Darwin-Spielfilm kontrovers zur US-Bigotterie


Creation, Quelle: iwatchstuff.com
"Creation", Quelle: iwatchstuff.com

Von Kuro SawaiBrights Marburg

Der britische Spielfilm “Creation” hat monatelang keinen Verleih in den USA finden können. Sein Thema ist das Privatleben Charles Darwins während der Zeit, als er sein Epochenbuch zur Evolutionstheorie schrieb. Die US-Vertriebsunternehmen glauben anscheinend, dass die Menschen im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten diesen Film hassen und meiden würden.

Eigentlich ist das eher überraschend. Denn tatsächlich zeigt der Film mainstream-kompatiblen “human interest”. Im Zentrum steht wie im gleichnamigen Buch von Darwins Urenkel die Familiengeschichte des Forschers. Dieser leidet am Tode seiner 10-jährigen Lieblingstochter Annie und verliert darüber seinen Kinderglauben zum lieben Gott. Zugleich ist seine tief religiöse Ehefrau als Gegenspieler mit von der Partie. Welch ein ansprechender Plot selbst für konsevative “family values”.

Warum also fürchteten sich Kino-Geschäftsleute davor, den Film in ihr Angebot aufzunehmen? Weltweit hat der Film erfolgreich Lizenzen verkauft, nur eben in den USA nicht. Die Hauptrolle spielt mit Paul Bettany ein Publikumsliebling. Offenkundig liegt es weder an der Story noch an der filmischen Qualität oder Kommerztauglichkeit. Es gibt in diesem Fall sehr außergewöhnliche Kontext-Faktoren.

Beobachter wie Anita Singh vom britischen Telegraph nennen vor allem die fundamentalistische US-Website movieguide.org, die aus missionarisch-christlicher Weltanschauung Filme bejubelt oder verdammt. Gegen diesen europäischen Film-Export spucken sie Gift und Galle.

Darwin wird dort etwa tatsachenwidrig als “father of eugenics” beschuldigt. Die Eugenik ist in Wirklichkeit historisch vor allem eine Entwicklung US-amerikanischer Sozialdarwinisten gewesen, wie das Buch Hermann Ploppas “Hitlers amerikanische Lehrer” nachweist. Die Übernahme durch rechte europäische Kreise führte erst deutlich später unter den Nazis zu den bekannten Mordprogrammen.

Denunziert wird er außerdem zu unrecht als “a racist, a bigot and an 1800s naturalist whose legacy is mass murder”. Die Grenzen zwischen Feinbild-Bekämpfung, mangelhafter Bildung und der Neigung zur Volksverhetzung sind in Kreisen der “Religiösen Rechten” offenbar fließend.

Auf zahlreichen christlichen US-Websites wird – laut Telegraph – heftig gestritten und hergezogen über den Wert des Films. Unter Kreationisten möchte man Charles Darwin lieber weiter dämonisieren als ihn als normalen Menschen ansehen.

Der Produzent, Oscar-Preisträger Jeremy Thomas, zeigte sich bestürzt über den Stand der Bildung vieler US-Christen 150 Jahre nach Erscheinen von On the Origins of Species. “It is unbelievable to us that this is still a really hot potato in America”, kommentierte er.

Doch es gibt in zweierlei Hinsicht Hoffnung auf Besserung. Aus der Bay Area kam zuletzt Nachricht, es sei nach monatelangem zähem Stillstand nun ein “Bieter-Krieg” um die Vertriebsrechte entbrannt. Zum Ende der 38sten Woche werde der Gewinner feststehen.

Außerdem gibt es neben Bibel-Fundamentalisten eben auch progressiv gestimmte Christen-Gemeinden. Eine von denen, die auf christliche Bildungsarbeit spezialisierte Gruppe Damaris Trust  hat eine Website eingerichtet, die den Film Creation in das Publikum der Kirchen-Gemeinden hineintragen will.

Der zweiminütige Trailer zum Film ist übrigens schon seit 24. Juni 2009 auf YouTube. “Creation” eröffnete letzter Woche das Toronto Film Festival und hatte am Sonntag (13. September) seine  Europa-Premiere in Großbritannien.

Interessant ist die Diskussion auf US-Atheisten-Blogs über Hintergründe des Films. Ausgerechnet Mel Gibsons Icon Film Distribution UK hat die Vertriebsrechte für Großbritannien erworben, was zu einigen Irritationen führte. Tatsächlich handelt es sich um ein rein geschäftliches Engagement. Auf Richard Dawkins Forum finden sich nur ein paar hübsche Filmbilder.

2 Comments

  1. Mir kommt das Ganze deutlich wie ein Marketing-Mannöver vor (auch wenn ich nicht bestreite, dass es genügend religiöse Fanatiker in den USA gibt, für die Darwin ein rotes Tuch ist).
    „Noch eine“ Filmbiographie geht mehr oder weniger unter. Einen „Skandalfilm“, der nach einigen Wochen von einem „mutigen Verleiher“ in „ausgewählte Kinos“ gebracht wird, der wird garantiert beachtet. Da er „kontrovers“ ist, wird er in den USA wohl auch nicht im „Free TV“ gesendet werden – gut für die DVD-Vermarktung und „Pay TV“.

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