Psychiater und Afghanistan


Laut einem aktuellen Bericht der Süddeutschen Zeitung online vom 23. 09., der noch am gleichen Abend von der ARD-Tagesschau aufgegabelt wurde, glänzt die Bundeswehr wiedermal durch haarsträubendes Missmanagement. Knapp die Hälfte der Mentalmediziner-Stellen sind nicht besetzt. In Afghanistan kommen nur ein einziger Psychiater und zwei Truppenpsychologen auf 4500 deutsche Soldaten im Einsatz. Zugleich ist das seit Jahrzehnten kriegsversehrte Land am Hindukusch auch ohnedies mentalmedizinisches Notstandsgebiet.

Obwohl die Erfahrungen anderer kriegführender westlicher Staaten über hohe Prozentsätze an Posttraumatischen Belastungserkrankungen (PTBS) bei Soldaten im Kriegseinsatz seit langem vorliegen, haben die Beamten und Offiziere des Ministeriums offenkundig ihre Amtspflicht zur Vorsorge versäumt. Für die Versorgung der Erkrankten fehlt es in krassem Ausmaße an Ärzten und Vorausdenken.

Anscheinend hat das ständig wiederholte Mantra des überforderten Ministers Jung, das sei doch kein Kriegs- sondern ein Stabilisierungseinsatz, im straff hierarchisch ausgerichteten Stab das klare Denken verunmöglicht. Vollkommen überrascht von dem – nur wegen gewisser Sprachregelungen und Vorgaben – nicht vorhersehbaren Bedarf an psychiatriemedizinischer Soforthilfe bei einer rasant ansteigenden Anzahl von PTBS-Erkrankten, ruft eine soeben bekannt gewordene Studie nun den Notstand aus.

In dem Mitte September fertiggestellten Untersuchungsbericht des Psychiaters Mario Horst Lanczik, einem Oberstarzt der Reserve, wird das ganze Ausmaß der Misere der Hindukusch-Einsatzkräfte erstmals ungeschönt öffentlich. Ein Behandlungsbeginn erst drei bis vier Tage nach dem Trauma-Erlebnis sei meist zu spät, um eine solche neurologische Krankheitsentwicklung noch zu verhindern, unterstreicht der erfahrene Arzt.

Eine 30% Steigerungsrate der PTBS-Erkrankten allein für das erste Halbjahr 2009 gegenüber der Zahlen für das Jahr 2008 lässt für die Zukunft bei verstärkten Guerilla-Angriffen einen weiteren steilen Anstieg der Schwertraumatisierten und langjährig medizinmethodisch Aufzupäppelnden voraussagen.

Was das kosten wird, eben nicht nur an Behandlungskosten sondern besonders an Nerven und alltäglicher Verlässlichkeit in den Familien und  dem Lebensumfeld der Betroffenen, wagt man kaum zu durchdenken. In den USA gibt es reichlich Erfahrung damit. Es gibt sogar bereits ein eigenes Spielfilmgenre über traumatisierte Kriegsheimkehrer.

Viele Erkrankte werden auf Jahre nicht nur als Soldat berufsunfähig und wegen unkontrollierbarer Flashbacks sogar im Straßenverkehr unzurechnungsfähig. Man lese dazu das jüngst herausgekommene PTBS-Buch von Leah Wizelman, „Wenn der Krieg nicht endet“. In der FAS fand sich dazu vor kurzem eine Rezension von Julia Encke, in der Süddeutschen eine Besprechung von Werner Bartens.

Ob es Glück oder Pech ist, dass kurz vor der Bundestagswahl sowohl die Atomendlager Asse und Gorleben wie auch der ebenso hoch umstrittene Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nicht aus den Schlagzeilen herauskommen, darüber gehen die Meinungen sowieso auseinander.

Wer alle diese Beispiele von Regierungs-Parteien-Versagen zur Kenntnis nimmt und doch keine entsprechenden Schlüsse für sein Wahlverhalten ziehen mag, der meint es gewiss nicht gut mit Deutschland.