Evolution zur Staatsreligion


Nicht nur das Glaubensangebot sorgte im Frühchristentum für großen Zulauf, sondern auch die soziale Dimension der Religion. Foto: Aus Symbole der katholischen Kirche, Brandstätter Verlag
Nicht nur das Glaubensangebot sorgte im Frühchristentum für großen Zulauf, sondern auch die soziale Dimension der Religion. Foto: Aus "Symbole der katholischen Kirche", Brandstätter Verlag

Von Hans Försterwienerzeitung.at

Betrachtet man die Entwicklung des frühen Christentums anhand darwinistischer Modelle, zeigt sich, dass es viele einleuchtende Gründe für einen „Wettbewerbsvorteil“ dieser Religion gibt.

Darwinismus und Christentum stehen in einem nicht immer spannungsfreien Verhältnis zueinander. Die Frage, wie die Entstehung des Lebens zu deuten sei, berührt Kernfragen der christlichen Lehre. Gleichzeitig gehen Neo-Darwinisten wie der britische Biologe und Bestsellerautor Richard Dawkins so weit, Religion an sich – vor allem das Christentum – als eine krankhafte Verwirrung des menschlichen Geistes zu bezeichnen, wie es bereits der programmatische Titel seines umstrittenen Buches, „The God Delusion“ (dt. „Der Gotteswahn“, 2007), zum Ausdruck bringt. Mit scharfer Polemik wendet sich der Autor gegen die jüdisch-christliche Tradition und nennt den Gott der Bibel einen „psychotischen Verbrecher“.

Rascher Aufstieg

So erscheint es für den Historiker durchaus reizvoll, ein gedankliches Experiment zu unternehmen und zu versuchen, mit Hilfe darwinistischer Modelle die Entwicklung des Christentums in dessen ersten Jahrhunderten zu erklären. Das Christentum schaffte es ja, in knapp vierhundert Jahren von einer kleinen Splittergruppe zur Staatsreligion des Römischen Reiches aufzusteigen. Dies legt die Vermutung nahe, das Christentum habe im Wettstreit mit den vielen anderen Religionen dieser Zeit einen besonderen Wettbewerbsvorteil besessen, der seinen Aufstieg beförderte.

Der Neo-Darwinist Dawkins bietet eine interessante und diskussionswürdige Erklärung für die Entstehung von Religionen: Sie entstünden aufgrund des Gefühls, der übermächtigen Umwelt ausgeliefert zu sein. Was unverstanden ist und bleibt, wird auf höhere Ursachen zurückgeführt, was zu einem Gefühl von Sicherheit in einer außerordentlich unsicheren Welt führe. Generell sei Religion damit zwar ein Nebenprodukt der Evolution, doch eines, das sich als entwicklungsgeschichtlicher Irrtum erwiesen hat.

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12 Comments

  1. @mountainKing,

    was glaubst Du, um was es mir sonst geht, als das, was Du so schön nachzeichnest.

    Naturalistische Freidenker sind gefragt, den ursprünglich universalen Glauben – der für Heiden und Geseztesgläubige galt- der antiken Aufklärung wieder zu füllen. Von den Schriftgelehrten ist das nicht zu erwarten. Die Geschichte ist bekannt.

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  2. Es ist interessant wie hier Märchen verkauft werden „mit vorteilhafter Religion“ jongliert wird und Realität einfach unter den Teppich gekehrt werden. Man kann von den Menschen der damaligen Zeit nur das erwarten, was allgemein üblich war

    Damasius war ein Gangster, der sich selbst zum Papst ausrief, nachdem Wochen vorher Ursinus als Nachfolger von Papst Liberius gewählt worden war. Die Anhänger beider Päpste lieferten sich blutige Scharmützel, Damasius benötigte den Schutz von Gladiatoren. Papst Damasius I beauftragt 383 n.C. Sophronius Eusebius Hieronymus (347–419 n.C) die Vulgata zu schreiben. Hieronymus warnt in den vielen Quellen wäre kaum die Wahrheit anzutreffen. Als einziger Kirchenmann konnte er neben Altgriechisch auch etwas Hebräisch und übersetzte so unkontrolliert drauf los. Erst nach 500 Jahren löst seine Vulgata die Vetus Latina ab. Nach Erhebung zur Staatsreligion 380 n.C. unter Kaiser Theodosius, Nachfolger von Kaiser Constantin, verbrennt die Kirche was den Dogmen widerspricht wie die Schriften des Adamantius (185 – 254 n.C.) oder die Serapeion-Bibliothek in Alexandria 389 n.C. Priester wie Markus von Arethusa, Kyrill von Heliopolis, und Augustinus werden als mordende „Tempelzerstörer“ sogar heilig gesprochen. Besonders Augustinus hat das engstirnige Welt- und Menschenbild des Katholizismus, vor allem auch die Lust- und Sexualfeindlichkeit, zum Kern der christlichen Lehre geformt.

    Das Christentum als friedliche Religion, der die Menschen in Massen zuströmten, ist ein Märchen gerne vom Vatikan vermarktet. Die neue Religion wird mit Intoleranz und Brutalität gegen Andersdenkende und Abweichler aufgezwungen. Auf dem Konzil von Arles (314 n.C.) belegte die Kirche jeden Deserteur des Heeres mit dem Bann. Auf Ausübung heidnischer Gottesdienste steht ab 356 n.C. die Todesstrafe. Das Christentum usurpierte die Macht im Römischen Reich und geht grausam mit Häretikern und Andersgläubigen um. Eine Vernichtung ohne Beispiel beginnt mit der Herrschaft des ersten katholischen Kaisers Theodosius I. Im Religionsedikt von Thessaloniki von 380 n.C. heißt es: „Wir befehlen, dass diejenigen, welche dies Gesetz befolgen, den Namen ‚katholische Christen‘ annehmen sollen; die übrigen dagegen, welche wir für toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande zu tragen, Ketzer zu heißen. Ihre Zusammenkünfte dürfen sich nicht als Kirchen bezeichnen. Sie müssen zuerst von der göttlichen Rache getroffen werden, sodann auch von der Strafe unseres Zornes, wozu wir die Vollmacht dem himmlischen Urteil entlehnen.“

    Im Jahr 415 n.C. wird die berühmte heidnische Philosophin und Mathematikerin Hypatia als Zauberin diffamiert. Mönche reißen ihr die Kleider vom Leib und zerstückelten den Körper mit Glasscherben. 416 n.C. werden Nichtchristen aus staatlichen Ämtern entfernt, 418 n.C. werden alle antichristlichen Schriften verbrannt, 423 n.C. und 435 n.C. wird die Teilnahme an heidnischen Kultfeiern mit Verbannung und Gütereinzug bedroht, 438 n.C. werden heidnische Kulte bei Todesstrafe verboten, 438 n.C. werden heidnische Tempel zerstört. Das Decretum-Gelasianum des römischen Konzils von 496 n.C. ist der älteste Index verbotener Bücher, die Index-Congreation wird 1966 aufgelöst. Ab 600 n.C. sind Heiden rechtlos, ein juristischer Freibrief für Sklavenarbeit und lukrativen Menschenhandel.

    So ging es Jahrhunderte weiter mit Kriegen und Zwangschristianisierungen allerorts. Der größte Betrug ist die „Konstantinsche Schenkung“, nach der Konstantin dem Papst Silvester I. das westliche Römische Reich schenkt. Die Urkunde wird lange genutzt den Machtanspruch der Kirche zu dokumentieren und das Patriarchat in Antiochia, Alexandria, Konstantinopel und Jerusalem zu begründen, bis sie als plumpe Fälschung entlarvt wird und ganz zufällig spurlos verschwindet.

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  3. „In den vergangenen Jahrzehnten hat das Christentum in Westeuropa viele Mitglieder verloren. Den Neo-Darwinisten muss man entgegenhalten, dass aus darwinistischer Sicht letztlich einleuchtende Gründe zum Aufstieg dieser Religionsgemeinschaft beitrugen. Die Christen in Westeuropa müssen sich angesichts der Statistik jedoch fragen, ob nicht gerade die Rückbesinnung auf die Kernelemente ihres Glaubens eine passende Antwort auf die gegenwärtige Situation und Krise sein könnte.“

    Wenn der Aufstieg des Christentums seine evolutionäre Überlegenheit belegt, dann würde sein Rückgang logischerweise seine jetzige Unterlegenheit belegen. Aber das kann natürlich nicht sein, was aufzeigt, dass es hier keineswegs um eine wirkliche objektive Betrachtung des Christentums aus „evolutionärer“ Perspektive geht, sondern nur darum, dessen implizit vorausgesetzte „Richtigkeit“ mit evolutionärem Namedropping zu belegen.

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  4. @Trinculo: Hast du den gleichen Artikel gelesen wie ich? Dein Text erinnert mich an Hassprediger – wenig reflektiert und einfach nur auf ‚die anderen‘. Habe leider gerade keine Zeit das genau auseinander zu nehmen, aber die vorherigen beiden Kommentare zeigen ja bereits zwei Punkte auf.

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  5. Es ist interessant, wie Dawkins Äußerung zur Religion als Ausgangspunkt benutzt wird und dann mit Hilfe der Gruppenselektion, die Dawkins vehement ablehnt, ein Kategoriefehler begannen wird.

    Setzen, sechs!

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  6. Trinculo

    Tatsache ist jedoch, dass das Christentum für den Verfall des römischen Reiches überhaupt erst verantwortlich war.

    Das ist schlichtweg Quatsch. Es gab mehrere Ursachen für den Untergang des römischen Imperiums. Signifikant war die Völkerwanderung und das Vordringen der Hunnen unter Attila nach Westen. Die Herausbildung autonomer germanischer Königreiche, wirtschaftliche Schwierigkeiten mit erheblicher Steuerlast und dann kommen erst die religiösen Auseinandersetzungen der Christen untereinander. Entscheidend war jedoch die Tranformation von Gebieten des römischen Imperiums in germanische Königreiche, die völlig autonom regierten und eine ständige Gefahr für das Imperium darstellten.

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  7. Was für ein Unsinn.
    Das Christentum soll sich dank höherer Fitness in der Evolution durchgesetzt haben.
    Als Argument wird angeführt, dass sich das Christentum gegen die römische Kultur durchgesetzt hatte und sich ausbreitete, während diese schwand und daher der der römischen Kultur offensichtlich überlegen war. Tatsache ist jedoch, dass das Christentum für den Verfall des römischen Reiches überhaupt erst verantwortlich war.
    Siehe: http://fowid.de/fileadmin/textarchiv/Requiem_fuer_die_antike_Kultur__Rolf_Bergmeier___TA-2009-1.pdf
    Um „die gottschänderischen Verirrungen abzuschaffen“ wurden gewaltige Teile der antiken Kultur vernichtet. Und zur Staatsreligion wurde das Christentum nicht weil seine Anhänger irgendwie biologisch überlegen waren, sondern weil der fanatische Kaiser Theodosius es dazu erklärte und das mit Gewalt durchsetzte.
    Daraus eine Überlegenheit des Christentums abzuleiten ist völlig absurd. Das ist so als würde man behaupten, der Islam wäre dem Buddhismus klar überlegen, weil ein paar Taliban-Milizen vor 8 Jahren die Buddha-Statuen von Bamiyan gesprengt haben.

    Aber es geht ja noch weiter:
    »“In den Wundern der Erde und des Meeres suchen sie Götter“, spottete ein Christ zu Beginn des fünften Jahrhunderts über nichtchristliche Zeitgenossen. Dies darf man sicherlich als aufklärerische Tendenzen bezeichnen,…«
    Ein Aberglaube schimpft über den anderen, und das soll aufklärerisch sein?! Das ist so als würde man es als Alkoholaufklärung bezeichnen wenn ein Schnapsfabrikant über die Produkte der Konkurenz schipft, um seine eigenen besser zu verkaufen.

    Weiters wird die höhere evolutionäre Fitness damit begründet, dass Christen Kranke pflegten, und für Benachteiligte spendeten. »Die Mortalität unter den Christen« soll angeblich »aufgrund der religiös motivierten Krankenpflege niedriger gewesen sein als bei den Nichtchristen.«
    Aha. Selbst wenn man annimmt, dass Christen vor fünfzehnhundert Jahren tatsächlich die einzigen Menschen gewesen waren, die sich sozial engagierten und Kranke pflegten (was natürlich völliger Blödsinn ist) hätte das nur dann mit Evolution zu tun, wenn Christentum irgendwie in den Genen liegt und adaptiv ist. Das ist erstens schon unwahrscheinlich da evolutionäre Anpassungen in der Regel länger als lächerliche andertalb Jahrtausende brauchen.
    Desweiteren würde das natürlich bedeuten, dass sich Christen von Atheisten und Andersgläubigen sich biologisch unterscheiden. Damit wäre Konvertieren genauso schwer wie sponatan seine Augenfarbe zu wechseln.
    Atheisten und Andersgläubige wären laut der Charkterisierung im Text bereits von Natur aus völlig sebstsüchtig und wären biologisch gar nicht in der Lage Kranke zu pflegen.
    Christen dagegen verfügen neben einem „Jesu Auferstehung“-Gen auch über die Prädisposition für Nächstenliebe und Krankenpflege und setzten sich daher evolutionär durch.
    Das läuft letztlich darauf hinaus, dass Nicht-Christen einer minderwertigen Rasse angehören und sich nicht gegen die überlegene Christenrasse behaupten können.
    Da kann ich nur hoffen, dass der Kirchenhistoriker Hans Förster nicht wirklich darauf hinaus wollte, sondern einfach nur überhaupt keine Ahnung von Evolution hat.

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  8. Vielen Dank, für den Hinweis auf den frühen Wettbewerbsvorteil, den nach evolutionärer Betrachtung des Geschichtsverlaufes das anfängliche Christentum gegenüber den anderen Kultformen der Antike gehabt haben muss.

    Doch wer allein die neue Ethik, Nächstenliebe… und ähnliche Argumente als Grund untersucht, warum das Christentum zur Staatreligion wurde, zukunftstauglich war, der greift m.E. zu kurz.

    Heute wissen wir, wie dort, wo wir gern einen jungen Humanapostel hinstellen, althellenistisches Göttepantheon, römischer Kaiserkult, inhaltlich entellerter Gesetztes- bzw.Tempelkult, jüdische Weisheitslehren und griechisch-philosophische Vernunftvergottung sowie sophistische Strömungen in Konkurrenz standen.

    Im Bewusstsein dieser völlig verschiedenen Weltbilder und der daraus reluliertenden Problemstellung weist die evolutionäre Betrachtung des Erfolges dieses Jesus Christus-Kultes erneut den Weg zu einem völlig neuen Verständnis des christlichen Glaubensgründers. Nicht nur die geschichtskritische oder die sich aus den heute dargelegten theologischen Bedeutungsinhalten der biblischen Berichten ergebende, sondern auch die evolutionäre Betrachtung zwingt, nach einem echt universalen Grund des neuen bzw. erneuerten Glaubens zu suchen.

    Der Evolutionserfolg lässt m.E. nach einer neuen monotheisitische Glaubensvorstellung fragen, die sich aus der antiken Aufklärung des griechischen Monismus speiste. Die jedoch den alten jüdisch-monotheisitsichen Kult nicht einfach verwarf, sondern ihn neu zu verstehen suchte und inhaltlich füllte. Genau das bringen mir Theologen bei, sei die Bedeutung Jesus gewesen. Um einen Wanderprediger oder ein taubes Gottesbild, das dem griechischen Naturalismus in keiner Weise gerecht wird, wie es Dawkins heute brandmarkt, kann es damals nicht gegegangen sein.

    Und wenn sich auch heute weder alte Gottesbilder/-beweise als tauglich erweisen, noch allein der Glaube an die menschliche Vernunft bzw. ein rein materialistisches Weltbild, müssten dann die Anhänger der Evolutionslehre nicht ähnlich wie vor 2000 Jahren nach einer Lösung suchen. Ein Weltverstandes, das für den modernen Monismus Dawkins und den Monotheismus des alten Glaubens gleichermaßen glaubwürdig und sinnstiftend ist.

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  9. Tut mir Leid. Ich könnte jedesmal kotzen, wenn ich den Begriff „Darwinist“ lese. Erst Recht, wenn auch noch ein „Neo“ davor steht.

    Das gilt auch für Dawkins Bücher.

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  10. Sehr guter Artikel. Besser hätte ich es nicht sagen können:

    „In der Auseinandersetzung, die der Neo-Darwinist Richard Dawkins mit dem Christentum führt, fehlt leider der Blick auf die Geschichte.“

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