Kann ein Atheist Präsident der USA werden?


Quelle: derstandard.at
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Das ist mal wieder so ein Fall, wo ein grandios gutes Buch unter den Erwartungen der LeserInnen leiden könnte. Also am besten alles vergessen, was man vom (wahl-)kanadischen Star-Autor Robert Charles Wilson bislang gewohnt war, zurücklehnen und genießen – der Meister der Ideen-SF hat sich diesmal nicht für kosmophysikalische Phänomeme interessiert und statt dessen ein Experiment gewagt. Wilson ist ein bekennender Fan von Abenteuerromanen aus dem 19. Jahrhundert – auch solchen der schundigeren Art. Gewidmet hat er „Julian Comstock“ William Taylor Adams, der als „Oliver Optic“ einige Jugendromane verfasste, und der Ich-Erzähler von „Julian Comstock“ hat sich ein Gutteil seines Weltbilds aus den ähnlich gestrickten Abenteuergeschichten des fiktiven Autors Charles Curtis Easton zusammengezimmert. Der Roman ist in fünf Akte unterteilt und etabliert bereits im launigen Vorwort den speziellen Tonfall zwischen Draufgängertum und augenzwinkernder Großmäuligkeit, in dem damals so gerne erzählt wurde.

Wir befinden uns mitten im 22. Jahrhundert – doch sieht man von den imposanten Stahlskeletten in Manhattan und den längst überwucherten Müllhalden ab, wüde man’s nicht merken. Die Säkularen Alten – mit anderen Worten: wir – haben den Karren in den Dreck gefahren, das Ende des Öls und der Niedergang der Städte liegen lange zurück und die Welt hat sich auf einem neuen/alten Niveau eingependelt, das dem 19. Jahrhundert zum Verwechseln ähnlich sieht. (So ähnlich, dass von Anfnag klar ist: Hier geht es nicht um eine plausible Zukunftskonstruktion, sondern um ganz etwas Anderes.) Es ist eine auf den ersten Blick idyllische Welt der Getreidemühlen und Brombeerbüsche, der Pferdedroschken und Pfeifenraucher. Aber auch eine der strengen Klassendreiteilung in Aristokraten bzw. Eupatriden, freie aber wenig begüterte Pächter und abhängige Arbeiter … oder um ein Wort aus der Vergangenheit zu nehmen: Sklaven. Und eine Welt der Prüfsiegel auf Bücher und des rigorosen Vorgehens gegen Häresien. Worunter zumindest in den Vereinigten Staaten, die nun auch weite Teile Kanadas umfassen, alles fällt, was dem Dominion of Jesus Christ on Earth widerspricht.

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1 Comment

  1. Nicht zuletzt sucht der Roman damit im Jahr 2174 nach der Antwort auf eine Frage, die 2009 eindeutig verneint werden muss: Kann ein Atheist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden?

    Stellen wir diese Frage doch im Jahr 2174.

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