Eminenzbasierter Mummenschanz an der Uni Magdeburg


Quelle: wikimedia.commons
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Esowatch.com

Rund tausend homöopathische Ärzte gibt es in der Bundesrepublik. Mehrere tausend deutscher Mediziner verordnen von Fall zu Fall homöopathische Heilmittel, ohne speziell darauf eingeschworen zu sein. An den Universitäten indes ist die Homöopathie nicht vertreten. Bei Hochschulmedizinern stößt sie auf eisige Ablehnung. Die Homöopathie, betonen Professoren immer wieder, entbehre jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Über eineinhalb Jahrhunderte währt nun schon der Streit zwischen den Vertretern der Medizin, wie sie an den Hochschulen gelehrt wird, und den Homöopathen. Zweifellos haben die Hochschulmediziner recht, wenn sie ihre homöopathischen Kollegen der Unwissenschaftlichkeit zeihen. Dem Renommee, das Homöopathen im Volk genießen, hat dieser Vorwurf jedoch keinen Abbruch getan….

Quelle: Die Zeit „Der Arzt steckt im Fläschchen“

Die Homöopathie ist interessant- allerdings nur als gesellschaftliches Phänomen, nicht als Therapie. Der Bericht über diesen Kongress stammt aus dem Jahr 1967, er ist 42 Jahre alt. Schon damals wusste man, dass bei der klassischen Homöopathie nichts wirkt. Was hat sich geändert?

Nun ja, damals redete man sich über kybernetische Schwurbeleien, die ja eventuell irgendwelche Effekte auslösen könnten, um die Erklärung herum. Heute sollen Quantenmechanik und Wassergedächtnis das Hintertürchen offenhalten, dass da eventuell doch noch was dran sein könnte. Die pseudowissenschaftlichen Ausreden der Quacksalber unterliegen auch Moden und sind Kinder ihrer Zeit.

Heute hat der DZVHÄ 4.000 Mitglieder und die Carstens-Stiftung hat es mit Geld geschafft, eine Professur an der Charité einzurichten. Man will an die Universitäten. Zum einen um der Bevölkerung, die nach wie vor über die wirklichen (Ab-)Gründe der Homöopathie uninformiert ist, suggerieren zu können, hinter der Homöopathie stehe auch die Wissenschaft. Zum anderen, um neue Anwender bzw. Anhänger unter Akademikern zu finden. Den Homöopathen reicht es nicht, gesellschaftsfähig geworden zu sein, man will universitätsfähig erscheinen.

In Magdeburg können bald Ärzte und Apotheker einen Masterabschluss in Homöopathie machen. Die Magdeburger Uni hat sich nach Otto von Guericke, dem Entdecker des wissenschaftlichen Nichts, dem Vakuum, benannt. Er lebte von 1602 bis 1686 und brachte mit seinen Arbeiten die Wissenschaft seiner Zeit voran. Mit dem berühmten Experiment der Magdeburger Halbkugeln bewies er die Existenz der Erdatmosphäre und widerlegte eindrucksvoll den Gedanken des Horror vacui, die sogenannte Abscheu der Natur vor der Leere.

Homöopathen hingegen fürchten das Vakuum nicht. Weder als angebliches Heilmittel, noch in den Löchern ihrer Argumentation. Dass sich allerdings eine deutsche Universität der Unwissenschaftlichkeit derart weit öffnet, ohne dass ein Schrei durch die Gemeinschaft der dort arbeitenden Mediziner und Naturwissenschaftler geht, wirft einen bedenklichen Schatten auf die wissenschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung nicht nur der Universitätsleitung.

Man schafft allen Ernstes einen Masterstudiengang Homöopathie. Dieser Kniefall vor dem Zeitgeist ist einer Universität unwürdig. Was will man überhaupt lehren? Es gibt so viele Homöopathien, wie es Homöopathen gibt. Jeder saugt sich einen anderen Blödsinn aus den Fingern. Wie sollen solche Sachen denn universitär geprüft werden? Was ist, wenn ein Prüfling auf die Frage: „Auf welchem Prinzip beruht die homöopathische Heilung?“ mit „Plazeboeffekt“ antwortet? Wird das dann als Fehler gewertet? Was passiert, wenn dieser Prüfling dann eine Nachkorrektur fordert und die Frage mit dem Stand der Wissenschaft verglichen wird? Die Antwort wäre ja korrekt. Oder machen bei diesem eminenzbasierten MummenschanzTM (EBM für Ignoranten) alle stillschweigend mit, weil niemand sehen will, dass der Kaiser nackt ist?

Die Motive der Homöopathen und ihrer Verbände sowie der sie unterstützenden Stiftungen sind klar. Man will nicht nur Duldung des Unfugs, sondern Akzeptanz. Was aber kann eine Universität treiben, so etwas unter ihrem Dach zu dulden? Ist man der Meinung, die Alma mater könne auch diesen Wechselbalg nähren, ohne dass es auffalle? Wissenschaft und Aberglaube friedlich vereint in Magdeburg? Magdeburg als „Leuchtturm-Universität“ des Wissenschaftspluralismus? Will man wirklich so weit zurückfallen? Anscheinend schon, denn ein Teil der Verantwortlichen ist offenkundig nicht im Bilde, was das wirklich heißt, einem weiteren Teil ist es egal.

Es gibt sehr viele Dummheiten. Öffnet man der einen Dummheit die Tür, kann man die andere schlecht abweisen, denn das Instrument der Zurückweisung der Dummheit, die wissenschaftliche Methode, wird unscharf, wenn man Exklaven der Aberglaubens schafft. Solch ein Ort entsteht jetzt in Magdeburg: Ein Ort der Unwissenschaftlichkeit.

Das zeigt weitere Möglichkeiten für die Zukunft auf: Jede Menge anderer unwirksamer Methoden, für die man offen sein und mit denen man die Wochenenden verplempern kann: esowatch.com: Kategorie Pseudomedizin. Diese Liste ist übrigens keineswegs vollständig, es gibt schließlich mindestens zwei Sachen, die unendlich sind. Das genaue Einstein-Zitat verkneifen wir uns aber lieber, wir sind ja keine Homöopathen.

Diese Öffnung für Aberglauben wirkt aber auch in die Gesellschaft zurück: Man entwertet Wissenschaft, wenn man Orte schafft, wohin ihr klarer und scharfer Wind nicht wehen darf. Wissenschaft, die davon lebt, immer besser und genauer zu werden, wo das Argument und der Beweis zählen, nicht die Person, wird für den Bürger auf eine Stufe gestellt mit den Hirngespinsten eines Mannes vor 200 Jahren, die nicht überprüft und verworfen werden dürfen. Wie will man die Begehrlichkeiten der Homöopathen, die ganz sicher nach den Speckgürteln der privat Versicherten auch an die Fleischtöpfe der gesetzlichen Krankenversicherungen wollen, zurückweisen, wenn „sogar Ärzte und Apotheker das an der Universität lernen“? Schließlich sind solche Entscheidungen nicht nur rationale, sondern auch politische und nicht wenige Politiker beugen sich dem Diktat der Unvernunft, wenn es nur Stimmen bringt.

Die Geschichte der Homöopathie in Deutschland ist ein Lehrstück über die Neigung des Menschen zum Aberglauben, geschickte Lobbyarbeit und ein Paradebeispiel für Cargo-Cult-Science, wenn man sich die unzähligen Studien anschaut, die immer wieder die nicht vorhandene Wirksamkeit oberhalb des Plazeboeffektes herbeizaubern sollen.

Sie ist aber auch ein Lehrstück darüber, dass aus der Gleichgültigkeit derer, die es besser wissen, und aus der intellektuellen Kleinstaaterei mancher resultieren kann, dass Rückschritt und Aberglaube immer weiter Fuß fassen. Homöopathie ist nicht demokratisch und sie beugt sich auch nicht dem besseren Argument. 200 Jahre Homöopathiegeschichte zeigen das. Homöopathie ist ein Glaube. Magdeburg reicht diesem Glauben jetzt den weißen Kittel.

4 Comments

  1. @ Max Headroom

    Ich glaube, ich bin mir der Problematik bewusst … aber:

    „Murus berlinensis“ D irgendwas

    war für mich dann doch der realexistierende Wahnsinn … du siehst es dem Wahlberliner nach, wenn er noch mal Ulbricht zitiert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu schlucken …“

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  2. @Andreas Lichte

    Hallöchen Andreas. Wenn die Mauer das einzigste wäre …
    http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2008/06/medikamente-aus-hundekot.php

    Folgendes kann man als Globuli erwerben:

    Feuer: http://www.remedia.at/homoeopathie/Feuer.html?arzneinr=2547
    Mondstrahlen: http://www.remedia.at/homoeopathie/Luna.html?arzneinr=3063
    Handystrahlung: http://www.remedia.at/homoeopathie/Handy.html?arzneinr=5275

    Und der liebling des Autors Eintausend D-Mark, in Pillen gepresst:
    http://www.remedia.at/homoeopathie/Eintausend+DM.html?arzneinr=833

    Die Mauer hat zumindest noch einen kulturellen Wert zu bieten.
    Das wundervolle ist, dass wir dies noch „wissenschaftlich“ untersuchen und erforschen können. Und dank der Uni Magdeburg gibt es sogar ein Masterstudiengang zu den Schüttelverdünnplacebos. Man kann sich die Arbeit aber auch sparen und einfach Leitungswasser auf den Kügelchen tropfen, haben aber möglicherweise wegen der „Inhaltsstoffe“ und der „geprägten Struktur“ aus dem Klärwerk möglicherweise Nebenwirkungen 😉 .

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