Anstieg der Kirchenaustritte


Nicht von ungefähr halten die deutschen Großkirchen mit der Statistik ihrer Mitglieder-Entwicklung zumeist hinter dem Berg. Denn sie ist selten schmeichelhaft. Dank einer Initiative des Evangelischen Nachrichtenagentur idea gibt es nun aktuelle Zahlen für das Jahr 2008.

Im Verlauf des letzten Jahres haben laut dieser Statistiken insgesamt 290.056 Deutsche die Mitgliedschaft in der evangelischen oder der römisch-katholischen Kirche aufgekündigt. Prozentual sind das 29,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Bei den evangelischen Landeskirchen traten 168.901 Kirchensteuerzahler aus, was einer Steigerung gegenüber 2007 von 29,6 Prozent entspricht. Diese Zahlen errechnen sich aus den Einzelergebnissen einer Umfrage der Nachrichtenagentur idea. Für die katholische Kirche in Deutschland ergaben die Austritte eine ähnlich drastische Steigerung um 29,3 Prozent auf 121.155 Personen. Diese Zahl wird auch bei kirchenaustritt.de angegeben.

Erklärlich ist diese Entwicklung nicht zuletzt aus der Finanz-Wirtschaftskrise. Das belegen die Resultate einer Längsschnitt-Studie des Religionssoziologen Prof. Detlef Pollack (Uni Münster). Viele der Ausgetretenen versuchen der Kirchensteuer zu entgehen. Wer hätte das nun erwartet?

Verschlechterungen in der wirtschaftlichen Lage schlügen sich sichtbar in Austrittsanstiegen nieder, sagt Pollack. Das zeige sich besonders deutlich an den steilen Anstiegen im Kontext des sogenannten Solidaritätszuschlags von 1992 oder beim Konjunkturzuschlag zu Anfang der 70er Jahre.

Daneben räumt der Sozialwissenschaftler ein, spielte aber eben auch die gestiegene Abkehr von Religionsbindungen eine gr0ße Rolle. Laut der Statistiken sind bei den Kirchenflüchtigen Besserverdiener, Stadtbewohner und Männer überrepräsentiert.

Der Mitgliederschwund der Kirchen entpricht der These von der „religiös erkalteten Gesllschaft“. Der Anteil der Nichtreligiösen nimmt – in Europa – zu.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass eine Suche nach „Austritte“ auf der Website des Evangelischen Pressediensts (epd) als neuesten Text den Jubel-Artikel „Kirchenaustritte im Rheinland auf niedrigstem Stand seit 1980“ vom März 2006 erbringt. Tendenz also, sich Mut zuzufächeln, statt die Wirklichkeit an sich heranzulassen.

Der deutsche Staat erschwert die Kirchenaustritte mittlerweile fast flächendeckend mit unverhältnismäßig hohen Verwaltungs-Gebühren. Das sind meist rund 50 Euro, die selbst von Hartz4-Beziehern, die sich sowas gar nicht leisten können, verlangt werden. Überall wo die CDU an die Landesregierung  kam, wurde meist bald solche „Abschreck-Abzocke“ eingeführt.

Laut Pressemitteilung vom 13.10.2009 ist die vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) unterstützte Beschwerde gegen die Kirchenaustrittsgebühr beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als unzulässig zurückgewiesen worden. Enttäuschend, dass die Beschwerde gegen die Austrittsgebühr ohne weitere Begründung verworfen wurde.

„Es bleibt aus unserer Sicht inakzeptabel, dass der Staat den Austritt aus der Kirche mit einer Gebühr erschwert, während der Eintritt kostenfrei ist,“ monierte der IBKA-Vorsitzende.

Zum Schluss noch ein kurioses Urteil der deutschen Sozialgerichtsbarkeit. Wer aus der Kirche austritt und deshalb von seinem kirchlichen Arbeitgeber gekündigt wird, braucht keine „Sperrzeit“ hinzunehmen. Das Urteil des Sozialgerichts Mainz ist am 3. September 2009 vor dem Bundessozialgericht (BSG) in Kassel rechtskräftig geworden.

Weil die Bundesagentur für Arbeit (BA) während der Verhandlung ihre Berufung gegen die erstinstanzliche Entscheidung zurückzog, mussten Deutschlands oberste Sozialrichter kein eigenes Urteil mehr verkünden (Az. B 11a AL 63/06 R (BSG); S 13 AL 545/03 (SG Mainz)). Diese Bequem-Praxis der Justiz ist fies zu nennen, denn man hätte ein vernunftgemäßes BSG-Urteil gut brauchen können.