Streit um Darwin


Kreationismus und Szientismus aus biologischer, wissenschaftstheoretischer und theologischer Sicht

Öffentliche Tagung im Audimax der Humboldt-Universität

Samstag, 14.11.2009, freier Eintritt

Eine Veranstaltung des Museums für Naturkunde Berlin, gefördert von Leibniz-Institut für Evolutions-und Biodiversitätsforschung der Friedrich Stiftung. In Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin. An der Humboldt-Universität zu Berlin

„Geht es in der Welt mit rechten Dingen zu?“

Der methodische Naturalismus ist die Grundlage für die modernen Naturwissenschaften. Unter Verwendung minimaler metaphysischer Annahmen und der Hypothese maximalen Realismus, versuchen Naturwissenschaften möglichst transparent den evolutionären Charakter der Natur zu erklären. Mithilfe einiger Sparsamkeitsprinzipien und der strikten Anwendung des kritischen Rationalismus hat sich damit ein für alle zugängliches Programm entwickelt, das sowohl die Entwicklung des Kosmos als Ganzes als auch seiner Teilbereiche immer besser und besser versteht.

Harald Lesch ist seit 1995 Professor für theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und unterrichtet Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Einer breiten Öffentlichkeit ist er durch die Moderation der ZDF-Wissensreihe »Abenteuer Forschung« und der BR-Sendereihe alpha-Centauri bekannt. Prof. Lesch ist Autor zahlreicher Bücher und wurde vielfach für seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit ausgezeichnet.

Prof.Dr.Harald Lesch, Einführungsvortrag 10.15 –11.00 Uhr

„Unser Menschenbild heute“

Die biologische Revolution des 19. Jahrhunderts hat unser Menschenbild tief erschüttert. Der Mensch steht nicht länger frei über der Natur, sondern er ist ein Teil von ihr. Und die Geschichte des Menschen und seiner Psyche muss von der Bakterie an aufwärts erzählt werden. Doch lässt sich all unser menschliches Verhalten rein naturwissenschaftlich erklären? In welchem Verhältnis stehen Physis und Psyche, Biologie und Kultur? Auch 150 Jahre nach Darwins »Entstehung der Arten« herrscht über diese Frage große Unklarheit. Der Philosoph und Publizist Richard David Precht vermisst das Terrain der konkurrierenden Deutungen über die Natur des Menschen und zieht seine eigenen Schlussfolgerungen.

Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Schriftsteller und als Autor von erfolgreichen Büchern zu philosophischen Themen bekannt geworden. Er promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für nahezu alle großen deutschen Zeitungen und Sendeanstalten, sowie als Fellow bei der »Chicago Tribune«. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Publizistikpreis für Biomedizin ausgezeichnet. Seinen bislang größten Erfolg erlangte er mit dem Buch »Wer bin ich – und wenn ja wie viele?«, einer Einführung in die Philosophie mit Verbindungen zur Hirnforschung, Psychologie und Anthropologie.

Dr. Richard David Precht, Vortrag 13.15 –14.00 Uhr

Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie hat die Biologie revolutioniert. Sie wurde seither mit neuen Methoden enorm weiterentwickelt und vielfältig abgesichert. Kein einziges Ergebnis der Biologie widerspricht der Evolutionstheorie. Dennoch wird die Evolutionstheorie seit ihrer erstmaligen Veröffentlichung teilweise angefeindet und zweckentfremdet. Kreationisten bezweifeln sie nach wie vor und kreieren eigene pseudowissenschaftliche Thesen.

Dagegen ist strikt zu trennen zwischen nachprüfbaren naturwissenschaftlichen Aussagen der Evolutionstheorie über die Entstehung und allmähliche Veränderung der Lebewesen und nicht nachprüfbaren theologischen Aussagen über den Sinn und das Ziel des menschlichen Lebens. Biologische und theologische Argumente geraten bei strikter Trennung nicht in Widerspruch. Dementsprechend lassen die großen Kirchen in Deutschland in der Regel keinen Zweifel an der Gültigkeit der Evolutionstheorie aufkommen.

Die Aussage, dass Naturwissenschaften und Gottesglaube sich nicht ausschließen, ist allerdings auch in der Biologie umstritten. Eine Gruppe Evolutionsbiologen im Gefolge von Richard Dawkins glaubt aus der Evolutionstheorie Atheismus ableiten zu können. Gemäß dieser biologistisch-szientistischen Auffassung lassen sich alle Fragen mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden beantworten. Auf der Tagung setzen sich Biologen, Fachdidaktiker, Journalisten, Theologen und Wissenschaftstheoretiker mit dem Kreationismus und szientistischen Positionen auseinander und wagen den Versuch, ein Resümee sowie didaktische Empfehlungen aus den vielfältigen Diskussionen und Diskursen des laufenden Darwin-Jahrs zu erarbeiten.

Prof. Dr. Horst Bayrhuber
ehemaliger Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder
Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin

Quelle: Prof. Dr. Reinhold Leinfelder – Ach Du lieber Darwin!

Ausstellung:

1 Comment

  1. Ich war da.
    Ein unerträglicher, tendenziös-evangelischer Gutmenschen-Clusterfuck.
    Das schon im Untertitel enthaltene Paradigma der Tagung, es gäbe auf der einen Seite die bösen Kreationisten(i.e. Fundamentalisten) und auf der anderen die ebenso verblendeten „Szientisten“( i.e.“die New Atheists“), dazwischen aber sei so ungefähre jede Haltung legitim und auch mit der Naturwissenschaft vereinbar, wurde von der Begrüßung bis zur Endiskussion nicht ein einziges Mal in Frage gestellt. Schon die Einführung, das zugegeben recht unterhaltsame „Plädoyer für den methodischen Naturalismus“ von Dr. Lesch wirkte eher wie ein Lippenbekenntnis angesichts einer Powerpointtafel welche in einer schematischen Stuffenleiter die Evolution des Universums folgendermassen darstellte: Urknall > Raum-Zeit > Materie > Sterne Planeten > Einzeller > Pflanzen > Tiere > Mensch > Gesellschaft > Kultur > Religion > Moral. Er bezeichnete sich selbst als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“, erzählte begeistert von seiner Arbeit an einem jesuitischen Philosophieseminar und nickte fortwährend in Zustimmung während der darauffolgenden theologischen Vorträge. In diesem Tenor ging es weiter.
    Ein Liebligsfeind auf der Tagung war natürlich Richard Dawkins, der in jedem zweiten Vortrag verhöhnt und/oder aus dem Kontext zitiert wurde. Der meiner Meinung nach seinen eigenen Intellekt etwas überschätzende Publizist Precht ging soweit, ihn als „atheistischer Mullah, ein tiefreligiöser Mann“ zu bezeichnen. Hauptmotiv von Prechts Rede war die triviale Feststellung, dass viele der menschlichen Eigenschaften zwar genetisch und evolutionsbedingt sind, aber nicht alle bzw. sie komplexer sind als dass sie sich rein soziobiologisch erklären liessen. Ein Beispiel hierfür war die Frage, wie es denn möglich sei, dass er selbst mit einer älteren, nicht mehr fruchtbaren Frau liiert ist, wo doch seine „egoistischen Gene“ auf Reproduktion aus sein müssten. Überhaupt kritisierte er Dawkins für diesen „missverständlichen“ Terminus und Buchtitel, räumte zwar ein, dass dieser selbst ihn nur als Metapher verwendet haben wollte, aber entschied sich offensichtlich trotzdem dafür ihn ständig wörtlich zu verstehen. Einen weitere Perle seiner argumentativen Macht: wenn Soziobiologen sagen es sei im Sinne der Gene, dass Männer ihr Sperma an möglichst viele Weibchen weitergeben wollen, warum kenne er dann so viele Männer welche zwar mit vielen Frauen Sex haben wollen, aber keine Kinder…
    Weitere als solche beschuldigte Verteter des szientistischen Tunnelblicks waren Helen Fisher, Gerhard Roth und Ernst Haeckel. Zu letzterem gab es auch einen kurzen Votragen, welcher hätte interessant sein können hätte es sich nicht ausschliesslich um eine Aneinanderreihung von historischen Details gehandelt, die ihn in die Nähe von Sozialdarwinismus, Eugenik, Nationalsozialismus und schliesslich sogar der DDR-Diktatur rücken sollten. Der letzte Teil der Tagung beschäftigte sich dann hauptsächlich mit pädagogischen Fragen und Gipfelte in der Forderung nach mehr fächerübergreifendem Unterricht… ja, wär’s nicht schön wenn im Biounterricht beim Thema Evolution der Relilehrer mal reinschaut und was über die Schöpfung erzählt? Kein Witz.

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich nicht zu Wort gemeldet habe, obwohl mir so vieles in der Tagung gegen den Strich ging. Ich sass genau in der Mitte und die Mikrophone waren zu den Seiten und irgendwie wurde mir auch oft erst verpätet klar wie tendenziös es da zuging.
    Es wird aber Zeit, dass jemand mit diesem ewigen Strohmann „Szientismus“ aufräumt. Er dient meiner Meinung nach nur dazu, einen Gegenpol zum Feindbild Kreationismus zu bilden, und so einen gesellschaftlichen Konsens für religiöse Toleranz möglich zu machen, bzw. die in unserer Gesellschaft aktzeptierten Religionen vor Kritik zu schützen. Tatsächlich ist mir eigentlich kein einziger prominenter Wissenschaftler bekannt welcher der Meinung ist dass „sich mit naturwissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten lassen“ (wiki) und schon gar nicht gibt es eine breitere Strömung welche in irgendeiner Weise mit der kreationistischen Bedrohung vergleichbar wäre.

    Liken

Kommentare sind geschlossen.