Die Evolution ist fatal


Mag. Dr. Martin Lödl, Naturhistorisches Museum Wien
Mag. Dr. Martin Lödl, Naturhistorisches Museum Wien

INTERVIEW / Martin Lödl über die Frage nach der Intelligenz der Schöpfung.

Von Thomas Jorda – NÖN.at

NÖN: In Ihrem neuen Buch „Fatales Design“ beschreiben Sie die Evolution nicht sehr freundlich.
Lödl: Wir reden über das, was sich in 3,8 Milliarden Jahren auf dem Planeten zugetragen hat. Ein qualvoller Prozess, den ich immer mit einem Fleischwolf beschreibe. Ein Durchschleusen von unzähligen Lebewesen, die alle Keimzellen in sich tragen und ausschließlich das Ziel haben, möglichst rasch ihr genetisches Material weiterzugeben. Da kommt es natürlich zu unglaublich vielen, sehr qualvollen Verzahnungen. Das Fressen und Gefressen-Werden. Die unzähligen qualvollen Tode in der Natur sind ja das Kennzeichen der Evolution. Dabei kommt es nicht zur Optimierung, sondern es genügt, gerade gut genug angepasst zu sein. Wer‘s bis zur Fortpflanzung schafft, überlebt auch. Darum sehen wir in der Evolution unglaublich viel Schrott.

NÖN: Also kein intelligentes Design der Schöpfung?
Lödl: Die Schöpfung ist nicht sonderlich intelligent, wenngleich sie kompliziert ist. Was unglaublich kompliziert ist, muss nicht wirklich intelligent sein. Denken Sie nur an die Probleme aller höheren Säugetiere mit Speise- und Luftröhre. Wir sind schlecht darauf ausgelegt, das Verschlucken zu verkraften. Es ist eine sehr gut erklärbare anatomische Eigenheit, aber sicher nicht intelligent. Und zweitens ist die Evolution fatal – für alle Lebewesen. Jeder Tod unvermeidbar. Das individuelle Schicksal ist immer ein fatales und meist ein sehr, sehr grausames.

NÖN: Und wie schaut es mit unserer Intelligenz aus?
Lödl: Ich benütze gerne das Bild des blinden Golfspielers, der ein Hole-in-One schafft. Mir sind drei Fälle bekannt. Aber wenn man die Zahl der Kohlenstoffmoleküle zu Beginn der Evolution nimmt, muss man sie mit Billiarden von blinden Golfspielern vergleichen, die über Hunderte Millionen von Jahren ununterbrochen sekündlich abschlagen. Da kehrt sich Zufall in Notwendigkeit um. Und das gilt auch für unsere Intelligenz. Das Bewusstsein des Menschen markiert einfach eine ganz wichtige und neue Evolutionsstufe – die Materie erwarb die Fähigkeit, sich selbst zu simulieren.

Evolution
Wissenschaftsforum Baden. 29. September, 19.30 Uhr, Casino Baden. Biologe Martin Lödl, Schriftsteller Franzobel und NÖN-Chefredakteurstellvertreter Thomas Jorda diskutieren über „Fatales Design … und Darwin hat doch Recht“. 02252 / 48 403; Abendkasse

5 Comments

  1. Ja, und ungläubige Wissenschaftler versuchen, Kinder mit Impfungen vor normalen evolutionären Vorgängen zu behüten.

    Wie uncool.
    Da lob ich mir die Religiösen, die kriegen viele, viele Kinder, und dann machts nix, wenn die göttliche Evolution ein paar davon ausdünnt.
    auch eine kleine göttliche Epidemie ist doch ganz hübsch, nicht wahr?
    Und Beten hilft ja.

    Die Richtigen werden es schon überleben.
    Gott wird die Seinen schon erkennen.

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  2. Können Sie mir das Buch Fatales Design von Dr. Martin Lödl besorgen. Amazon hat es nicht. Vielen Dank. Helmut Wenzel johannes-Even-Str. 17, 90473 Nürnberg

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  3. „…Da kommt es natürlich zu unglaublich vielen, sehr qualvollen Verzahnungen. Das Fressen und Gefressen-Werden. Die unzähligen qualvollen Tode in der Natur sind ja das Kennzeichen der Evolution…“

    Richtig beobachtet. Wie man bei der abartigen Funktionsweise dieser Welt, auch nur auf die Idee kommen konnte, sie wäre von einem liebevollen Gott erschaffen worden, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Gibt es zum Beispiel etwas Perverseres als die sog. Fresskette? In der das eine göttliche Geschöpf das andere bei lebendigem Leibe zerfleischen muss. Wie würde man einen Menschen bezeichnen, der sich so etwas ausdenkt?

    Man muss schon blind und (gefühls)taub zugleich sein, will man der Theorie eines gütigen Schöpfers zustimmen. Gäbe es da einen intelligenten Designer, er müsste eine ziemlich sadistische Ader haben.

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  4. Noch fataler ist sicher, dass wir nach wie vor einen Planer nach völlig vermenschlichter Vorstellung suchen und so zu der fatalen Einschätzung des natürlichen Prozesses allen Werdens, Vergehens in kreativer Entwicklung zwingen.

    Wie les ich gerade im neuesten Beitrag. Selbst Viren seien gesund, obwohl sie oft so fatale Folgen für uns haben.

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  5. Wie sich doch die alten Mythen immer wieder bestätigen.
    Selbst Hiob scheint heute noch zu leben.

    Es ist fatal, wie ein freier Denker in Ablehnung der ID-Lehre bzw. eines wundersamen Zielsetzers den natürlichen Weg der Evolution, dem er sein freies aufgeklärten Denken verdankt, als falsch abtut, dessen optimierende Kreativität ablehnt.

    Wie bei der Wurst müssen wir scheinbar auch in kultureller Weiterentwicklung erst durch den Fleischwolf. Müssen fragen, welches Weltbild/Schöpfungsverständnis sich an das optimierte Wissen um das natürliche Werden, den kreativen Kosmos und auch kulturellen Lebensfluss angepasst bzw. tauglich erweist.

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