Braucht Moral ausgerechnet Christen-Glauben?


Eine ziemlich verbreitete aber trotz aller Wiederholungen nicht wirklich einleuchtende Hypothese behauptet, dass ohne (christlichen)  Glauben keine verbindende Moral unsere Gesellschaft befrieden würde. Dem entgegen ein Veto vernünftigen Nachdenkens.

„Ohne Religionen gäbe es für die Moral keinen Rahmen, existierte sie nicht allgemeinverbindlich, was gesellschaftlich katastrophale Folgen hätte.“  Zitat Gregor Gysi im Naumburger Tagblatt 14. Sept. 2009

Die altbekannte These zu „Moral und Glauben“ gehört zum Repertoire der Verteidiger der Gottesidee seit die Kirchengemeinden ihre Autorität und Anziehungskraft auf die Normalbürger in Deutschland weitgehend eingebüßt haben. Obwohl sie mindestens vier Jahrzehnte auf dem Buckel hat, fehlt es dieser fleißig nachgeplapperten Behauptung doch an Substanz und Überzeugungskraft.

Wo ist denn diese angeblich die Deutschen im Alltag verbindende Moral vorfindbar? Ist das Leben in unserem Lande etwa mitmenschlich, angst- und gewaltarm sowie ohne riesige Kluft zwischen Reichen und Armen? Millionen Menschen mit Existenzangst vor Jobverlust und Hartz4, Leiharbeit und Billiglöhne, Mobbing in den Schulen und „Amokläufe“ gehören unbestreitbar zur bundesdeutschen Normalität.

Die herzlose Ausnutzung der Jungakademiker als unbezahlte „Generation Praktikum“ sowie die tägliche Selbstausbeutung der kleinen Selbständigen reicht weit bis in die „Mitte“ der Gesellschaft. Nur den oberen zwanzig Prozent in Deutschland geht es recht gut, denn sie sind – außer als Lehmann-Geschädigte vielleicht – jedenfalls keine Krisenverlierer.

Die Rolle der Kirchen für den sozialen Frieden im Land schätze ich für absolut marginal, nahezu vernachlässigbar ein. Möglicherweise hindern sie viele Menschen, wie in Frankreich zur Verteidigung sozialer Standards auf die Barrikaden/Straße zu gehen. Nirgends werden z.B. Altenpflegerinnen so schlecht entlohnt wie in kirchlichen Einrichtungen! Ist das die Moral, die sie meinen – die wir wollen?

Kirchen-Glauben ist öfter Tranquilizer und Ablenkung vom Realleben als ein Fitness-Programm für’s Selbstbewusstsein (was es in seltenen, idealen Fällen z.B. herausragender Jugendarbeit auch sein kann/könnte). Ebenso wie in den Schulen hängt Gemeindeleben unmittelbar von den Akteuren ab, d.h. von Persönlichkeiten und geglückten Beziehungs-Ausformungen. Genau letzteres ist aber eine zutiefst weltliche, psychologische Angelegenheit.

Weshalb sich Kirchen und ihre Lobredner ausgerechnet auf „heilige“ Texte aus glücklich überwundenen Zeiten von Sklavenhalter-Völkern sowie auf abgestandene, körperfeindliche Moral besonders viel zu Gute halten, bleibt abstrus. Einen wirklichen Beitrag zur Alltagsbewältigung in der zeitgenössischen Krisenepoche bieten sie damit nicht.

Die Moral in den Kirchen (und von ihnen ausgehend) kann friedensförderlich sein oder mörderisch wie jene US-Abtreibungsgegner, die erst dieses Jahr wieder einen psychisch Gestörten zum Mord an einem Arzt aufhetzten. In den obsessiv christlichen USA ist Gewalt und Vernachlässigung deutlich stärker zuhause als im säkularen Europa.

Nicht einmal in den Kirchengemeinden Deutschlands gibt es diese Moral der Freude und Idylle, wie sie die Gesundbeter und Romantiker gerne vorweisen täten. In den Gemeinden sammeln sich die Traditionschristen und die Befangenen, die Alten und die Trostarmen und versuchen ein möglichst nettes Gemeinschaftsleben. Sei es ihnen gegönnt! Nur, warum trifft man dort so wenig vitale Menschen, so dass man als ein solcher wenig Anziehungskräfte dorhin verspürt?

„Friede, Freude, Eierkuchen“ ist nicht eben zufällig „seit ewig und drei Tagen“ ein bloßer Spottspruch. Die Kirchen, ihre Verteidiger und Lobredner tun schlecht daran, sich die Verhältnisse in der Gesellschaft wie in den Kirchengemeinden schöner zu reden, als sie tatsächlich sind.

Für eine menschengemäße Moral des friedlichen Zusammenlebens braucht es keine imaginären Gestalten wie „Gott“ sondern einzig anregungsreich und mit Liebe aufwachsende gebildete und starke Menschen.