John Ralston Saul – kaum bekannter Humanist


Der Kanadier John Ralston Saul war auch mir unbekannt, bis er am 21. Oktober als neuer Chef des Internationalen P.E.N. Clubs durch die Kulturnachrichten ausgerufen wurde. Ich habe dann nachgeforscht, wofür er steht.

Und sieheda, dies ist ein hochkarätiger humanistischer Essayist und Romancier, der dem deutschsprachigen Publikum von den Verlegern zuletzt unterschlagen wurde. Der Markt versagt. Oder will das Publikum wirklich keine Qualität?

Wiedermal ist der deutsche Wikipedia-Eintrag inhaltlich dürftig und schlecht geschrieben. Nicht mal ein Werke-Verzeichnis wurde angelegt. Der französische Artikel hat wenigstens das. Die englische Wikipedia bietet deutlich Besseres.

John Ralston Saul 2006 (CC-by.2.0 von Tavis from Canada)
John Ralston Saul 2006 (CC-by.2.0 von Tavis from Canada)

Aus dem Weblink zum Katalog der Deutschen National-Bibliothek geht Trauriges hervor: in deutscher Sprache wurde John Saul zuletzt im Jahr 2000 mit der Taschenbuchausgabe seines frühen Romans „Vier Buddhas“ verlegt. Anscheinend hat er als Romancier mehrfach Thailand zum Schauplatz gewählt.

Wo bleibt die deutsche Übersetzung von „On Equilibrium: Six Qualities of the New Humanism“ aus dem Jahr 2001? Die Beschreibung der englischen Wikipedia macht neugierig: „He identifies six qualities as common to all people: common sense, ethics, imagination, intuition, memory, and reason. He describes how these inner forces can be used to balance each other, and what happens when they are unbalanced, for example in the case of a „Dictatorship of Reason“.“

Sein Massey Lecture  Essay The Unconscious Civilization erhielt  mit dem  Governor General’s Award for non-fiction 1996 eine der höchsten kanadischen Sachbuch-Auszeichnungen. Saul schildert darin, dass die Menschen der Gegenwart wenig geistesgegenwärtig leben. Die Canadian Encyclopedia sagt: „Saul argues that we must rediscover the true meaning of terms like „individualism“ and „democracy“ to again become a conscious civilization.“ Das Buch erschien 1998 bei Campus unter dem wenig ansprechenden Titel „Der Markt frißt seine Kinder : wider die Ökonomisierung der Gesellschaft“.

1994 veröffentlichte Saul The Doubter’s Companion: A Dictionary of Aggressive Common Sense„.  Darin zeigt er, wie die Sprache korrumpiert worden ist, um den Ideen und Interessen der Mächtigen zu dienen. Auch dieses Buch hat bislang keinen deutschen Verleger gefunden. Es klingt aber verdammt interessant.

Da ich natürlich nicht warten will, bis das auf Deutsch irgendwann heraus ist, werde ich mal im Web nach günstigen englischen Ausgaben Ausschau halten. Die Preisgestaltung deutscher Buchhandlungen für fremdsprachige Importe ist mir zu exorbitant.

Update 27.10.: Ein Fehler ist mir unterlaufen, den ich hiermit nachbessere: Der „Doubter’s Companion“ ist im Jahr 2000 vom Campus-Verlag unter dem Titel „Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21. Jahrhunderts“ publiziert worden.

1 Comment

Kommentare sind geschlossen.