Evolutionäre und philosophische Ethik – ein Unterschied


Kurt Bayertz, Quelle: ethik-forum.net
Kurt Bayertz, Quelle: ethik-forum.net

sueddeutsche.de

Dass die evolutionäre Ethik „Moral“ mit einer bestimmten Art von Verhalten, nämlich mit altruistischem Verhalten, gleichsetzt, liegt natürlich auch an der Tatsache, dass Verhalten ein empirisch zugängliches Phänomen ist. Zumindest bei Tieren gibt es kein anderes empirisch zugängliches Phänomen, anhand dessen ihre (Proto-)Moral untersucht werden könnte.

Beim Menschen ist das aber anders. Menschen verhalten sich nicht nur moralisch; sie verfügen auch über moralische Normen, nach denen sie ihr Handeln wechselseitig bewerten. Wenn im Alltag von „Moral“ die Rede ist, meinen wir oft gerade die moralischen Normen.

Verhalten und Normen

Und die philosophische Ethik nimmt das tatsächliche Verhalten von Menschen meist nur beiläufig in den Blick und konzentriert ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Normen oder auch ganze Normengefüge.

Dieser Unterschied zwischen evolutionärer und philosophischer Ethik verdient festgehalten zu werden. Denn zwischen Verhalten und Normen besteht ein kategorialer Unterschied.

Das erstere ist ein körperlicher Vorgang, der unmittelbar an die jeweilige biologische Konstitution des betreffenden Organismus gebunden bleibt und daher mit den Mitteln der Biologie gut untersucht werden kann.

Normen hingegen lösen sich von dieser biologischen Konstitution mehr oder weniger ab. Sie entstehen als implizite verallgemeinerte Verhaltenserwartungen zwischen den Individuen. Sie können dann explizit versprachlicht und bisweilen auch verschriftlicht werden. In einigen Fällen werden sie darüber hinaus auch förmlich institutionalisiert, etwa im Recht.

Auf diese Weise gewinnen sie ein außerbiologisches Dasein. Ähnlich wie Werkzeuge, können sie als Artefakte aufgefasst werden, die eine (relativ) selbständige Existenz haben. Ein Faustkeil ist zunächst nur eine Verlängerung der menschlichen Hand; im Unterschied zu ihr kann er aber von verschiedenen Personen benutzt, in der Generationenfolge vererbt und schrittweise verbessert werden.

weiterlesen

Wie biologisch die Moral ist.

Der Autor Kurt Bayertz lehrt praktische Philosophie an der Universität Münster. Er veröffentlichte das Buch „Warum überhaupt moralisch sein?“ (Verlag C.H. Beck, 2004) und ist Mitherausgeber des dreibändigen Werks „Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert“ (2007).