„Sklaverei ermöglicht das otium“


Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav-Adolf Schultze) Quelle: wikipedia
Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav-Adolf Schultze) Quelle: wikipedia

„Will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herren erzieht“

Reinhard Jellen tp

Gespräch mit Domenico Losurdo über die politische Philosophie Friedrich Nietzsches

Wenn man die minutiöse Studie Domenico Losurdos Nietzsche. Der aristokratische Rebell mit dem gängigen Nietzsche-Bild im offiziellen philosophische Diskurs vergleicht, in welchem der deutsche Geistesakrobat vor allem als Anti-Metaphysiker, Über-Ästhet und Gottsucher; als Wald- und Wiesenphilosophen gesehen wird, der auf Baumwipfeln und Berggipfelnd nackt sitzend fröhlich über Philosophie, Kunst, Religion und Sprache vor sich hin spintisiert, drängt sich der Eindruck auf, als wäre Philosophie die Meisterschaft, am Kern der Dinge vorbeizusehen.

Losurdo liest den deutschen Philosophen als konsequent politischen Denker, dessen verschiedene philosophischen Etappen unterschiedliche Wege und Weisen darstellen, den sozialen und demokratischen Bestrebungen der subalternen Schichten, insbesondere der politischen Arbeiterbewegung, jegliche Legitimation zu entziehen. Gleichzeitig mit der Elementarkritik an Fortschrittsglaube, Demokratie und Humanität hat Nietzsche jedoch ideologische Mechanismen herausgearbeitet, welchen sich auch heutzutage noch eine scheinbar im Interesse aller agierende Politik bedient. Losurdo berücksichtigt bei seiner Untersuchung nicht nur das offizielle Oeuvre des Philosophen, sondern arbeitet unveröffentlichte Textvarianten, dessen Korrespondenz und die damalige sozialen und politischen Entwicklungen sowie die diese Ereignisse reflektierenden politischen und philosophischen Debatten mit ein.

Der italienische Philosoph und Publizist (geb. 1941) ist Professor an der Universität Urbino, Präsident der Internationalen Gesellschaft für dialektisches Denken und gibt zusammen mit Hans Heinz Holz die philosophische Halbjahresschrift Topos heraus. Mit seiner 1100seitigen Monumentalstudie, die nun auch in deutscher Sprache vorliegt, hat er in Italien für Furore gesorgt.

Wurde und wird Nietzsche überhaupt so verstanden, wie er gewollt hat und wenn nein, warum nicht?

Domenico Losurdo: In meinem Buch behaupte ich, dass man Nietzsche gegen seine unkritischen Apologeten verteidigen muss. Ist das nur ein Paradox? Wir haben es mit einem Philosophen zu tun, der im ganzen Verlauf seiner Entwicklung unermüdlich wiederholt, die Sklaverei sei die unerlässliche Grundlage der Kultur. Wie ist dieses Motiv zu interpretieren? Die Anfänge der literarischen Tätigkeit Nietzsches fallen mitten in den Sezessionskrieg, in eine Zeit, in der die Abolition der Sklaverei in den USA der Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland entspricht. In den darauffolgenden Jahren, während Formen der Knechtschaft oder Halb-Knechtschaft in den beiden Ländern weiterbestehen, entwickelt sich die Debatte über diese Themen auf internationaler Ebene schärfer denn je. England, das 1833 die Sklaverei in seinen Kolonien abgeschafft hatte, verhängt in den siebziger und achtziger Jahren eine Seeblockade über die ostafrikanischen Küsten, um den noch andauernden Sklavenhandel, vor allem nach Brasilien zu verhindern, wo die Sklaverei und der entsprechende Sklavenhandel erst 1888 abgeschafft wurde, in dem Jahr, in dem die wache Existenz des Philosophen seinem Ende zu geht.

Die Debatte über die Sklaverei dringt auch stark in das Gebiet der Altertumskunde ein (die Disziplin, von der Nietzsche herkommt): in den USA rühmt die anti-abolitionistische Polemik wiederholt die herrliche Blüte des alten Griechenland, die ohne die Präsenz dieser wohltuenden Institution undenkbar wäre, die den unseligen Ideologen ohne Sinn für die Wirklichkeit so verhasst ist. In den Jahren vor dem Ausbruch des Sezessionskriegs steht im Mittelpunkt des Lehrplans der Schulen und Universitäten in den Südstaaten das Studium der lateinischen und griechischen Klassiker und besonders des Aristoteles, der als der Theoretiker der Entgegensetzung zwischen Freien und Sklaven von Natur aus gefeiert wird.

Bei Nietzsche und in der kulturellen und politischen Debatte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig, verschwindet in der heutigen Unschuldshermeneutik das Thema der Sklaverei oder es verwandelt sich in eine unschuldige Metapher (Bataille, Deleuze, Vattimo, Colli, Montinari usw.). Der Philosoph wird zwar so „gerettet“, aber die Rettung ist teuer erkauft, weil man ihm verminderte Zurechnungsfähigkeit auf politischem Gebiet zuerkennt: er hätte beständig auf die „Metapher“ der Sklaverei rekurriert und hätte nichts von der scharfen Polemik und dem harten Kampf gewusst, die zu diesem Thema zur gleichen Zeit um sich griffen.

weiterlesen im Teil 1

zum Teil 2

2 Comments

  1. Ich hab den ersten Teil zur Hälfte gelesen und finds schauerlich…
    Es bereitet mir immer entrüstetes Kopfschütteln zu sehen wie es verschiedene Leute schaffen Nietzsche derart falsch zu verstehen…
    Wenn ich mir die Statements zu Nietzsches Position zu Wagner, der Oper, dem Christentum und zur Soziologie ansehe….kommen mir ernsthafte Zweifel ob der Herr wirklich mal was von Nietzsche selbst gelesen hat oder eher nur billige Sekundärliteratur, die ins gleiche Horn bläst.

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