Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen verschwimmen


Von Arne Hoffmann Hinter meinem Schreibtisch

Bereits auf dem Backcover und im Vorwort seines im Wiesbadener VS-Verlages erschienenen Sammelbands Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen macht sein Herausgeber, der Politologe Thorsten Gerald Schneiders, deutlich, dass es sich hierbei um einen von zwei Bänden handelt, die zusammengehören. Der zweite Band Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird soll beim selben Verlag im Januar erscheinen. Schneider erklärt dazu: „‚Islamkritik‘ ist eines der Schlagworte unserer Zeit. Doch dahinter verstecken sich oftmals nur pure Ressentiments. Zugleich lässt sich unter Muslimen eine dogmatische Verteidigungshaltung beobachten, bei der bisweilen jede Kritik von vornherein in den Wind geschlagen wird. Beide Extreme dominieren zu häufig die öffentlichen Diskussionen.“

Wenn man die aktuelle Islamdebatte wirklich seriös und umfassend wiedergeben und analysieren will, erscheint die Beleuchtung dieser beider Seiten der Medaille in der Tat geboten, wenn nicht gar zwingend. Wer hin und wieder über diverse Online-Suchmaschinen zu dem Begriff „Islamophobie“ recherchiert, wird bald feststellen, dass manche Muslime in der Tat mit diesem Vorwurf schnell bei der Hand sind, wo noch keine Spur von Fremdenfeindlichkeit oder kulturalistisch verbrämtem Rassismus zu erkennen ist, sondern lediglich bestimmte Aspekte des islamischen Lebens oder der islamischen Welt kritisiert werden, wie man das jederzeit etwa mit Aspekten aus dem Christentum ebenfalls tun würde, ohne dass der Vorwurf der „Christophobie“ erhoben wird. (Fast würde ich hier von einer missbräuchlichen Verwendung des Ausdrucks/Begriffs „Islamophobie“ sprechen; allerdings herrscht in der Sprachwissenschaft Konsens, dass es keine missbräuchliche Verwendung von Begriffen gibt, weil niemand festlegen kann, was eine ordnungsgemäße Verwendung wäre. Niemand muss sich zum Beispiel der Definition von Islamophobie anschließen, wie sie der Runnymede Trust vorgenommen hat, auch wenn diese sehr sinnvoll ist.)

Es ist allerdings ebenfalls ein klares und richtiges Signal, dass der Band zur Islamfeindlichkeit als erster der beiden Bände erscheint, denn eine populistische und polemische Beschäftigung mit dem Thema Islam, die derzeit massiv Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft schürt, ist sicherlich das größere, drängendere Problem. Um diesen Islamhass geht es in dem vorliegenden Buch und damit beispielsweise um Websites wie das von Stefan Herre gegründete Blog „Politically Incorrect“ sowie um Autoren wie Udo Ulfkotte, Ralph Giordano, Alice Schwarzer, Hans-Peter Raddatz und Henryk Broder.

Eben mit Zitaten aus „Politically Incorrect“ eröffnet dieses Buch, um besonders plastisch zu illustrieren, wann die Behauptung, man betreibe ja nur Kritik, aber diese Muslime seien eben ständig beleidigt, schlicht absurd wird. „Islam ist eine freiwillige Geisteskrankheit“, findet man dort etwa oder „Ich will nicht, dass wenn ich Blut spende, mein Blut irgendwann einem Musel das Leben rettet, und genausowenig will ich, dass in meinen Adern Muselblut fließt“ oder „Wie verbläst man eigentlich einen (…) Türken waidgerecht? Da gibt es nichts zu verblasen, Jagdhornbläser verblasen jagdbares, erlegbares Wild, kein Ungeziefer!“ Von derlei Sätzen findet man auf „Politically Incorrect“, dem erfolgreichsten Weblog Deutschlands, inzwischen wohl zehntausende, und tagtäglich werden es mehr.

Es ist das erklärte Ziel von Schneiders Buch dabei zu helfen, berechtigter von unberechtigter Islamkritik zu trennen, zu einer Versachlichung der öffentlichen Diskussion beizutragen und ein Plädoyer für den Einzug der Vernunft in die öffentliche Auseinandersetzung zu leisten. Zu diesem Zweck vereint es in seinen Beiträgen mehr als zwölf Wissenschaftsdisziplinen (beispielsweise historische, islamwissenschaftliche, linguistische, politologische, rechtswissenschaftliche, pädagogische und psychologische Perspektiven). Dabei gelingt es der klaren Sprache und dem essayistischen, feuilletonistischen Ansatz mehrerer Beiträge, dieses Buch auch für ein interessiertes Laienpublikum zu öffnen. In meiner Rezension werde ich mich nicht jedem einzelnen der insgesamt 28 Beiträge widmen können, sondern einige davon exemplarisch herausgreifen.

Die genannten 28 Beiträge sind aufgeteilt in vier Kapitel, deren erstes sich mit verschiedenen Fundamenten für islamfeindliches Verhalten in Deutschland beschäftigt und somit Erklärungsansätze dafür liefert, wie einseitige und unreflektierte Islamkritik in unsere Gesellschaft hineingelangt ist. Hier beleuchten der Religionswissenschaftler Claudio Lange und die Historikerin Almut Höfer, wie stark bereits im Mittelalter und der frühen Neuzeit Ressentiments gegen den Islam verbreitet waren. Beispielsweise sah schon Petrus Venerabilis, der Abt von Cluny, im Islam ein tödliches Virus, das den halben Erdball infiziert habe. Den Kreuzzug nach Jerusalem, einen Angriffskrieg im Namen Gottes („deus le veult“) gegen die Muslime, verniedlichte er als „bewaffnete Pilgerreise“. Dabei wurden Moscheen in der Kreuzzugsliteratur als „Teufelshäuser“ und Muslime als Dämonen angesprochen. Im 11. Jahrhundert startete die französische Kirche mit Steinbildern an Kapitellen, Portalen und Kragsteinen eine bildliche Propaganda gegen Muslime, die erniedrigt, hassenswert, entmenscht, besiegbar, abscheulich, lebensunwert und lächerlich dargestellt wurden. Insgesamt stach der unmissionierbare Islam alle anderen Feinde des Christentums (Heiden, Ketzer, Juden, Sünder) aus und der Muslim avancierte zum Inbegriff des Feindes, zum Satan mit seinem Dämonenheer. Die Muslime wurden als teuflische Vorboten des Antichrist gedeutet, die die Christenheit zu überrollen und damit nicht nur die physische Existenz, sondern auch ihr Seelenheil mit einer falschen Religion zu gefährden drohten. (Versatzstücke dieses Weltbilds finden sich bis heute in Blogs wie „Politically Incorrect“, wo religiöse Fanatiker auch schon mal gerne davon schwadronieren, wie viel mächtiger der biblische Gott gegenüber dem „Wüstendämon“ Allah sei.)

Der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez liefert eine profunde Analyse über die verzerrende und irreführende Information über den Islam in unserer gegenwärtigen Mediengesellschaft. Dabei gelangt er zu dem Urteil: „Die Medien vermeiden die explizite Gleichsetzung von Islam und Gewalt, wahrcheinlich aus Gründen politischer Korrektheit, aber sie legen diese Annahme strukturell sehr nahe. Denn welche andere Schlussfolgerung soll bei der Erörterung von Themen wie ‚Islam und Terrorismus‘ – letztlich einem absoluten Minderheitenphänomen, das aber in deutschen Medien das größte Einzelthema darstellt – herauskommen als die, dass vom Islam eine akute Gefahr ausgeht? (…) Schon eine große UNESCO-Studie zum Vergleich der Auslandsberichterstattung in verschiedenen Ländern hat nahegelegt, dass das Hauptproblem der Auslandsberichterstattung nicht die Tatsache ist, dass über Negatives, sondern dass viel zu wenig über Neutrales und Positives berichtet wird. Dem zugespitzten Islambild deutscher Medien fehlt ein relativierender Informationskontext, der den Rezipienten in die Lage versetzt, den Stellenwert eines solchen Phänomens wie des religiösen Extremismus richtig einzuordnen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die noch immer starken Traditionen des gewaltfreien Widerstandes im Islam sind eigentlich nie Thema in den westlichen Medien (…). Den Hindu Mahatma Gandhi kennt im Westen jeder. Kaum jemand aber kennt Badschah Khan: ein Muslim, der in Pakistan zigtausende Menschen zu friedlichen Protesten mobilisierte, der einer der engsten Weggefährten Ghandis war und 1985 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde (…) Deutsche Medien widmen sich intensiv der Frage der islamistischen Selbstmordattentate. Selten allerdings wird die tägliche gewaltfreie Widerstandsarbeit auch vieler islamistischer Organisationen in Demonstrationen, Sitz- und Hungerstreiks erwähnt.“

Um Muslime als neues Feindbild in den internationalen Beziehungen dreht sich der Beitrag des Politikwissenschaftlers Werner Ruf. Er kritisiert unter anderem das Schlagwort „Islamofaschismus“, das etwa von dem einstmals reputablen „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe verwendet wird, weil mit solchen Begriffen etwa die Kriegsverbrechen der USA im Irak und in Afghanistan als „Kampf gegen den Faschismus“ gefeiert werden können und neo-imperiale Angriffe als zivilisatorische Taten erschienen. Es sei wenig glaubwürdig, wenn der Westen verbal den Respekt vor Menschenrechten und Demokratie fordere, tatsächlich aber despotische, repressive und korrupte Regime in der arabischen Welt unterstütze, nachdem diese gerade demokratische Oppositionsbewegungen brutal vernichtet haben.

Das zweite Oberkapitel des Buches legt anhand von empirischen Daten dar, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland beziehungsweise in Europa einen realen Hintergrund hat und keine Einbildung ist. Hier kommt etwa Mario Peucker in seinem Beitrag auf eine Untersuchung zu sprechen, die die International Labour Organisation (ILO) in Nordrhein-Westfalen durchführen ließ: Zwei Test-Bewerber, beide männlich, im selben Alter, mit einwandfreier Beherrschung der deutschen Sprache und gleichen Qualifikationen, jedoch der eine mit türkischer und der andere mit deutscher Herkunft, bewarben sich auf 175 Stellenausschreibungen. 33 Mal wurde lediglich der „deutsche“ Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Zu einem ähnlich aussagekräftigen Ergebnis gelangte 2006 eine Forschergruppe der Universität Oldenburg, die Integrations- und Ausgrenzungsprozesse von türkischen Bewerbern untersuchte. Das Ergebnis: Zwar lehnten Personalentscheider die Beschäftigung von türkischen Migranten nicht grundsätzlich ab, sie nutzten aber sehr wohl ihre Handlungsspielräume zu ungunsten dieser Gruppe: „Bewerbern mit türkischem Hintergrund werden häufig negativ konnotierte Eigenschaften (zum Beispiel kein Interesse an Weiterbildung, mangelnde Arbeitsmoral, Unzuverlässigkeit) kollektiv zugeschrieben. Türkischen Männern wird etwa ‚machohaftes Auftreten‘ und ‚fehlende Teamfähigkeit‘ unterstellt; insbesondere als Verkäufer würde ihnen die ‚professionelle Demut‘ fehlen. Türkische Frauen, die ein Kopftuch tragen, sind in besonderem Maß mit diskriminierenden Barrieren konfrontiert. (…) Begründet werden diese Vorbehalte auf unterschiedliche Weise: Während einige Gatekeeper die Benachteiligung offen mit ihren persönlichen Antipathien begründen, erklären andere, dass sie ökonomische respektive soziale Probleme und Konflikte mit Dritten – seien es Kunden oder die eigenen Mitarbeiter – befürchten.“

Heiner Bielefeldt, Gründer des Insituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und bis vor kurzem Direktor des Deutschen Insttuts für Menschenrechte, befasst sich in seinem Beitrag sehr grundsätzlich mit dem gegenwärtigen Stand der sogenannten „Islamkritik“, deren Vertreter häufig behaupten, sie engagierten sich lediglich zugunsten von „Aufklärung“ und „Meinungsfreiheit“ gegen die herrschende „politische Korrektheit“. Dem hält Bielefeldt entgegen: „Eine Aufklärung ohne Sensorium für die Grunddifferenz zwischen Fairness und Unfairness beziehungsweise zwischen sachlich vertretbarer, womöglich auch provokativ zugespitzter Kritik und populistischer Diffamierung verkäme (…) zum Gestus des beherzten Tabubruchs.“ Er illustriert die in gewissen Kreisen beliebte „islamophobe Propagandaliteratur“ anhand den „monströsen Angstszenarien“ Udo Ulfkottes: „Unter Berufung auf amerkanische Quellen behauptet er, dass etwa im Jahre 2040 die Scharia in Europa eingeführt werde (…). Ulfkotte zitiert (ohne Distanzierung) einen amerikanischen Journalisten, der die angebliche Islamisierung Europas mit der Wirkung der Neutronenbombe vergleicht“ (bei dem Journalisten handelt es sich um Mark Steyn, der gerne auch von den nicht weniger phantasiebegabten Autoren des Weblogs „Achse des Guten“ zitiert wird). „Großen Zuspruch“, führt Bielefeldt weiter aus, „findet derzeit das Internetforum ‚Politically Incorrect‘, in dem apokalyptische Szenarien entwickelt werden und nicht selten blanker Hass gegenüber Muslimen zu Wort kommt.“ Im buchstäblichen Sinne fatal werde es, sobald die „taqiyya“ ins Feld geführt werde – eine, wie Ralph Giordano behaupte, „ausdrücklich religiös sanktionierte Erlaubnis zu Täuschung und Verstellung in der Auseinandersetzung mit Ungläubigen“. Bielefeldt erkennt zutreffend, wie destruktiv diese bei Giordano und anderen beliebte Taktik ist: „Muslimen (…) vorab eine gleichsam strukturelle Verlogenheit zu unterstellen, heißt demgegenüber, ihnen den Status als Teilnehmende am öffentlichen Diskurs, die wie alle anderen Anspruch auf Mitsprache und Gehör haben, pauschal abzusprechen. Wer im öffentlichen Meinungsstreit mit dem Vorwurf der ‚taqiyya‘ operiert, bahnt damit einer islamophoben Logik des Verdachts den Weg, aus der es, wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat, kein Entrinnen mehr gibt. Denn solcher Verdacht gründet sich nicht auf nachvollziehbare und gegebenenfalls auch widerlegbare Tatsachen, sondern auf die Zuschreibung einer in religiöser Mentalität verankerten prinzipiellen Unwahrhaftigkeit, die den Betroffenen von vorneherein jede Chance nimmt, sich überhaupt als vertrauenswürdige Gesprächspartner zu präsentieren.“

Dem Problem der gestörten Kommunikation widmet sich auch der Politikwissenschaftler Jochen Hippler in seinem Beitrag. Er weist darauf hin, dass umgekehrt auch westliche Dialogpartner für viele Menschen des Nahen und Mittleren Ostens bedrohlich erscheinen und die Erfahrungen von Kolonialismus, der Kriege und Besetzungen durch westliches Militär oder die Unterstützung von Diktatoren als Ausdruck von Gewaltsamkeit wahrgenommen werden. Umgekehrt dürften Gesprächspartner aus dem Nahen und Mittleren Osten nicht ignorieren, dass aus muslimischen Gesellschaften Gewalttäter wie Saddam Hussein und Osama bin Laden erwüchsen: „Gewalt ist ein gemeinsames Problem westlicher und muslimisch geprägter – und aller anderen – Gesellschaften.“ Auch nach dem in islamophoben Schriften vielgepriesenen Zeitalter der Aufklärung habe es „gesellschaftliche Monstren wie den Stalinismus, Kolonialismus, den wissenschaftlichen Rassismus und den Faschismus“ gegeben. Umgekehrt sei es ebenso nutzlos, „wenn Muslime reflexartig aus dem Islam beziehungsweise der muslimischen Geistestradition und Geschichte nur die Friedfertigkeit oder Verständigungsbereitschaft herauslesen wollen und dabei Unterdrückung, Brutalität und Gewalt systematisch übersehen.“ Dem unbenommen gebe es vielfach eine verzerrte Wahrnehmung der muslimischen Welt, wenn in vielen Kernbereichen komplett unterschiedliche Gesellschaften wie etwa die algerische, jemenitische, pakistanische und indonesische Gesellschaft allein als „die islamische Kultur“ wahrgenommen würden und man dabei vielleicht sogar Religion und Kultur vollständig miteinander verwechsle. Schließlich drücke auch etwa der deutsche Ausruf „Gott sei Dank“ nur selten tiefe Frömmigkeit aus. Hippler warnt in diesem Zusamenhang auch vor der beleibten Methode der Psychologisierung: „Was im Westen als ‚Machtpolitik‘ gilt, wird im Nahen und Mittleren Osten schnell zur ‚Verrücktheit‘, zur ‚Irrationalität“, zum ‚Größenwahn‘ gestempelt.“ Wenn amn zuletzt bedenke, dass auch im Westen nicht alle Menschen bedingungslose Vertreter der Menschenrechte und der Aufklärung seien, könne es ohnehin weniger um einen „Dialog“ zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“ gehen als vielmehr um einen Polilog vieler unterschiedlicher Seiten.

Einer der wenigen Beiträge des Buches, die kritisch zu beurteilen sind, ist Monika Schröttles Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund. Hier verweist Schröttle mehrfach darauf, dass häusliche Gewalt gegen Frauen auch in der westlichen Welt sehr häufig sei. So wie viele ihrer ideologischen Weggefährtinnen übergeht sie in ihrer einseitigen Wahrnehmung indes konsequent die mehreren hundert internationalen Studien, denen zufolge häusliche Gewalt in unserer Gesellschaft zu mindestens dem gleichen Ausmaß von Frauen ausgeht wie von Männern. (Einen sehr guten Überblick über den aktuellen Stand der Forschung bietet Bastian Schwithals Dissertation Weibliche Gewalt in Partnerschaften. Eine syntologische Untersuchung.) Als jemand, der sich in den letzten zehn Jahren schwerpunktmäßig mit diesem Thema in der Geschlechterdebatte beschäftigt hat, kenne ich zwar Untersuchungen zu diesem Thema bis hin zu Staaten wie Uganda, jedoch keine einzige aus der muslimischen Welt. Hier wäre es ehrlicher gewesen, wenn Schröttle sich auf den Standpunkt zurückgezogen hätte, dass man zu diesem Thema mangels entsprechender Forschung bislang so gut wie keine sinnvollen und belegbaren Aussagen treffen kann, statt weiter eine feministische Verlogenheit zu bedienen, die mittlerweile einen Großteil der öffentlichen Debatte über dieses Thema ruiniert hat.

Überraschend wenig überzeugend ist auch die Analyse, die der renommierte Sprachwissenschaftler Siegfried Jäger hinsichtlich des Karikaturenstreits in der deutschen Presse vornimmt. Hier gelangt Jäger immer wieder zu recht scharfen Urteilen wie „Rassismus“, ohne diese Urteile auch anhand von Beispielen nachvollziehbar zu belegen. Die Medienkritik des von Jäger gegründeten Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) habe ich aus den neunziger Jahren wesentlich besser in Erinnerung.

Das dritte Kapitel des vorliegenden Buches befasst sich sodann mit institutionalisierter Islamfeindlichkeit. Hier glänzt einmal mehr Sabine Schiffer mit ihrem Beitrag über „grenzenlosen Hass im Internet“, wozu sie eine ganze Flut von antiislamischen Websites ausgewertet hat. Die behandelte Liste zieht sich über drei Seiten und nennt neben „Politically Incorrect“ etwa die „Akte Islam“, Henryk Broders und Michael Mierschs „Achse des Guten“, das auch vom sogenannten „Perlentaucher“ gern zitierte Hetzblog „Lizas Welt“, Gideon Böss‘ „Fuchsbau“ sowie die Websites von Gudrun Eussner, Deus Vult, Honestly Concerned, Pro Köln, „Spirit of Entebbe“, die „Freunde der offenen Gesellschaft“ und viele andere, typischerweise miteinander vernetzten und verlinkten Seiten mehr. Anerkennenswert ist hier indes, dass Schiffer sich nicht nur auf diese Negativbeispiele verbaler Kriegsführung im Internet beschränkt, sondern auch aufklärerische Gegenblogs wie „Politisch korrekt“ nennt und das von Udo Ulfkotte mehr oder weniger aus dem Netz gekickte „Watchblog Islamophobie“, gegen dessen Betreiberin es immer noch einen Aufruf im Internet gibt, ihr mit Medikamenten versetztes Schweinefleisch zu schicken.

Bei ihrer Analyse gelangt Schiffer zu dem (für Kenner der Szene wenig überraschenden) Ergebnis, dass die in diesen Blogs typischerweise behandelten Meldungen über Muslime auf Berichte aus anderen Medien rekurrieren, also von einem „Aufdecken verschwiegener Fakten“ keine Rede sein könne. Was in diesen Blogs allerdings vielfach geschehe, sei eine hochselektive Auswahl dieser Meldungen, die durch rhetorische Mittel wie Übertreibung und Ironie drastisch überzeichnet würden. Kurz gesagt wird alles zusammengerafft, bei dem ein oder mehrere Muslime im Zusammenhang mit Problemen verschiedenster Art stehen und dieses dann derart zugespitzt, als stünde der Untergang Europas vor der Tür: ein Tummelplatz für Paranoiker und Hysteriker, der kontinuierlich zu rassistischen Ausfällen der Leser und Kommentatoren solcher Websites führt. Dass sich die Betreiber von Blogs wie „Politically Incorrect“ von diesen Kommentaren scheinbar distanzieren, indem sie darauf hinweisen, leider nicht alle Äußerungen überblicken zu können, erkennt Schiffer schon dadurch als bloße Schutzbehauptung, als sämtliche kritischen Kommentare gegenüber der Ideologie und Vorgehensweise der Blogbetreiber zügig aus den Kommentarspalten verschwinden.

Mit dem Pamphlet „Klarheit und gute Nachbarschaft“, mit dem sich jüngst die Evangelische Kirche in Deutschland gegenüber ihren muslimischen Gesprächspartnern im Ton vergriff, setzt sich der evangelische Theologe und Pfarrer Wolf-Dieter Just auseinander. Justs Analyse zufolge liegt das Problem dieser Schrift zuvorderst an ihrer inneren Widersprüchlichkeit zwischen den ersten Kapiteln, die „Klarheit“ schaffen sollen, jedoch in einem zum Teil harschen, zum Teil oberlehrerhaften Tonfall verfasst sind, und den letzten Kapiteln, die wesentlich versöhnlicher ausgerichtet sind. Besonders auffällig sei hier, dass diese Verlautbarung einen Schritt zurück gegenüber der EKD-Handreichung „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland. Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen“ aus dem Jahr 2000 darstelle. Offenbar blieb auch die evangelische Kirche von den seitdem verstärkt auftretenden islamophoben Diskursen nicht unberührt. So gebe es in der aktuelleren Schrift immer wieder Ermahnungen zur „Rechtstreue“ an die Adresse der Muslime, zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dabei insbesondere mit dem Thema Ehrenmorde. Den Balken im eigenen Auge sehen die Verfasser offenbar nicht: So erscheinen auch hier die mehr als hundert rassistisch motivierten Mordtaten in Deutschland als weniger diskussionswürdig und das Ausmaß an Blutopfern amerikanischer Aggressionspolitik und deren Unterstützung durch christliche Fundamentalisten bleibt unerwähnt. Die mangelnde ethische Integrität mancher evangelischer Kreise, das könnte man über Justs Text hinausgehend hinzufügen, wird aktuell in deren Zusammenarbeit mit Agitatoren wie Henryk Broder deutlich, die den Rechtsradikalen die passenden Stichwörter liefern.

Das vierte und letzte Kapitel des Buches schließlich befasst sich mit eben solchen Einzelpersonen, die in den letzten Jahren fleißig Ressentiments gegen Muslime geschürt haben. In diesem Kapitel sticht besonders positiv ein 30 Seiten umfassender Beitrag des Herausgebers Thorsten Gerald Schneiders heraus, mit dem sich eine längere Beschäftigung
lohnt.

Schneiders weist zunächst darauf hin, dass von den bekanntesten „Islamkritkern“ (also etwa Ralph Giordano, Alice Schwarzer, Henryk Broder, Leon de Winter usw.) niemand eine theologische oder islamwissenschaftliche Ausbildung besitzt oder auch nur durch die Beherrschung der arabischen Sprache aufgefallen wäre. „Bei ihnen allen gibt es außer ihrem mehr oder weniger plötzlich aufgekeimten persönlichen Interesse keine weitere ersichtliche Querverbindung zu der Thematik. Trotzdem äußert sich aber jeder einzelne von ihnen immer wieder zu dezidiert theologischen oder historischen Fragen der islamischen Geistesgeschichte.“ Untersuche man ihre Äußerungen zum Thema Islam genauer, stelle sich als zentrales Ergebnis heraus, dass darin „immer wieder die gleichen unsachlichen Argumente und fehlerhaften Beweisführungen auftauchen. (…) Um Ansichten zu verdeutlichen, werden Verallgemeinerungen getroffen, fragwürdige Vergleiche gezogen, Vorfälle aufgebauscht, kurz: Ängste geschürt. Zugleich versuchen sie, Menschen anderer Auffassungen zu diffamieren und der Lächerlichkeit preis zu geben. Ein beliebtes Instrument vieler so genannter Islamkritiker ist daher die Polemik.“

Vor diesem Hintergrund bezeichnet Schneiders die genannten Personen und ihre Geistesverwandten als „so genannte Islamkritiker“, die mit ihren unsachlichen Argumentationsstrategien offenkundig gerade nicht an einer objektiven und konstruktiven Kritik interessiert sind. Immer wieder erweise sich ihr Verhalten als nicht übereinstimmend mit der von ihnen vorgetragenen Absichtserklärung, etwa wenn Ralph Giordano immer wieder mit Inbrunst behaupte, er sei kein „Anti-Muslim-Guru“ und genauso häufig mit derselben Inbrunst töne: „Der Islam ist das Problem!“

Im weiteren Verlauf seines Beitrags liefert Schneiders eine fulminante und mit vielen Beispielen belegte Auflistung der polemischen Argumentationstechniken der geschilderten Personen. Dazu gehören:

– eine skandalisierende Aneinanderreihung von Negativbeispielen unter Auslassung alles Positiven und jeglicher Differenzierung (wie bei „Politically Incorrect“ und der „Akte Islam“);

– beleidigen, herabwürdigen und verspotten aller Menschen mit anderer Meinung (etwa wenn Broder einen Wissenschaftler als „promovierten Schwachkopf“ beschimpft, im Vergleich zu dem ein Kuhfladen noch als Pizza Margarita durchgehen könne, eine Transsexuelle damit anfeindet, dass sie nicht wisse, ob sie sich zum Pinkeln hinstellen oder hinhocken solle, oder wenn Broders Gefolgsleute auf „Politically Incorrect“ Muslime als „Muselpack“, „Drecksmoslems“, „Kameltreiber“, „Ziegenficker, „Schleierschlampen“ etc. beleidigen);

– das Verbreiten von Vorurteilen;

– Alarmismus, Dramatisierung und das Entwerfen fiktiver Bedrohungsszenarien, die den Einschätzungen seriöser Historiker und Kulturwissenschaftler entgegenstehen (immer wieder stehen „Eurabien“ und der Untergang des Abendlandes vor der Tür, etwa wenn Broder davon schwadroniert, dass wir „derzeit die letzten Tage Europas, das wir kennen“ erlebten, wenn sich Alice Schwarzer „Parallelen zu 1933“ aufdrängen oder Leon de Winter davon schreibt, dass sich „das Böse (…) über den gesamten Westen ausgebreitet hat“);

– der Verzicht auf Belege und Beweise, damit einhergehend die Simplifizierung von Sachverhalten (So verbreitet Broder in „Hurra, wir kapitulieren“ die Behauptung, es häuften sich Abmeldungen muslimischer Schüler vom Schwimm- und Sportunterricht. Belege liefert er nicht. Sobald „Die Zeit“ nachrecherchiert, stößt sie bundesweit nur auf einige wenige Einzelfälle. Trotzdem halte sich dieser Mythos hartnäckig bei den „Islamkritikern“ von Alice Schwarzer bis Necla Kelek, von Udo Ulfkotte bis Ralph Giordano);

– das Ausblenden von Ursachen (für das schlechte Abschneiden muslimischer Migranten in der Schule beispielsweise wird nur der Islam als Grund behauptet und die wesentlich naheliegenderen und auch wissenschaftlich ermittelten Ursachen ignoriert);

– pure Desinformation (So schildert Broder in seinem Buch „Hurra, wir kapitulieren“ zwei „spektakuläre“ Attacken von „arabischen“ Männern und Jugendlichen auf zwei „schwarze“ und einen „deutschen“ Schüler, um im nächsten Absatz die Gesamtzahl der gemeldeten Fälle von Gewalt an Berliner Schulen im Schuljahr 2004/2005 zu nennen: 849. Der Leser erfährt nicht, dass sich unter diese Zahl auch etliche Beleidigungen, Sachbeschädigungen und Nazi-Schmierereien subsumieren; er erfährt gleichfalls nicht, dass nur in 35,9 Prozent aller Fälle Personen nichtdeutscher Herkunft als Täter oder Opfer beteiligt waren, womit in Relation zur Gesamtzahl der Schüler nichtdeutsche Personen nur geringfügig überrepräsentiert sind. Beim von Broder als Beispiel geschilderten Delikt der Körperverletzung liegt der Anteil nichtdeutscher Schüler entgegen seiner Suggestion lediglich um 0,4 Prozent höher);

– eine Überhöhung der christlich-abendländischen Kultur (siehe Sprüche wie „Islam ist eine freiwillige Geisteskrankheit“ oder „Es ist müßig, sich mit dieser minderwertigen Kultur auseinanderzusetzen“ etc. auf Websites wie „Politically Incorrect“);

– der Aufruf dazu, „Klartext“ gegenüber Muslimen zu reden, weil alles andere ja nur eine übersteigerte Fremdenliebe sei, die auf einem Schuldkomplex wegen des Holocaust bzw. des Kolonialsimus beruhe;

– kontinuierliches Themenhopping (Schneiders veranschaulicht das großartig: „Bemerkenswert konfus führt Henryk Broder seine Leser in ‚Hurra, wir kapitulieren‘ durch den Text. Querbeet geht es mal um seine persönlichen Erfahrungen, dann um Jugendgewalt an deutschen Schulen, um den israelisch-palästinensischen Konflikt, um eine Episode in der US-Zeitschrift ‚The New Jew Review‘, um den Iran, die Krawalle in französischen Vorstädten, dann wieder um Gewalt an Berliner Schulen, um Kopftuch und Kippa, um Guantanamo, den Ölpreis oder um einen im Irak enthaupteten Geschäftsmann, um nur einige Themen zu nennen, die sämtlich unter dem Stichwort ‚Islam‘ subsumiert werden. Zwischendurch werden einzelne Medien, Politiker oder Persönlichkeiten wie Günter Grass, Uri Avneri, Peter Zadek oder Reinhard Mey verhöhnt.“ Prompt erhielt dieses wilde Sammelsurium von Gedankensplittern von der FAZ-Journalistin Johanna Adorjan eine vergleichbar irrwitzige Rezension: „Das Buch ist eine scharfsinnige Gesellschaftsanalyse, deren Argumentation so einleuchtend, so klar, konzise und gnadenlos zwingend ist, dass selbst ärgste ‚verfechter der Political Correctness‘ Probleme haben dürften, dagegen anzukommen. Sie werden versuchen, Broder Polemik vorzuwerfen“);

– Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen von subjektiven Erfahrungen (Dies wird Birgit Rommelspacher im folgenden Beitrag genauer ausführen: „Bei Ates sind es die Erfahrungen aus ihrer Anwaltspraxis mit Scheidungsfällen, Gewalt und Missbrauch in den Familien, bei Kelek ist es die Befragung von Männern in Gefängnissen, auf die sich ihre Aussagen im Wesentlichen stützen und bei Hirsi Ali ist es ihre Tätigkeit als Dolmetscherin in Frauenhäusern und Zufluchtswohnungen von misshandelten Frauen“);

– die Vermischung von Theologie und kulturellen Traditionen;

– die gegenseitige Aufwertung durch die eigenen Gewährsleute (Alice Schwarzer hält eine schwärmerische Laudatio auf Necla Kelek, Necla Kelek ihrerseits würdigt Schwarzer und hält eine Laudatio auf Henryk Broder, Henryk Broder würdigt Necla Kelek in seinem Blog, Leon de Winter ernennt Hirsi Ali zur Autorität und bezeichnet Broder als „einen der scharfsinnigsten Köpfe Deutschlands, Broder hatte zuvor eine Laudatio auf Leon de Winter gehalten, der wiederum von Giordano „hoch geschätzt“ wird usw. usf. Keiner erwartet bei diesen wechselseitigen Lobpreisungen, dass einer der Betreffenden auch wirklich Ahnung vom Thema hat, es handelt sich schlicht um eine Bruderschaft im Glauben);

– falsche Vergleiche (So wird das Kopftuch bei Alice Schwarzer zu einem neuen Judenstern, und gegen eine Gleichbehandlung von Kippa, Kruzifix und Kopftuch an öffentlichen Schulen argumentiert Broder so: „Es käme auch niemand auf die Idee, die synchrone Entwaffnung sowohl der Polizei wie der Unterwelt zu bannen, um fair zu allen zu sein und die Gefahr bewaffneter Auseinandersetzungen zu bannen“);

– Anachronismen (Textstücke aus dem Koran werden daraufhin kritisiert, dass sie nicht immer den neuzeitlichen Vorstellungen der Menschenrechte entsprechen);

– Auslandsvergleiche (Das demokratische Deutschland wird mit autoritären Staaten wie Saudi-Arabien verglichen, worauf absurde Forderungen folgen wie: Solange die so repressiv sind, gibt’s hier auch keine neuen Moscheen);

– Kollektivhaft (hierzu fragt Schneiders: „Wie wohl deutsche Protestanten reagierten, wenn man sie fragen würde, warum es das Christentum erlaube, dass Rachelle Shannon, Paul Hill und andere Abtreibungsgegner in den USA Bomben legen und Ärzte töten?“);

– die unbekümmerte Gleichsetzung von Islam, Islamismus und islamischem Fundamentalismus;

– Legendenbildung (Man denke hier an die von Broder verbreitete Falschbehauptung, wegen Muslimen müssten englische Banken Sparschweine entfernen, Ulfkottes Falschbehauptung, Muslime wetterten gegen Gipfelkreuze, oder den schon erwähnten Mythos, Muslime würden massenweise vom Schwimmuntericht abgemeldet, der zu folgendem wirren Statement Necla Keleks führte: „Wer schwimmen kann, kann sich im Notfall selbst über Wasser halten. Das sollen Mädchen und Frauen aber nicht, weil sie Teil einer Gemeinde sind, die über sie verfügt. Sie dürfen nicht schwimmen lernen oder können, weil sie dann vielleicht anfangen wegzuschwimmen …“).

„Unter dem Deckmantel legitimer Religionskritik werden zum Teil menschenverachtende Sichtweisen transportiert“ urteilt Schneiders schließlich in einem nach dieser Analyse wenig überraschenden Fazit seines Beitrags. Und er stellt die Frage, wieviel von berechtigter Islamkritik noch übrig bleibe, wenn sich ihre Protagonisten dabei vor allem solch fragwürdiger Techniken bedienten. Die Antwort liegt nahe: Während die „Islamkritiker“ eine Sachdebatte verlieren würden, sind ihre Manöver passgenau auf in der Bevölkerung bestehende Vorurteile und die aktuellen Medienmechanismen zugeschnitten.

Im darauf folgenden Beitrag analysiert die Psychologin Birgit Rommelspacher antimuslimische Positionen am Beispiel von Necla Kelek und Seyran Ates. Auch Rommelspacher kritisiert ein Ausrichten allein an solchen Informationen, die bereits in ein vorgefertigtes Wahrnehmungsraster („Der Islam ist das Problem!“) passen. So verweise Ates gerne auf eine Berliner Studie zu Intensivtätern, der zufolge die Gewalt von Jugendlichen mit Migrationshintergrund über der von deutschen Jugendlichen liege. Ates übergehe dabei jedoch, dass bei über 50 Prozent der Intensivtäter Flucht und Asyl als Migrationsgründe in Betracht kommen und somit der Einfluss brutalisierender und traumatisierender Erfahrungen aufgrund von Krieg und Flucht ebenso berücksichtigt werden müsse wie die ungewisse und oft hoffnungslose Lebenssituation als Flüchtling in Deutschland. Eine Häufung von Gewalt bei muslimischen Jugendlichen, die sich als religiös verstehen, im Vergleich zu denen, die das nicht tun, lasse sich hingegen gerade nicht feststellen. Jedoch sei bemerkenswert, dass die Gewalt bei Jugendlichen aus Einwandererfamilien wächst, je länger sie in Deutschland leben. Das gewaltfördernde Umfeld scheint mithin Deutschland darzustellen.

Das beliebte Vorurteil, „die wollen sich doch gar nicht integrieren“, sei jedenfalls auf der Basis tatsächlich durchgeführter Untersuchungen nicht haltbar. Beispielsweise zögen es die allermeisten Muslime vor, in einer gemischten Nachbarschaft mit Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft zu leben (in einer Gallup-Studie 71, in einer bundesrepublikanischen Untersuchung sogar 81 Prozent). Lediglich eine Minderheit von 15 Prozent, so die vom Bundesministerium des Inneren 2007 durchgeführte größte repräsentative Untersuchung über Muslime in Deutschland, bevorzuge eine Nachbarschaft mit Menschen der eigenen ethnischen und religiösen Herkunft. Die meisten Muslime setzen sich auch in ihrem Alltag aktiv für die Integration ein. So zeige eine umfassende Untersuchung zu Einwandererfamilien, dass die Integration in die Gesellschaft gerade auch bei türkischen Familien ein zentrales Erziehungsziel darstelle und ein starker Wunsch nach sozialem Aufstieg, Bildung und Integration existiere. Dem stehen Umfragen gegenüber, denen zufolge mehr als die Hälfte aller Deutschen Muslime ablehnend betrachten, knapp ein Viertel will, dass Muslimen der Zuzug nach Deutschland grundsätzlich untersagt werde, und diese Zahlen in den letzten Jahren sogar noch zunehmen. Auch wollen Muslime insgesamt mehr von Christen erfahren als Christen von Muslimen. Dieses Gefälle erkläre auch, warum Frauen wie Hirsi Ali, Necla Kelek und Seran Ates, die sich vorgeblich für Muslimas einsetzen, kaum Anhängerinnen in der muslimischen Bevölkerung haben, wohl aber von nicht-muslimischen Deutschen mit medialer Dauerpräsenz, öffentlicher Anerkennung und Ehrungen überhäuft werden.

Die von Ates, aber etwa auch Alice Schwarzer & Co, gerne vorgebrachte Behauptung, die Deutschen wären überfreundlich zu den Fremden und es gebe einen „Kniefall vor dem Islam“ löst bei Rommelspacher mit Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten nur Kopfschütteln aus: „Angesichts einer in Deutschland im europäischen Vergleich beispiellosen Gewalt gegenüber Fremden auf den Straßen, der in den letzten zehn Jahren mehr als hundert Menschen zum Opfer gefallen sind, angesichts der Tatsache, dass Deutschland in Europa (mit Österreich) die höchsten juristischen Hürden für die Einbürgerung eingerichtet hat und schließlich dass die deutsche Politik über 40 Jahre die faktische Einwanderung negiert hat, ist die Behauptung, die Deutschen seien übertrieben fremdenfreundlich, grotesk.“ Auch in der Gegenwart gebe es von denjenigen, die zu gerne mit ihrer Politik der Abschottung und Ausgrenzung fortfahren möchten, ein wahres mediales Trommelfeuer gegen „Multikulturalisten“, „Multikultifanatiker“ und wie immer die Beschimpfungen sonst noch lauten.

Von dem Islamwissenschaftler Martin Riexinger stammt der vorletzte Beitrag des Sammelbandes, überschrieben mit „Hans-Peter Raddatz: Islamkritiker und Geistesverwandter des Islamismus“. Riexinger stellt Raddatz zunächst als einen Autor vor, der vom rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim ebenso als Experte eingeladen wird wie sich das Blog „Politically Incorrect“, die antideutsche „Jungle World“ und Alice Schwarzer auf ihn berufen. Dabei fällt das wissenschaftliche Urteil über Raddatz Werke geradezu vernichtend aus: „Zahlreich sind die auf Unwissen und Schlamperei zurückzuführende Fehler“ berichtet Riexinger, was er mit so vielen Beispielen belegt, dass er diese Häufung zuletzt sogar als entlastend für Raddatz interpretiert: „Solche Fehler machen es schwierig nachzuweisen, dass andere Falschaussagen gezielt der Desinformation dienen.“

Was die von Raddatz vertretenen Feindbilder angeht, findet Riexinger seine Homophobie besonders auffällig (nicht zuletzt angesichts der positiven Aufnahme von Raddatz‘ Texten durch Alice Schwarzer). Riexinger führt dazu aus: „Nach Auffassung von Raddatz propagieren die westlichen Eliten nichtproduktive Formen der Sexualität, damit sich die angestammte Bevölkerung ’selbst verhütet bzw. abtreibt‘ (sic!). Daran anschließend werde die Einwanderung von Muslimen im ‚wohlverstandenen Interesse‘ propagiert“. Darwins Evolutionstheorie zerstöre Raddatz zufolge „die Vorstellung einer göttlich geordneten Natur, erkläre den Menschen zum Produkt des Zufalls, wodurch sie ihn seiner Gottebenbildlichkeit beraube, und sie legitimiere die Unterdrückung der Frau (…). Völlig konsequent geht er dabei jedoch nicht vor: Als Beleg für die angebliche Neigung der Muslime zum Vergewaltigen beruft er sich auf die evolutionstheoretischen Erklärungen des Soziobiologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt“.

Der Sammelband schließt mit dem Beitrag „Das halbierte Humanum. Wie Ralph Giordano zum Ausländerfeind wurde“ von Micha Brumlik, der zuletzt vor allem durch seine Tätigkeit als Direktor des Fritz Bauer Instituts, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, bekannt wurde. Brumlik zufolge konstruiert Giordano mit seinen Ausfällen gegen den Islam „auf seiner Suche nach Feinden einen inneren Feind gerade ebenso (…), wie der Historiker Heinrich von Treitschke seinerzeit die Juden als ‚Deutschlands Unglück‘ stigmatisiert hatte.“

Dabei stößt sich Brumlik daran, wenn Giordano beispielsweise gönnerhaft bekundet, dass es rein theoretisch einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus geben könne, sofort aber in Klammern „was viele Kenner bezweifeln“ hinzufügt. Hierzu führt Brumlik aus: „In der für diesen Autor typischen Weise, selbstbewusst unbelegte Behauptungen aufzustellen und ihre nicht bezweifelbare Wahrheit zu suggerieren, wird hier demagogisch eine falsche Annahme ins Spiel gebracht, die die Wahrnehmung der Leser auf ein Feindbild hintreibt. Tatsächlich jedoch handelt es sich um reinen Bluff: Giordano könnte keinen einzigen seriösen Autor und keine einzige seriöse Autorin benennen, die den Unterschied von Islam (im siebten Jahrhundert entstanden) und Islamismus (eine faschistoide, im zwanzigsten Jahrhundert entstandene Ideologie) einziehen würde. Henryk Broder und Leon de Winter, an die Giordano hier womöglich als ‚Kenner‘ denken mag, sind nämlich genau dies nicht: Kenner! (…) Weder können sie arabisch, noch haben sie Religionswissenschaften oder Theologie studiert – es handelt sich bei ihnen, ebenso wie bei Giordano selbst um meinungsfreudige Journalisten, die indes für nichts anderes bürgen als für ihre eigene Inszenierung.“ Damit bringt Brumlik die Verfasstheit der gegenwärtig in den Massenmedien vertretenen „Islamkritik“ mit wenigen Sätzen treffsicher auf den Punkt.

Auch in anderen Fällen weist Brumlik auf Giordanos Neigung hin, Behauptungen aufzustellen, die er durch keinerlei Belege deckt (etwa „Die stärksten Integrationshemmnisse kommen aus dem Integrationsreservoir selbst. Natürlich gibt es auch gelungene Beispiele von Integration, nur sind sie nicht exemplarisch.“) Hierzu stellt Brumlik fest: „Die Eitelkeit Giodanos wähnt ihn der selbstverständlichen Pflicht entheben zu können, Behauptungen belegen zu müssen. So wird der Aufklärer zum Stammtischpolitiker.“ Ob „die pathetische Solidarisierung mit Autorinnen wie Neca Kelek und Ayaan Hirsi Ali (…) den ungeheuerlichen und grundgesetzwidrigen Generalverdacht einer ganzen Bevölkerungsgruppe rechtfertigt, mag doch bezweifelt werden.“ Und auf Giordanos abenteuerliche Forderung, wenn die muslimische Minderheit ein friedliches Leben wolle, „wäre sie gut beraten, das unmissverständlich zu bekunden, und zwar sooft der Terror es erforderlich macht“, entgegnet Brumlik deutlich: „Der Status ‚wegen mangelnder Gegenbeweise gleichwohl verdächtig‘, den Giordano hier einzuführen versucht, war (…) schon immer Ausdruck einer illiberalen und als solche auch oft genug antisemitischen Haltung: Juden hatten sich immer wieder von Handlungen und Haltungen einzelner Jüdinnen oder Juden zu distanzieren und setzten sich genau deshalb einer Spirale weiterer Stigmatisierung aus. Der darin zum Ausdruck kommende zutiefst illiberale Duktus bricht sich schließlich in der Verabsolutierung einer eigenen Lebensform durch, die das Grundgesetz so nicht kennt und noch allemal Charakteristikum einer ethnozentrischen, wenn nicht rassistischen Rechten gewesen ist“ Dieser Vorwurf lasse sich auch nicht durch Beteuerungen Giordanos entkräften, er würde seinen türkischen Gemüsehändler jederzeit verteidigen, wie Brumlik weiter ausführt: „Wie das auch für Antisemiten typisch ist, die ja allesamt einen guten Juden kennen, kennt auch Giordano gute Muslime, die er schützen würde“.

Auch Giordanos verbales Eintreten für die „Unteilbarkeit der Humanitas“ überzeugt Brumlik nicht – weder vor dem Hintergrund von Giordanos Äußerungen über das muslimische „Integrationsreservoir“, noch angesichts Giordanos Unterstützung des völkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak bis ins Jahr 2007. „Zur unteilbaren Humanitas“, so Brumlik, „hätte zumindest gehört, dass er die hunderttausend Opfer des von den USA geführten Krieges und dessen Folgen wenigstens erwähnt hätte.“ So bleibt Brumlik für die bedenkliche Entwicklung, die Giordano in den letzten Jahren genommen hat, zuletzt ein Erklärungsversuch auf der Grundlage von Giordanos Lebensgeschichte: „Die Erfahrungen der NS-Verfolgung lassen sich im Fall Giordano offenbar nur dadurch ertragen, dass er diesen Feind immer weiter bekämpft, auch wenn er die Gestalt gewechselt hat. Derzeit hat er die Gestalt der Türken in Köln-Ehrenfeld angenommen.“

Schon anhand der von mir ausgewählten Beiträge dürfte klar geworden sein, dass es sich bei diesem Buch mit einem weiteren Juwel handelt, was die Auseinandersetzung mit der neuen Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und Europa angeht. Natürlich stellt sich auch hier wieder das Problem, dass ein Buch von integren und fachkundigen Autoren, das sicher keine Massenauflage erreicht, gegen die Äußerungen von Autoren antreten muss, die weder fachkundig, noch integer sind, dafür aber regelmäßig mit einem gigantischen Medienecho rechnen dürfen. Es bleibt die Zuversicht, dass dieses Buch von den richtigen Menschen gelesen wird und dass die darin zusammengetragenen Erkenntnisse auf vielfache Weise, vielleicht auch durch Rezensionen wie diese, zu einer fairen und sachgerechten Debatte beitragen.

Danke Arne für die freundliche Genehmigung

7 Comments

  1. @tischl

    Ja, ich kann Ihnen auch sagen, wer „vernünftige Islamkritik“ betreibt. Warten Sie auf den zweiten Teil des Buchs von Thorsten Gerald Schneiders. Es heißt „Islamverherrlichung – Wenn die Kritik zum Tabu wird“ und soll im Januar erscheinen. So weit mir bekannt ist, werden dort sehr rennomierte Autoren zeigen, wie man Islamkritik „politisch korrekt“ betreibt.

    Gruß
    Mo

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  2. @ Arne Hoffmann:

    Mich würde dann doch noch interessieren, welche Islamkritiker die Zustimmung von Herrn Hoffmann finden.

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  3. @nickpol:

    Respekt!
    Ich hatte nicht damit gerechnet, jemals eine ernsthafte Antwort auf meine Frage zu erhalten. Besten Dank!

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  4. @tischl,
    schwierig, aber ich versuche es mal.
    Als seriösen Islamkritiker würde ich Prof.Dr. Hartmut Bobzin von der Uni Erlangen einschätzen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Orientalische Philologie.
    Den hier rezensierten Thorsten Gerald Schneider, der ein Schüler Mohammed Kalischs in Münster war. Kalisch selbst sehe ich eben auch als seriösen Islamkritiker, dem auf Grund seines Zweifels an der Existenz Mohammeds erhebliche Schwierigkeiten entstanden sind.
    Darüber hinaus wäre noch Fatima Mernissi zu nennen, die sich insbsondere mit der Aufklärung um die patriarchalische Verfälschung des Korans verdient gemacht hat.
    Letztlich betreiben Broder et al keine Islamkritik, sondern Gesellschaftskritik.
    Wie gesagt, eine sehr schwierige Frage, die äußerst interessant ist, aber kurz nicht zu beantworten ist. Ich bleibe dran und vielleicht hat Arne ja auch noch ein paar Ideen.

    Und noch etwas, ich kann mich an eine Zeit in Deutschland erinnern, da waren die „Türken“, welche hier als „Gastarbeiter“ (Arbeitsmigranten) tätig waren eben Türken. Erst die säkulare Gesellschaft, mit ihren Medien, hat aus ihnen Muslime gemacht.

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  5. @ Arne Hoffmann:

    Es ist mir, nach Überfliegen des langen Artikels, klar geworden, wie man den Islam angeblich nicht kritisieren darf. Wieder werden die üblichen Verdächtigen genannt: Broder, Schwarzer, Raddatz und Giordano. Selbst die Argumente in den Büchern von Neca Kelek oder Ayaan Hirsi Ali sind ja inzwischen nicht mehr akzeptabel!

    Interessieren würde mich dann aber, wer kritisiert den Islam denn politisch korrekt? Hättest Du (oder auch jemand anders) vielleicht die Güte, mir die fünf wichtigsten seriösen Islamkritiker zu nennen, so dass ich mir ein Bild von einer Islamkritik, welche nicht islamfeindlich ist, machen kann?

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