Evolutionsmedizin


Genetische Eigenschaften, die für unsere Vorfahren lebensnotwendig waren, bereiten uns heute Probleme © dpa
Genetische Eigenschaften, die für unsere Vorfahren lebensnotwendig waren, bereiten uns heute Probleme © dpa

Durch den Geburtskanal in die Praxis

Von Joachim Müller-JungFAZ.NET

Wenn es um die „globale Gesundheit“ geht und entsprechend um große Lösungen in Medizin und Gesundheitspolitik, wie es auf der Agenda des ersten „World Health Summit“ der vergangenen Woche in Berlin zu lesen war, dann rechnet man nicht unbedingt damit, auf Namen wie Charles Darwin, Ernst Mayr, Niko Tindbergen oder George Williams zu stoßen.

Die vier Biologen haben sich ihre Meriten in der Evolutionsforschung verdient, aber in den Medizinlehrbüchern haben sie kaum Spuren hinterlassen. Genau das zu ändern hat sich Randolph Nesse zum Ziel gesetzt. Der amerikanische Psychiater von der University of Michigan in Ann Arbor hat 1991 mit Williams einen Grundsatzartikel unter dem Titel „Anbruch einer Darwinistischen Medizin“ verfasst und ist seither bemüht, die alten Ideen zusammen mit den neuen Methoden der Evolutionsbiologie zur Grundlage einer modernen Disziplin – der Evolutionsmedizin – zu machen. Ein Ziel, dem Nesse mit der Berücksichtigung auf dem Weltgesundheitsgipfel ein gutes Stück näher gekommen zu sein scheint.

Die entscheidende Frage hinter dem Konzept lautet: Warum ist der menschliche Körper bei allen Fortschritten doch so unvollkommen? Wieso haben wir noch Weisheitszähne und Wurmfortsatz, wieso den engen Geburtskanal bei Frauen, und weshalb hat die natürliche Selektion nicht verhindert, dass wir Gene vererben, die Gefäßverstopfungen befördern oder Angstattacken begünstigen. Und warum versagt unser Immunsystem mit zunehmendem Alter seinen Dienst.

Solche Fragen sind in der Medizin bisher eher unüblich. Üblich sind vielmehr solche danach, wie etwas funktioniert. Die Historie, das Warum, so hoffen die Evolutionsmediziner, könnte Kliniker und Ärzte zu neuen Therapien führen oder wenigstens vor Eingriffen an der falschen Stelle bewahren. Tindbergen und Mayr hatten schon in diese Richtung gedacht.

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2 Comments

  1. Die alten Ideen zusammen mit den neuen Methoden zu zeigen, ist eine sehr kreative und gute Idee, meine ich! Man kann von der Vergangenheit viel lernen!

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