Religion und deutscher ISAF-Einsatz


ISAF-Logo; Schrift in Dari: کمک او همکاری (Komak wa Hamkari), dt.: „Hilfe und Kooperation“. Quelle: Wikipedia
ISAF-Logo; Schrift in Dari: کمک او همکاری (Komak wa Hamkari), dt.: „Hilfe und Kooperation“. Quelle: Wikipedia

Von Kuro SawaiBrights Marburg

Auf der Frankfurter Buchmesse hat es zur Vorstellung von zwei neuen Büchern zur Bundeswehr in Afghanistan einen promotiven Live-Talk gegeben. Dabei hat der Politologe Herfried Münkler ein paar Aussagen gemacht, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.

“Und ja, wir sind eine religiös erkaltete Gesellschaft. Und da Religion ja gewissermaßen der Generator von Opferbereitschaft ist, fehlt da auch was. So müsste man das also in anderer Weise in unsere Gesellschaft kommunizieren. Aber wenn man das kommuniziert, so fürchtet jedenfalls die politische Elite, dann wächst der Widerstand in der Gesellschaft.” (Deutschlandradio Kultur vom  18.10.2009)

Na, ist das nicht toll, wie dieser Kriegs-Wissenschaftler Zweck und Mittel benennt. Religion ist in dieser instrumentellen Logik dazu da, bei den Betroffenen den Selbsterhaltungstrieb und das eigene Denken zu betäuben.

Anstelle von Vernunftentscheidungen und der Fähigkeit, rechtzeitig NEIN zu sagen, bekommt man – so ist die Tradition der Allianz von Thron und Altar – Opfermut und die Tröstung mit dem “Lohn im Himmel”.

Tja, es kommt nicht von ungefähr, wenn die Kirchen von ihren Hauptamtlichen als “Hirten” sprechen. Das Gros der Gläubigen gilt in dieser Traditionslinie als “Schafe”. Häufig wird verniedlichend sogar von “Schäflein” gesprochen. Romantischen Gemütern mag das so gefallen.

Wen wundert’s, dass auch andere “Herrenmenschen”-Ideologen – wie z.B. die Militärs – die Menschen gerne so gehorsam und zu allem bereit vorfänden. Doch leider, leider sind wir tatsächlich “eine religiös erkaltete Gesellschaft”. Daher sind die konditionierten Reflexe der Jenseitsgläubigen nicht mehr gar so verbreitet abrufbar.

Sich in den Krieg schicken zu lassen, versteht sich heute keineswegs mehr von selbst. Und doch geschieht das bei Christen massenhaft, obwohl zugleich unter Christen so viele subjektive, machtlose Pazifisten zu finden sind. Könnte es sein, dass Religion das eigenständige Denken, Ich-Stärke und das “Aus-der-Reihe-Tanzen” verpönt?

Man sollte sich ab und zu klar machen, wie eng die Bereitschaft zum Krieg und Religion miteinander verbandelt sind.

7 Comments

  1. Lesevermögen und Textständnis könnten schon helfen, den Verwirrnissen des Diskutanten „sam“ abzuhelfen. In meinem Artikel wird nirgends eingedroschen und schon gar nicht reflexartig. Auch wäre es wünschenswert, nicht zu offensichtlich inkorrekten Zitaten und Unterstellungen seine Zuflucht zu nehmen. Von „Herdenvieh“ war bei mir nirgends die Rede. „Schaf“ ist eine Metapher.

    Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich keineswegs eine „Exegese“ des Herfried Münklers geschrieben habe. Vielmehr habe ich seine von mir sauber zitierten Aussagen zum Ausgangspunkt eigener Gedanken genommen.

    Nebenbei bemerkt haben die Vorgänger der Theologen, die „Schriftgelehrten“ oder „Exegeten“ der Bibel – besser bekannt als „Pharisäer“ – ohnehin einen sehr ruinierten Ruf.

    Mein kleiner Essay greift Münklers Aussage lediglich auf, um den Zusammenhang zwischen „christlicher Erziehung“ und Vernunftferne sowie Ich-Schwäche der dieser als Heranwachsende Ausgesetzten in den Blick zu nehmen.

    Das vordergründige Motiv für Bundeswehr-Angehörige, nach Aghanistan zu gehen, ist die relativ gute Bezahlung, nicht die Religion. Aber gerade ihr Glauben behindert das scharfe Nachdenken darüber, was sie dort riskieren, ihr Leben(sglück) und ihre Gesundheit.

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  2. Das reflexartige Eindreschen auf „die Religion“, die „das Herdenvieh“ in den Krieg schicken würde, ist sehr billig. Ich würde nur darum bitten, die Aussagen von Herrn Münkler einmal richtig nachzulesen. Es geht ihm ganz sicher nicht darum, irgendwelche Menschen vom Denken abzuhalten oder dazu zu verführen im Namen Gottes ihr Leben für wen auch immer zu opfern. Es geht einzig um die Frage, wie wird in unserer heutigen Gesellschaft ein Krieg begründet, in dem u.U. Menschen ihr Leben lassen müssen. Münkler spricht von den Schwierigkeiten, die der Politik erwachsen, wenn sie nicht mehr auf eine (religiös begründete) Opferbereitschaft zurückgreifen kann. Es ist abstrus zu behaupten, er wolle mit Hilfe von Religion Menschen betäuben.

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  3. Und ja, wir sind eine religiös erkaltete Gesellschaft. Und da Religion ja gewissermaßen der Generator von Opferbereitschaft ist, fehlt da auch was. So müsste man das also in anderer Weise in unsere Gesellschaft kommunizieren. Aber wenn man das kommuniziert, so fürchtet jedenfalls die politische Elite, dann wächst der Widerstand in der Gesellschaft.

    Autsch ! Das ist tatsächlich ein großer JHWH-Fauxpas gewesen. Da hat unser Geisterboss wohl auf das falsche Pferd gesetzt 😉 . In der Religion (Christentum, Buddhismus, Taoismus, Islam, …) wird der Grund, der „Generator“ der Opferbereitschaft gesehen. Ohne ein überirdisches Wesen wäre Homo sapiens wohl nicht fähig, sich oder seine Arbeit zu opfern. Naja, der Altruismus ist zwar nicht aus einer (oder mehreren) Religion(en) ableitbar, doch das wollen wir mal schnell beiseite kehren.

    Ja, wir sind eine „religiös erkaltete“ Gesellschaft. Wir singen keine Kirchenlieder, wärend wir in andere Länder die Häuser anzünden und „göttlichen Frieden“ stiften. Wir nehmen nicht mehr Weihwasser mit, um Ausländer zum Christentum zu bekehren. Und wir wagen es auch noch, uns mit bedruckten Bussen sehen zu lassen. Dies wird auch noch im TV gezeigt (!) und von vielen Menschen positiv aufgenommen 😉 . Der Geisterglaube friert langsam ein. Je mehr „Wissen“ diese Welt empfängt, dest kälter werden die Menschenherzen und desto unreligiöser wird die Gesellschaft. Oder sagen wir mal besser … desto kleiner wird der Einfluß der bekannten „Großreligionen“ wie das Christentum oder der Islam. Denn der Mensch wird weiterhin nach „Sinn“ und „Ordnung“ ausschau halten, und sich ggf. anderen Formen der Orientierung widmen. Ob es nun kleinere (Frei-)Kirchen, Sekten oder Comicbücher sind, unterliegt dem Willen des Suchenden. Aber in dieser „religiös erkalteten Welt“ werden einem keine Glaubensnormen aus dem Haus der lustigen Hütchen mehr aufgezwungen. Das heisse Eisen der Inquisition ist tatsächlich erkaltet 😛 .

    Aber … die Opferbereitschaft ist noch sehr sehr tief in unserem Wesen verankert. Ob es nun durch jahrhunderte der Christenmachtausübung oder durch die Einpflanzung eines Opfersamens einer Gottheit geschehen ist, kann ich nicht untersuchen. Aber irgendwie soll unsere Gesellschaft ja opferbereit sein… von Grunde her. Also muss in unserer kalten und ungöttlichen Welt diese Bereitschaft sich zu Opfern weiterhin einen „Sinn“ ergeben. Irgendwoher müssen die Streicheleinheiten für die „Opferbereitschaft“ (=mit offenen Augen in den Tod laufen) nun herkommen.

    Ist dies die Kommunikation, die man vorzieht ? Stehen hier gute „gottgerechte“ Mörder die sich aufopfern auf der einen Seite und böse „satanistische“ Dunkelmänner auf der anderen Seite, die uns die Hölle heissmachen ? Mit welchen Farben soll das Bild der ISAF-Einsätze nun gezeichnen werden ? Den humanitären Farben ? Den religiösen Farben ? Und auf welcher Seite stehen denn die Kirchen und die anderen Geistervereine, die feucht-fröhlich „Militärseelsorger“ in solche „Opferinstitutionen“ verschickt ? Sind sie nun auf der Seite der gottgesfürchtigen und opferbereiten ISAF-Mitglieder, oder vielleicht doch auf der Seite der schwächeren und hilfsbedürftigen … äh … Opfer dieser Taten ? Und was sagt Allah bzw. JHWH dazu ? Laut der Bibel wird ja einerseits die Opferbereitschaft gewürdigt und man zeigt oft genug den Weg, den ein opferbereiter und gottesfürchtiger Mensch zu gehen hat. Die Belohnung erfolgt durch JHWH/Allah irgendwann im Paradies, denn das Diesseits ist nur Mittel zum Zweck. Andererseits aber wird das Handeln gegen un-/fremdgläubige im Diesseits forciert, weil ggf. ein „böser Einfluß“ von Außen gefürchtet wird, bis hin zur Abkehr der (einen/bestimmten) Religion… oder gar die Erstärkung konkurrierender Gottheiten aus anderen Religionen.

    Wir opfern uns gerne. Wir sind eine opferbereite Gesellschaft. Aus religiösen Gründen. Und da wir ja im Laufe der Zeit langsam vom Glauben abkommen, verschwindet auch diese Bereitschaft sich zu opfern immer mehr. Tja… welcher Bibelspruch wird eines Tages wohl die Einsätze begleiten, wenn wir regelrecht zu unreligiösen Eisblöcken erstarrt sind 😉 .

    Zur Zeit können sich Kirche und Militär weiterhin die Klinke reichen. Der Einfluß der Geisterkräfte führt zu „chritlichen“ Einsätze, und zu reaktionären „Jihad“-Attacken. Natürlich jeweils von der geistlichen Seite abgesegnet und begleitet. Wärend die Oberen in den Thronsälen dieser Welt ihre „Risiko“-Spielsteine bewegen, müssen die „normalen“ Menschen dies ausbaden. Sie sind es, die dann auf die Straße gehen und lauthals ihren Protest ausschreien. Es sind die Schafe bzw. die Schäfchen, die die Last zu tragen haben. Die Hirten hingegen, die kleiden sich, setzen sich ein Hütchen auf oder ein Kreuz um, und schon wird ihre Handlung als „besonders“ gewürdigt. Schon bekommt die Abschlachtung einen Sinn. Für die Christen ist es das sich Opfern. Und für die anderen dieser Welt ist es der Kampf gegen den „Unglauben“, gegen den „Westen“ oder gegen alles, was irgendwie stört. Wer auch immer siegen wird… die „Siegerreligion“ wird sich über den erbeuteten Glaubenskuchen freuen. Das hat sie seit anbeginn schon getan, seit der erste Mensch seinen „andersgläubigen“ Nachbarn erschlagen hat. Oder sollte man lieber sagen … seit er seinen andersgläubigen Nachbarn für einen guten religiösen Zweck geopfert hat ?

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