Trugschluss Afghanistan


Das mit Abstand meistdebattierte Polit-Thema in Deutschland ist seit dem Tanklaster-Bombardieren bei Kundus am 4. September die Rolle der Bundeswehr am Hindukusch. Die Bloßstellung eines peinlich überforderten Ministers Jung durch internationale „Beckmesser“ hat sogar Merkel ein Echo entlockt. Endlich ist dieses Kapitel deutschen Parlaments-Versagens im Bundestags-Wahlkampf angekommen.

Allzu lange hatten die Befürworter des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan sich mit Hinweis auf die „relativ“ ruhige Lage im Norden des Landes darum gedrückt, dem negativen Urteil der Bevölkerungsmehrheit über ihre Militär-Politik eigene Hirn-Substanz entgegenzubringen. Deutlicher als an dieser Frage kann man nicht zeigen, dass an den Sonntagsreden vom „Volk als eigentlicher Souverän in der Demokratie“ gar nichts dran ist.

Die Abgeordenten von vier Fraktionen haben mehrheitlich persönliche Zweifel am Afghanistan-Krieg verleugnet. Wer sich so wie die Linkspartei dem Denkverbot verweigert, den NATO-Krieg für unverzichtbare Realpolitik und gar als Kriterium der „Regierungsfähigkeit“ zu sehen, wird übelst beschimpft und ausgegrenzt. Kanzler Schröders rein oppotunistische Politik nach 9/11 wirkt fort.

Die Vielzahl der Argumente gegen den Bundeswehr-Kriegseinsatz am Hindukusch wächst ständig. Eine Demokratie ist dort nicht geschaffen worden. Die Wahlen werden massiv gefälscht.

Ruinen sind alles was bleibt
Ruinen sind alles was bleibt

Der Mehrheit der afghanischen Bevölkerung geht es weiterhin sehr schlecht. Für sie wurde entgegen den Ankündigungen kaum etwas getan. Die wenigen Vorzeige-Projekte (Brunnen, Schulen) sind eher Show-Effekte, so marginal sind sie. Viele Hilfsorganisationen beklagen, dass sie durch die Nähe der NATO-Militärs gefährdet sind, selbst zur Zielscheibe zu werden.

Wer weiterhin behauptet, der Westen schaffe am Hindukusch Wohlstand, einen funktionierenden Rechtstaat und gar Demokratie, der leidet offenkundig unter „Visionen“, also in diesem Falle unter Realitätsverlust.

Die Einheimischen nehmen die fremden Soldaten in ständig zunehmendem Maße als Besatzungstruppen wahr. Und damit haben sie leider nicht unrecht. Denn nicht nur die GIs sondern – wie just zu besichtigen war – die Bundeswehr bei Kundus benimmt sich genau so.

Dass der deutsche Kommandeur lieber entgegen der neuesten NATO-Richtlinien Bombenjets losschickt als selber Risiken einzugehen, spricht laut für seine geringe Wertschätzung der afghanischen Zivilisten. Dass von Seiten der Bundeswehr-Führungsspitze dann tagelang die Ziviltoten weggelogen wurden, zeigt das Ausmaß der Überforderung und legt den Rücktritt Jungs mehr als nahe.

Aber versagt hat nicht nur Franz Josef Jung sondern alle Abgeordneten, die aus Realititätsblindheit diesen Irrweg weiter als den einzig möglichen Zukunftsweg anpreisen. Statt wahnwitziger Parlamentsentscheide bräuchte Deutschland offenbar Volksentscheide, um vorsichtiger über Kriegseinsätze zu entscheiden, meinte dazu der Spiegelfechter.

Der Kommentator der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, jammert aktuell über „gravierenden Kollateralschaden bei der Bundestagswahl“. Will er ernstlich behaupten, die Altparteien hätten für ihre blamable Hazardeur-Politik nicht eine Quittung verdient?

Wer glaubt denn noch, das falsche Spiel des Westens (und Karsais) am Hindukusch werde  als „happy end“ ausgehen? Es wird Zeit, sich nicht länger selbst zu belügen.

1 Comment

Kommentare sind geschlossen.