einen allem Sein gemeinsamen Grund, der auch vor beliebigen Ideologien schützt, die alte Lehrer vereinnahmen.

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  6. Lao Tse „leitet“ keinen Sinn „ab“. Weder aus einem „schöpferischen Organismus“ noch aus einer „kreativen kosmischen Ordnung“. Auch die Vorstellung einer „Weltmaschine“ ist ihm unbekannt. Nachzulesen wäre dies in den entsprechenden Schriften. Wie gesagt: Das Leben IST der Sinn. Ein dem Leben irgendwie über- oder beigeordneter Sinn existiert nicht. Wohl aber Maximen zur Lebenführung. Diese entsprechen weitgehend dem „achtfachen Pfad“ der Buddhisten. Ohne selbst Buddhistin zu sein,kann ich sie nur empfehlen.

    Exmoonie

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  7. „Die häufig anzutreffende Behauptung, dass die Evolutionsbiologie und damit die Naturwissenschaft nichts über den Sinn des Lebens sagen kann, ist also offensichtlich falsch. Das Gegenteil ist der Fall…“

    So jedenfalls Thomas Junker, der selbst als Hednonist dann den Wunsch nach persönlicher Lebensfreude als Sinn zweiter Ordnung sieht.

    Doch ich denke, damit widerspricht er auch Lao Tse nicht, der im Leben einen Sinn sieht. Und so wie auch den Lao Tse den Sinn sicherlich nicht nur aus einer sinnlosen Weltmaschine ableitet, sondern aus einem schöpferischen Organismus, einer kreativen kosmischen Ordnung, sehe ich es ähnlich.

    Als ich mich vorige Woche bei meinem 40. Dienstjub. bei allen dazu Beitragenden bedankte, dass mir die Arbeit noch Spaß macht. Ich jedoch nicht wegen des Spaßes, nicht an Vorruhestand denke, sondern weil ich den Sinn meines Seins in der Lebensleistung sehe, die ich durch den Spaß erbringe, habe ich an Junker gedacht.

    Denn getreu nach Lao Tse (oder dem Logos der Juden-Griechen) hat der Sinn meines Seins sicherlich nicht bei der Zeugung meiner Kinder aufgehört, was rein biologisch betrachtet mein Sinn wäre, sondern betrifft meinen gesamten Beitrag, den ich in der Gesellschaft zur Gestaltung von Zukunft leisten kann. Das scheint meine Natur zu sein. (Auch wenn ich oft nur meinen im Grunde sinnvollen Trieben gehorche, die möglicherweise Gegenteiliges bewirken.) Ich muss halt meine Vernunft gebrauchen und ständig fragen, was sinnvoll ist – selbst beim beim Essen und Trinken und so den ganzen Tag.

    Oder willst Du hier nur eine „sinnlose“ Diskussion betreiben?

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  8. @yerainbow

    „Und welches ist unsere natürliche Sinngebung?“

    Ich sehe das so: Das Leben HAT keinen Sinn; das Leben IST der Sinn. (frei nach Lao Tse)

    Exmoonie

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  9. hihi, welche ist denn unsere wahre natur?
    bin mal gespannt.
    Ich habe ua Verhaltensbiologie studiert (richtig mit Diplom).

    bin jetzt wirklich gespannt.
    Und welches ist unsere natürliche Sinngebung?

    noch gespannter.
    Ich hätte für die probleme eine viel einfachere Erklärung. Gefällt Dir nur sicher nicht. Kommt ohne REligionskram aus. Und erklärt auch zB den Begriff Spiritualität anders…. nun ja.
    hab ja nur n Diplom…

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  10. Wenn der Mensch von Natur aus seiner natürlichen Sinngebung gerecht werden würde, bräuchten wir nicht weiter darüber nachzudenken, uns weder über die Einhaltung ökologischer Ordnung, ausreichend Nachkommen, Zukunftsgestaltung, noch letztlich sozialer Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit Gedanken zu machen.

    Wie Junker aufzeigt, werden wir jedoch selbst bei den einfachsten Verhaltensweisen, etwa unserer täglichen Ernährung, nicht unserer wahren Natur gerecht.

    Dass dazu leere Riten und überkommene Religiösität nicht taugt, darüber brauchen wir nicht weiter zu diskutieren.

    Wir sind scheinbar wieder dort, wo die antiken monistschen Denker waren, die den Menschen in in einer natürlichen Ordnung/Vernunft/Logik halten wollten, was allein mit abstakten philosophisch-ideologischen Lehren und neuen pantheistischen Gottheiten ebensowenig gelang, wie mit alten Glaubensgesetzen und Göttergestalten. Und die dann den monotheistischen Kult weiterdachten, schöpferische Vernunft als ewiges Wort verstanden: sog. Christen.

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  11. Was wills tdu damit sagen?
    Nur weil der Mensch ne Kultur braucht, muß er auch richtig liegen damit?

    Die Menschheit hat jahrtausende damit zugebracht, merkwürdigen riten zu huldigen.

    Die naturgesetze stören sich kein bißchen dran. Denn die exisitieren unabhängig.
    Da ist es doch schnuppe, ob und wie der Mensch seine Ideen gestaltet.

    Nur für den Menschen ist das natürlich problematisch.
    So lange er nicht kapiert, wie die Dinge funktionieren, und auch noch versucht reinzupfuschen, bringt er sich eben in Schwierigkeiten.

    Wie die Idee von der Keuschheit.
    kann man alles versuchen. Aber macht nur Ärger. Da hilft nicht mal zunähen, denn die Gefühle sind trotzdem da.
    tja, schöner Mist.

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  12. Ich empfehle „Der Darwin-Code“ der Evolutionsbiologen Thomas Junker (ich glaube er gehört zum Vorstand der GB-Gesellschaft) und Sabine Paul. Diese weisen nicht nur einen „natürlichen“ Sinn nach, sondern wie der Mensch einen Kult (in ihren Augen Kunst) benötigt, um diesem gerecht zu werden.

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  13. Sinn?
    die Mechanismen existieren und wirken. Ob Menschen einen sinn drin erkennen können oder nicht.

    analog das Fallgesetz. Man muß nicht dran glauben… nee, nee…

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  14. Das beste Mittel gegen die beklagte Verbannung wäre m.E., deutlich zu machen, dass die Evolutionslehre heutiger Zeit nicht mehr einfach neben dem Glauben als weitere Welterklärung steht, evtl. doch dagegen, sondern ein mündiges Nachdenken über eine ganz natürliche kreative Sinngebung (in Glaubenssprache „schöpferische Bestimmung/Vermittlung“) möglich ist.

    Ich verstehe die Angst vor Vereinnahmung oder Missbrauch der Evolutionslehre, wie sie Leinfelder benennt. Doch wenn die Evolutionslehre eine volle Beschreibung allen natürlichen Werdens abgibt, heute gar einen extern vorgegebenen – nicht individuell selbst zu bestimmenden oder altreligiös vorzusetzenden – gemeinsamen Sinn deutlich macht, was bisher meist abgelehnt wurde, ist dann der „halbe Darwin“ nicht zu wenig?

    Und wäre nicht gerade so auch dem Missbrauch Darwins, der Vergötterung einzelner in der Natur, nicht aber für das menschliche Miteinander sinnvoller Mechanismen der Evolution entgegenzuwirken, den Leinfelder mit Blick auf die Geschichte beklagt?

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