Die degradierte Schöpfung


Differenziert. Lutz Wisotzki sieht keine Überschneidungen von Religion und Naturwissenschaft. Foto: M. Thomas
Differenziert. Lutz Wisotzki sieht keine Überschneidungen von Religion und Naturwissenschaft. Foto: M. Thomas

„Kein göttliches Prinzip“

Astrophysiker Lutz Wisotzki über den Urknall, das Rätsel der Dunklen Energie und die Rolle des Zufalls

Potsdamer Neueste Nachrichten

Herr Professor Wisotzki, lassen die Erkenntnisse Ihrer Forschungsarbeit als Astrophysiker Raum für einen göttlichen Schöpfer?

Es kommt darauf an, wie man den Schöpfungsakt versteht. Im Rahmen der heutigen Urknalltheorie ist das Universum aus einem heißen „Feuerball“ entstanden, und man könnte geneigt sein, den „Urknall“ selbst als den eigentlichen Schöpfungsakt zu bezeichnen. Das wäre ganz sicher nicht im Widerspruch zur Physik, die den Urknall selbst ja überhaupt nicht erfassen kann. Wir können zwar recht genau sagen, dass der Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren stattgefunden hat, aber dieser Zeitpunkt ergibt sich nur aus einer Extrapolation, also einer als Hochrechnung unserer physikalischen Gesetze, für die wir jedoch erst ab einem Zeitpunkt „kurz nach“ dem Urknall Gültigkeit beanspruchen können – wobei „kurz nach“ in diesem Fall einen winzigen Bruchteil einer Sekunde bedeutet.

Aber?

Ich möchte von der Vorstellung des Urknalls als dem einen göttlichen Schöpfungsakt abraten. Zwar können wir die Frage, ob es ein Vor-dem-Urknall gab, im Rahmen der heute etablierten Physik nicht beantworten. Es gibt aber spekulative Ansätze, die eine Beschreibung von Zuständen vor dem Urknall zulassen. Falls sich aus diesen Ansätzen einmal anerkannte Theorien entwickeln sollten, würde der „Schöpfungsakt“ des Urknalls zu einem Ereignis innerhalb eines größeren Ganzen degradiert.

Also ein Problem für die Religionen?

Nur dann, wenn das Verständnis von „Schöpfung“ unmittelbar auf die physische Welt bezogen wird. Ein Religionsverständnis, das diesen Anspruch nicht erhebt, wird sich auch nicht im Konflikt mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sehen.

Glauben Sie an Gott?

Nein. Ich glaube aber an die Gültigkeit bestimmter moralischer Prinzipien. Etwa, dass es so etwas wie einen freien Willen gibt, und dass man sich für sein Handeln vor allen anderen verantworten muss. Das leite ich nicht aus religiösen Grundsätzen her, ich vermute es auch nicht, sondern ich glaube, dass dem so ist. Glauben ist etwas anderes als Wissen.

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3 Comments

  1. Ein wahres Wort gelassen ausgesprochen:

    Nur dann, wenn das Verständnis von „Schöpfung“ unmittelbar auf die physische Welt bezogen wird. Ein Religionsverständnis, das diesen Anspruch nicht erhebt, wird sich auch nicht im Konflikt mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sehen.

    Ein Religionsverständnis, das keinen Anspruch darauf erhebt, sich auf die physische Realität (welche eigentlich sonst?) zu beziehen, überschneidet sich natürlich nicht mit der Realität, welche die Wissenschaft versucht zu beschreiben.
    Allerdings versuchen doch alle, ausnahmslos alle, Religionen sehr wohl Einfluss auf die physische Realität zu nehmen indem sie einem vorschreiben, was man zu denken bzw. zu glauben (Orthodoxie) und zu tun und zu lassen (Orthopraxie) hat.
    Je älter (und weiser?? 😉 ) ich werde, desto grösser wird mein Unverständnis denjenigen gegenüber, die an diesen „übernatürlichen“ Quatsch glauben; das geht teils bei mir so weit, dass ich solche Leute nicht ernst nehmen kann (zumindest wenn deren „Glaube“ sich auf deren und damit mein Leben auswirkt). Deppen.

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